Arbeitsgerechtigkeit

    • (1) 15.10.17 - 10:03

      Hallo zusammen und ein freundliches Tachchen in die Runde,

      ich würde mich ganz gerne mal mit euch über den heiklen Punkt Arbeitsgerechtigkeit austauschen. Gerne auch im Sinne einer anregenden Diskussion bei der ich eigene Standpunkte kritisch zu hinterfragen lerne!

      Im Zuge meiner eigenen Selbstständigkeit werde ich klientenseits oftmals mit dem Thema Leih- /Zeitarbeit konfrontiert. Soweit so gut. Oftmals handelt es sich bei den Personen um Menschen, die aus verschiedensten Gründen Bildungsangebote nicht wahrnehmen konnten und auch situativ gezwungen sind, diese auch künftig nicht wahrnehmen zu können, weil sie ohnehin schon zeitlich aus verschiedensten Gründen zu stark eingebunden sind und sich das auch finanziell nicht leisten können. Auch spielen durchaus kognitive Faktoren eine Rolle... Wie dem auch sei. Diese Menschen sind aber durchaus bemüht, ihre Arbeitsleistung zur Verfügung zu stellen. Sie tingeln dann von einer Stelle zur nächsten immer in der Hoffnung, sie würden fest übernommen. Dafür geben diese Menschen oftmals alles an Arbeitsleistung und -kraft. Und was ich perfide finde seitens der Firmen, dass diesen Menschen die feste Übernahme auch noch in Aussicht gestellt wird. Wie die Möhre, die man dem Esel vorhält, um diesen anzutreiben. Um dann am Ende zu sagen ätschbätsch.

      Ihr seht, ich bin damit aus einem Gerechtigkeitsempfinden heraus, was vor allem moralischer Natur ist (ethisch empört, sozusagen!) nicht einverstanden.

      Besonders übel wird es sodann auch in meinen Augen noch in anderen Konstellationen, wo wir von gut ausgebildeten Menschen sprechen mit auch noch entsprechender Berufserfahrung. Da frage ich mich dann zudem: Was haben die Firmen eigentlich davon, wenn sie eigentlich notwendige Stellen besetzen, die Leute immer wieder eingearbeitet werden müssen, ist das wirklich Einsparpotenzial? Ich weiß selber, als Selbstständige, wie mühsam das ist, in speziellen Feldern Menschen einzuarbeiten. Das kostet auch meine Arbeitsleistung und ggf. halt auch Geld.

      Zuletzt berichtete mir ein Freund aus der Handwerkerei, das sei nun einmal die blanke Realität, die zu Lasten der dort beschäftigten Angestellten gehe. Diese müssten zusätzlich zu ihrer Arbeitsleistung auch noch die Einarbeitung immer neuer Personen abwickeln. Find ich spontan echt nicht ok.

      Ein weiterer Freund aus der IT berichtete vor einiger Zeit ähnliches. Da werden dann halt bestimmte Aspekte an Freiberufler "outgesourced" und die Zusammenarbeit sei oft nicht fruchtbar oder gar zufriedenstellend, sondern gehe auch hier auf Kosten der festen Angestellten. Da würden dann eben seitens der Freiberufler wegen fehlender Kenntnisse z.B. der internen Arbeitsabläufe Fehler produziert, welche durch die Schaffung einer zusätzlichen Stelle vermeidbar wären, hierdurch wird seiner Ansicht nach unnötiges Geld seitens der Firma rausgeblasen. Und der Freiberufler kriegt natürlich weniger Geld als der Angestellte und hat die üblichen Probleme die Freiberufler so haben (Krankenversicherung und dergleichen) und träumt von einer Festanstellung, die ihm dann auch wie die Möhre unter die Nase gehalten wird (siehe oben).

      Ich finde, das sind Aspekte, wo einfach dringend nachgebessert werden müsste. Oder wie seht ihr das? Sehe ich da was falsch? Sind das gerechte Modelle? Was wären denkbare Alternativen?

      LG

      • Da kann ich nur sagen dass jeder einzelne sich weiterbilden sollte was seine Rechte sind. Denn vieles ist nicht legal, was passiert. Und der nächste Punkt ist der, die Firmen können es nur so lange machen, solange es Leute gibt, die es mit sich machen lassen. Da hilft nur auf die Hinterbeine stellen, vielleicht in eine Gewerkschaft eintreten und sich nichts gefallen lassen.

        • Hallo,

          nunja. Das finde ich etwas an der Thematik vorbei. Erstens gibt es Menschen, wie beschrieben, bei denen eine Weiterbildung aus diversesten Gründen eben nicht möglich ist. Deren Arbeitskraft aber dennoch gerne genommen wird.
          Ebenso geht es in meinem Beitrag ja auch um bereits gut ausgebildete Menschen. Siehe das Beispiel mit der IT. Die Leute lassen vieles mit sich machen, wenn es um existenzielle Fragen geht. Für mich stellt sich auch die Frage, wieso das System sich so darstellen muss, und ob hier nicht Verbesserungen notwendig sind.
          Btw... Gewerkschaft für Leiharbeiter und Freiberufler, gibt es sowas überhaupt?

          LG

          • Also wenn ein qualifizierter Spezialist aus dem IT-Bereich das mit sich machen lässt, dann ist er selbst schuld. Denn er kann sehr wohl im Internet recherchieren welche Gesetze es im Arbeitsrecht gibt.

            Es funktioniert nur dann, wenn es Leute mit sich machen lassen. Das ist nun mal Fakt.

            Auch Leute mit durchschnittlichem IQ und einfachen Berufen sind ja nicht blöd. Sie wissen ja sehr wohl, dass sie gerade beruflich verarscht werden. Dann können sie sich auch an Stellen wenden und um Hilfe bitten. Sei es die Arbeitsagentur oder zur Gewerkschaft oder sonst irgendwo. Oder Internet.

            Leiharbeit muss mittlerweile genauso bezahlt werden wie die gleiche Position in der Firma. Das kann man durch Fragen herausfinden. Es gibt auch zig Tarifverträge.

            Die Firma zu wechseln ist oft eine gute Sache. Ich finde es gar nicht so gut wenn man bis zur Rente in einem Betrieb bleibt. Je mehr man sieht, desto mehr Erfahrung hat man. Also kann man das auch positiv sehen.

            Wenn einer, wie du es sagst eben die kognitive Fähigkeiten nicht hat, dann ist dieser Person auch sehr wohl klar, dass er oder sie kein Großverdiener werden wird. Außer die Person ist sehr raffiniert und clever.

            In den einfachen Berufen gibt es zig Tarifverträge in vielen Branchen und auf diese kann man sich berufen. Und wie gesagt muss ein Leiharbeiter mittlerweile genauso bezahlt werden wie ein Interner.

            Natürlich gibt es Firmen, die illegale Dinge tun oder sich beinahe kriminell Verhalten. Das wird man aber sehr schnell merken. Und dann liegt es an einem selbst zu gehen. Oder die Firma irgendwo zu melden, bei der Gewerbeaufsicht, oder was weiß ich wo.

            Ich habe bisher die besten Erfahrungen damit gemacht selbstbewusst zu sein und sich zu wehren, wenn es sein muss. Das kann ich jedem nur empfehlen.

            • Hallo,

              irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir völlig aneinander vorbei schreiben. Ich dachte in meinem Ursprungsbeitrag kenntlich gemacht zu haben, dass es darum geht, dass diesen Personen eine Übernahme in eine Festanstellung in Aussicht gestellt wird, nur damit es im Anschluss erneut heißt: Ist nicht.

              "Die Firma zu wechseln ist oft eine gute Sache" Unterhalte dich doch mal mit den Menschen, die sich seit zig Jahren in solchen Verhältnissen befinden. Es geht nicht darum, MAL die Firma zu wechseln, im Zuge beruflicher Neuorientierungen oder Weiterentwicklungen. Es geht darum, dass diese Menschen Dinge in Aussicht gestellt werden, die so nie eintreffen. Da werden Versprechen - oft noch bis zum Schluss - getätigt, damit die Motivation hochgehalten wird. Am Ende steht dann der Satz mit x.

              Und es geht mir auch darum, was die Firmen eigentlich von sowas haben, wenn sie z.B. die Kosten für die Einarbeitung, aber auch den zeitlichen Aufwand, zu Lasten ihrer Festangestellten abtreten. Das ist auch für die Festangestellten nicht gerecht, die hierdurch Ressourcen abgezogen bekommen oder Mehrbelastung, damit verbunden wiederum Einbußen ihrer Produktivität haben.

              "Dann können sie sich auch an Stellen wenden und um Hilfe bitten. Sei es die Arbeitsagentur oder zur Gewerkschaft oder sonst irgendwo. Oder Internet"

              Sag mir doch mal, wohin diese Menschen sich konkret wenden sollen, wenn die am Ende ihrer Beschäftigung erneut mitgeteilt kriegen, dass sie nicht festangestellt werden, obwohl ihnen dies in Aussicht gestellt wurde.

              LG

              • Eine ganz wichtige Sache, die man in seinem Berufsleben unbedingt lernen sollte: Nur Schriftliches ist das einzig Wahre. Mündliche Versprechen kann man in die Tonne kloppen. Was meinst du was mir mündlich schon alles versprochen wurde...

                Man müsste jetzt genauer die einzelnen Fälle beleuchten. Werden die Personen dann in der gleichen Firma wieder befristet als Leiharbeiter beschäftigt? Dies ist nur unter gewissen Bedingungen zulässig. Man kann nicht ewig und ewig befristet bleiben.

                Dann müsste man mehr über die Branche wissen, über die wir hier sprechen.

                Vom Grundsatz her bleibe ich dabei, dass man sich sehr gut informieren und auch sich wehren muss. Anders geht es einfach nicht.

                • Hallo,

                  teils teils. Das kam schon vor. Allerdings lagen da oft Monate bzw. Jahre dazwischen. Ich verstehe ja den Punkt, worauf du hinaus willst. Ich bin eine der ersten, die hier, Eigenverantwortung schreit. Aber das ändert trotzdem nichts daran, dass ich Aspekte solcher Arbeitsbedingungen nun einmal in Teilen ungerecht finde, weil man da irgendwann an den Punkt gelangt, wo nichts möglich ist mit Gegenwehr, Information oder Hilfe suchen. Dazu zählen auch die mündlich gegebenen Versprechen: Welche Firma würde denn einen Leiharbeiter nehmen und diesem schriftlich zusichern, dass er im Anschluss fest übernommen wird? Dann kann er ja direkt fest ausschreiben. Insofern bleibt ja nur die Motivation auf diesem Wege zu erzeugen. Ich finde das aber ethisch schlicht nicht korrekt von solchen Firmen und in der Wirkung auch echt fatal.

                  LG

                  • Es gibt auf jeden Fall Firmen, die sich kriminell verhalten. Das ist sicher, das habe ich selbst schon gesehen.

                    Da bleibt einem dann nichts anderes übrig als zu gehen.

                    Manchmal hilft es auch mit der Öffentlichkeit Druck zu machen. Es gibt im Internet Portale, da kann man seinen Arbeitgeber bewerten.

                    • Hallo,

                      klar, in Punkto einer Steigerung der eigenen Selbstwirksamkeit bringt das was, wenn man sich Luft verschafft. Aber effektiv gesehen wird hierdurch ja auch nicht mehr erfolgen, der soziale Druck via z.B. Internetbewertungsprozessen bewirkt sicherlich keine Übernahme zukünftiger Leiharbeiter oder Freiberufler.

                      LG

                      • Na dann mach du doch mal Vorschläge.

                        Wenn ich richtig informiert bin, gibt es da ganz klare Gesetze was Leiharbeit betrifft.

                        Als Einzelner muss man sich eben wehren und am besten wehrt man sich in der Gruppe. Das heißt man muss sich miteinander zusammenschließen.

                        Ich hatte das schon mal in anderen Themen angeschnitten, dass ich der Ansicht bin, dass eine gesellschaftliche Vereinzelung stattfindet. Und als einzelner ist es natürlich schwieriger als in der Gruppe.

                        Ab einer gewissen Anzahl von Mitarbeitern kann man einen Betriebsrat gründen. Dann kann man sich zum Ziel nehmen in noch kleineren Firmen gar nicht erst zu arbeiten.

                        Wenn du mir konkret Personen sagst mit Branche und Berufsbild, dann könnte ich dir konkrete Vorschläge geben. Es gibt Wege um sein Berufsleben zu verbessern. Und es ist auch der richtige Weg sich selbst darum zu kümmern.

                        Bin aber auch mal gespannt auf deine Vorschläge.

          Noch ein Nachtrag:

          Besser ist es natürlich wenn man viele ist. Wenn man sich zusammenschließt. Nur so haben die Gewerkschaften es im Laufe von vielen, vielen Jahrzehnten geschafft die Arbeitswelt für Arbeitnehmer zu verbessern. Durch Zusammenschluss, Solidarität und Kampf.

          Ich bin immer dafür sich zu wehren, noch besser ist es, es wehren sich gleich viele Personen.

          • Hallo,

            da stimme ich mit dir völlig überein!

            Ich seh da nur so gar keine Ansatzpunkte. Systemisch bedingt halt. Leider.

            LG

            • Ja was denkst du denn wie sich das Arbeitsleben in der Industrialisierung überhaupt verbessert hat? Nur durch den Zusammenschluss von Leuten in Gewerkschaften, die dafür gekämpft haben! Oder denkst du da ist ein Politiker her gegangen und hat sich ausgedacht wie er seinen Leuten bessere Arbeitsbedingungen schaffen kann?

              Ich verstehe nicht, warum die Gesellschaft das nicht mehr kann! Die Gesellschaft hat verlernt sich zu wehren!

              Andererseits gibt es wieder Themen, da rennen alle auf die Straße und demonstrieren.

              Du kannst nur etwas erreichen, wenn du von unten her rebellierst.

              Wie soll es denn sonst gehen?

              Oder aber du wirst Politiker und versuchst die Welt zu verbessern. Aber das ist sehr utopisch.

              Also müssen die Arbeiter, denen es schlecht geht, auf die Barrikaden gehen! Das ist der einzige Weg.

              Stell dir das mal ganz konkret vor. Auf einmal legen alle die Arbeit nieder und protestieren gegen die Arbeitsbedingungen. Hatten wir schon lange nicht mehr. Was denkst du wie der Chef dann schauen wird.

              Denk mal über das nach, was ich über das Thema Vereinzelung gesagt habe. Jeder fühlt sich so hilflos in seinem Elend. Man fühlt sich nicht einer Gruppe angehörig, in der man sich stark fühlt um gegen schlechte Bedingungen anzukämpfen. So ist das moderne Arbeitsleben.

              Meiner Meinung nach, ist der einzige Ausweg sich wieder zusammenzuschließen. Oder aber man nimmt sein eigenes Schicksal in die Hand, was auch durchaus realistisch ist.

              Wer das nicht kann oder will oder Größeres vorhat, dem rate ich nur sich Gleichgesinnte zu suchen und sich zusammenzuschließen.

    Ich verstehe auch nicht, warum Firmen auf Leiharbeit setzen. In der Firma in der ich arbeite, führte das oft zu Problemen.

    Manchmal kamen Arbeitskräfte, die wirklich aufgrund mangelnder Leistung keinen festen Job in einem Unternehmen hatten. Die richteten dann mehr Schaden an, als dass sie einem eine Hilfe waren. Und wenn man gut ausgebildete Kräfte da hatte, waren die wegen der schlechten Bezahlung bei der Zeitarbeitsfirma wieder weg.

    Ich erinnere mich an einen jungen Kollegen, der mal durchblicken ließ, dass er nur etwa halb so viel wie die fest angestellten Kräfte verdient. Er wohnte etwas weiter weg und hatte monatliche Fahrtkosten von 200 Euro. Als seine Freundin sich von ihm trennte und er plötzlich die Wohnung allein bezahlen musste, war das für ihn ein echtes Problem. Er hat dann gekündigt, weil er einen Job als ungelernter Lagerarbeiter in seinem Wohnort in Aussicht hatte. Mit besserer Bezahlung!

    Ich weiß nicht, wie das in anderen Bereichen des Unternehmens aussieht, aber dort wo ich arbeite, wird nur noch direkt eingestellt. Zwar für gewöhnlich erstmal für ein Jahr befristet, aber die meisten Arbeitskräfte können auch darüber hinaus bleiben. Außerdem gibt es mehr Ausbildungsplätze und die Azubis, die übernommen werden wollen, werden es auch.

    Manchmal bin ich geschockt wenn ich hier auf Urbia lese, wie es in manchen Firmen zugeht. Und dann bin ich so froh, dass ich mir nach der Elternzeit keinen neuen Job gesucht habe. Ich arbeite nur 2 Tage in der Woche und habe einen Arbeitsweg von 55 km, aber ich fahre diesen Weg gerne. Leider durfte ich in einer anderen Firma auch schon die Erfahrung machen, wie Arbeit zur Hölle werden kann. Die 2 Tage sind stressig, aber durchaus positiv.

    Würden mehr Firmen den Weg gehen, den mein Arbeitgeber geht, würden sie auch mehr Loyalität erfahren. Ich habe viele neue Kollegen, die vorher in einem Unternehmen der gleichen Branche waren. Dieses andere Unternehmen tätigt etwa den gleichen Umsatz, hat aber einen höheren Gewinn. Warum? Massive Einsparungen beim Personal und bei den Investitionen. Das wirkt sich negativ auf das Betriebsklima aus und die Angestellten geben sich dort die Klinke in die Hand.

    • Hallo,

      das ist ein zusätzlicher Aspekt, den du da einbringst. Das Betriebsklima leidet und es wird auch durchaus Neid geschürt auf die Festangestellten, die ggf. bei geringerer Arbeitsleistung und/oder -motivation die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes in dieser Firma dann aufweisen. Oder aber die Festangestellten müssen eben die fehlende Arbeitsleistung des Leiharbeiters (oder siehe oben) Freiberuflers kompensieren.

      Ich wäre total gespannt, wenn jemand mal einen absoluten Pro Beitrag verfassen würde! Mir sind die Vorteile auch nicht ersichtlich... Natürlich ggf. in Bezug auf Auftragsbelastung/Saisonarbeit. Ich kenne das ja als Selbstständige auch mit Auftragsflauten. Trotzdem, wenn ich jemanden beschäftigen will, überlege ich mir das vorher gut und erwäge eben auch die Kosten und den zeitlichen Aufwand der mit Einarbeitungsprozessen verbunden sind.

      LG

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