Die neue Kriminalitätsstatistik ist da

    • (1) 08.05.18 - 22:25

      bedeutungsschwanger vorgetragen vom Innen- und Heimatminister. Mit ernster Miene natürlich.

      Ich frage mich, wenn er, der Minister, von der "Sicherheit in Deutschland" redet, wie tauglich ist dann diese Statistik um überhaupt sagen zu können, wie sicher man in Deutschland lebt.

      Bei den rund 5,5 Millionen Straftaten sind ja sowohl solche Straftaten enthalten, die mit der Sicherheit, bzw. Das, was man darunter versteht, nichts zu tun haben. Genauso gut werden manche Straftaten, die sehr wohl die Sicherheit der Bürger betreffen nur unterrepräsentiert abgebildet. Manche Straftaten werden auch völlig entfremdet dargestellt wenn es zum Beispiel um die Kriminalitãt in Grossstädten geht.

      Sind Kriminalstatistiken überhaupt dazu geeignet, den Status Quo an Sicherheit zu benennen?

      • Hallo,

        "traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast" - von wem auch immer dieser Spruch ursprünglich stammt - es/sie hat recht gehabt.

        Eine derartige Statistik hat keinen Wert in Sachen "persönliche Sicherheit", weil das Gefühl "sicher" zu sein immer subjektiv und auf den Einzelnen bezogen ist.

        sinkende Kriminalitätsraten im Bereich "x" im Bundesland "y" helfen Jemandem der z.B. in Duisburg-Marxloh oder Köln-Kölnberg oder in ähnlichen Gebieten lebt nun mal gar nicht.

        Die Gefahr Opfer eines Verbrechens zu werden ist sicher objektiv nicht so groß, wie sie subjektiv empfunden wird - die Gefahr Opfer eines schweren VU zu werden ist sicher größer - aber in der heutigen Zeit sehen sich nun mal viele "in Gefahr", auch wenn es dafür keinerlei konkrete Umstände gibt.

        LG

        So lange die Statistiken jährlich auf derselben Basis erstellt werden wird es wohl so sein, dass man gewisse Dinge ablesen kann. Z.B. ob Einbrüche häufiger werden, ob Kinderkriminalität sinkt oder was auch immer. Oder auch, wo in Deutschland eine erhöhte allgemeine Kriminalität stattfindet (oh, erstaunlicherweise in Ballungszentren).

        Ob man sich mit so einer Statistik nun persönlich sicherer fühlt, sei dahingestellt. Zumindest gibt es mir schonmal ein gutes Gefühl, wenn ich höre, im Bereich XY ist die Rate deutlich niedriger als im Vorjahr. Passieren kann mir natürlich trotzdem etwas.

        • Die jährliche Polizeistatistik ist insofern schon sehr skeptisch zu betrachten weil allein schon die Art der Straftaten, die mitgezählt werden, von Kommune zu Kommune unterschiedlich sind. So werden in einigen Städten Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz nicht mit eingerechnet, in anderen schon.

          Oder die Bewertung von Kriminalität in Großstädten.

          Frankfurt z.B., gilt nach der neusten Statistik als die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate. Frankfurt ist aber auch ein internationaler Verkehrsknotenpunkt. 300000 Menschen pendeln täglich zur Arbeit nach Frankfurt. 60 Millionen Fluggäste werden per anno am Frankfurter Flughafen abgefertigt. Alle Straftaten die von diesen vorübergehenden Besuchern verübt werden, werden in die Kriminalitätsstatistik der Stadt Frankfurt aufgenommen.

          In München gehört der Flughafen dagegen nicht mehr zum Stadtbereich, sondern zu den umliegenden Gemeinden Freising und Erding. Straftaten die hier passieren, werden nicht der Stadt München zugerechnet. München gilt als eine der sichersten Städte Deutschlands. Sind die Bewohner in München nun wirklich krimineller als die Bewohner Frankfurts?

          Wenn man die Statistik abgleicht mit den Erhebungen, die zum Thema gefühlte Sicherheit versus wissenschaftliche Studien, erfasst wurden, dann ist die gefühlte Bedrohung mancher Menschen dort besonders hoch, wo kaum etwas passiert. Es reicht dort aber, wenn eine Gruppe südländisch aussehender junger Männer auf dem Dorfplatz steht um die Verunsicherung nach oben zu bringen. In Ballungszentren, wo es weit häufiger Berührungen mit südländischen Menschen gibt, fühlen sich Menschen dagegen sicherer. Unabhängig von der relativ hohen Kriminalität in ihrer Stadt laut Statistik.

          Es ist gewiss auch eine Typfrage, wer sich durch was schneller oder eben weniger schnell verunsichern lässt. Man wird aber jemandem, der nun mal unter diesen diffusen Ängsten leidet, selbst dann nicht mehr Sicherheit vermitteln können, wenn man ihm statistisch unter die Nase hält, dass seine Angst, Opfer einer Straftat in seiner Community zu werden, so unwahrscheinlich ist wie eine Reise zum Mond.

          • Du hast jetzt im Prinzip ja nur nochmal genauer ausgeführt, was ich gemeint habe. Oder war das so gedacht? Frankfurt mit München zu vergleichen finde ich ebenfalls unsinnig, aber wenn man beispielsweise feststellt, die Zahl der Einbrüche ist in Frankfurt deutlich zurück gegangen in einem gewissen Zeitraum und die Ergebnisse basieren auf denselben Erhebungsdaten ist das einen Vergleich wert.

            Mein Anliegen war nur, insgesamt auszudrücken, dass man sicher nur einen Bruchteil von irgendwelchen Statistiken im Hinblick auf Kriminalität überhaupt aussagekräftig auslesen kann.

            • Es war auch eher als Ergänzung gedacht.

              Bezüglich der zur Anzeige gebrachten Straftaten, die aber nicht in der Statistik auftauchen, gesellt sich natürlich noch eine Dunkelziffer an Straftaten, die erst gar nicht angezeigt werden.

              Hier fällt mir besonders der Bereich der häuslichen Gewalt bzw. Vergewaltigungen in Beziehungen ein. In Deutschlands Haushalten finden, so schätzt man, jährlich rund 100.000 Vergewaltigungen statt, nur rund 8000 davon kommen zur Anzeige. Hier sieht man also in der Statistik nur die Spitze des Eisberges.

              Bei anderen Straftaten wie z.B. Verkehrdelikten wie Trunkenheit am Steuer, ist die Dunkelziffer mit Sicherheit nochmal um einiges höher. Aber solange nichts passiert, hat es auch keine Folgen. Die Trunkenheitsfahrt ab 0,5 Promille bleibt dennoch eine Straftat.

              Insofern macht es, wie Du schon schreibst, nur Sinn, einzelne Themenfelder aus Statistik über Jahre zu vergleichen. Wie z.B. bei Gewalttaten, die laut Statistik gesamt in den letzten 15 Jahren zurückgegangen sind. Hinzu rechnen muss man aber gedanklich eine Anzahl x der Dunkelziffer um annähernd realistische absolute Zahlen zu erhalten. Was dennoch aber den Langzeit-Trend widerspiegeln kann.

              Was das Ganze nochmal erschwert: Die Statisiken erfassen nur Verdächtige, nicht aber tatsächliche Verurteilte. Und nicht jeder Verdächtige ist auch tatsächlich ein Straftäter.

              • (7) 11.05.18 - 09:16

                "Insofern macht es, wie Du schon schreibst, nur Sinn, einzelne Themenfelder aus Statistik über Jahre zu vergleichen. Wie z.B. bei Gewalttaten, die laut Statistik gesamt in den letzten 15 Jahren zurückgegangen sind. Hinzu rechnen muss man aber gedanklich eine Anzahl x der Dunkelziffer um annähernd realistische absolute Zahlen zu erhalten. Was dennoch aber den Langzeit-Trend widerspiegeln kann."

                Selbst da muss man im Hinterkopf haben, dass sich ja die Anzeigebereitschaft verändert kann.

                Z.b. habe ich mal unbestätigt gehört, dass es Gegenden in D gibt, da kommt bei einer Anzeige wegen Wohnungseinbruch nicht mal ein Polizist vorbei, um z.b. Fotos zu machen und die mutmasslichen Opfer persönlich zu fragen und den Tatort in Augenschein zu nehmen; sondern die mutmasslichen Opfer sollen hat schriftlich angeben, was weggekommen ist und viel mehr erfasst die Polizei über die Tat nicht.

                Dies soll mit Personalmangel bei der Polizei zu tun gehabt haben; also das wörtlich am Telefon gesagt worden sei: "Wir haben nicht genug Leute, um wegem einem Einbruch jemanden vorbei zu schicken".


                Wenn es solche Zustände gäbe, würde das natürlich die Anzeigebereitschaft absenken; denn wozu die Mühe machen, wenn man eh nicht versichert ist?


                Und gerade solche Zustände können sich über einen Zeitraum von 15 Jahren auch einstellen, wenn halt andauernd Polizeipersonal eingespart würde.


                Das soll nur eine Erläuterung sein, warum sich über solche Zeiträume leicht Veränderungen der Anzeigebereitschaft ergeben können; ob die Behauptung über solch personell unterbesetzte Polizeidienststellen stimmt, weiß ich leider nicht sicher.

      https://www.focus.de/politik/deutschland/polizeiliche-kriminalstatistik-kripo-beamter-behauptet-tatsaechlich-gab-es-viel-mehr-straftaten-als-statistik-zeigt_id_8882500.html

      "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern!" Also: Alles wurde viel besser. Die täglicher Erfahrungen Einzelner basieren bestenfalls auf Einzelfällen, die keinesfalls die Realität abbilden... #winke

      "Sind Kriminalstatistiken überhaupt dazu geeignet, den Status Quo an Sicherheit zu benennen?"

      Sie sind teilweise dafür geeignet.

      Dafür ist allerdings zu beachten, was diese Statistiken erfassen und was nicht.

      Hier auf SPON ganz gut dargelegt:

      http://www.spiegel.de/panorama/justiz/pks-was-die-kriminalstatistik-misst-und-was-nicht-a-1206571.html

      Hauptproblem sehe ich, dass eben nur das irgendwie in die Statistik gelangen kann, was auch offiziell angezeigt wird.

      Und was macht ein Bürger, bevor er/sie etwas zur Anzeige bringt? Eine persönliche Einschätzung, ob die Mühe in Anbetracht der Erfolgsaussichten angemessen ist; keiner macht Anzeigen, wenn er/sie glaubt, dass das sowieso zu nichts führen würde.

      Würden die Bürger z.b. in einer Gegend denken, dass Polizei und Staatsanwälte sowieso inkompetente Gurken sind, die ihre Arbeit nicht gut machen, könnte auch das von Anzeigen abhalten, denn die Erfolgsaussichten würden als schlecht bewertet.

      Folglich könnte SCHLECHTE POLIZEIARBEIT zu WENIGER DELIKTEN gemäß PKS führen.


      Deshalb sollte die PKS immer noch durch Umfragen ergänzt werden, z.b. ob ein Befragter im letzten Jahr ein mögliches Delikt nicht zur Anzeige brachte, weil die Erfolgschance gering eingeschätzt wurde, etc.


      Dieser Effekt, mögliche Delikte nicht zur Anzeige zu bringen, ist übrigens möglicherweise bei Sexualdelikten relevant; so sollen in Folge von medial wiet verbreiteten Prozessen, in denen "Aussage gegen Aussage" und das mögliche Opfer nicht glaubwürdig erschien und folglich keine Strafe verhängt wurde, die Anzahl an Anzeigen wegen Sexualdelikten zurückgehen.

      Wohl weil einige Opfer aufgrund des Eindrucks des in dem einen Prozess als unglaubwürdig geltenden möglichen Opfers selber eher davon ausgehen, dass ihnen nicht geglaubt wird; sogar dann, wenn es in dem Prozess gute gründe gab, dem Opfer nicht zu glauben, während es in ihrem persönlichen Fall gute Gründe gäbe ihnen zu glauben; denn in der Öffentlichkeit werden nur ein paar Schlagzeilen rumgereicht, die eigentlich gar nicht wiedergeben, warum jetzt dem möglichen Opfer nicht geglaubt wurde.

      Das alles macht die PKS zwar nicht nutzlos; aber sie ist mit großer Vorsicht zu genießen.

      Z.b. könnte die politische Debatte über Migration, die Anzeigebereitschaft bei Taten durch und/oder gegen vermeintliche Migranten beeinflusst haben?

      Kann nicht ausgeschlossen werden; z.b. man empfindet vermeintliche Migranten als besonders gefährlich und zeigt eher an, um persönlich einen Beitrag zu leisten, damit die "gefährlichen" Migranten von der Straße kommen; z.b. man ist mögliches Opfer eines entsprechenden Täter und fürchtet, dass man blos für Rassist gehalten wird, wenn man anzeigt, und einem deshalb weniger geglaubt wird; z.b. man will seinen Beitrag zur Bekämpfung der Fremdenfeinde leisten und zeigt deshalb eher Taten gegen mutmassliche Migranten an; z.b. man will vermeiden, den Rassisten "Futter" zu liefern, und unterlässt eine Anzeige gegen einen mutmasslichen Migranten; z.b. alle diese und weitere Effekte wirken.

      Natürlich nicht:

      Wenn man alleine die Straftaten einbezieht, die nie zur Polizei gelangten, dann sind wir bei deutlich anderen Zahlen!

      Hallo,

      nein. Natürlich nicht, weil es sich hier um zwei völlig verschiedene Variablen handelt. Anders gesagt: Um Aussagen über "Sicherheit" treffen zu können, müsste erst einmal diese Variable operationalisiert und gemessen werden.
      Und da fängt es schon an, schwierig zu werden.

      LG

      Ja, so absolute Zahlen sagen auch nicht viel.

      Vielleicht sollte man mal einen Vergleich ziehen, mit Thailand oder so. Dann kann man die Zahlen nochmal anders bewerten.

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