Eine Frage der Ehre

    • (1) 14.04.17 - 01:40

      In Deutschland gibt es unzählige Wohlfahrtsverbände und mehr als 20 Mio. Menschen, die ein Ehrenamt bekleiden und in ihrer Gesamtheit fast 5 Milliarden Arbeitsstunden leisten. In Feuerwehr, Rettungsdienst, THW, Caritas, DRK, Malteser, Johanniter, Tafeln, Arche, Bundesfreiwilligendienst und vielen andern Vereinen und Gemeinden engagieren sich die Ehrenamtler. Trotz dieser hohen Zahl gibt es weiterhin Bedarf.

      Selbstverständlich ehrt es diese Menschen, dass sie selbstlos helfen und sie sind eine große Stütze der Gesellschaft. Und selbstverständlich fühlt es sich gut an einen Beitrag zu leisten, gebraucht zu werden und die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Aber kann soziales Engagement asozial sein? Ist es wirklich ehrenhaft eine Tätigkeit für lau anzunehmen und damit wohlmöglich Menschen, die darauf angewiesen sind, Arbeitsplätze wegzunehmen?

      Wenn Wohlfahrtsverbände oder Kommunen „einfache“ Arbeiten wie Essen ausfahren oder städtische Grünanlagen pflegen, auf Ehrenamtliche verlagern, nehmen sie wenig qualifizierten Arbeitslosen die letzten Erwerbschancen. Aber auch bei qualifizierten Tätigkeiten wie die ehrenamtliche Leitung von Büchereien werden Arbeitsplätze eingespart. Und die Arbeit von hauptberuflichen Pflegekräften wird abgewertet, wenn alles, was mit Zuhören, Empathie, kurz Beziehungsarbeit, aus den Dienstplänen wegrationalisiert und auf Ehrenamtliche outgesourct wird. - Das jedenfalls behauptet die Journalistin und Autorin des Buches „Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit“ Claudia Pinl.

      Der Soziologe Stefan Selke und Autor des Buches „Fast ganz unten“ bemerkt: „Statt an einer Abschaffung der Armut mitzuwirken, beteiligen sich die Tafeln – sicher unintendiert – an einer Segmentierung der Gesellschaft in >Oben< und >Unten<“.

      Wir müssen uns die Frage stellen, ob die Tafeln nicht ein Armutszeugnis einer verkommenen Gesellschaft ist, wenn in einem der reichsten Industriestaaten der Welt Einrichtungen wie die Tafeln entstehen? Die Menschen, die sich dort engagieren, denken, sie tun etwas Gutes. Aber das ist ein Irrtum. Sie unterstützen damit eine Sozialpolitik, die diesen Namen nicht verdient. Sie unterstützen eine Gesellschaft von Gewinnern und Verlierern und einen weiter fortschreitenden Sozialrassismus.

      • Das mag ja alles stimmen, aber so einfach ist das nicht. Viele Stellen, die Ehrenamtliche übernehmen, würden niemals besetzt werden.

        Eine Bekannte war Behindertenbeauftragte in einer mittelgroßen Stadt in Festanstellung. Als sie vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangen ist, wurde die Stelle ehrenamtlich ausgeschrieben, denn die Stadt muss sparen. Viele Kommunen sind hoch verschuldet und können sich solche Ämter einfach nicht leisten. Ohne Ehrenamt würde dieser sehr wichige Posten unbesetzt bleiben.

        (3) 16.04.17 - 09:50

        Genau aus diesem Grund würde ich auch kein derartiges Ehrenamt ausführen. Gern als Mindestlohnjob, aber nicht für lau.
        Dann lieber kostenlos für den Sportverein der Kinder, o.ä. ackern.

        Ehrenamt können sich wohl sowieso nur Gutverdienende leisten, sonst heißt es wieder, man solle sich besser um einen Vollzeitjob bemühen...

        (4) 16.04.17 - 12:40

        Naja, die Mischung machts.

        Der Musiklehrer an unserer Grundschule die bedauert angeblich zutiefst, dass es keinen Schulchor mehr gibt - aber diese eine Überstunde macht er "aus politischen Gründen" nicht, weil das Schulamt sonst denken könnte dass alles auch funktioniere, wenn sie nicht genügend Stunden bereitstellen. Schaden tut es den Kindern. Es gäbe auch keine Schulbücherei mehr, wenn sie nicht seit acht Jahren ehrenamtlich von Eltern betrieben würde. Sprich speziell Beamte tun sich sehr schwer mit Überstunden (die in einem mittelständischen Unternehmen als total normal empfunden werden - was zu tun ist wird getan, weil es um die Sache geht).

        Ich denke es tut gut in einem Bereich unbezahlt und damit gemeinnützig tätig zu sein, der zu einem passt. Und en angelsächsischen Ländern z.B. ist das total normal. Auf der andere Seite gibt es auch Aufgaben, die nicht dorthin gehören- Alles was eine "Überlegenheit" des Helfers gegenüber dem "Hilfesuchenden" beinhaltet finde ich besser in der Kommune angesiedelt. Dazu gehören finanzielle Zuschüsse, Tafeln, oder auch klassische Gemeindeaufgaben wie die Pflege der öffentlichen Anlagen etc.

        Was ich gut finde sind ehrenamtliche Aufgaben, die allen zugute kommen:
        Kinderkleider- oder Fahrradbazare (günstige Einkauf, leere Keller und Nachhaltigkeit)
        Chor, Bücherei (kommt allen Kindern zugute)

        Reperaturcafe (Nachhaltigkeit und Kontakte)
        Sprachen/ Conversation
        politische Aktivität, Agenda-Arbeit
        Jungendarbeit (Fußball- und Sporttrainer, DLRG, Musikverein)

        Kommunale Aufgaben sind meiner Meinung nach
        Instandhaltung von Schulen/ Grünflächen/ Spielplätzen
        "Tafeln" (Armenspeisung hat wirklich dies Zementierung von Gesellschaftsschichten)
        Flüchtlinge

        Irgendwas dazwischen finde ich

        Besuchsdienste und Hospizarbeit (denn den eigentlich nötigen zeitlichen Aufwand KANN ein Hauptamtlicher definitiv nicht leisten, und leiden tun die Bewohner)
        Lernpaten (Nachhilfe für Kinder, deren Eltern sich nicht darum kümmern können oder wollen)
        Zuschüsse zu Klassenfahrten (da ist der kleine Dienstweg vielleicht wirklich machmal sinnvoll)
        Flüchtlingsarbeit (Integration, Sprachkurse, Besorgen von benötigten Dingen)

        Ich denke es ist falsch Ehrenamtliche zu verunglimpfen, was von nicht-Ehrenamtlichen gerne gemacht wird (z.B. "muss DER Zeit haben", "Nur-Hausfrau" oder "Gutmensch"). Es ist gut, dass es Menschen gibt, die sich engagieren und ich wollte in keinem Staat leben, wo sich keiner mehr rührt. weil er nur an sich denkt.
        Auf der anderen Seite sollte es auch Grenzen geben, denn ich habe auch den Eindruck, dass bürgerschaftliches Engagement manchmal ausgenutzt wird.

      • (5) 18.04.17 - 20:46

        Vor ca 1½ Jahren (Ende 2015) wollte ich mich mich als freiwilliger Helfer für Flüchtlinge bei einer Hilfsorganisation in Jordanien melden. Ich war bereit,

        - meinen Urlaub dafür aufzuwenden
        - die Anreise zu bezahlen

        und hatte nur erwartet, daß ich eine einfache Unterkunft gestellt bekomme (vielleicht etwas Verpflegung, aber die hätte ich auch noch zumindest teilweise bezahlt).

        Ich bekam die Antwort, daß es verschiedene Kategorien für Helfer gäbe, je nachdem wie qualifiziert ich sei. Ich schrieb, daß ich wohl sehr qualifiziert sei, da ich

        - Muslim bin
        - Arabisch spreche

        Daraufhin wurde mior (ich meine frech!) geantwortet, daß ich durchaus eine Chance hätte, wenn ich (zusätzlich!) einen gewissen Betrag spenden würde.

        Habe dann natürlich die Sache nicht weiter verfolgt, da es klar für mich war, daß diese Organisation nicht an wahrer Hilfe interessiert war, sondern nur am Elend der Flüchtlinge verdienen wollte.

        Ich bewundere jeden in Deutschland, der sich für Tafeln engagiert, aber frea hat recht: Es muß in ertser Linie Aufgabe des Staates sein, Armut zu verhindern.

        • ....Aufgabe des Staates?

          Na das sehen wir ja in anderen Länder wozu das führt?
          Der Staat hat vielseitige Aufgaben und kann sich nicht um alles kümmern.
          Es geht bei den meisten ehrenamtlichen Aufgaben ja darum direkt vor Ort Hilfe zu leisten und Situationen zu entschärfen, das kommt der Allgemeinheit dort zu Gute - vor Ort.

          Der Saat hat weder das übrige Geld noch den Blick an die Brennpunkte vor Ort um genauso Hilfe leisten zu können wir Vereine die mit Ehrenamtlichen diese Aufgaben übernehmen.
          Außerdem werden bei der Übernahme einer ehrenamtlichen Aufgabe Schlüsselqualifikationen geschult die auf dem Arbeitsmarkt gefragt und gern gesehen werden:
          - Organisationstalent
          - Teamgeist
          - Pünktlichkeit
          - Verlässlichkeit
          - Verantwortungsbewusstsein
          - Empathie

          Deutschland wäre ohne diese viele ehrenamtliche Arbeit arm!
          Wer sich auf dem freien Markt bemüht und arbeiten möchte der findet in der heutigen Zeit, wo händeringend Arbeitskräfte mit allen möglichen Qualifikationen gesucht werden, eine Arbeit.

          Das Ehrenamt hat meines Erachtens nichts mit dem Arbeitsmarkt zu tun.

          Ehrenamt verbindet Menschen, die sich gerne für andere einsetzten, die die selben Ziele verfolgen, eine missliche Situation erkannt haben und mit Ihrem Einsatz Hilfe leisten.

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