"Die letzten Kinder von Schewenborn"

    • (1) 11.04.18 - 19:59
      Inaktiv

      Hallo, das o.g. Buch habe ich letztes Wochenende auf einem Flohmarkt (wieder)gefunden. Ja, ich kenne es noch aus der Schule. Damals war ich so 12 und es war Pflichtlektüre im Deutschunterricht.
      Obwohl ich schon damals nicht in Watte gepackt wurde. Geschichten von Flucht und Vertreibung waren immer ein großes Thema in der Familie. Nachrichten standen auf meinem täglichen Programm. Mein älterer Bruder hat mir seine Horrofilme auf Super8 vorgespielt (sie sind noch gruseliger wenn man sie rückwärts laufen lassen kann, fand er#rofl). Also ich hatte wirklich eine Kindheit jenseits von FSK und Jugendschutz. Aber dieses Buch hat mich damals geschockt, ich habe es an einem Tag verschlungen...und danach die Welt mit anderen Augen gesehen.
      Jetzt habe ich es wieder vor mir liegen, diesmal bin ich nicht so schnell mit der Leserei, aber ich merke schon das sich viele Abschnitte über all die Jahre so extrem eingebrannt hatten. Sehr negativ ist auch der Umgang des Lehrers damit in Erinnerung geblieben, völlig teilnahmslos, Hauptsache der Stoff wurde abgearbeitet. Auf der anderen Seite, was sollte er auch groß dazu sagen. Seine persönliche Meinung hätte er uns gar nicht verkünden dürfen.
      Ich frage mich heute, ob es noch in der Schule gelesen wird. Ob es eine Neufassung gibt, weniger detailiert vielleicht. Hätte so ein Buch heute überhaupt noch eine Chance? FSK? In einer Zeit, in der die meisten Kinder stark in Watte gepackt werden. Kennen eure Kinder das Buch? Wenn ja, wie alt waren sie, als sie es gelesen haben? Und was ich mich wirklich frage, wer hat noch so starke Erinnerungen an dieses Buch?

      #winke

      (Ich habe das bewußt hier gepostet, denn es geht ja um mehr als nur das Buch selber. "Medienwelt" finde ich eher unpassend.)

      • (2) 11.04.18 - 22:17

        Mir ging es mit dem Buch wie dir. Bis heute habe ich noch sehr starke Bilder im Kopf und bei dem Gedanken an die Geburt des augenlosen Kindes läuft es mir noch heute kalt den Rücken runter.

        Das Buch wird meines Wissens heute nicht mehr in Schulen gelesen. Curricular vorgegeben war das, so mein Wissenstand nie. Heute ist es in Vergessenheit geraten, vermutlich nach dem Ende des Kalten Krieges.

        Wir werden es damals in der siebten/achten Klasse gelesen haben? Da lesen unsere siebten Klassen gerade ebenfalls ein gesellschaftskritisches Werk, aktuell “Wunder“ (was ich aus etlichen Gründen ungeeignet finde).

        In Watte gepackt sind die Kids von heut zu Tage nach meinem Empfinden nicht. Die gucken ja “The walking dead“ und anderen Quatsch. Ich weiß gar nicht, wie sie auf das Pausenwang-Buch reagieren würden.... vermutlich weniger verstört als wir damals, wobei Lesen ja noch anders als Gucken ist, da das Kopfkino aktiviert wird.

        • (3) 12.04.18 - 09:46

          Ich hatte nach dem Buch immer nur den Gedanken, das falls es zu einem Atomangriff kommen sollte, soll er bitte "gleich um die Ecke" stattfinden. So das man selber sofort mit ausgelöscht wird.

          • (4) 12.04.18 - 14:19

            Mir ging es ähnlich, ich lebte damals in Gießen und war fast froh, dass es uns in Mittelhessen/Rhein-Main-Gebiet als erstes erwischen würde. Ich habe letztens noch einen Bericht über "Fulda Gap" gesehen, auch erschreckend. Bei den Nachrichten zu Trumps Tweet wegen eines Angriffs in Syrien gestern musste ich wieder an das Buch denken.

            Mein Sohn hat in der Schule "Die Wolke" gelesen, "Die letzten Kinder von Schewenborn" hat er privat gelesen, mein Exemplar aus den 80ern (achte Klasse Deutschunterricht).

            LG
            o_d

        (5) 12.04.18 - 14:23

        Ich hatte während eines Führungskräfteseminar mal das Thema der verschiedenen Generationen und welche globalen (guten wie schlechten) Ereignisse/Strömungen diese Generation in Kinder- und Jugendjahren geprägt haben. Klar, meine Generation: Tschernobyl, Kalter Krieg, Umweltschutz, Friedensbewegung, aber auch Hedonismus, Oberflächlichkeit, Kohl-Ära.

        Für die Generation meines Sohnes nannte die Dozentin als erstes 9/11. #schock Stimmt, da war er erst 10, fast elf. Mit seine erste prägende Nachrichtenerinnerung. Eigentlich auch sehr schlimm.

    Wir hatten es in der 6. Klasse in deutsch auch gelesen. Und ich habe die ganze Zeit mit den Tränen kämpfen müssen. Eine Szene ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Nämlich die, wo sich eines der Kinder erhängt hat, denn ich habe mir gedacht, dass ich es wohl quch gern hätte, wenn ich in der Situation gewesen wäre. Das Buch hat einen bleibt den Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist viel schlimmer als "Die Wolke ", wobei auch dort sehr heftige Szenen vor kamen. Ich habe das Buch nie wieder gelesen aber die Gefühle, die ich beim lesen hatte, waren beklemmend. Ich fühlte mich so unglaublich verzweifelt und hilflos und dieses Buch hat mich nachhaltig geprägt.

    • (7) 12.04.18 - 09:31

      Ja, da stimme ich dir zu. "Die Wolke" hat mich kaum berührt.
      Ich habe gestern noch etwas über die Autorin gelesen, da hat es bei mir Click gemacht. Wenn man in dem Buch den atpomaren Hintergrund mal wegläßt, dann schreibt sie doch eigentlich nur das, was sie als JUgendliche selber erlebt hat. Sie ist Jahrgang 1928, kommt aus Böhmen. Sie hat all das gesehen, was auch meine Eltern gesehen haben. Bei uns war ja die Kriegszeit kein Tabuthema, das war ja schon die große Ausnahme zu der Zeit.
      Nur deswegen konnte sie dieses extrem beklemmende Gefühl erzeugen, sie hat viele der Dinge, die sie im Buch beschreibt einfach erlebt. Passend zum Kalten Krieg hat sie ihre Erlebnisse mit den Folgen eines atomaren Angriffes "gemischt".
      Damals hatte ich mir geschworen, von ihr nie wieder freiwillig etwas zu lesen. Hm, gerade schaue ich was sie sonst noch für Bücher geschrieben hat.
      Habt ihr damals in der Schule pber die Autorin selber gesprochen? Oder war es wie bei mir, das Buch wurde nur als Mittel zum Zweck benutzt, nämlich eine vernünftige Zusammenfassung auf das Papier zu bringen? Komisch, ich erinnere mich, das unser Lehrer (damals kurz vor der Rente) bei anderen Büchern ganz anders war, er wollte uns die Bücher immer "vermitteln"....bei diesem Buch war extrem kurz angebunden.

      • Nein, wir haben das nicht weiter aufgearbeitet. Unsere Klassenlehrerin hat es uns einfach vorgelesen. Mehr nicht. Keine große Besprechung darüber, keine Nachbearbeitung, gar nichts. Und ich glaube, das war das schlimmste dabei. Das msn mit den Gedanken dazu einfach allein gelassen wurde. Über die NS zeit haben wir viel geredet, waren sogar mehrmals in Bergen-Belsen. Aber über Atomkrieg haben wir nicht gesprochen.

(9) 12.04.18 - 10:59

Hallo,

ich habe nur "Die Wolke" von Pausewang und "On the beach" von Nevil Shute gelesen. Das erste habe ich privat gelesen, das zweite im Englisch-Unterricht. Da war ich so um die 14.

Ich fand beides schrecklich. Das sind Szenarien, wie man sie niemals erleben möchte, und das üble daran ist, dass man keinerlei Einfluss darauf hat, ob so etwas passiert oder nicht.
Es interessiert ja trotz Tschernobyl und der Sache in Japan nicht einmal irgendeinen Verantwortlichen hier im angeblich so fortschrittlichen und demokratischen Europa, dass zig Leute wegen Tihange protestieren. Die EU befasst sich lieber mit Backofen-Maßen. #aerger

Atomkraft und ihre Folgen als Thema im Unterricht finde ich sinnvoll, aber der Sinn, Kinder mit Horror-Szenarien wie in den Pausewang-Büchern als Zwangslektüre zu ängstigen, erschließt sich mir nicht. Genauso liest man mit Kindern ja auch keine Bücher, in denen detailliert beschrieben wird, was damals mit den Menschen in den KZs passiert ist. Dass die Leute inklusive ihrer Kinder, allgemein gesprochen, gefoltert und umgebracht wurden, ist für Kinder schon schlimm genug zu verdauen.

"Hätte so ein Buch heute überhaupt noch eine Chance? FSK? In einer Zeit, in der die meisten Kinder stark in Watte gepackt werden. Kennen eure Kinder das Buch?"

FSK kenne ich bei Büchern so gut wie gar nicht, außer bei Pornographie.

Momentan sind Kinderbücher fast alle entweder in den Bereichen Fantasy, Spaß, Krimi, Mädchen- oder Tiergeschichten unterwegs. Problem-Kinderbücher, wie sie in den 80ern üblich waren, oder auch nur realistische Geschichten, haben Seltenheitswert.
Viele Kinder haben die Aufmerksamkeitsspanne eines Zitronenfalters bei Büchern. Alles, was etwas anspruchsvoller ist, ist gleich laaangweilig. Das ist leider eine Generation, wo viele gewöhnt sind, bei kleinsten Zeichen von Langeweile bekaspert zu werden und sich nie anstrengen zu müssen.

Unsere Tochter (10) liest gerne auch mal realistischere Bücher. Sie hat freiwillig "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" und "Warten bis der Frieden kommt" gelesen. Die gab schon nicht mehr in der Pfarrbücherei, weil laut Mitarbeiterin, Kinder heute so etwas nicht mehr lesen wollen.
Ich suche die ganze Zeit für sie Bücher, die nicht total seicht, aber trotzdem für das Alter schon einigermaßen geeignet sind.
Pausewang u.ä. werde ich ihr allerdings frühestens ab 14 emfehlen. Die finde ich von der Atmosphäre her vorher zu heftig, weil die mich selbst schon mitnimmt.

Was heute als Schullektüren gelesen wird, weiß ich nicht. Unsere Tochter ist in der 5. Klasse und hatte bisher keine. Der Kleine ist erst in der 3. Klasse.

In Watte werden viele Kinder heute, was Medien angeht, nicht gepackt. Die dürfen mit 10 Computerspiele ab 18 spielen, und mit 8 haben viele schon Herr der Ringe u.ä. gesehen. Diesen Eltern wäre wahrscheinlich auch egal, ob die Kinder mit 10 "Die Kinder von Schewenborn" lesen, nur haben die Kinder keinen Bock zum Lesen.

Ich dürfte übrigens in den 80ern auch keine Filme gucken, die nicht für mein Alter gedacht waren. ;-)

Die heutigen Kinder werden in Watte gepackt, was Selbstständigkeit angeht. Einen Drittklässler kann man doch nicht alleine zur Schule gehen oder draußen spielen lassen! #schock

LG

Heike

  • (10) 12.04.18 - 13:03

    Kennt ihr "ausserirdisch ist woanders"?

    Es wäre vielleicht was für deine Tochter :-)

    Lustige Geschichte, aber mit "Tiefgang" und Sozialkritik.

    Wir haben es geliebt.

    LG,
    Natalia

    „Genauso liest man mit Kindern ja auch keine Bücher, in denen detailliert beschrieben wird, was damals mit den Menschen in den KZs passiert ist. “
    Keine Ahnung ob der Lehrplan das genau so vorgibt, aber im Rahmen des Geschichtsunterrichts besucht die Schule meiner Tochter in der 9 Klasse ein ehemaliges KZ. Insbesondere dort vor Ort ging es schon sehr ins Detail (wo zB. was genau passierte). Nicht gerade wenigen wurde richtig schlecht. Aber es kamen auch viele Fragen die nicht nur oberflächlich waren.
    Das finde ich schon nachvollziehbar.
    Ein Buch wie das oben genannte empfinde ich auch nicht ganz als den richtigen Weg Atomkraft im Unterricht zu behandeln.

(12) 12.04.18 - 13:27

Danke fürs Erinnern. Ich werde wohl mal im Keller meiner Eltern nach dem Buch forschen. Da ich bei friedensbewegten Ökoeltern aufgewachsen bin, hab ich das Buch tatsächlich privat gelesen. In welchem Alter, das weiß ich jetzt nicht mehr. Aber ich kann mich erinnern, dass ich als Kind "oder lass uns direkt verglühen" in meinem Abendgebet hatte.

Krass, oder? Und gerade gestern hab ich gedacht "Jetzt enfesselt der bekloppteste Twitternutzer der Welt WW3".

(13) 12.04.18 - 19:57

Hallo,

ich bin mit solchen ("Mach")Werken aufgewachsen.
Und finde sie retrospektiv einfach nur indoktrinierend (oder scharf gesagt: Propaganda). Und wenn meine Tochter ein solches indoktrinierendes Werk hätte lesen müssen, dann hätte ich mich klar dagegen positioniert oder es ihr zumindest erklärt, was daran indoktrinierend ist.
Bei uns im Schulunterricht ist eine solche Reflexion unterblieben. Man wird nicht einmal darauf aufmerksam gemacht, dass die verwendeten Stilmittel (drastische und massiv detaillierte Beschreibungen) der Emotionalisierung des Lesers dienen...

Wir durften auch u.a. "Die Welle" genießen. Ein Buch, welches sowohl in sprachlicher als auch geschichtlicher, als auch psychologischer Vereinfachung "mal so eben erklären will, wie leicht Faschismus und so weiter" - nein.
Diese ganzen Werke sind pädagogisch nicht wertvoll, solange deren Inhalte, deren Aussagen nicht einer gemeinsam erarbeiteten kritischen Prüfung und Reflexion unterzogen werden. Dazu gehört auch eine Prüfung auf Inhaltsplausibilität und die Verwendung der jeweiligen Stilmittel.

LG

  • (14) 13.04.18 - 10:06

    Propaganda, wofür?

    Welche negativen Auswirkungen entstehen denn durch die Form der Indoktrinierung, die
    du hier ansprichst, für den Leser?

    Was genau hast du im Kopf, wenn du von Indoktrinierung sprichst?

    Pausewang hat ihr Werk unter dem Eindruck des kalten Krieges geschrieben und appellierte, dass atomare Auseinandetsetzungen keine Option darstellen dürfen.

    Das hat sie durchaus drastisch veranschaulicht, ob es unlauter war, derart auf diese emotionale Wirkungsschiene zu setzen, sei dahingestellt.

    Das ist ja erstmal kein verabscheuungswürdiger Ansatz, finde ich.

    Auch wenn mich ehrlich gesagt,
    der Kitschfilm -Gone with the wind- deutlich mehr berührt, als Pausewangs Buch.

    Das liegt aber auch daran, ähnlich wie bei -der Wolke-, dass diesen Werken grundsätzlich ein eher negatives Menschenbild zugrunde liegt, was ich als naive Optimistin nicht in Gänze teile.

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