Was ist linksextrem, was ist rechtsextrem?

    • (1) 23.09.16 - 19:41

      Wie sind da eure Definitionen oder Erklärungen?

      Bitte jetzt keine Links zu Seiten für politische Bildung sondern möglichst mal in eigene Worte gefasst. :-)

      Danke / Gruß

      • Beides gefährliche polit. Strömungen, da eben "extrem". Die einen nationalistisch und antidemokratisch, die anderen anarchisch, kommunistisch und revolutionär.

        Es gibt wohl nicht die EINE Eigenschaft, die politischen Extremismus beschreibt.

        Als linksextrem definiere ich wie die Vorschreiberin das Zusammenkommen von anarchistischen sowie kommunistischen Eigenschaften sowie die konsequente Ablehnung einer bourgoisen Klasse.

        Rechtsextreme definieren sich durch Überzeugung der eigenen Überlegenheit gegenüber anderen Ethnien und Völkern, einer darwinistischen, auf Verdrãngung durch den Stärkeren ausgelegten Gesellschaftordnung, in denen Schwäche als Makel gilt. Oft kommen archaische und sexistische Elemente hinzu, die die Frau in ihrer Idealvorstellung vor allem als Gebärmaschine sowie in einer überhöhten Mutterrolle sieht.

        Hinzu kommen aber bei beiden Extremen gemeinsame Elemente. Linksextreme wie Rechtsextreme vereinnahmen den Begriff Volk als imaginäre homogene Einheit. Die Rechtsextremen um sich gegenüber anderen Ethnien, Nationalitäten, nicht-völkischen Minderheiten und Religionen abzugrenzen um damit Rassismus als notwendige Maßnahme zu legitimieren. Linksextreme wollen "ihr Volk" gegenüber der herrschenden Obrigkeit für sich vereinnahmen.

        Beide Extreme zeichnen sich außerdem durch die Legitimation von Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele aus. Wobei die Opfer dieser Gewalt die Feindbilder sind, gegen die man sich abgrenzen will. Rechtsextreme töten Ausländer, Homosexuelle, Behinderte etc.. Linksextreme verüben Gewalt gegen die Obrigkeit aus Politik und Wirtschaft.

        In Deutschland verbindet Linksextreme wie Rechtsextreme außerdem die Ablehnung des Staates Israel. Die Rechten aus antsemitischen Beweggründen, die Linken aufgrund ihrer antizionistischen Haltung.

        Desweiteren haben beide Extreme eine große Sehnsucht nach singulären Führungspersönlichkeiten, die in ihrer kultischen Überhöhung als Ersatzgötzen für die ansonsten gott- und religionslose Gesellschaft dienen.

        Es ist mitunter schwer, jemanden den Punkt, an dem er extremistisch zu nennen ist, nachzuweisen. Wenn jemand sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland ist dies bereits der Beginn klarer Abgrenzung, wenn man Muslime per se ablehnt ist dies Rassismus. Ob damit schon jemand rechtsextrem zu nennen ist, hängt von von weiteren Eigeschaften wie z.B. seiner Sprache ab. Rechtsextremer Sprech bedient sich gerne einem auf Elative bauenden Jargon. Dies haben schon die Nationalsozialisten im dritten Reich bis auf die Spitze getrieben, hat aber seinen eigentlichen Ursprung in vorherigen völkisch strukturierten Gesellschaften, u.a. in Preussen und dem deutschen Kaiserreich.

        Jemanden als linksextrem auszumachen ist noch schwieriger. Ein Vermummter, der auf einer Demo Steine gegen die Polizei als staatliche Ordnunsgmacht erfüllt schon gewisse Elemente linksextremen Handelns. Ist sein Denken auf die konsequente Abschaffung der Obrigkeit zugunsten eines Gremiums aus dem Prekariat ausgelegt, dann kann man denjenigen druchaus linksextrem nennen.

        Politisch massgeblich, ob rechts- oder linksextrem ist aber weniger, ob jemand persònlich gewalttätig ist sondern viel mehr seine ideologische Ausprägung, sein Denken und, wie oben angedeutet, die Sprache.

        • Hallo, spannend geschrieben. Ich Denke bei Rechtsekstrem an die Menschen die Flüchtlingsunterkünfte anzünden , NSU und NPD.

          Bei linksextem an RAF, an die Antifada in Hamburg , an Menschen die Autos von Staatsdienern anzünden..

          Ist den jede extreme Gruppe duch ihre eigene Sprache gekennzeichnet. Also radikale Moslems, bibeltreue Christen , radikale Veganer usw...

          • Radikale Gruppen, die sich auf Basis ihrer Ideologie als elitäre Gruppe verstehen, entwickeln alle einen eigenen Sprachcode, der sich herleitet aus ihrer radikalen Ideologie.

            Auffallend zum Beispiel bei der sog. Neuen Rechten ist, dass sie zwar einerseits sich auch der z.T. abstrakt-technisierten Sprache der Nationalsozialisten in ihren Schriften bedient ("völkisch", "die Bewegung", "Entartung" usw.) andererseits aber auch neue Begriffe einsetzt ("Gutmensch", " Meinungsdiktatur", "Politikerkartell", "Lügenpresse", "Mainstreammedien", "Umvolkung" usw.) die zum Ziel hat, dem radikalen Denken ein bürgerliches Erscheinungsbild zu geben. Das unterscheidet die Neue Rechte von den klassischen Neozazis, die offen ihre Symapthien für das dritte Reich zeigen. So gesehen ist die neue Rechte alter Wein in neuen Schläuchen und deswegen nicht minder gefährlich. Denn der ideologische Kern ist nachwievor antiwestlich, antidemokratisch, fremdenfeindlich, homophob, frauenfeindlich und stark auf die völkische Begrifflichkeit des 19. Jahrhunderts rückwärtsgewandt.

            Die AfD beruft sich in ihrer Programmatik auf die Neue Rechte und Vordenker der Neuen Rechten publizieren heute als Parteilose wie als Parteimitglieder ihre politischen Ideen in Reden und Flyern der AfD. Das Grundsatzprogramm der AfD ist eine Art Blaupause der ideologischen Ideensammlung der Neuen Rechten.

        Fundiert geschrieben.

        Ein paar Fragen habe ich dazu:
        - was machst du mit rechtsextremen selbsternannten Feministinnen, die eben nicht Frau=Gebärmaschine setzen, sondern - siehe Mädelring Thüringen oder Skingirls - die Frau als "aktive Kämpferin für die nationale Sache" inszenieren? Das weicht deutlich vom Mainstream ab. Und was ist mit Gesellschaften, in denen zwar auch die Überlegenheit der eigenen Gruppe und die Minderwertigkeit aller anderen propagiert wird und die archaische sexistische Vorstellungen zur Rolle der Frau haben, die aber nicht auf deutsch-völkischem Boden stehen? Wo - wenn ja - beginnt da inhaltlich der Rechtsextremismus?

        - wenn Muslime keine Rasse, sondern eine Glaubensgemeinschaft sind, wie kann die Ablehnung dann Rassismus sein? Ich gebe dir recht, dass es eine Art von -ismus ist, bezweifle aber, dass Rassismus der passende Term ist (auch, wenn er "gefühlt" passt). Vor allem, wenn sich die Ablehnung nicht auf Muslime (also auf Menschen), sondern auf die Religion (als ideologischem System) bezieht. Oder ist Religionskritik wieder ein anderes Spielfeld?
        Und: wenn man sagt, "der Islam gehört(e) nicht zu Deutschland", und es darauf bezieht, dass die Religion, historisch gesehen, so gut wie keinen Einfluss auf die Gesellschaftsbildung besaß - im Gegenteil zu den jüdischen und christlichen Konfessionen - und dass wir gerade erst dabei sind, diesen Punkt nachzuholen, also, dass der Islam gerade erst beginnt, zu Deutschland zu gehören (im Sinne einer relevanten gesellschaftlichen Kraft) - ist das dann auch Abgrenzung? Und ist es unbegründete Abgrenzung? Oder ist es Differenzierung? Einfach scheiße ausgedrückt?

        • *wenn Muslime keine Rasse, sondern eine Glaubensgemeinschaft sind, wie kann die Ablehnung dann Rassismus sein?*

          Vom Phänomen "Rassismus ohne Rassen" mal ganz abgesehen, werden die "waschechten" Rassisten unter den Muslimfeinden leider ausreichend im Netz bedient:

          http://de.europenews.dk/-Muslimische-Inzucht-Auswirkungen-auf-Intelligenz-geistige-und-koerperliche-Gesundheit-sowie-Gesellschaft-79903.html

          LG

          • Ah, okay. Sehr diffus, das Ganze. Geht es dem Autor jetzt um Ethnie, Kultur, Glaubensgemeinschaft.. wird fröhlich in einen Topf geworfen, mit einem hübschen Schuss Behinderten- und Migrantenfeindlichkeit gemischt und zum Abschluss mit dem eigenen Überlegenheitsgefühl garniert. Na Mensch. Da weiß man wieder, wieso man besser ist.

            Danke für den Hinweis auf Rassismus ohne Rassen. Ich lese mich grade ein. Bin immer noch (oder wieder) verwirrt, weil ich immer dachte, Religion sei gerade das Gegenteil von Kultur, weil sie ja beansprucht, Menschen aller Kulturen zu vereinen und "übergreifend" zu wirken. Kann man dann überhaupt Religion mit Kultur gleichsetzen (wobei das den Rassisten vermutlich egal ist..)?

        Zum ersten Punkt: Ich weiss nicht, ob das, was die von dir erwähnten Organisationen auf ihrer Webseite posten, tatsächlich mit feministischen Ideen in Einklang zu bringen ist. Es wird dort sinngemäß von der besonderen Rolle der Frau zur Volkserhaltung geschrieben und von ihrer Pflicht zur Aufzucht des Nachwuchses. Zwar wird aufgefordert, die Männer in ihrem Kampf zu begleiten, allerdings kann ich keinerlei Gleichberechtigung von Mann und Frau daraus lesen. Im Gegenteil, moderner gender mainstream wird als Aufhetzung Mann gegen Frau intoniert.

        Zweitens habe ich mich auf den sog. erweiterten Rassismusbegriff bezogen. Im engen Sinne bezieht sich Rassismus natürlich auf biologische Faktoren, der die soziale Ungleichbehandlung von Menschen rechtfertigen soll. Allerdings bedienen sich Rassisten auch gerne anderer Eigenschaften um Menschen auszugrenzen.

        Die Auffassung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, ist schon deswegen unwahr, weil rund 6% der Bevölkerung Muslime sind. Also gehört er eindeutig zu Deutschland. Zweitens bezieht sich das Argument, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört aufgrund historisch gewachsener Strukturen, immer auf die Vergangenheit. Gesellschaften verändern sich aber. Im Zuge der Globalisierung und der freien Grenzen in Europa erfolgt natürlich auch eine stärkere kulturelle und religiöse Durchmischung. Ob also in Zukunft Religionen überhaupt noch eine Rolle spielen werden - der Anteil der Konfessionslosen ist die am stärksten wachsende Gruppe - bleibt abzuwarten.

        • Für mich sind das auch keine Feministinnen, deshalb: selbsternannt, auch wenn die meisten den Feminismusbegriff so nicht verwenden würden. Stattdessen wird in entsprechenden Publikationen eher was von "Gefährtin auf Augenhöhe" geschwurbelt. Interessant - und eben unklassisch - ist, dass das Gewaltmonopol der Männer offensiv gebrochen wird, und damit auch das biologistische Geschlechterbild, das klassisch-rechtsextreme Rollenverteilungen begleitet: die Frau als Hüterin von Heim und Herd, weil sie "natürlich, von ihrer Beschaffenheit her" sanft, umsorgend und zärtlich sei. Dem Mann wird dagegen das Aggressionspotential zugesprochen, Gewalt nach außen, Härte, Kraft, "was aushalten können". Das wenigstens für sich abzulehnen, macht diese Frauen nicht zu Feministinnen, aber es zeigt, wie vielfältig sich die rechtsextreme Szene ausdifferenziert und Anschluss an andere Milieus sucht - bis hin zu dem Punkt, dass verbreitete Definitionen nicht mehr passen.

          Was den Rassismusbegriff angeht: ja, ich habe vorhin den Tipp zu Rassismus ohne Rassen bekommen. War mir nicht präsent. An dem Terminus knabbere ich immer noch - es sollte einen weniger begrenzenden Begriff geben - aber das ist Kleinkram.

          Was deinen letzten Punkt angeht: Wenn 6% meiner Mitbürger Muslime sind, heißt das für mich, dass die Muslime zu Deutschland gehören. Ich tu mich schwer damit, die Muslime mit dem Islam gleichzusetzen. Aus einem ganz einfachen Grund: ich bin Kulturchristin - aber deswegen ist "das Christentum" nicht meine Religion. Genauso gibt es genug Kulturmuslime. Es gehört ja auch nicht jedes Christentum zu Deutschland. Das, das hier gelebt wird, das "dazugehört", ist eines, das in den Grenzen des Grundgesetzes und auf dem Boden der Aufklärung gelebt wird. Historisch bedingt. Das evangelikale Christentum des US-Bible-Belts dagegen gehört eindeutig nicht zu Deutschland. Wenn es also "den Islam" nicht gibt - wie immer wieder betont wird und woran ich auch glaube - wie kann er dann "insgesamt" zu Deutschland gehören? Oder besser, welcher Islam gehört zu Deutschland? Kann der Islam zu Deutschland gehören, der die Sharia zur Grundlage alles gesellschaftlichen Handelns macht und politischen Anspruch hat - Anspruch auf Durchsetzung der Regeln auf gesetzlicher Ebene, auch für Nichtmuslime, auch für andersgläubige Muslime? Oder nicht doch der Islam, der liberal und "entspannt" gelebt wird, der das Gute im Menschen sucht und fördert und tolerant genug ist, andere Auffassungen gelten zu lassen?
          Die Gedanken mache ich mir dazu - aber nur, weil ich diesen einen Satz kritisch sehe, spreche ich deswegen meinen muslimischen Mitbürgern deswegen nicht die Zugehörigkeit ab.

          • Wie kann man denn sagen, dass Menschen, die (mehr oder weiniger) den Islam als ihre Religion betrachten, auch wenn es "Kulturmuslime" sind, gehören nach Deutschland aber das ihre Religion ist, nicht?

            Es geht doch nicht darum, mit dem Islam die Scharia in Deutschland einzuführen, die ohnehin nur in wenigen Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung als Staatsrecht gilt, sondern es geht um die Glaubensgrundlage dieser Menschen. Deutschland ist ein weitesgehend säkularsiertes Land und der Islam wird das nicht ändern.

            Wie würdest du dich denn, selbst als Kulturchristin fühlen, wenn du in einem Land leben würdest, in dem man von staatlicher Seite oder von Teilen der Politik sagen würde "das Christentum gehört nicht in unser Land"?

            • Zwischen "in unser Land" und "zu unserem Land" besteht mE ein Unterschied, aber der ist vermutlich nicht spielentscheidend.

              Ich wäre verletzt. Vielleicht auch wütend. Vielleicht würde ich mich fragen, ob meine Landsleite nur dumme Nazis sind, oder ob sie Angst haben.
              Nur, wenn ich an diesem letzten Punkt bin.. kann sein, dass ich dann anfange, zu recherchieren. Und über Studien stolpere. Über die, die besagt, dass fast 22% meiner Religionslehrer die Religion für unvereinbar mit der Demokratie halten; dass über 32% rechtsstaatliche Prinzipien ablehnen und über 18% die Todesstrafe für gerechtfertigt halten, wenn man von meiner Religion abfällt. *
              Dann wäre ich geschockt. Aber nicht über mein Land, das an meiner Religion zweifelt.
              Vielleicht würde ich weiterrecherchieren. Und die Umfrage lesen, nach der 50% der unter 25-jährigen Glaubensgeschwister in Frankreich die Sharia.. ach, die Bibel, über das Grundgesetz stellen. ** Ich würde lesen, dass europaweit religiöser Fundamentalismus unter meinen Glaubensgeschwistern weit verbreitet ist, dass 60% die Glaubensgesetze über Landesgesetze stellen, dass 75% finden, es gebe nur eine Auslegung der heiligen Schrift, dass 45% glauben, man könne Juden nicht trauen. ***
              Ich würde lesen, dass der Zentralrat auf seiner Website öffentlich verbreitet, dass eine Frau meines Glaubens keinen andersgläubigen Mann heiraten darf, und weiterhin würde ich lernen, dass dieser Zentralrat sich zwar mit etwas Hangeln zum säkularen Staat bekannt hat, dass aber ein Vorstandsmitglied diese Erklärung sofort öffentlich kritisiert und erklärt hat, es gehe selbstverständlich darum, einen Gottesstaat aufzubauen und die Gesellschaft umzubilden.

              Wäre ich dann immer noch sauer auf meinen Staat? Oder wäre ich sauer auf meine verbohrten Glaubensgeschwister, die so ein übles Bild meiner Religion nach außen transportieren?

              Klar, darüber lässt sich nur spekulieren. Worüber sich nicht spekulieren lässt: diese Studien gibt es. Sie sind bekannt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendeine rechte Partei sie nutzt, um Kapital für die eigene Sache daraus zu schlagen. Bis dahin sollten alle Leute, die sich eine friedliche und pluralistische Gesellschaft wünschen, gute Antworten auf die Fragen gefunden haben, wie wir mit solchen Tendenzen umgehen wollen. So zu tun, als gebe es sie nicht, hilft nur den Panikmachern von der anderen Seite.

              Btw: Als Symbol fand ich den Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" gut und richtig. Aber das entbindet doch nicht von der Frage, wie wir - Muslime und Nicht-Muslime zusammen - diese Zusammengehörigkeit gestalten wollen. Bei Christen handeln wir diese Fragen auch immer wieder auf's Neue aus.

              * https://de.wikipedia.org/wiki/Mouhanad_Khorchide#Doktorarbeit
              ** http://www.rp-online.de/politik/frankreichs-junge-extreme-muslime-aid-1.6276758
              *** https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/islamischer-religioeser-fundamentalismus-ist-weit-verbreitet

              • "Über die, die besagt, dass fast 22% meiner Religionslehrer die Religion für unvereinbar mit der Demokratie halten; dass über 32% rechtsstaatliche Prinzipien ablehnen und über 18% die Todesstrafe für gerechtfertigt halten, wenn man von meiner Religion abfällt."

                Was ist mit der anderen Seite? Was ist mit den 78% der Religionslehrer, die Religion und Demokratie für vereinbar halten? Was ist mit den 68%, die unsere Rechtsstaatlichkeit akzeptieren? Was ist mit den 82%, die die Todesstrafe ablehnen?

                Und vor allem: Gibt es diese Fragen auch an Deutsche resp. deutsche Mitbürger, die Nicht-Muslime sind?

                Das wäre doch mal interessant!

                Es gab zumindest beim letzten Punkt einmal eine Spiegel-Recherche, in der 31 (!) % der Befragten (Deutsche) bei bestimmten Verbrechen die Todesstrafe befürworten.

                Da sage ich mir doch: Oha oha. Vielleicht sind solche reaktionären und sehr konservativen Ansichten gar kein spezifisches Problem einer bestimmten Religion oder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.

                "Btw: Als Symbol fand ich den Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" gut und richtig."

                ich glaube, so war er damals auch gemeint. Er sollte symbolische eine Richtung vorgeben.

                "Aber das entbindet doch nicht von der Frage, wie wir - Muslime und Nicht-Muslime zusammen - diese Zusammengehörigkeit gestalten wollen."

                Entschuldigung aber das tun wir doch schon längst. Seit 60 Jahren leben Muslime unter uns, mehr als vier Millionen aktuell ohne die Neu-Bürger. Abgesehen von den bekannten Stadtteilen mit Problemen kann man doch sagen - obwohl die staatliche Integrationsleistung bis vor Kurzem nicht dolle war- haben sich die meisten gut eingefunden, respektieren unsere Gesetze, arbeiten, zahlen Steuern und sind schon lange ein Bestandteil unserer heutigen Kultur.

                Ganz ehrlich, ich sehe einfach die Probleme nicht, die es auf einmal mit dem Islam geben soll. Natürlich kann man sich auf einer akademischen Ebene über die Dinge unterhalten, wo der Islam (oder auch andere Konfessionen) mit staatlichen Instanzen im Clinch liegen. Aber das praktische Leben verrät mir, es funktioniert weites gehend gut.

                Wenn ich natürlich so weit gehe, dass ich über dieses lächerliche Verschleierungsverbot diskutiere und Kleidungsstücke politisiere, dann würde mir das als Niqab-Trägerin und Muslima auch so vorkommen, "Jetzt suchen sie aber nach Gründen um uns doof dastehen zu lassen und uns zu stigmatisieren! Mal ist man unterdrückte Frau, mal renitente Kovertitin, mal einfach integrationsunfähige Hinterwäldlerin. Grad so, wie es dem deutschen Michel gefällt."

                Religiöser Extremismus ist ein globales Problem und hat viel mit der Ungleichheit unter Menschen zu tun, mit der Aufteilung der Welt in einen superreichen Norden und einen bettelarmen Süden. ich sage mir immer: Auch so ein Fürst der Finsternis des IS war irgendwann mal ein niedliches Baby. Irgendwann in seinem Leben hat er die falsche Richtung eingeschlagen, ob selbst bestimmt oder fremdgesteuert. Wenn man im Vorfeld herausfindet, wo Menschen falsch abbiegen können, was ihre Motive sind, dann würde man einen wertvollen Beitrag leisten zum Zusammenleben der Menschen. Da wird dann die Religion kaum noch eine Rolle spielen.

                • >>Was ist mit der anderen Seite? Was ist mit den 78% der Religionslehrer, die Religion und Demokratie für vereinbar halten? Was ist mit den 68%, die unsere Rechtsstaatlichkeit akzeptieren? Was ist mit den 82%, die die Todesstrafe ablehnen?<<

                  Sagst du das auch denen, die sich um das AfD-Wahlergebnis in Sachsen sorgen? "Chillt mal, 80% haben sie nicht gewählt und mit 20% potentiellen Extremisten können wir leben"?

                  >>Und vor allem: Gibt es diese Fragen auch an Deutsche resp. deutsche Mitbürger, die Nicht-Muslime sind?<<

                  Ja. Siehe zweiter Link, Zitat:
                  __
                  Diese Werte sind deutlich höher als die Anteile der entsprechenden Antworten unter einheimischen Christen. Von diesen stellen nur 13 Prozent religiöse Regeln über staatliches Recht, und knapp 20 Prozent bestreiten, dass die Bibel unterschiedlich ausgelegt werden kann. [...] Fast 60 Prozent der befragten Muslime lehnten Homosexuelle als Freunde ab, 45 Prozent denken, dass man Juden nicht trauen kann, und ebenso viele glauben, dass der Westen den Islam zerstören will. Die entsprechenden Werte unter christlichen Befragten im Vergleich: Immerhin 9 Prozent sind offen antisemitisch, 13 Prozent wollen keine homosexuellen Freunde, und 23 Prozent glauben, dass die Muslime die westliche Kultur zerstören wollen.
                  __
                  >>Es gab zumindest beim letzten Punkt einmal eine Spiegel-Recherche, in der 31 (!) % der Befragten (Deutsche) bei bestimmten Verbrechen die Todesstrafe befürworten.<<
                  Religionswechsel ist aber kein Verbrechen, das ist doch die Crux! Klar hast du immer einen Haufen Hirnis, die für die Todesstrafe sind, aber idR bezieht sich das auf gewaltbezogene Verbrechen wie Mord und MIssbrauch. Du wirst aber kaum Zustimmungsraten bei gewaltlosen Verbrechen wie Steuerhinterziehung finden, und noch weniger bei Verhaltensweisen, die laut StGB nicht einmal strafbar sind, und genau davon reden wir hier doch. Es geht um die Befürwortung der Todesstrafe bei der Ausübung eines garantierten Rechtes. Wer sowas glaubt, hat offenbar ein grundlegendes Problem mit der Gesellschaft, in der er lebt. Das findest du nicht weiter besorgniserregend? Okay. Ich schon.

                  >>Wenn ich natürlich so weit gehe, dass ich über dieses lächerliche Verschleierungsverbot diskutiere und Kleidungsstücke politisiere,<<
                  Aber das ist doch nichts, was erst jetzt, im September 2016 in Deutschland, stattgefunden hat. Die Frauenverschleierung wird seit über 100 Jahren politisiert und als Gegenentwurf zum "dekadenten Westen" in Stellung gebracht, siehe ab 1876 im Osmanischen Reich, Islamische Revolution im Iran, Talibanregime in Afghanistan, Zwangsverschleierung in Saudi-Arabien. Die Kleidungsstücke waren bereits tiefgreifend politisiert, als sie hier erstmals aufkamen. Worüber reden wir also? Dass man diese Politisierung nicht erwähnen darf?

                  >>Entschuldigung aber das tun wir doch schon längst. Seit 60 Jahren leben Muslime unter uns, mehr als vier Millionen aktuell ohne die Neu-Bürger.<<
                  Das stimmt. In vielen Fällen ist das auch problemlos. Aber wer waren die, die damals als erste zu uns kamen? Menschen aus der kemalistischen Türkei. Von staatlicher Seite laizistisch sozialisiert, wenn auch aus meist konservativen Milieus. Der islamistische Backlash ist aber eine Entwicklung der 1980er Jahre und folgend, also erst lange Zeit später und aus einer völlig anderen Region der Welt stammend. Und von dem reden wir doch, wenn wir von besorgniserregenden Entwicklungen sprechen. Und wenn eine Achtklässlerin seit Jahren mit Niqab zur Schule geht, sind die entsprechenden Diskussionen offenbar noch immer nicht zufriedenstellend geführt worden. Natürlich sind das Einzelfälle. Genau das mögen sie bitte auch bleiben. Ich sehe einfach nicht die Vision, die du malst, dass Religion immer weniger wichtig wird, auch wenn ich mir das sehr wünsche - aber die Zahlen sprechen einfach dagegen. Die jüngere Generation muslimischer Deutscher ist deutlich religionsverhafteter und strenger in der Auslegung als die Elterngeneration. Woran liegt das?

                  >>Religiöser Extremismus ist ein globales Problem und hat viel mit der Ungleichheit unter Menschen zu tun, mit der Aufteilung der Welt in einen superreichen Norden und einen bettelarmen Süden.<<
                  Das ist mir zu einfach. Demnach müssten vor allem die afrikanischen und südamerikanischen Christen Terroranschläge begehen, und von Saudi-Arabien dürfte null extremistische Propaganda ausgehen, denen geht es schließlich super mit ihren Ölmilliarden. Osama bin Laden war ein Kind reicher Eltern. Nein, da spielen noch andere Faktoren eine Rolle.

                  Aber ja, es ist Extremismus. Und er ist gar nicht weit entfernt von dem Extremismus und der Menschenfeindlichkeit, die wir bei der AfD anprangern.

                  >>Wenn man im Vorfeld herausfindet, wo Menschen falsch abbiegen können, was ihre Motive sind, dann würde man einen wertvollen Beitrag leisten zum Zusammenleben der Menschen.<<
                  Absolute Zustimmung! Das ist unabdingbar notwendig. Aber dazu gehört auch Selbstreflexion - von allen Beteiligten. Die ist schmerzhaft und unbequem. Vor sowas scheut der durchschnittliche Mensch gern mal zurück.

    Vielen dank für die ausführliche Antwort.#blume

    Mich würde jetzt noch interessieren, ob die Linkspartei linksextrem ist und die AfD rechtsextrem. (Hatte neulich mit meinem Mann eine Diskussion darüber).

    Wie sieht du das? Sehr gerne natürlich auch andere.:-)

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