Grundeinkommen - Utopie oder Zukunftskonzept?

    • (1) 30.09.17 - 12:55

      Alter Schuh, ich weiß, aber doch immer wieder aktuell.
      Ich finde das wäre doch ein Thema mit dem die SPD sich noch mal eingehend beschäftigen sollte.

      https://www.vorwaerts.de/artikel/sozialdemokraten-grundeinkommen-eintreten-sollten

      Vor einigen Jahren, als ich mich zum ersten Mal mit diesem Thema beschäftigt habe, war ich dagegen. Habe das Thema aber irgendwie immer wieder aufgegriffen und ich muss sagen, ich bin nicht mehr abgeneigt. Natürlich bleiben noch immer Fragen offen. Viele Auswirkungen sind noch nicht absehbar, aber die Versuche, die gemacht wurden, sind alle samt positiv ausgefallen. Und finazierbar wäre es jetzt schon.

      Der Staat gab 2016 mehr als 900 Mrd. Euro für Sozialausgaben aus. Das ist sind 950 € pro Monat pro Kopf auf die gesamte Bevölkerung gerechnet. Das bedeutet, das jeder, vom Säugling bis zum alten Greis könnte rein theoretisch 950 Euro bekommen. Über die Vertreilung kann man streiten. Es ist nur ein Beispiel.

      Es gibt mittlerweile viele Modelle, die durchgerechnet wurden und finanzierbar und machbar wären. Ich finde es wäre einen Versuch wert. Meinetwegen auch zeitlich begrenzt, um zu sehen was passiert.

      • Dieses (bedingungslose) Grundeinkommen wird früher oder später kommen.

        Es gibt ja Gegenden in Deutschland wo die Hälfte der Menschen ALG II bezieht, egal ob nun voll oder als Aufstocker.
        Da würde dann ja dieser ganze Bürokratismus wegfallen und die Menschen würden würdevoller leben können mit Grundeinkommen.

        Dieses Grundeinkommen soll in Schleswig-Holstein erprobt werden aber wie weit das nun schon gediehen ist entzieht sich meiner Kenntnis.
        In manchen Ländern laufen ja schon Versuche.

        Hätten wir wenigstens eine auskömmliche Grundrente für unsere Alten, ohne all die zig Rennereien und Nachweise, wäre ja schon mal ein Schritt gemacht.
        Ich kenne Rentner die würden diese z.Z. geltende "Aufstockrente" bekommen aber sie gehen nicht zum Amt da zu beschwerlich und zu aufwändig für sie. Sie verzichten lieber und darben vor sich hin.

        Desgleichen mit dem Kindergeld. Dies müsste in einem Betrag gezahlt werden und ausreichend sein und nicht aufgeteilt in Steuererleichterung für Eltern, Wohngeld und was es sonst noch so gibt.

        Damit wären dann schon mal Rentner und Kinder versorgt und die Erwachsenen hätten finanziell nur noch für sich zu sorgen und man könnte anfangen dann dort einen Grundbedarf staatlich zu verbringen.

        Wege gäbe es wohl viele und die Gelder sind ja irgendwie auch da, nur die derzeitige Aufteilung und Erlangung ist weitgefächert und nicht jedem Berechtigten zugängig.

        Ich würde es den Menschen wünschen denn es ist doch eine Schande wenn ein reiches Land seine Bürger nicht grundversorgen will.

        Hallo,

        schlecht ist die Idee an sich nicht. Das Risiko ist eben, was die Leute draus machen ... also kündigen jede Menge Leute ihren Job und begeben sich in die "soziale Hängematte"? Wenn dieses Szenario eintritt, leidet die Wirtschaft. Und das macht das alles so "gefährlich".

        Ich gehe mal von mir aus. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Ich arbeite Vollzeit. Mein Mann Teilzeit, mitunter auch auf 450€ Basis. Wie es sich ergibt. Würde bedeuten - ich spiele hier mal den advocatus diaboli:

        Mein großes Problem ist, alles zeitlich unter einen Hut zu bekommen. Familie. Hobbys. Arbeit. Kinder. Mein Job macht mir an sich Spaß. Wir würden 5x ein Grundeinkommen bekommen. Lass uns mal fiktiv 1000€ ansetzen. Wäre ein Einkommen von 5000€ für unsere Familie.

        Damit liege ich einkommenstechnisch über dem, was wir mit 1,5 Jobs + Kindergeld für unsere Familie erwirtschaften. Ergo - wir brauchen nicht mehr arbeiten gehen, um den Lebensstandard zu halten. Ich mag meine Arbeit, vielleicht würde ich halbtags gehen. Mein Mann buckelt ziemlich. Er würde definitiv aufhören.

        Also ... wir kündigen unsere Jobs. Einige Kosten fallen dann auch weg, d.h. das Auto bräuchten wir gar nicht mehr so unbedingt, wie kämen auch mit dem Fahrrad von A nach B. Wir haben ja nun Zeit. Wir brauchen weniger Benzin oder keins mehr.

        Wie würden wir unsere Zeit verbringen? Unser Garten könnte genutzt werden, um Biogemüse anzupflanzen. Das bringt der Wirtschaft nichts. Wir könnten unser Haus so verbessern, dass wir weniger Energie benötigen. Wäre auch gut. Wir haben viele Hobbys, denen man fast kostenfrei nachgehen kann: Schwimmen (gibt es hier einen Naturweiher), Radfahren, Laufen, Wandern, Lesen, Basteln, Handarbeiten. Wir könnten uns ausgiebig um die Kinder kümmern.

        Fazit: unser Lebensstandard wäre der gleiche. Unsere Produktivität würde sinken. Unsere Ansprüche als Konsument auch, da wir viel nun selbst machen könnten. Ergo: Wir wären fatal für die Wirtschaft.

        GLG
        Miss Mary

          • Hallo,

            genau das denke ich auch. Es ist nicht so, dass jeder arbeitet, weil er es entsetzlich gerne macht. Ich habe Freunde, die einen Zweit- und einen Drittjob haben, um irgendwie über die Runden kommen. Die zeitliche Belastung ist enorm. Das heißt, sie würden erst mal versuchen, sich zeitlich zu entlasten.

            Ich denke, dass die Produktivität massiv sinken würde. Die ganzen Frauen, die schlecht bezahlte Halbtagsjobs und Familie jonglieren ... die machen das oft nicht zum Spaß. Viele würden ihren Job aufgeben. Oder massiv reduzieren.

            Dann braucht es viele Jobsparten gar nicht mehr. Kinderbetreuung - kann man wieder selbst machen. Restaurants - man hat wieder viel mehr Zeit, selbst zu kochen. Etc. etc.
            In kürzester Zeit wäre unser BSP massiv gesunken und das Einkommen auch.

            GLG
            Miss Mary

            • Sorry für die Einmischung. Aber Produktivität ist Input zu Output im Verhältnis. Z.B. wie viele Produkte werden pro Zeiteinheit produziert. Das ist neben den Lohnstückkosten die entscheidene Größe

              Zunächst ändert auch ein BGE nichts an der Produktivität. Dort, wo jetzt schon keine Menschen sondern nur Maschinen zur Produktion eingesetzt werden, ist es ohnehin klar.

              Aber selbst wenn in einem Unternehmen 100 Menschen in der Fertigung arbeiten und nach Einführung des BGE 10 Leute kündigen bleibt die Produktivität die Gleiche. Allerdings kann das Unternehmen möglichweise weniger Gesamtstückzahlen produzieren, weil man realistischerweise annehmen kann, dass das Unternehmen die fehlenden Mitarbeiter nicht über Nacht durch Maschinen ersetzen kann.

              Das BGE ist zunächst nichts anderes als - gesamt volkswirtschaftlich betrachtet - eine gigantische Arbeitszeitverkürzung bei mehr oder weniger vollem Lohnausgleich.

              Die Vor- und Nachteile einer solchen Maßnahme halte sich in etwa die Waage.

              Ich halte das BGE für eine (sehr schöne) Utopie, schon deswegen weil bestimmte Gesetzmässigkeiten des Kapitalismus ausser Kraft gesetzt werden. Aber es ist so ein bisschen wie mit der Quadratur des Kreises.

        Wieso fünfmal? Da wäre ja schon der Fehler im System.

        • Weil ein bedingungsloses Grundeinkommen unabhängig vom Alter gewährleistet wird. Zumindest denke ich, dass sie sich darauf bezieht.

          • Okay, das wusste ich nicht. Aber dann sind 1000 € zu hoch angesetzt. 5000 € für eine Familie, das ist ganz schön viel fürs Nichtstun. Selbst viele, die arbeiten, kommen nicht auf dieses Gesamteinkommen.

            • Diskutiert wird wohl auch ein Modell mit ca. 1000 Euro ab Volljährigkeit, ca. 500 ab Geburt, dann stimmts ja wieder, oder? ;-) Es gibt sogar schon eine Crowdfunding Organisation, da kann jeder ein Grundeinkommen gewinnen.

              • Das Problem ist, dass der Grundbedarf von so vielen Faktoren abhängt: Alter, Wohnort, Lebensstil.

                1000€ Grundeinkommen in München würden zum Leben vermutlich nicht reichen. Es würde bestenfalls deine Miete bezahlen.

                1000€ in einer strukturschwachen Gegend, wo du mitunter schon Häuschen für 25.000€ bekommst würden dich zum Grundbesitzer machen, du könntest den Kredit abtragen und mit dem Rest ein einfaches, aber sorgenfreies Leben führen.

                Familien würden finanziell weitaus besser da stehen, selbst mit den 500€ noch. Allerdings könnte das auch ein Anreiz sein für "die falschen" Gruppen, haufenweise Kinder in die Welt zu setzen, da das ja für mindestens 18 Jahre belohnt wird. Das wäre ein Problem.

                Was würde man gegen den Grundeinkommentourismus machen ... also Leute kommen, mieten pro forma etwas an und setzen sich dann ins Ausland ab. Das könntest du noch weitertreiben. 1000€ in Deutschland reichen mitunter weit. Wenn du aber z.B. in Thailand 1000€ hättest, wäre das super. Was würde passieren? Du würdest Geld hier abziehen und woanders investieren.

                GLG
                Miss Mary

                • Dass Du gerade Thailand nennst finde ich witzig, denn genau dieses Beispiel wird hier https://www.grundeinkommen.de/die-idee/fragen-und-antworten beschrieben. Ein Deutscher, der in Thailand lebt, bezieht das dortige Grundeinkommen. Gibt es dort keines, dann Pech. Was Du meinst verstehe ich auch, da bleibt aber die Frage, was ist dann vom Grundeinkommen noch übrig, wenn jemand hier ein WG Zimmer (ganze Wohnung lohnt ja gar nicht) mietet? Kann er vom Rest in Thailand gut bis sehr gut leben? Dazu kenne ich die dortigen Lebenshaltungskosten nicht.

                  Für mich persönlich wäre ein Grundeinkommen selbst mit nur 500 Euro schon ein Gewinn, ich würde auch nicht aufhören zu arbeiten. Und selbst wenn ich jünger wäre würde ich auch keine Kinder in die Welt setzen, um 500 Euro zu kassieren. Würde mich viel zu viel Miete und Nerven kosten. ;-) Das es Menschen gibt, die da eventuell anders denken, kann ich mir wiederum gut vorstellen, aber die müssen von den 500 Euro ja die Kinder auch versorgen. Da bleibt auch kein Reichtum übrig. Müsste ich exemplarisch durchrechnen.

                  Ansonsten gibt es ja noch den Einwand, dass Volljährige sich nach der Schule dann eventuell gar keine Ausbildungsstelle mehr suchen. Da gehe ich aber beispielsweise auch davon aus, dass das eher diejenigen sind, die auch heute schon lieber chillen und den Eltern auf der Tasche liegen.

                  • Hallo,

                    die Frage ist, ob du wirklich das Zimmer mieten musst oder nicht irgendwo billiger einen Briefkasten mietest :).

                    Ich würde auch nicht mehr oder weniger Kinder bekommen, materielle Überlegungen haben beim Kinderkriegen bei uns überhaupt keine Rolle gespielt (was waren wir blauäugig #schein) aber es war doch z.B. beim Bildungspaket schon die Diskussion, dass nur Sachleistungen beim Kind ankommen. Es scheint eine Bevölkerungsschicht zu geben, die es schafft, die Kinder billiger als mit den 200€ Kindergeld aufzuziehen und daher pro Kind ein + einfahren.

                    Ich würde tatsächlich aufhören zu arbeiten oder weniger arbeiten. Definitiv. Und ich kenne einige, v.a. auf einem Minilohnjob, die auch so denken.

                    GLG
                    Miss Mary

                    • Ja, Hallo auch ;-)

                      Ich würde hier bleiben, definitiv. Und auch arbeiten. Dazu sei gesagt, ich arbeite sowieso nur sehr gering Teilzeit. Das kann dann ja so bleiben.

                      Und mir ist es - ganz roh gesagt - auch völlig egal, ob jemand Kinder in die Welt setzt, um sich zu bereichern und nicht arbeiten zu müssen (das tun ja heute bereits Einige), ob er sich ins Ausland absetzt und den Staat bescheißt (auch das tun heute sicher Welche) und ob sie aufhören, zu arbeiten (oh ich bin mir sicher, irgendwas würdest Du tun und sei es ehrenamtlich, oder?) ist mir ebenfalls egal.

                      Erst einmal beobachte ich, ob sich der Test mit dem Grundgehalt bewährt. Und für mich wäre es wie gesagt erstmal ein tolles Konzept. ;-)

                      GLG zurück. :-)

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