Ein “Running Gag“

    • (1) 04.01.17 - 22:51

      http://mobil.berliner-kurier.de/news/panorama/anschlag-in-istanbul-reisepass-des-mutmasslichen-attentaeters-offenbar-gefunden-25474226

      • Da stellt man sich natürlich die Frage, was das soll. Ist das eine " Schaut-her- ICH- war -es" Aktion? Liegt der Fokus des Attentäters wirklich auf seinem erklärten Ziel oder geht es ihm ( als narzisstische(?) Persönlichkeit ) um Aufmerksamkeit in Verbindung mit seiner Person? Und das führt mich weiter zu der Frage, ob solche Menschen "normal" sein können. KANN man emotional gesund sein und solche Taten begehen oder haben die Täter alle irgendeine tiefgreifende psychische Störung? Ist etwas dran am Bild des Verlierers, der sich am Ende mit einer einzigen, schrecklichen Tat rächt und somit seinen Namen verewigt und es zu " Ruhm" bringt? Das, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe, ist sehr unterschiedlich.
        Allerdings habe ich mich im nächsten Schritt dann gefragt, ob es, wenn es wirklich so wäre, klug ist, die Art der derzeitigen Berichterstattung beizubehalten.

        Momentan bieten sämtliche Medien diesen Leuten " die große Bühne- jeder kennt die Namen, Bilder, Orte und vom Feuerwehrmann bis zum Anwohner schildern alle ihre Eindrücke und Erlebnisse. Verständlich, da wir ein Informationsbedürfnis und eine freie Presse haben. Aber vielleicht dennoch falsch im Hinblick auf potentielle Nachfolgetäter. Würde der Nachrichtensprecher sagen,dass ein vermutlich psychisch kranker Mann 30 Leute ermordet hat und danach geflohen ist, nehmen wir ihm das Märtyrertum und die Augenhöhe: Er und seinesgleichen führt nicht Krieg gegen uns, wir nehmen ihn und seine Ideen als krank wahr. Das ändert natürlich nicht die Tatsache, dass die Auswirkungen der Tat unbeschreiblich schrecklich sind, aber vielleicht nimmt man ihm wenigstens das Gefühl " es geschafft zu haben".

        http://www.tagesspiegel.de/wissen/selbstmordattentaeter-toedliche-ruhmsucht/12639516.html

        • Hm... Ich wäre damit sehr vorsichtig Attentäter grundsätzlich als psychisch krank abzustempeln und zwar aus mehreren Gründen.

          1. Man stigmatisiert damit nicht nur den Täter, sondern auch psychisch Kranke. Die überwiegende Mehrheit der psychisch kranken Menschen ist nicht gewalttätig.

          2. Man nimmt den Täter damit aus der Verantwortung. Er kann nichts dafür, weil er psychisch krank ist.

          3. Es gibt Untersuchungen aus Guantanamo, aus denen hervorgeht, dass die Mehrheit der Terroristen, die dort befragt wurden eben nicht psychisch krank sind. Sie sind sich iherer Taten bewusst. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade wenn es um organisierten Terrorismus geht. Bei Einzeltätern sieht das etwas anders aus.

          "Und das führt mich weiter zu der Frage, ob solche Menschen "normal" sein können. KANN man emotional gesund sein und solche Taten begehen oder haben die Täter alle irgendeine tiefgreifende psychische Störung? "

          Nun zwischen emotional gesund und psychisch Krank im engen Sinne liegt eine große Spanne. Ich behaupte, dass jeder der Krieg und Terrror erlebt, emotional nicht gesund sein kann, aber deswegen ist man nicht gleich psychisch krank. Die Motive derjenigen, die sich Terror-Organisationen anschließen dürften sehr unterschiedlich sein. Einige unter ihnen sind vielleicht auch psychisch krank, die Mehrheit wird es eher nicht sein. Viel mehr spielt die Sozialisierung eine große Rolle. Menschen, die täglich Krieg und Gewalt erleben und in eine Welt aufwachsen in der Gewalt als Mittel durchgesetzt wird um sich durchzusetzen, können gewalttägige und kriminelle Tendenzen entwickeln. Die Idiologie dient jenen als Rechtfertigung für ihre Gewalttaten. Andere haben vielleicht einen großen Verlust erlebt und befinden sich in einer Lebenskriese, sind ziel- und orierntierungslos und die Ideologie wird als richtungsweisend erlebt. Nicht zuletzt sind Ideologien austauschbar. Viele jener, die sich islamischen Terrorgruppen anschließen, waren vorher links- oder rechtsradikal. Hier spielen, neben der Sozialisierung und einer gewissen emotionalen Unreife auch Persönlichkeitsfaktoren eine große Rolle. Ein rebellisches Wesen z.B.

          Grundsätzlich kann sich aber jeder radikalisieren. Wir müssen nur in unsere Vergangenheit schauen. Wenn sich genügend Menschen finden, die einer Ideologie anhängen, wird sie irgendwann als normal empfunden und wird zum Selbstläufer und Rechtfertigungsgrund.

          • Die Frage ist aber, unabhängig von dem Einzelfall, schon interessant: Ist ein Massenmörder grundsätzlich nicht ohnehin anormal weil es in unserer genetischen Rezeptur gar nicht vorgesehen ist, unsereins zu töten.

            Oder aber ist es normal, dann würde unsere Gesellschaft und unsere Gesetzgebung etwas verurteilen, was absolut menschlich ist.

            Daher ist dein zweiter Abschnitt von Bedeutung, ob das, was uns mitgegeben wurde, ganz grundsätzlich durch Sozialisierung umgeschrieben werden kann, dass von der ursprünglichen Rezeptur dieses Menschen nichts mehr übrig bleibt.

            Auch dann müsste man aber seine Strafmündigkeit unter einem besonderen Aspekt sehen.

            "Grundsätzlich kann sich aber jeder radikalisieren. "

            An der Stelle würde ich schon unterscheiden wollen, ob jemand wirklich ideologisch so radikalisiert ist, dass er selbst Menschen tötet oder aber man selbst nur Gefolgsmann von Radikalen ist. Ich glaube, die Mehrheit sind eher Lemminge als wirklich selbst radikal bzw. für andere radikalisierend. Ist wie auf einem Front242-Konzert, man mag die Musik nicht wirklich aber trotzdem wippt man schon mal mit den Füßen mit. :-)

            • " Oder aber ist es normal, dann würde unsere Gesellschaft und unsere Gesetzgebung etwas verurteilen, was absolut menschlich ist."

              Ich sehe darin keinen Widerspruch. Verbrechen aller Art sind menschlich und unter ungünstigen Umständen ist jeder von uns dazu imstande. Was aber nicht heißt, dass man das nicht verurteilen darf.

              " Daher ist dein zweiter Abschnitt von Bedeutung, ob das, was uns mitgegeben wurde, ganz grundsätzlich durch Sozialisierung umgeschrieben werden kann, dass von der ursprünglichen Rezeptur dieses Menschen nichts mehr übrig bleibt."

              Ich glaube nicht daran, dass Menschen mit Hass im Herzen geboren werden, aber die Saat dafür ist in unserem Erbgut, bedingt durch unsere komplexe Psyche. Die Psyche ist aber weniger das Produkt genetischer Faktoren, sondern das der Sozialisierung. Ob die Sozialisierung alles überschreiben kann, ist von unendlich vielen Faktoren, sicher auch vom Erbgut, gewissen Charaktereigenschaften u.v.m.

              "Ich glaube, die Mehrheit sind eher Lemminge als wirklich selbst radikal bzw. für andere radikalisierend."

              Das stimmt, aber sie machen den Weg frei für andere.

              • Ich finde das was du schreibst ganz interessant.

                Das der Mensch mit Hass im Herzen geboren wird, glaube ich auch nicht.
                Aber in allen Zeitepochen sehen wir doch, dass der Mensch sehr schnell dazu bereit ist andere Menschen als minderwertig anzusehen, zu diskriminieren, zu quälen und zu töten.
                Die Gefahr geht doch von den "Lemmingen" aus. Die Kraft kommt aus der Masse.

                Was der Leitwolf verlangt, wird im allgemeinen auch umgesetzt. Da der Mensch das Gruppengefüge braucht, liebt er seinen Leitwolf und würde alles für ihn tun.

                Ob einer nun zu dem Menschen gehört, der den ersten Stein aufhebt und wirft, oder jemand ist der sich am Leid ergötzen möchte, oder weg schauen muss und Mitleid empfindet ist dann evtl. abhängig vom Charakter?

                Wenn ich das traurige Bild nochmal benutzen darf, was du in der anderen Diskussion erwähnt hast. Was bei dir ausgelöst wurde und was beschrieben wurde, was andere Menschen dazu kommentiert haben.
                Eigentlich sollten wir annehmen, dass dieses traurige Schicksal sinnbildlich stehen sollte, dass alle Umdenken und bereit sind zu helfen und zu unterstützen.
                Aber nein, immer noch rufen viele Menschen wir sollen die Grenzen aufbauen und unser Hab und Gut schützen. Was kümmert uns das Leid anderer.

                Das kommt von Menschen, die doch sozialisiert sind!?

                Sind das dann die Charaktere die den Unterschied machen?

                Ich weiß es nicht, vielleicht gibt es keine Antworten darauf, wer wie weit bereit ist zu gehen.
                Aber, dass alle psychisch krank sind, Ist eine Erklärung die wir leider nicht benutzen können.

                Gruß

                (ich hoffe es ist diesmal verständlich was ich meine).

                • (7) 05.01.17 - 18:00

                  Vielleicht sind nicht alle krank im medizinischen Wortsinne aber doch abnorm zu den Ansprüchen, die wir an die zivilisatorische Entwicklung unserer Zeit haben. Wir setzen uns oft sehr hohe moralische Ideale, sind aber aufgrund unseres Naturells nicht in der Lage, diesen hehren Zielsetzungen genüge zu tun.

                  Wenn heute so etwas wie diese Attentate möglich ist, fragt sich unsereins im so fortschrittlich entwickelten Teil der Welt, was das für Menschen sind. Und wie weisen die Taten ebenso weit von uns wie die Täter und verorten sie zum besseren Unverstãndnis ins Monströse, Nicht-menschliche.

                  Wenn ich aber den Threaderöffner richtig verstanden habe, ist jeder von uns zu solchen Taten fähig, je nachdem welche Sozialisierung er erfahren durfte und woher bzw. wie stark der Impuls zu einer solchen Tat ist.

                  Wenn man also wissen möchte, warum und wieso und weshalb, muss man bei sich selbst beginnen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass wir trotz einer enormen Fortentwicklung immer noch mehr Instinkt- als Vernunftswesen sind.

                  M.M.n. gibt es halt Menschen, die einfach scheiße sind, wenn ich das mal so salopp sagen darf.

                  Das als krank zu bezeichnen finde ich persönlich zu einfach. Das hat immer so einen Beigeschmack von " er kann nichts dafür", weil niemand was dafür kann, wenn er krank ist.

                  Ich gebe dem User ubuntu recht, wenn er sagt, dass wir Menschen mehr instinkt- als vernunftsgesteuert sind. Davon lebt die Werbebranche. Wir treffen jeden Tag unbewusst Entscheidungen, weil etwas unsere Emotionen anspricht. Aber der Mensch ist bis zu einem gewissen Grad in der Lage seine Emotionen zu beherrschen. Wir können wütend sein, ohne unsere Wut an anderen auszulassen. Das ist wahrlich ein Prozess den wir lernen müssen. Ein Fünfjähriger kann das noch nicht so gut, wie ein Erwachsener. Wut, Angst und Hass sind ganz normale menschliche Emotionen, aber den Umgang damit müssen wir mühsam erlernen. Selbstverständlich werden wir nicht nur durch Erziehung sozialisiert, sondern auch durch unsere Umwelt. Aber Erziehung spielt dabei eine unwahrscheinlich große Rolle. Erziehung ist mühsam und erfordert Konsequenz und hier hapert es doch schon auch in unserer zivilisierten Welt. Erziehung kommt viel zu kurz. Nicht nur im Elternhaus, sondern auch schon in Schule und Kindergarten. Von den Kindern wird sehr früh Selbstständigkeit erwartet und man lässt Kinder einfach selbst machen. Erstklässler sollen sich möglichst selbst organiesieren. Für einen Teil der Kinder ist das sicher gut, wenn sie in einem funktionierenden Elternhaus großwerden, aber für Kinder, die nie angeleitet wurden, ist das nicht möglich. Kinder brauchen Anleitung, Strukturen und Orientierungspunkte. Ein Kind das aggressives Verhalten zeigt und als Reaktion ebenfalls Aggressivität erlebt, kann nicht lernen mit seinen Aggressionen umzugehen. Und an dem Punkt kommen wir auf die von dir genannten sozialisierten Mitmenschen unserer Gesellschaft. Ich kenne eine Menge emotional unreifer Menschen, nie über das Niveau der Pupertät hinausgekommen sind. Das sind z.T. gebildete Menschen. Und man könnte jetzt sagen: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmmer mehr." Aber so einfach ist das nicht. Erwachsene sind durchaus in der Lage sich selbst zu reflektieren und sind zu Selbsterziehung fähig. Emotionale Unfreife stellt in meinen Augen keine psychische Krankheit dar. Früher würde man sagen, derjenige ist einfach unerzogen.

                  • "Das als krank zu bezeichnen finde ich persönlich zu einfach. Das hat immer so einen Beigeschmack von " er kann nichts dafür", weil niemand was dafür kann, wenn er krank ist."

                    Das ist eben das Problem. Es wird dadurch aber nicht einfacher sondern komplexer. Wenn man kriminelle Handlungen ganz generell als einen Defekt ausmacht, der "normales" soziales Verhalten ausschließt oder zumindest erheblich erschwert, macht das die Dinge wesentlich komplexer und schwieriger.

                    Wenn, wie in dem verlinkten Artikel, z.B. übersteigerter Narzissmus dazu führt, dass jemand sich und andere tötet, für die paar Minuten Ruhm, muss man dann nicht davon ausgehen, dass es hier zu so einer schwerwiegenden Anomalie gekommen ist, dass der herkömmliche Schuldbegriff gar nicht greifen kann? Der setzt nach unseren Verständnis laienhaft immer "Vollbesitz der geistigen Kräfte" voraus aber wenn der Vollbesitz eben jener geistigen Kräfte bei einem Täter nicht ausreicht, eine solche Tat nicht zu begehen, nach wessen Kriterien kann man so jemanden dann im Sinne unserer aktuell gängigen Rechtssprechung schuldig sprechen?

                    "Emotionale Unfreife stellt in meinen Augen keine psychische Krankheit dar."

                    Grundsätzlich und auf den ersten Blick gebe ich Deinen Ausführungen Recht.

                    Was ist aber nun mit jemandem, bei dem man feststellt, dass dessen Hirnregion, die u.a. für Empathie zuständig ist, komplett unterentwickelt ist. Eine anatomische Abweichung, die psychische Folgen hat? Was wiederum ein nach unseren Maßstäben anti-soziales Verhalten zur Folge haben kann.

                    Nehmen wir als Beispiel den U-Bahn-Treter, bei dem ja nicht nur extreme Rücksichtslosigkeit sondern auch weitere Untugenden wie Feigheit, Hinterlist etc. zum Vorschein kamen bei seiner Tat. Gerade dem würde ich eine massive Unterentwicklung seiner empathischen Fähigkeiten attestieren sowie eine Unterentwicklung von kognitiven Fähigkeiten. Ist so jemand überhaupt zum jetzigen Zeitpunkt in ein normales soziales Umfeld integrierbar? Was liegen da für Defizite vor, die zu so einer brutalen Tat führen?

                    • Der U-Bahn-Treter war ein Einzeltäter. Die Tat war vermutlich weder geplant noch organisiert. Ich kann nur mutmaßen, aber ich gehe hier von einer Gelegenheitstat aus. Und in dem Fall ist davon auszugehen, dass der Täter nicht ganz richtig im Oberstübchen war. Ich niegiere ja nicht, dass es Narzissten und Soziopathen gibt, die gemeingefährlich sind. Aber ich würde auch nicht pauschal jeden Attentäter als psychisch krank sehen. Terroranschläge sind von langer Hand geplant und organisiert. Dass diese Täter einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, ist mir bewusst. Aber nehmen wir mal ein anderes Beispiel. Wieso fragt eigentlich niemand, ob ein Soldat der eine Bombe auf eine Schule oder ein Krankenhaus abwirft, ob nun absichtlich oder billigend in Kauf nehmend, psychisch krank ist? Ist diese Tat nicht ebenso verwerflich? Kann ein psychisch gesunder Mensch eine solche Tat begehen? Ich sage ja, weil er eine Rechtfertigung hat. Sei es ein Befehl oder ein höheres Ziel. Nicht anders geht es Terroristen. Sie rechtfertigen ihre Taten durch ihre Ideologie. Ob das nun der IS, Al qaid, oder die RAF ist.

                      • Die psychologische Infiltrierung von Tätern im Vorfeld der Tat ist gewiss ein gewichtiges Argument.

                        Was unterscheidet Al Qaida und die Attentäter vom 11. September von den Bomberpiloten, die 1945 Atombomben auf Hiroshima resp. Nagasaki abgeworfen haben? Wen trifft in welcher Form Schuld und Verantwortung für die jeweilige Tat? Trifft sie überhaupt Schuld wenn sie nur ausführende Werkzeuge einer übergeordneten Kommandostruktur waren? Oder macht der gesellschaftliche und politische Hintergrund bzw. Wandel von 1945 zu 2001 den Unterschied darin, dass wir die Attentäter vom 11. September als Massenmörder und Terroristen abstempeln, die Bomberpiloten der Enola Gay aber nicht so bezeichnen?

                        Welche psychischen Voraussetzungen jemand haben muss oder eben nicht hat, dass man diese Formen von Massenmord begehen kann, darüber wage ich keine Vermutung. Ich würde aber in jedem Fall Ähnlichkeiten prognostizieren. Zum Beispiel die Fähigkeit zu konsequenten Verdrängung und wie Du richtig sagst, die kompromisslose Rechtfertigung der Tat, dass diese im Sinne von etwas Höherem richtig sind und die unschuldigen Opfer Kollateralschäden für das Erreichen eines Ziels sind, zum Beispiel einer "besseren Welt".

                        • Ich weiß nicht welche psychischen Voraussetzungen es braucht um Menschen umzutringen. Aber ich weiß, dass man dafür nicht zwangsläufig psychisch krank sein muss. Das ist eigentlich das erscheckende daran.

                          Als ich fünfzehn war, wohnte in meinem Viertel ein Junge, der zwei oder drei Jahre älter war als ich. Wir waren nicht befreundet, aber man kannte sich. Ich habe mein Mofa damals von seinem Zwillingsbruder gekauft. DieserJunge war ganz in Ordnung, ging aufs Gymnasium, hatte ein gutes Elternhaus und war eher unauffällig. Irgendwann erfuhren wir dann, dass er in U-Haft sitzt, und man wegen versuchten Mordes gegen ihn ermittelt. Er hat mit einigen anderen Jugendlich eine Gasflasche eine Autobahnbrücke runtergejagt! Er soll dabei der Haupttäter und Anstifter gewesen sein. Glücklicherweise gab es keine Toten, aber zwei Schwerverletzte. Niemand der den Jungen kannte, würde ihm so eine Tat zutrauen. Er wurde zu sechs Jahren Jugendarrest verurteilt, wurde aber nach zwei Jahren wegen guter Führung auf Bewährung entlassen. Später hat er BWL studiert und heute betreibt er eine Spedition und einen Limousinenservice, ist verheiratet und hat Kinder. Die Tat ist jetzt mehr als 20 Jahre her und soweit ich weiß, hat er sich nie mehr etwas zu Schulden kommen lassen.

                          Ich habe mir oft den Kopf darüber zerbrochen, was ihn damals geritten hat und ich wette, das ist eine Frage, die er sich selbst vermutlich für den Rest seines Lebens stellen wird.

                          Ich bin kein Psychater und ich kenne den Mann auch nicht gut genug um mir ein Urteil zu erlauben, aber ich frage mich wie es sein kann, dass ein Mensch, der vorher und auch hinterher nicht auffällig war, so eine Tat begehen kann? Ich war in meiner Jugend echt kein Musterknabe und hab auch so manchen Scheiß mitgemacht, manchmal auch ohne darüber nachzudenken, aber dabei ist niemand zu Schaden gekommen und ich komme nicht umhin mir die Frage zu stellen, was gewesen wäre, wenn ich damals dabei gewesen wäre.... Ich möchte gerne annehmen, dass ich so reagiert hätte, wie es richtig gewesen wäre.#zitter

                          Vielleicht braucht es auch keine besonderen psychischen Voraussetzungen, vielleicht ist einfach jeder Mensch unter ungünstigen Umständen dazu in der Lage?

                          • Darauf wollte ich hinaus. Wenn Deinem Bekannten für einen Moment eine Sicherung durchgebrannt ist, wie man so sagt, hatte er dann physiologisch überhaupt die Wahl, die Tat nicht zu begehen?

                            Unser Handeln fusst nunmal auf neurobiologischen resp. -chemischen Vorgängen. Wird ein bestimmtes Enzym nicht ausgeschüttet oder kommt es zu Fehlfunktionen von Synapsen oder was auch immer, kommt vielleicht ein Prozess in Gang, der dann fatale Folgen haben kann.

                            Gerade bei Jugendlichen weiß man, dass deren celebrale Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Darum werden sie strafrechtlich milder beurteilt. Andererseits heißt es ja nicht, dass wenn man per Gesetz 18 und volljährig ist, dass dann auch alles im Gehirn reibungslos funktioniert.

                            Aber ich glaube, ich schweife ab.....l

                            • " Aber ich glaube, ich schweife ab.....l "

                              Das macht nichts. Wir schreiben ja schon die ganze Zeit am Thema vorbei. Ist eh interessanter. ;-)

                              Der Mensch als willenloses Wesen, das den biochemischen Prozessen in seinem Gehirn unterliegt..... Da ist sicher was dran. Wenn ich morgens aufstehe, dann gehe ich aufs Klo, gehe runter in die Küche, schmeiße die Kaffeemaschine an und gehe wieder hoch, dusche, greife dabei zu Duschgel und Shampoo, putze mir die Zähne usw. Das alles tue ich ohne darüber nachzudenken. Mein Hirn weiß was zu tun ist, ohne bewusst darüber nachzudenken. Und das ist gut so, denn ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt noch im Halbschlafmodus. Müsste ich all diese Dinge bewusst tun, würde ich mir vermutlich Zahnpasta auf den Kopf schmieren und Shampoo auf die Zahnbürste.#schwitz Solche Dinge machen wir zu tausend am Tag.

                              Wenn ich so an meine Jugend zurückdenke (ich hatte bereits erwähnt, dass ich kein Musterknabe war), dann lief in dieser Zeit mein ganzes Leben so ab. Ich habe wirklich so manchen Bockmist verzapft. Und ich weiß nicht mehr wie oft ich den Satz " Was hast du dir nur dabei gedacht" gehört habe. Um ehrlich zu sein, habe ich mir gar nichts dabei gedacht und ich meine wirklich gar nichts. Ich bin da immer irgendwie reingeraten. Das waren alles Selbstläufer. Ich bin nicht morgens aufgewacht und hab mir überlegt, dass ich an diesem Tag den Briefkasten der Schule mit Chinaböllern in die Luft jage, oder so. Das hat sich einfach irgendwie ergeben.#schwitz Da war dieser Schwachmat, der Chinaböller dabei hatte und da war dieser Briefkasten und bot sich quasi an...#gruebel Keine Ahnung wie ich das erklären soll?

                              So jetzt könnte man meinen, ich konnte nichts dafür. Ich war gesteuert von erlernten Verhaltensweisen, gepaart mit einem Mangel an Impulskontrolle und durch die Pupertät ausgelöste biochemische Vorgänge in meinem Hirn, die mich unwillentlich Dinge tuen ließen. Aber so einfach ist das nicht. Denn Fakt ist, dass ich einfach nicht nachgedacht habe.

                              Als ich 16 war habe ich häufig die Schule geschwänzt. Ein Lehrer an meiner Schule war gleichzeitig mein Handballtrainer. Handball war zu diesem Zeitpunkt mein Leben, aber mein Trainer ließ mich nicht spielen. Er würde mich erst spielen lassen, nicht etwa dann, wenn ich regelmäßig zur Schule kam, sondern nach dem ich ihm einen Aufsatz darüber ablieferte, warum ich die Schule schwänzte. Ich sollte auch die Vor-und Nachteile des Schulschwänzens beschreiben und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Ich weiß nicht mehr wie lange es gedauert hat, bis ich den Aufsatz geschrieben habe. Ich wollte das ganze aussitzen. Ich dachte, wenn ich die nächsten Wochen brav zur Schule gehe, dann lässt er mich bestimmt wieder spielen. Am Ende musste ich aber diesen Aufsatz schreiben und über das was ich tat und dessen Konsequenzen bewusst nachdenken. Es wäre ein wunderbares Ende, wenn ich jetzt schreiben würde, dass ich nie wieder die Schule geschwänzt habe, aber das wäre gelogen. Etwas entscheidendes hat sich aber geändert. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich jedesmal wenn ich schwänzte ein schlechtes Gefühl. Etwas was mir vorher völlig fremd war und so machte das Schwänzen irgendwann keinen Spaß mehr. Es hat noch einige Jahre gedauert bis ich mein Leben in die richtige Bahn gelenkt habe und ich habe noch die eine oder andere Talfahrt mitgenommen, aber dieser Aufsatz hat irgendwie eine Weiche gestellt.

                              Ich habe irgendwann gelernt mir meiner Taten bewusst zu werden und Verantwortung dafür zu übernehmen. Das ist ganz entscheidend dafür, um sein Verhalten zu ändern. Spricht man Menschen diese Verantwortung ab, nimmt man ihnen gleichzeitig die Möglichkeit das eigene Leben selbst zu gestalten und jegliche Möglichkeit auf Besserung. Es gibt sicher Menschen, die psychisch krank sind, die man nicht zu Verantwortung ziehen kann, aber so grundsätzlich zu sagen, der Mensch hat keinen freien Willen und unterliegt den biochemischen Prozessen in seinem Hirn, das ist irgendwie nicht zu Ende gedacht. Unser Wille ist vielleicht nicht so frei, wie Mancher glauben mag. Die Entscheidungen die wir Treffen unterliegen vielen unterbewussten Faktoren und sicher auch der Biochemie im Gehirn, aber einen gewissen Spielraum haben wir schon und damit auch eine Wahl, man muss sich dessen nur bewusst werden.

                              Ob Verantwortung mit Schuld gleichzusetzten ist und ob Strafe das Mittel der Wahl sein sollte, darüber könnte man sicher diskutieren.

                      Interessante Debatte.
                      Vielleicht sagt einem von euch das Milgram Experiment etwas.

                      Da ging es um die Frage, ob jeder Seine Gewissens Grenzen überschreiten könnte. Das Ergebnis: unter Autorität fast alle.

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