Das Schicksal anderer

    • (1) 27.04.18 - 18:10

      Guten Abend,

      mich treibt momentan ein Gedanke um, der einfach nicht wieder aus meinem Kopf raus will und daher bin ich an eurer Meinung interessiert.

      Vor einigen Tagen traf ich einen Bekannten aus früheren Zeiten und wie das so ist, man hält ein kurzes Schwätzchen über die ein oder andere Belanglosigkeit. Alles prima. Auf meine Standardfrage, wie es ihm denn so gehe, bekam ich folgende Antwort:

      "Ach du, ganz gut soweit. Es gibt ja immer irgendwo Baustellen. Aber hast du das von XY gehört? Bei seiner Frau wurde Krebs im Endstadium festgestellt, noch ein paar Monate und er ist allein mit den drei Kleinkindern. Ich sag dir, immer wenn bei mir gerade was schief läuft oder ich mich ärgere, dann denke ich an den und sofort geht's mir wieder gut!"

      Ich bin von dieser Aussage irgendwie ziemlich verblüfft. Vor allem, dass der Bekannte diese so unverblümt geäußert hat. Ich habe mir vorgestellt, wenn ich in der Situation des armen Kerls wäre und wüsste, dass andere mein Unglück dazu nutzen würden, sich selbst besser zu fühlen... Klar, er weiß natürlich nichts davon. Trotzdem ist so eine Einstellung für mich irgendwie... falsch.

      Wenn ich an so ein Schicksal denke, dann habe ich Mitleid. Und natürlich bin ich auch manches Mal dankbar, dass ich selbst verschont geblieben bin. Aber wenn ich einen miesen Tag habe, im Stress bin oder Streit habe denke ich doch nicht "Ach, Hauptsache geht's mir besser als dem armen Wurm!"

      Seht ihr das anders? Sollte man fremde Schicksale nutzen, um selbst gelassener zu werden, sein eigenes Leben mehr zu genießen? Oder fühlt sich das für euch genauso falsch an wie für mich?

      Ich bin gespannt auf eure Ansichten.

      • So wie dein Bekannter formuliert finde ich es auch falsch.

        Aber auf andere Art finde ich es in Ordnung:

        Wenn es anderen richtig viel schlechter geht als mir und die trotzdem den Kopf nicht hängen lassen, dann ist das ein guter Anlass sich selbst in den Arsch zu treten, dass man doch wirklich kein Grund zum klagen hat.

        • Das mag so richtig sein. In dem Fall hätte es etwas von "sich eine Scheibe abschneiden".

          In dem konkreten Fall trifft das leider nicht zu. Der betroffene Bekannte weiß seit der Diagnose nicht mehr, wo oben und unten ist und es geht ihm unendlich mies. Eigentlich funktioniert er nur noch, gerade so. Da kann man nicht mehr vom Kopf-hängen-lassen sprechen. Es gibt nichts, was man sich bei ihm abgucken könnte.

          Und da finde ich es irgendwie verwerflich, sein Leid für die eigenen Zwecke zu nutzen. Um das eigene Leben quasi aufzuwerten. Anstatt sich die Dinge ins Gedächtnis zu rufen, die im eigenen Leben toll und lohnenswert sind, sucht man sich ein schreckliches Schicksal, um dann resümieren zu können "Hey, so schlecht geht's dir doch gar nicht?" Und dann ist die Welt wieder rosarot?

        (5) 28.04.18 - 20:24

        Da kann ich Carn zustimmen!
        Ich bekomme bald Weisheitszähne raus #zitter .
        Als meine Bekannte erzählt hat, das ihr Schwager nach großer OP einen Kieferknochen ersetzt bekommen hat und es ihm langsam besser geht denke ich: "Ach die paar Zähnchen werde ich doch noch überleben!"
        Wenn man selbst Probleme hat, sieht man die in einem anderen Licht, wenn man feststellt, das jeder sein Päckchen hat. Und in den allermeisten Fällen will man danach gar nicht mehr tauschen...

    Hallo.

    Ich glaube, du hast das in den falschen Hals gekriegt.

    Dein Freund meinte wohl: Wenn er das Schicksal dieser Familie betrachtet, dann wird ihm bewusst, dass seine "Probleme" eigentlich keine Probleme sind. Und diesbezüglich hat er wahrscheinlich recht.

    LG

    • Ja, ich vermute (und hoffe), dass er das einfach einfach unüberlegt vom Stapel gelassen hat. Ich verurteile ihn dafür auch nicht.

      Das Gespräch war für mich nur der Anstoß, allgemein über dieses Thema nachzudenken. Ist es ok zu zu denken? "Wenigstens geht's mir nicht wie XY". Und sich danach besser zu fühlen? Geht man dadurch dann achtsamer durchs Leben oder dankbarer, gelassener? Wie würde sich wohl der Betroffene fühlen, wenn er von diesen Gedanken wüsste, die ihn ja so gesehen auch betreffen?

      Diese Gedanken kreisen bei mir gerade.

      • Na, man denkt ja nicht "Oh, zum Glück hat es xy getroffen und nicht mich". #zitter
        Man denkt "Oh, leider ist xy krank. Das tut mir leid." Und im selben Atemzug bin ich dankbar, dass es meinen Lieben und mir gut geht. Was ist daran verkehrt?

        Ich selber habe auch "die andere Seite" schon durchleben müssen.

        Ja! Es tut weh, wenn man merkt, dass die Leute über einen reden. Und JA, man ist neidisch auf alle, die gesund sind...... Das sollte man eigentlich auch nicht. Aber ich muss gestehen, dieses Gefühl ist einfach in mir entbrannt und ich konnte es nicht abstellen.#gruebel

    genauso hätte ich das jetzt auch formuliert!!!#pro

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