Wir leben in einer postfaktischen Zeit - und nun?

    • (1) 22.11.16 - 10:30

      Das Kind hat also nun einen Namen, ich lese und höre immer wieder, dass wir in einer postfaktischen Zeit leben, wo Gefühle wichtiger sind als Fakten und wo diejenigen gewählt werden, die eine Gefühlspolitik betreiben, in der Fakten "erfunden" werden, um das Gefühl zu füttern.

      Die Diagnose ist mit Sicherheit richtig! Trump hat im Wahlkampf gelogen, dass sich die Balken biegen, in Holland dreht Wilders eifrig antiislamische "Aufklärungsvideos", die die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern verzerren und die AfD ist ja auch eher darauf aus, auf die Gefühlslage des verängstigen Deutschen einzugehen statt eine faktenorientierte Politik zu betreiben, die tragfähige Lösungen entwickelt.

      Meine Frage aber ist: Was tun wir dagegen? Was können wir machen, dass aus einer postfaktischen Zeit keine postdemokratische Zeit wird?

      Ich kämpfe direkt an der Front, da ich Lehrerin bin und u.a. auch Politik unterrichte. Ich versuche Aufklärungsarbeit zu leisten, wie Facebook und Konsorten durch Algorhithmen steuern, was wir lesen und so maßgeblich unser Weltbild steuern. Ich versuche andere Quellen anzubieten, lasse Zeitung lesen (nicht die BILD), scheitere aber häufig selbst am Gymnasium daran, dass die Schüler nicht in der Lage sind, einen Zeitungsartikel aus der Süddeutschen oder FAZ oder Zeit zu verstehen, einfach, weil sie es überhaupt nicht mehr gewohnt sind, längere Texte zu lesen und weil sie häufig ebenfalls aus Randgruppen kommen und somit täglich erfahren, dass es schwierig für sie sein wird, aus ihrer "sozialen Schicht" herauszukommen (wobei ich ihnen ja immer sage, dass es doch schon mal toll ist, dass sie auf dem Gymnasium gelandet sind).

      Meine Frage ist also: Wie kommen wir an die "Postfaktischen" ran? Was können wir effektiv tun gegen Bildungsferne und Politikverdrossenheit. Müssen wir wirklich noch mal voll karacho so gegen die populistische Wand laufen? Wie kann ich klar machen, dass sicher jeder ein Recht auf die eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten hat?

      Ich würde mich ernsthaft über Ideen freuen, vielleicht kann ich ja einiges davon umsetzen und meinen Teil dazu beitragen, dass zumindest Deutschland nicht im Populistensumpf versinkt.

      #winke Die Alltagsprinzessin

      • Hallo,

        interessantes Thema. Gerade am Sonntag, als ich meine Oma im Pflegeheim besuchte, kam irgendwann auch meine Mutter angedüst. Sie erzählte ne Story von einem Fahrgast, sie ist Taxi-Fahrerin, die von einem 17-jährigen Flüchtling fast vergewaltigt wurde im Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Die Geschichte will ich auch gar nicht schön reden, wir alle wissen, daß die Flüchtlingspolitik nicht ganz so rosig verläuft, wie erhofft, aber gut.
        Gleich darauf meinte meine Mutter: "Zum Glück gibt es die AfD und die wird auch gewählt".
        Ich hab sie dann gefragt, ob sie sich mal mit allen Wahlversprechen bzw. dem Wahlprogramm der AfD auseinander gesetzt hat. Sie verneinte, muss sie ja nicht, wenn die regieren, gibt es keine Ausländer mehr und allen geht es gut.
        Meine Mutter liest keine Zeitung, schaut fleißig RTL und ist beim Wettern und Schimpfen auf den Staat und aller Welt ganz vorn dran. Und ich muss Dir sagen...die stimmst Du nicht mehr um. Ich nenne das dumm und naiv, von Negativgefühlen gesteuert. Das ist nur ein Mensch von Vielen, die hier so ticken. Und wenn die Kinder auch so ticken und die Kindeskinder....mir wird gerade schlecht #schwitz
        >>Müssen wir wirklich noch mal voll karacho so gegen die populistische Wand laufen?<<
        Müssen wir nicht, es kann aber passieren #schwitz

        LG

        • Aber kannst du dich denn nicht mit deiner Mutter hinsetzen und mal mit ihr das Wahlprogramm der AfD durchgehen? Und ihr Punkt für Punkt erklären, was das in letzter Konsequenz für unser Demokratie und auch ihre Freiheit bedeutet? Und kannst du ihr nicht versuchen zu erklären, dass die Lösungsansätze der AfD größtenteils nicht realisierbar sein werden?

          Man hat doch jetzt schon das schöne Beispiel "Brexit": Alle Postfaktischen jubelten: "Ja, wir müssen raus aus der EU" und bezogen sich auf Zahlen die nachweislich jemand erfunden hatte. Jetzt sind sie raus und wissen nicht weiter. Dem Vereinigten Königreich droht der Zerfall und keiner der Postfaktischen weiß, wie der nächste Schritt aussehen wird.

          Nichts ist besser geworden, nur die Verwirrung und Unsicherheit größer.

          Das muss doch einleuchten!! Wir sollten als Wähler doch wirklich aus der Trotzphase raus sein.

          Die Rolle der Medien in dem gesamten Prozess wird mir auch immer klarer...wir haben eine Lügenpresse... Nur sind das nicht die etablierten Sender und Zeitungen, die seriösen Journalismus betreiben und welche von den Postfaktischen als verlogen betitel wird, sondern eben RTL und Co. Hier sollte man sich in den Führungsetagen auch mal ganz ernsthaft auf seine Verantwortung besinnen.

          #winke Die Alltagsprinzessin

          • Meine Mutter ist beschränkt, für mich meine Erzeugerin, die hat Ihr Leben lang schon ins Klo gegriffen, das klingt hart, ist aber so. Mit ihr kann man nicht reden, sie beginnt zu schreien, zu toben, denn NUR SIE HAT RECHT. Darum hat sie auch kaum noch Freunde. Das ist ein Typ Mensch, ich sage schon, sie hat leichte, psychopatische Züge, den stimmst Du nicht um. Das ist dumm, naiv, sie ist der Nabel der Welt (den keiner haben möchte).

            Es war nur ein Beispiel, Ihr Freundeskreis, die paar Mann, die nur wegen ihrem Lebensgefährten mit ihr zu tun haben, denken leider ähnlich. Ein Paar davon zumindest. Wer nicht will, der will einfach nicht. Geblendete Menschen, oder Egoisten? Ja, Egoisten, die meinen, irgendwer nimmt ihnen irgendetwas weg und selbst nicht wissen, wie gut sie es eigentlich haben #schwitz

            Um mal medial an zu setzen...ich würde als AG jeden Post einer MA auf bspw. FB unter die Lupe nehmen lassen und auswerten. Wer sich mit seinem AG auf FB namentlich präsentiert sollte sich mit Hetz-Sprüchen arg zurück halten "müssen". Hier sollte der AG Handlungsfreiheit haben und auch durch setzen. Es soll ja schon derartige Maßnahmen gegeben haben, aber es müssten viel mehr AG auf Ihre MA schauen, das war nur ein Beispiel.

            Vielleicht gäbe es dann schon mal weniger Hetze auf den sozialen Netzwerken.

            LG #winke

            • Nicht nur der AG sollte hier konsequenter und aufmerksamer sein.

              Ich bin fast tot umgefallen, als ich entdeckt habe, wie viele meiner ansonsten recht lieben Schülerchen sich an so genannten Hate-Speeches beteiligen. Da fordern meine Jugendlichen (wohlgemerkt mit Migrationshintergrund) das andere Menschen, aufgrund was auch immer, vergast gehören etc.

              Auf die Frage, WARUM zum Teufel sie das machen und ob sie das ernsthaft meinen, antworten sie: Nö, war doch nur Spaß, machen alle...höhö...

              Meine Versuche, sie zur Reflexion zu bewegen, sind, naja, nicht sehr erfolgreich?!
              Und das macht mir auch Angst: diese Masse an Menschen, die Dinge just for fun machen, die empathielos ihre Form von Spaß ausleben wollen....

              Aber das ist ein anderes Thema, wobei ich es diesen Menschen zutraue, aus "Fun" die AfD zu wählen, weil das ja alle tun...

              • Das ist ja die Sache bei der Jugend, die hören irgendwo mal nen Spruch und wissen gar nicht, womit er im Zuammenhang steht. Wo haben sie die Sprüche her? Zum Großteil von zu Hause. Und da arbeite mal dagegen, zumindest in die neutrale Richtung. Ja, es ist schwer, sehr schwer aber Hut ab vor Menschen wie Dir, die sich immer wieder die Mühe machen und nicht aufgeben;-)

            • "Ich bin fast tot umgefallen, als ich entdeckt habe, wie viele meiner ansonsten recht lieben Schülerchen sich an so genannten Hate-Speeches beteiligen. Da fordern meine Jugendlichen (wohlgemerkt mit Migrationshintergrund) das andere Menschen, aufgrund was auch immer, vergast gehören etc.

              Auf die Frage, WARUM zum Teufel sie das machen und ob sie das ernsthaft meinen, antworten sie: Nö, war doch nur Spaß, machen alle...höhö...

              Meine Versuche, sie zur Reflexion zu bewegen, sind, naja, nicht sehr erfolgreich?!"

              Das würde ich jetzt nicht so persönlich nehmen :-)

              Es handelt sich dabei schlicht um junge Menschen und junge Menschen haben das entwicklungspsychologisch verbriefte Recht Blödsinn zu reden, das muss so!

              Vielleicht hilft es, wenn man sie exemplarisch einmal beim Wort nimmt und erläutert, was "vergasen" denn bedeutet? Je nachdem, wie abgestumpft sie sind, ist das vielleicht nicht ganz trivial, aber sicher gibt es entsprechende Bücher oder Filme, die die Leute aus ihrer coolen Gleichgültigkeit herausholen?

              • Hahaha, ich bin sehr tolerant, was die Blödheit der Jugend angeht, ehrlich. Die haben Welpenschutz.
                Sorge macht mir dieses "Ich hab's nicht so gemeint, also ist es auch nicht schlimm."

                Da hilft auch kein Schindlers Liste etc., es betrifft sie ja nicht, weil sie es ja nicht so gemeint haben. Sie sind in ihrer selbst empfundenen Unschuld völlig immun gegen Input von außen.

                Meinst du, das ist auch typisch jugendlich? Vielleicht werde ich alt und langsam etwas wunderlich...

                • Typisch jugendlich ist, dass man nicht weiß, was Worte anrichten. Dazu ein Extrembeispiel: Als ich vielleicht fünf Jahre alt war, sprachen wir daheim über irgendeinen sehr, sehr fernen Zeitpunkt in vielleicht 50 Jahren oder so. Seinerzeit hat ich gerade das Wort "krepieren" gelernt, wollte mich besserwisserisch ins Gespräch einbringen und sagte zu meinem Vater, bis dahin sei er ja wohl doch längst "krepiert". Durch seinen Blick verstand ich, dass das ganz und gar kein unschuldiger Ausdruck war und könnte noch heute in Scham versinken...

                  Insofern: Die Jugendlichen müssen dummes Zeug reden, brauchen dann aber auch ein entsprechendes Feedback nach Möglichkeit natürlich authentisch. Aber das war sicher früher einfacher, als man einfach Zeitzeugen in die Klassenräume einladen konnte.

                  In der "Anstalt" gab's von einiger Zeit mal einen solchen zwar inszenierten, aber für mich sehr authentischen Moment zum Thema Kriegsentschädigung, in dem einem das Blut in den Adern gefror:

                  https://www.youtube.com/watch?v=LZcW8zJm9OU

            Jugendliche wollen sich abgrenzen. Vor allem vom Establishment.

            Das sollte man bei aller Aufmerksamkeit für solche unappetitlichen Äußerungen bedenken.

            Ich habe als 16-jähriger auch Sympathien für die RAF entwickeln können, waren nicht sie es, die nur die dicken, feisten, dekadenten alten Säcke umgebracht haben, die auf den Totenschädeln der Ausgebeuteten thronten? Ehemalige Chargen der NS-Zeit, skrupellose Polit- und Wirtschaftsgangster, die nur aufgrund unserer zu schwachen Rechtsordnung dahin kommen konnten, wo sie waren?

            Mein 14-jähriger Sohn findet Trump auch "irgendwie" gut. Der macht Ramba Zamba, spricht aus, was andere nur denken und räumt auf in dieser langweiligen, konsensdauerschwangeren Welt. Mein Sohn ist in gewisser Hinsicht auch fasziniert von Hitler oder Stalin oder römischen Kaisern, generell von Omnipotenz und Allmacht, von der Simplifizierung der Gesellschaft im Allgemeinen. Ich schreibe das der mangelnden Reife seiner Synapsen und gewisser Hirnregionen zu. Sollte er als 30-jähriger immer noch derart vereinfacht denken, müsste ich wohl doch noch auf die Prügelstrafe zurückgreifen.

            Was Dein Ausgangsposting angeht, könnte man im Vorfeld einmal eine Analyse anstrengen, warum und wieso in den westlichen Demokratien heutzutage der Nationalismus, der Rassismus, der Populismus, schlichtweg der Neofaschismus, wie es Jakob Augstein sagt, überhaupt ein solches Revival feiern kann. Und damit die Ursachen, die Profiteure aber auch Verstärker dieses Postfaktischen benennen.

            Ganz generell kann man doch sagen: Emotionen verkaufen jede Sache wesentlich besser als Fakten. Das weiß man, wenn man sich Werbung anschaut. Und was für Waschpulver oder Automobile gilt, trifft im gleichen Maßen auf politische Angebote zu. Dass Fakten für Populisten nur eine lästige Pflicht sind, der man am besten aus dem Weg geht, haben sowohl Trump, als auch die Brexit-Gegner oder eine Frau Petry und ihre Spießgesellen oft genug bewiesen. Ihre Liste an erwiesenen Unwahrheiten, die sie unter die Leute gebracht haben, ist länger als die Nase von Pinocchio, jenes Namensgebers also, den die AfD so gerne zitiert, wenn es um die angeblichen Lügen der anderen geht.

            Ich habe darüber hinaus für mich mal folgende Punkte oder Ursachen erkannt, die hier ja zum Teil auch schon in anderen Diskussionen besprochen wurden:

            1. Mit Ausnahme des Krieges in Ex-Jugoslawien leben wir in Europa (und auch in den USA) seit mehr als 70 Jahren in Frieden. Das Grauen zweier verheerender Weltkriege verblasst mit der Zeit und auch die Ursachen vor allem für den 1. Weltkrieg von vor 1914, nämlich nationalstaatlicher Chauvinismus und ein streng darwinistisches Weltbild in ganz Europa, sind heute bei vielen in Vergessenheit geraten. Zeitzeugen sterben aus und die Bildungsinstitutionen tun sich schwer, jungen Menschen vor Augen zu führen, was in die Katastrophe geführt hat. Man fühlt sich heute sogar immun dagegen, dass dergleichen erneut passieren kann, denkt man doch tatsächlich, die Menschen wären heute viel aufgeklärter als vor 100 Jahren. Was ich sagen will ist: Wir wissen oft Frieden und ein vereintes Europa nicht mehr zu würdigen.

            2. Das Wohlstandsversprechen der Industrienationen ist durch eine neoliberale Politik in den letzten 30 Jahren mehr und mehr zur Farce verkommen. Zwar geht es uns in vieler Hinsicht heute besser als den Menschen vor 50 Jahren (weniger körperliche Arbeit, längere Lebenserwartung, saubere Umwelt usw.) aber dennoch kann die spürbare wirtschaftliche Spaltung der Gesellschaft scheinbar nicht aufgehalten werden. Arm bleibt arm und reich wird immer reicher bei einer erodierenden Mittelschicht. Die Globalisierung frisst die sozialen Errungenschaften nach und nach auf, so scheint es, weil die Politik der Liberalisierung der Wirtschaft und des Kapitalismus immer drei Schritte hinterherläuft. Auch das treibt jene, die sich vergessen fühlen in die Arme von selbsternannten Heilsbringern. Nach Jahrzehnten der immer gleichen Phrasen seitens der Politik kann ich verstehen, dass manche Menschen einfach den Glauben verloren haben. Hier ist ganz klar die Politik gefragt, endlich nicht nur zum x-ten Mal Lippenbekenntnisse in den Talkbuden des TV abzugeben, sondern einem weiteren Auseinanderdriften der Gesellschaft mit dezidierten Handlungen entgegenzutreten. Und das im Verbund der Länder und nicht in kosmetischen Korrekturen einzelner Staaten.

            3. Unsere Informationskultur hat sich mit dem Internet radikal geändert. Vor 30 Jahren gab es ein Meinungs-Oligopol und Informationsbeschaffung war von einer gewissen Exklusivität. Heute kann jeder alles in die Welt setzen. Ich habe das anderer Stelle als Demokratisierung des Informationswesens bezeichnet.

            Heute steht eine Fülle von Quellen zur Verfügung, vor allem aber privatwirtschaftliche Unternehmen wie Wikipedia oder Google als Bereitsteller und Quelle bzw. Vervielfältiger von Information. Was Google sagt oder findet, stimmt. Vor allem wenn es im Ranking auf der ersten Seite erscheint. Menschen lesen, wie Du selbst sagst, nicht mehr richtig. Das Internet hat auch unsere Lesegewohnheiten geändert. Wir lesen nicht mehr linear, von Anfang bis Ende einen Artikel, sondern punktuell, hangeln uns an Zwischenüberschriften entlang und nehmen nur noch auf, was uns wichtig und/oder richtig erscheint. Je weniger umfänglich jedoch die Informationen sind, die ich zu einem Sachverhalt habe oder umso fragmentarischer, umso lückenhafter ist auch meine Analyse oder das Ergebnis dieser Analyse. Populisten verdichten diese Einfachheit noch einmal und schon hat mein Ergebnis, dass zwar falsch ist, weil schon die Annahmen falsch sind aber es überwiegt wohl das Glücksgefühl, endlich eine Lösung parat zu haben.

            Auffällig auch: Es gibt Menschen, die können einfach nur schlecht Fiktion von Tatsache unterscheiden. Das wurde schon in der Diskussion um Verschwörungstheorien genannt. Gerade in populistischen Zirkeln wie Pegida und Afd ist die Nähe zu Verschwörungsansätzen besonders groß. Alle haben gemeinsam, dass es nach deren Gusto große, dubiose, dunkle Mächte gibt, die sich gegen „das Volk“ zusammengerottet und verschworen haben. Dabei interessiert es auch nicht, dass man diese dunklen Mächte mal als DIE Amerikaner, als Erdogan, den BND, die Deutsche Bank, das ZDF oder Micky Maus ausmacht und teilweise sich widersprechende Theorien annimmt, je nach Lust und Laune. Hauptsache, es bedient die eigenen Ängste, Unsicherheiten und Ressentiments.

            4. Die scheinbare oder tatsächliche Komplexität von Sachzusammenhängen, gerade in der heutigen Zeit. Komplexität verunsichert. Weniger gebildete mehr als gebildete Menschen.

            Haben wir zwar einerseits mit dem Internet scheinbar ein niemals versiegendes Füllhorn an Informationen, die jedem Depp zugänglich sind, so prasselt diese Flut auch zunehmend ungefiltert auf uns ein. Dank mobiler Elektronikknechte sind wir immer nah dran am scheinbaren Informationspuls der Welt und fühlen uns jeden Tag geupdated. Tatsächlich ersticken viele Menschen an dieser Flut von Informationen, die niemand für sie in wahr oder unwahr, in werthaltig oder Müll, in Nonsens oder Tatsache unterscheidet.

            Aus diesem Dickicht heraus leuchten populistische Bewegungen wie der Pfad in die Freiheit. Die nennen mir doch tatsächlich die Ursachen für die Gründe, warum es in meinem Leben vielleicht nicht gut läuft, zeigen mit dem Finger auf die Schuldigen und finden die Idee einer autokratischen Führungspersönlichkeit wie Putin z.B. sehr sympathisch und vermitteln genau das den Menschen: Kompliziert ist die Welt nur durch die Versager in Politik und Gesellschaft, wir machen es euch ganz einfach!

            Es gibt bestimmt noch weitere Faktoren, die dem Begriff oder dem Zustand einer postfaktischen Welt Inhalt geben. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass nach Dekaden der Liberalisierung der Gesellschaft, konservative Werte und deren Sichtbarkeit vermisst werden. Es erscheint manchen Menschen sicher seltsam, dass man sich mehr für die Rechte schwuler oder lesbischer Paare einsetzt als für die Familienform, die immer noch das Hauptfundament unserer Gesellschaft ausmacht. Dass Homosexuelle jahrhundertelang schwerstens diskriminiert und kriminalisiert wurden und vielleicht einfach einmal diese Plus an Aufmerksamkeit brauchen, wird dabei vergessen aber das Gefühl der Wertevernachlässigung bleibt.

            Gerade Populisten beziehen sich gerne auf eine „glorreiche“ Vergangenheit ihres jeweiligen Landes. Das hat Trump genauso gehandhabt („Make America great again“) wie auch die Rechtspopulisten und Neofaschisten der AfD Bezug nehmen auf ein scheinbar glücklicheres Gestern. Die DM-Zeit, die Zeit vor der postulierten islamischen Invasion, die Zeit als Mann noch Mann war und Frau noch Frau. Alles verschwimmt, wird androgyner, nur noch Grauzonen, kein Schwarz und Weiß mehr. Unser Gehirn tut ein Übriges um diese Verklärung einer scheinbar besseren Vergangenheit zu komplettieren. Negatives wird schneller verdrängt als positive Erinnerungen. Ein guter Nährboden, um Legenden zu züchten.

            Da sehnt sich der Mensch nach festen Ankerpunkten, die ihm die Welt wieder einigermaßen begreifbar machen. Die bösen Griechen, die mit Geld nicht umgehen können, der Islam als ohnehin menschenverachtende Religion und Kultur, als von einer Merkel-Diktatur deklarierte Flüchtlingstruppe, in Wahrheit ein Heer an Vergewaltigern, Bombenlegern und Hartz4-Touristen …und natürlich die da oben, die mit uns machen, was sie wollen, Regierung, EU, Wirtschaftsbosse und eine Phalanx an bezahlten Grüß-Augusten in den Systemmedien. Schön, dass das endlich mal jemand ausspricht. Danke Frau Petry! Sie wissen es zwar auch nicht besser aber wen stört das in solch‘ dramatischen Zeiten?

            Multikausale Umstände lassen ahnen, dass es für all das auch mehr als nur eine, alles erschlagende universelle Lösung geben muss.

            Klingt abgedroschen aber an muss daran arbeiten, Menschen zu bilden, dass Bildung ein fortwährender Prozess ist, der das gesamte Leben andauert. Das schließt ein, dass sich Politiker in ihrer Sprache, oft geprägt von verklausulierten Phrasen, hin zu mehr verständlichen Sprachformeln entwickeln. Wer jemals in oder in der Nähe von politischen Betrieben gearbeitet hat, der weiß, wie sehr sich die politische Kaste schon durch ihre Sprache in einer Parallelwelt zur Lebenswirklichkeit befindet. Die geschaffene Distanz ist spürbar auch und gerade für einfache Menschen.

            Und wenn man über Bildung diskutiert, muss man einfach auch den Finanzierungsnotstand unserer Schulen und Bildungseinrichtungen als Erstens betrachten. Im Vergleich zu unserem BIP geben wir viel zu wenig für die Instandhaltung, für qualifiziertes Lehrpersonal und für die Infrastruktur aus. Bildung ist eine lohnende Investition, insbesondere für eine Dienstleistungsgesellschaft wie Deutschland eine ist.

            Was wir außerdem benötigen, ist nicht weniger, sondern mehr Globalisierung. Nicht nur das oben angesprochene politische Aufholen und Zusammenwachsen um wirtschaftlichen Fehlentwicklungen aufgrund der zunehmenden Internationalisierung entgegenzuwirken. Gerade auch in gesellschaftlicher Hinsicht: Wir brauchen mehr Austausch von Menschen. Wer die Welt kennt, fürchtet sich weniger vor anderen Sitten und Gebräuchen, vor anderen Hautfarben oder Religionen. Reisen bildet eben immer noch. Auf der Schule meines Sohnes bietet man ab dem 8. Schuljahr Austausch an. Nach Polen, nach Griechenland, in den Kosovo, nach Spanien, nach England oder nach Frankreich. Das ist ein guter Anfang. Vielleicht sollte es innerhalb unseres Bildungssystems möglich sein, dass solche Austausche, auch später in Lehre oder Studium, ein zwingender Teil der Ausbildung werden. Vielleicht sollte der Staat auch mehr Bildungsreisen für Menschen mit kleinem Geldbeutel subventionieren statt der x-ten Kindergelderhöhung oder solch‘ politischer Schildbürgerstreiche wie dem Betreuungsgeld, Rente mit 63 oder Abwrackprämie.

            Und wenn man über Austausch von Menschen redet, kommt man auch zur Integration derer, die hier sind. Und die noch kommen werden. Wir tun gut daran, Integration als ein Geben und Nehmen zu verstehen. Integration muss nicht Assimilation bedeuten aber ein Aufgehen in der Gesellschaft, von dem alle profitieren können.

            Ganz zuvorderst steht für mich aber eine Steuer- und Familienpolitik, die das wirtschaftliche Auseinanderdriften der Gesellschaft vermindert. Hier gibt es bereits Dutzende Vorschläge, die endlich einer Regierung bedürfen, die das umsetzt. Familiensplitting statt Ehegattensplitting, Abbau von individualsteuerlichen Vergünstigungen, Nivellierung der Unternehmenssteuern in Europa bzw. in den Industriestaaten, Heraufsetzen des steuerfreien Jahreseinkommens und und und…. da kann man noch eine Menge schreiben,

            Und was, wenn nicht? Wenn alles seinen Gang nimmt du man sich in Sicherheit wähnt? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich kann nur sagen, wir leben in einer sich ständig ändernden Welt. Die schnelle und einfache Lösung ist, wie so oft, eben gar keine Lösung, sondern mehr wie eine Fata Morgana. Sie führt einen geradewegs weiter in die Ödnis und ins Verderben.

            Trump in Amerika, Strache in Österreich, Wilders in den Niederlanden, Le Pen in Frankreich, Farage und UKIP in Großbritannien, Orban in Ungarn, Kaczynski in Polen, Petry in Deutschland….

            Alle nähren sich am Postfaktischen und werden dabei immer fetter. Hoffentlich ebenso fett und dekadent, wie die, die sie heute der Entfremdung vom „Volk“ aufgrund von deren Dekadenz bezichtigen. Dann fallen sie am Ende über sich selbst.

      "Die Rolle der Medien in dem gesamten Prozess wird mir auch immer klarer...wir haben eine Lügenpresse... Nur sind das nicht die etablierten Sender und Zeitungen, die seriösen Journalismus betreiben und welche von den Postfaktischen als verlogen betitel wird, sondern eben RTL und Co. Hier sollte man sich in den Führungsetagen auch mal ganz ernsthaft auf seine Verantwortung besinnen."

      Das wäre schön, wenn das so einfach wäre, ist es aber m.E. nicht. Bei einer ganzen Reihe von Fragen wie z.B. dem Ukraine-Konflikt, Flüchtlingskrise oder jüngst CETA wurde z.B. auch die ja maximal etablierte Tagesschau kritisiert und mit Argumenten, die ich z.T. nachvollziehen kann. Von RTL & Co. erwartet auch kein normal denkender Mensch Ausgewogenheit, aber wenn man von der guten alten Tante Tagesschau enttäuscht wird, ist die Fallhöhe ungleich größer.

      Das eigentliche Problem ist für mich, dass ich mich einer Kabarettsendung wie der "Anstalt" mittlerweile viel besser, hintergründiger und ausgewogener (und unterhaltsamer sowieso) informiert fühle als von allen etablierten Medien zusammen...

Das wichtigste, was du tun solltest :
Nicht alles , was nicht deiner Meinung entspricht , als lügen hinzustellen.

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