Ist der sog. Generalverdacht modern?

    • (1) 13.02.18 - 07:01

      Hallo,

      ich persönlich habe das Gefühl, dass es seit geraumer Zeit total "en vogue" ist, bestimmte Personengruppen einfach pauschal in eine Ecke zu stellen und abzustrafen.

      Beispielsweise:

      Alle Migranten schlecht oder lieb, je nach Gusto und politischer Gesinnung

      Alle Eltern böse, alle Kinder lieb

      Hartz 4-Empfänger alle dumm und faul.

      Alte Leute sind zu nix mehr zu gebrauchen.

      Alle Politiker sind unfähig.

      Meine nur ich das oder sehen das andere auch so? Finde Sowas ganz furchtbar. 🙁

      • (2) 13.02.18 - 07:16

        War das jemals anders?

        Ich denke, der Mensch neigt zur Polarisierung, um der Komplexität der Realität Herr zu werden.
        Gegen Chaos helfen Schubladen.

        Nicht schön, aber eben menschlich. Solange die Sortierer die Schlüssel zu ihren Laden nicht wegwerfen, finde ich es okay.

        • Hallo Trafikantin,

          der letzte Satz mit dem Schlüssel gefällt mir. 😊

          Ob es jemals anders war? Gute Frage. 🤔 Vielleicht meine ich es auch einfach nur grade, dass es aktuell extrem ist. Lasse mich gern eines anderen belehren. 😄

          • (4) 13.02.18 - 07:39

            Ich glaub auch dass war schon immer so. Alle Amis sind dumm, alle Ossis sind Nazis, alle Wessis sind arrogant, alle Schwulen haben AIDS...
            So las oder hörte man zu diversen Zeiten. Und immer gab es auch jene, die um Aufklärung und Differenzierung bemüht waren.

          • (5) 13.02.18 - 07:59

            Ich habe dazu gerade einen Artikel gelesen, indem aufgezeigt wurde, warum gerade die heutigen Zeiten, Zeiten großer Verunsicherung sind. In einer Welt, in der die Globalisierung nun auch in Deutschland ihre Schattenseiten zeigt, in der sich die einen eine Rückbesinnung auf die Nation, die anderen noch mehr Öffnung wünschen, in der die etablierten Parteien am Ende sind, weil sie sich selbst im Inneren nicht einig sind, wohin die Reise gehen soll, in der Solidarität der Stärkeren mit den Schwachen gefordert wird, die Schwachen von Staatsseite aber selbst kaum geschützt werden, so der Artikel, geht ein Erdbeben durch die Gesellschaft.

            Ich kenne den Impuls im Kleinen: Wenn mir alles zu viel wird, räume ich erst mal auf und wenn ich nur eine Studienordnung schaffe, bei der ich alles einfach nur in Schränke und Laden knalle und unter den Teppich kehre, Hauptsache das Bild ist ruhiger... Das gibt mir dann Ruhe...

            Ich denke, so ist das gerade: Große Verunsicherung verursacht die Flucht ins Schwarz-Weiß-Denken. Und je bedrohter man sich fühlt, desto mehr verschwinden selbst Grauabstufungen im Bild...

        "Ich denke, der Mensch neigt zur Polarisierung, um der Komplexität der Realität Herr zu werden."

        Wenn das mal nicht ein Meta-Generalverdacht ist... :-p

        "Solange die Sortierer die Schlüssel zu ihren Laden nicht wegwerfen, finde ich es okay."

        Die Frage ist allerdings, ob Menschen überhaupt einen Schlüssel haben, den sie wegwerfen können. ;-)

        Es ist ja meist nicht so, dass der Mensch erst Information sammelt, um dann seine Meinung zu bilden, sondern vielmehr nimmt man üblicherweise ja besonders die Information zur Kenntnis, die zur eigenen Meinung passt, während andere ausgeblendet wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

        Wenn dann die einen z.B. in der Migrationsdebatte nur DIE WELT lesen und die anderen nur die taz und auch auf Facebook oder Twitter bevorzugt Meinungen vorgesetzt bekommen, die zu ihren Einstellung passen, dann braucht man nicht mal mehr einen Schlüssel, weil die eigene Meinung gar nicht mehr herausgefordert wird.

        • "Wenn dann die einen z.B. in der Migrationsdebatte nur DIE WELT lesen und die anderen nur die taz "

          Wäre ja schön, wenn manche Menschen überhaupt noch einigermaßen sauber recherchierte und kuratierte Inhalte lesen würden. Ob taz, Welt, Die Zeit, Spiegel oder Süddeutsche oder FAZ. Auch wenn diese redaktionell ideologisch eingefärbt sind.

          (8) 13.02.18 - 12:44

          Meta-General-Verdacht...

          #rofl Das gefällt mir.

          Da hast du vermutlich Recht, ich versuch halt auch nur, mir die Welt zu erklären und sortiere dabei in Schubladen.

          Zum Thema Schlüssel bzw. Schüssel: da hast du bestimmt sehr Recht, dass man, hat man eine Weltsicht entwickelt, automatisch blind wird für andere Ansichten. Algorithmen, die dafür sorgen, dass ich zumindest im Internet nur gefüttert werde mit geistiger Nahrung, die meinem Gehirn schmeckt, tun ihren Rest.

          Aber ich finde, auch hier zählt das Motto: Problem erkannt, Problem benannt. Sobald ich mir meiner einseitigen Ernährung bewusst bin, kann ich ja bewusst gegensteuern.
          Das ist mir just passiert, als ich hier davon las, dass Merkels Grenzöffnung kein Gesetzesverstoß gewesen sei. Ich fing dazu an zu recherchieren und fand unzählige Quellen, die sich teils widersprachen, oft aber, unabhängig welcher Meinung sie entsprachen, vernünftig argumentierten. Spannend!!

          Insofern empfinde ich sogar dieses Unterforum hier, das oftmals von Pauschalisierungen lebt und in dem die guten Linksliberalen gegen die bösen Rechts-Konservativen und -nationalen kämpfen als Bereicherung. Nur dass die eine (die in meinen Augen gute) Seite für mein Empfinden die besseren Argumente hat, während sich die andere Seite in What-Aboutismus beschränkt...aber das ich so empfinde, liegt vielleicht an meinem Weltbild. Verdammt.

          Wir müssen wohl alle für immer in Platos Höhlen sitzen...Gottseidank herrscht hier in diesen ja strikte Gesinnungsapartheid, sonst müsste man wohlmöglich handgreiflich werden.

      (9) 14.02.18 - 08:57

      Sehr gut auf den Punkt gebracht;-)

Also, wie schon andere sagten, Vereinfachungen dieser Art gab es immer schon. Je komplexer die Aufgabe, desto größer der Wunsch nach Simplifizierung. ich denke sogar, dass wir schon morphologisch bzw. neurobiologisch darauf ausgelegt sind, Dinge zu glätten, zusammenzufassen, zu pauschalisieren, um uns überhaupt zurechtzufinden und den Blick für das vermeintlich Wesentliche zu schärfen.

Das geht, z.B. bei gesellschaftspolitischen Themen bis hin zu einer völligen Verzerrung und Entstellung der Realität.

Man fasst scheinbar homogene Gruppen zusammen und knallt allen Gruppeninsassen ein Schild an den Kopf. Passt.

Alle Moslems sind potentielle Terroristen/Vergewaltiger
Alle Grünen Pädophile
Alle Reichen Ausbeuter
Alle Kommunisten gottlos
Alle Nicht-Liberalen Nazis
Alle Katholiken reaktionäre Säcke
usw usw.

Der Wunsch nach Vereinfachung steckt in jedem von uns. Es gibt uns die Möglichkeit, die Komplexität bei durchschnittlichen vorhandenem (aber unzureichendem) Wissenstand erklärbar und überschaubar zu machen. Das macht das Leben einfacher. Nicht wahrhaftiger. Oder realistischer, einfach nur besser zu überblicken.

Vielleicht kämen wir ohne eine gewisse Form der Simplifizierung auch gar nicht klar im Leben. Man würde sich, wie eingangs angedeutet, sonst ständig wie in einem Dschungel fühlen und die persönliche Unsicherheit nähme bedrohliche Formen an.

Wenn ich alle Politiker zu Ganoven erkläre, erspart man sich die Mühe, zu differenzieren. Denn jede Differenzierung kostet Zeit, kostet Kraft, kostet Hirnschmalz. Nicht jeder ist in der Lage dazu. Ist intellektuell dazu befähigt. Oder ist einfach nur faul, seinen Intellekt einzusetzen. Oder, und das wird bei den meisten so sein, es fehlt auch einfach die persönliche Lebenszeit, sich ständig mit all den komplexen Dingen beschäftigen zu können.

Ich war mal in meiner Jugend ein absoluter und radikaler Antifaschist. Da gab es nur schwarz und weiß. Gut oder böse. Dafür bin ich sogar auf die Straße gegangen und habe unserer damalige Regierung einen "Schweinestaat" gescholten, habe mit dem Glauben an eine gerechtere Welt und auf der "richtigen" Seite zu stehen, Steine auf Polizisten geworfen, in politischen Statements die Taten der RAF relativiert, Jagd auf Neonazis gemacht, auch auf solche, die man vermeintlich dafür hielt.

Antifaschist bin ich prinzipiell heute noch. Aber mit dem akkumulierten Wissen, was man sich über die Jahre aneignen konnte, wesentlich differenzierter in der Sache und in Diskussionen über das Thema. Deswegen beschimpfe ich heute - vielleicht auch aus Altersmilde - nicht mehr z.B. jeden erzkonservativen Katholiken direkt als reaktionäre Sau.

  • ***Dafür bin ich sogar auf die Straße gegangen und habe unserer damalige Regierung einen "Schweinestaat" gescholten, habe mit dem Glauben an eine gerechtere Welt und auf der "richtigen" Seite zu stehen, Steine auf Polizisten geworfen, in politischen Statements die Taten der RAF relativiert, Jagd auf Neonazis gemacht, auch auf solche, die man vermeintlich dafür hielt.***

    Manchmal frage ich mich ja schon ob wir uns nicht vielleicht kennen.... :-D

    Zum Thema: Die meisten haben hier ja schon gut beschrieben wie und wozu der Mensch kathegorisiert. Ich möchte nochmal hervorheben, dass es für das Überleben zu Urzeiten unheimlich wichtig war Dinge blitzschnell in gut und böse einzuordnen, dafür ist unser Gehirn angelegt.

    Was auch nicht zu unterschätzen ist, dass Menschen Gruppenzugehörigkeiten brauchen. Auch das war mal überlebenswichtig. Dafür scheint es oft notwendig zu sein in vollem Umfang gedanklich "auf der gleichen Linie" zu gehen und Abweichungen zu vermeiden.

    Und da das Belohnungssystem aktiviert wird, wenn man durch "passende" ausgesprochene Gedanken Zustimmung bekommt, werden solche Gedanken präferiert. Auch das Gehirn kann viel besser mit Informationen umgehen, die ins Gedankenbild passen, da es gut in das vorhandene Wissen eingebaut werden kann. Widersprüchliches viel schneller aussortiert, unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

    Bei so polarisierten Themen wie Flüchtlinge oder auch Impfung spiel(t)en diese Faktoren glaube ich eine sehr große Rolle, dass hier aus meiner Sicht kaum mehr eine Annäherung möglich ist.

    • Alles richtig, was Du schreibst und deckt sich auch mit meinen Beobachtungen über Menschen im Allgemeinen.

      Deswegen sollte man immer wachsam sein, auch sich selbst gegenüber um nicht dann doch irgendwann in einer undurchdringlichen Filterblase hängen zu bleiben, in die kein neuer Input vordringen kann, der die gewonnenen Erkenntnisse zumindest noch einmal überprüft. Wenn nicht sogar - je älter man wird, umso seltener passiert es - die alten Erkenntnisse durch neue zu ersetzen, die vielleicht sogar im Widerspruch stehen mit dem, woran man bisher geglaubt hat.

      Ganz schwer wird es allerdings, wenn man seine eigene Sozialisierung in Frage stellen soll, seinen Werdegang in den ersten 10 Lebensjahren, die prägend sind wie keine andere Lebensphase eines Menschen.

      Da kommt mir dann der Satz der Userin "trafikantin" in den Sinn, in wie weit man über eine Art moralischen Kompass verfügt. Ist der ausschließlich anerzogen oder gibt es so etwas wie eine genetische Veranlagung, die uns unabhängig von der Erziehung, mitteilen kann, was falsch, was richtig ist und uns, aus angeborener Neugier sozusagen, dazu bringt, trotz aller Bequemlichkeit (was vielleicht der größte Fehler von Menschen ist), die Dinge zu durchleuchten und nicht gleich der simpelsten Antwort zu glauben. Und eben nicht nur in schwarz und weiß zu malen.

      "Bei so polarisierten Themen wie Flüchtlinge oder auch Impfung spiel(t)en diese Faktoren glaube ich eine sehr große Rolle, dass hier aus meiner Sicht kaum mehr eine Annäherung möglich ist."

      Eine momentane Annäherung vielleicht nicht. Man ist entweder für Trump oder gegen Trump, ein sowohl als auch ist bei solch stark polarisierenden Persönlichkeiten oder Themen nur bedingt möglich und wenn, wird man häufig falsch verstanden, entweder in die eine oder andere Richtung.

(13) 13.02.18 - 13:04

“Ich war mal in meiner Jugend ein absoluter und radikaler Antifaschist. Da gab es nur schwarz und weiß. Gut oder böse. Dafür bin ich sogar auf die Straße gegangen und habe unserer damalige Regierung einen "Schweinestaat" gescholten, habe mit dem Glauben an eine gerechtere Welt und auf der "richtigen" Seite zu stehen, Steine auf Polizisten geworfen, in politischen Statements die Taten der RAF relativiert, Jagd auf Neonazis gemacht, auch auf solche, die man vermeintlich dafür hielt.“

:-D
Und ich habe nachts Mercedessterne abgebrochen, fleißig NPD-Plakate überklebt, habe Ein-Mann-Demonstrationen vor Shell-Tankstellen mitten auf dem platten Land im Nirgendwo abgehalten und jeden mit tiefster Verachtung gestraft, der Nestle-Produkte konsumiert und nicht fair gehandelten Kaffee trinkt.

Damals war meine Welt auch noch übersichtlicher und ich hatte herrliche Feindbilder, an denen ich mich abarbeiten konnte... Das hat Spaß gemacht, nur die Zahl derer, die meinen hohen moralischen Ansprüchen genügte, war recht überschaubar gewesen....

  • Auch wenn ich manches heute nicht mehr so machen würde, das Gefühl, wirklich komplett daneben gelegen zu haben, hatte ich nie. Danke dafür nochmal an den moralischem Kompass :-)

    Vielleicht ist das auch die Form von intellektuellem Hochmut, in die man sich versteigt, die einfach in einem steckt und die man nie ganz ablegen kann.

    Ich könnte dir übrigens heute noch die Nase umdrehen bis es Knacks macht, dafür dass du mir damals den Stern abgeknickt hast. Dabei war das nur ein selbstgeklauter Stern auf meiner Ente. :-). Du musst ganz schön in Rage gewesen sein, damals.

    • (15) 15.02.18 - 08:51

      Das ist ja mal wieder typisch.

      Natürlich war ich in Rage. Du hattest dich am Abend zuvor mit Ohiticawin ans Castor-Gleis gekettet und mit ihr dort die Flasche Wein geleert, die ich dir auf deiner letzten Hausparty in deiner linksautonomen 12 Mann/Frau-WG geschenkt habe. Du erinnerst dich, die Gute von J.P. Chenet mit dem schiefen Flaschenhals?

      Leider musstest du deine Ente ja dann verschrotten lassen, weil sie so seltsam zu riechen begann. Mir muss da im Eifer des Gefechts ein Liter Buttermilch in die Lüftung gelaufen sein. :-p

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