Der Mensch und die Sterblichkeit

    • (1) 23.03.18 - 13:37

      Hallo alle zusammen.

      Ich stelle mir schon länger die Frage, wie Menschen, die "an nichts glauben", also jegliche Form von Religion ablehnen und auch sonst an nichts überirdisches oder ein Leben nach dem Tod glauben, mit dem Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit umgehen.

      Ich selbst bin gläubige Christin und ich bin mir sicher, dass der Tod nicht das Ende von allem ist, sondern nur das Ende unserer irdischen Existenz. Woher ich diese Gewissheit nehme? Keine Ahnung, sie war einfach irgendwann da und ist mit den Jahren gewachsen.

      Mit meinem Post möchte ich niemanden provozieren, verurteilen oder bekehren, es interessiert mich einfach nur.

      Ich bin gespannt auf eure Antworten.

      Lg waldfee

      • (2) 23.03.18 - 14:06

        Ich habe mit Religionen nichts am Hut. Aus verschiedenen Gründen, was aber nichts über meinen Glauben aussagt.
        An ein überirdisches Leben, oder einem Leben nach dem Tod, habe ich mich bisher kaum beschäftigt. Warum auch?
        Ich werde es erfahren, wenn es soweit ist.

        Sterblichkeit und der Wunsch, oder die Hoffnung, dass es danach irgendwie "weitergeht" hat meiner Meinung nach nur etwas mit Angst zu tun.
        Was erwartet mich nach meinem Tod...?
        Darauf gibt es keine Antwort.

        Wenn du die Gewissheit hast, das dein Tod nur das Ende deiner irdischen Existenz ist, und nicht das Enden von allem, ist das doch okay.
        Hat den Vorteil das du auf das Ende gut vorbereitet zu sein scheinst.

        Hallo,

        wie meinst du, damit umgehen? Ich glaube nicht; ich sehe mich als Organismus, der jetzt gerade lebt und irgendwann stirbt, und mit dem Tod meines Gehirns stirbt auch mein Bewusstsein, also, für mich kommt da nichts mehr.
        Die Vorstellung an sich finde ich nicht schrecklich, eher: ist halt so.

        Wenn du speziell jetzt aber Angst vor dem Tod meinst: Da kenne ich persönlich keinen Menschen, auch keinen gläubigen Menschen, der keine Angst hätte. Ich würde mal behaupten, dass das einfach unserem biologischen Programm, unserem Lebenserhaltungstrieb zuwider liefe. Aber auch als Nichtgläubige dürfte meine Angst da nicht mehr ausgeprägt sein als bei einem, der glaubt.

        LG

        • Guten Abend.

          "Ich glaube nicht; ich sehe mich als Organismus, der jetzt gerade lebt und irgendwann stirbt, und mit dem Tod meines Gehirns stirbt auch mein Bewusstsein, also, für mich kommt da nichts mehr.
          Die Vorstellung an sich finde ich nicht schrecklich, eher: ist halt so."

          Das ist es was ich meine mit der Frage, wie "ungläubige" damit umgehen.

          Angst vor meinem eigenen Tod, hmm, habe ich eher weniger, denn ich vertraue darauf, dass es danach weitergeht.

          Lg waldfee

      Darf ich fragen, inwiefern dich der Gedanke tröstet, dass der Tod nicht das Ende von allem ist bzw. inwiefern dich Endlichkeit schreckt?

      Ich habe eine Heidenangst vor dem Moment des Sterbens. Ich finde es eine bodenlose Frechheit, dass ich weder Zeitpunkt noch Art meines Todes bestimmen kann, es sei denn ich begehe Suizid, was ich nicht will, weil ich ja am Leben hänge, aber der Tod an sich, der schreckt mich nicht.

      Wenn das nichts ist, kann es ja auch nicht schlimm sein. Nichts ist halt nichts. So einfach ist das für mich. Und wenn ich, so meine Hoffnung, eines Tages des Lebens überdrüssig meinen letzten Atemzug tue, dann ist es eine herrliche Vorstellung, dass danach nichts mehr ist. Weißt du, ich stell mir das so vor wie nach einem aufreibenden Tag in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.

      Geliebten Menschen zeigt man aus dem Grund auch, so mein Glaube, am besten zu Lebzeiten, wie sehr man sie liebt, damit man, sollten sie versterben, nicht das Gefühl hat, etwas zu versäumen.

      Schlussendlich empfinde ich das Bewusstsein, endlich zu sein, auch positiv: es hilft mir sehr dabei, Prioritäten zu setzen und mich auch mal gegen Erwartungshaltungen anderer zu entscheiden. Die Frage: Wie würde ich mich entscheiden, wenn ich wüsste, dass ich morgen sterbe?“ hat mir schon manches Mal viel Klarheit gebracht.

      • Ich beantworte dir mal den ersten Teil ;-) Also ich finde den Gedanken wahnsinnig schön, wenn ich nach dem Tod Personen wieder treffe, die mir zu Lebzeiten sehr am Herzen lagen. Noch schöner der Gedanke, von ihnen "abgeholt" zu werden.
        Ich persönlich glaube zu wissen, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist. Ich hatte 2 Erlebnisse, die recht eindeutig waren.

        • Diese Erlebnisse würden mich sehr interessieren. Ist dir das zu persönlich oder magst du mal berichten, vielleicht auch per PN?

          • Das erste Mal war es, als mein großer Sohn angefangen hat zu sprechen. Er erzählte mir ab da für die nächsten 2 Jahre von seiner alten Mama, seinen Geschwistern, seinem Leben, seinem Zimmer, was er sich mit allen teilen musste etc. Leider habe ich erst viel zu spät WIRKLICH zugehört. Auch kam ihm unser Haus, was 120 Jahre alt ist, sehr vertraut vor. Er wusste z.b. wo genau auf dem Dachboden eine alte Kinderwiege stand und dass der Eingang zum Haus mal an anderer Stelle war (ist jetzt seit den 60ern seitlich am Haus).
            Er brachte auch oft echt gruselige Sprüche, aber so mit dem Ende der Kindergartenzeit verschwand offenbar die Erinnerung an sein altes Leben.
            Das zweite Erlebnis hatte ich nach meiner Hirnblutung. Ich konnte das MRT von Außen sehen und schwebte quasi über dem Teil--erst ein halbes Jahr später erfuhr ich, dass ich im MRT einen Atemstillstand erlitten hatte und wiederbelebt werden musste.
            Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Angst o.ä.
            Und ich gehöre echt nicht zu der Huibuh Fraktion ;-)

            • Ich will mich jetzt nicht auf die Minute festlegen, aber ca. eine Stunde, bevor mein Mann starb, war auch etwas seltsam. Er schlief schon die ganze Nacht und den ganzen Morgen, oder erweckte eben den Anschein, auf meine Ansprache reagierte er jedenfalls nicht. Ich saß ja die ganze Zeit bei ihm und mir fiel auf, dass er immer wieder in die Luft griff, wie wenn er nach jemandem greifen möchte....dabei sah er aber total entspannt aus, wie auch in dem Moment, als er starb. Irgendeine Scheu hat mich gehindert, seine Hand zu ergreifen, vielleicht hätte ich ihn gestört? Der Gedanke, dass er vielleicht von seiner Familie "abgeholt" wurde, hat etwas Tröstliches. Vor dem Tod selber habe ich keine Angst, nur vor einem langen Sterben... LG Moni

              Auch hier nochmal: Danke fürs Erzählen!

              Hallo Schnabel2009,

              bei Deinem Beitrag ist es mit eiskalt den Rücken runter gelaufen.
              Ich sage immer ich habe sieben Leben wie eine Katze ;)
              Nach meiner Geburt, fand mich die Kinderkrankenschwester durch Zufall, war schon ganz blau angelaufen, die Lungen waren noch nicht richtig ausgebildet.
              Überlebte einen sehr schweren Autounfall bei schlappe 240 km auf der Autobahn.
              2001 war ich lange Krank, über sechs Wochen. Dann Krankenhaus mit 41,7 ° Fieber,
              hatte eine Enzephalitis, Koma und wieder erwacht. Zwei Jahre hatte ich gebraucht bis ich wieder Arbeiten konnte und zu 99 % wieder gesund.

              Weshalb ich eigentlich schreibe 1993 hatte ich einen schweren Handunfall, leider ein schlechter Tag vor mir wurden schon 20 Leute mit Handunfällen eingewiesen.
              OP`s waren alle voll ich ober auf der Station unter Überwachung von Monitoren und Schwestern , Pflegern und Ärzten, wurde gerade besprochen was man noch retten konnte oder was alles Amputiert werden muss.
              Dann Alarm der Monitore, ab da sah ich alles nur noch von oben wie alles rannten und mir Spritzen von allen Seiten in den Körper rammten egal wo sie mich trafen.
              Hatte eine Blutdruckabfall auf 10 zu 40 dann Herzstillstand.

              Ob jetzt man das alles als Glück gehabt abhaken kann keine Ahnung.

      Hallo du.

      Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen und für mich stand die Unsterblichkeit der Seele nie infrage, von daher schreckt mich auch keine Endlichkeit, weil ich daran schlicht nicht glaube.

      Der Körper ist nur die Hülle, das wirkliche Wesen ist die Seele, die von Gott kommt und wenn wir unser Leben gelebt, unsere Aufgaben erfüllt haben, kehrt die Seele zu Gott zurück.

      Vor dem Sterben habe ich keine Angst, ein bisschen vielleicht davor, die letzte Schwelle ins unbekannte zu übertreten. Aber ich vertraue darauf, dass da etwas ist, etwas gutes.

      Und ich bin froh, dass ich weder weiß, wann und wie ich mein Leben lassen werde, noch den Zeitpunkt und die Art selbst bestimmen kann.

      Gerade das macht doch das Leben so kostbar. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns gegeben ist, das ist doch der beste Grund, es in jeder Hinsicht so gut zu machen wie wir können.

      Lg waldfee

Danke für den spannenden Thread!

"ich bin mir sicher, dass der Tod nicht das Ende von allem ist, sondern nur das Ende unserer irdischen Existenz."

Eingangs würde mich sehr interessieren, wie du dir den Weg deiner Seele denn vorstellst? Und bist du dir sicher, dass es ein guter Weg werden wird? Ich kann deinen festen Glauben an eine unsterbliche Seele nicht teilen. Eher würde ich mich als sehr hoffend beschreiben. Vorstellen kann ich es mir aber nicht wirklich.

Beindruckt bin ich aber von der Nahtodforschung, den Begriff jetzt mal unpräzise verwendet. Aus naturwissenschaftlicher Sicht kann ich das leider selbst gar nicht beurteilen, mich fasziniert aber, dass die als beinahe universell religiös erlebte Erfahrungen neurobiologisch angelegt sein sollen. Darüber hinaus stimmt mich sehr nachdenklich, dass man anscheinend archetypische Elemente in den Beschreibungn der Nahtoderfahrungen ausmachen kann, die zwar individuelle Züge tragen, doch aber transkulturell deutliche Gemeinsamkeiten aufweisen.

Ich persönlich hoffe auf – im Moment des Sterbens- ein solches, tief empfundenes Liebes- und Glückseligkeitsgefühl.

Mich umtreiben aber eher die Konsequenzen der beiden unterschiedlichen Konzepte auf das Hier und Jetzt. Wie gestalten wir unser Leben, wenn wir von der Unsterblichkeit, wie, wenn wir von der Sterblichkeit der Seele ausgehen?

Christlich-katholisch sozialisiert bin ich zum ersten Mal in der Oberstufe mit Konzepten der Sterblichkeit bewusst in Berührung gekommen. Immer noch begeistert bin ich vom Konzept des Lukrez. In dessen System soll es sehr erleichternd sein, dass die Seele sterblich ist. Man soll einerseits dadurch vor der Angst vor dem Leben nach dem Tod befreit werden und andererseits soll das Leben als solches lebenswerter gemacht werden.

Der Tod soll uns nichts angehen, eben weil wir noch leben und wenn er dann da ist, existieren wir ja nicht mehr. Da unsere Wahrnehmung mit dem Tod endet, fürchten wir etwas, was irrelevant für uns sein wird. Daneben soll das Erleben von Glückseligkeit nicht von quantitativen Faktoren abhängig sein. Es spielt also nicht einmal eine Rolle, dass das Leben endlich ist.

Hilfreich für das Leben soll auch sein, dass man, wenn man nicht mehr auf das Leben nach dem Tod hofft, die Konzentration mehr auf das Erleben von Glück im Hier und Jetzt richtet.

Ich kann mir die Frage bis heute nicht beantworten: Kann ich das Leben mehr genießen, weil ich weiß, dass es die einzige und endliche Chance ist oder setzt mich das zu sehr unter Druck?

Wie geht es dir da?

Das System des Lukrez hatte für mich immer schon die Schwäche, dass es den Menschen als soziales Wesen nicht in den Blick nimmt, der leidet, wenn er andere verliert. Im Hinblick auf Mitmenschen, besonders Verstorbene, hoffe ich sehr auf eine Art ewiges Liebesgefühl, das verbindende Funktion hat.

  • Wenn dich das Thema so umtreibt, hast du dann vielleicht mal über eine Rückführung nachgedacht?

    Das, was die Menschen, die ich kenne und die das gemacht haben, berichten, haut mich ehrlich gesagt immer wieder aus den Socken und berührt mich wie dich Berichte über Nahtod-Erfahrungen.

    Ich habe mich mit dem Nichts als Worst-Case-Scenario auseinandergesetzt und so erfolgreich versucht, ihm seinen Schrecken für mich zu nehmen.

    Gut annehmen als Perspektive kann ich aber auch Vorstellungen eines Nirwanas, wo sich das Konzept des Ichs auflöst mit all den dazugehörigen Irrglauben und Leiden und mein Ich in einer Art kollektiven Bewusstseins aufgeht, das voller Frieden ist.

    Ich mag die Allegorie von der Welle und dem Meer, wie sie z.B. Willigis Jäger auch verwendet: das Leben ist die Welle, der Tod das Meer und schlussendlich ist daher alles eins. Es gibt keinen Dualismus von Tod und Leben, nichts, was man fürchten muss. Alles ist eins.

    Diese Vorstellung finde ich sehr friedvoll und sie gibt mir viel Ruhe. Es wäre schön, wenn ich fest an sie glauben könnte.

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