Unausgeglichenheit - Vereinspausen oder nicht?

    • (1) 28.06.19 - 16:25

      Hallo zusammen,

      ich bin mal wieder an einem Punkt, an dem ich nicht weiß, was richtig und was falsch ist …

      Es geht um meine Tochter, 12 Jahre. Ja, und sie leidet irgendwie voll unter der Pubertät. #augen immer total unausgeglichen. In der Schule, im Freundeskreis …. und im Moment beschäftigt mich das Thema Hobbys.

      Meine Tochter war schon immer sehr aktiv und hat viele Vereine gemacht. Sie hat aber immer alles freiwillig gemacht, wir haben sie nie zu irgendwas überredet. Sie spielt mehrere Instrumente, davon hat sie momentan in einem Unterricht und spielt im entsprechenden Orchester. Sie singt in einem Chor, macht drei Sportarten in Vereinen und ministriert auch jede Woche, manchmal auch mehrmals pro Woche, wie es sich ergibt. Und es hat ihr immer alles Spaß gemacht.

      Oft haben uns Leute gesagt, dass sie zu viel macht und sich überfordert, deshalb habe sie zu wenig Zeit für die Schule und deshalb sind ihre Noten schlecht. Und deshalb hat sie auch Migräne. Wir haben das schon ernst genommen, aber über die Jahre jetzt können wir wirklich sagen, die Befürchtungen sind haltlos. In den Ferien ist ja immer Vereinspause, da hat sie genauso ihre Migräneanfälle. Und für die Schule hab ich ihr immer Freiräume verschafft. Z.B. wenn Klassenarbeiten anstehen, bleibt sie am Tag davor daheim und lernt und geht pünktlich ins Bett. Wenn die Hausaufgaben mal mehr sind (was ja eigentlich nie der Fall ist, weil die ja eh fast nie was aufkriegen #augen und freiwillig lernt sie keine Sekunde was), hab ich sie vom Verein abgemeldet, damit sie in Ruhe ihre Hausaufgaben machen kann. Also ich glaube, die Schule hat nie unter ihrem ausgeprägten Vereinsleben gelitten.

      Sie ist einfach nur schlecht in der Schule, weil sie ne faule Socke ist, viel Mut zur Lücke hat, ihre Begabungen nicht auf der kognitiven Seite, sondern auf der sportlich-musischen-künstlerischen Ebene sind und sie auch richtig Pech mit Lehrern hatte. So ist es halt und ich habe mich inzwischen damit abgefunden. Wegen mir muss sie auch kein Abitur machen, aber ich lasse sie auf dem Gymnasium, weil sie halt unbedingt da sein will. Sie muss sich wohl fühlen.

      So, und eigentlich könnte alles seinen geregelten Gang haben, aber seit einigen Wochen jammert sie mich nur voll, dass sie überhaupt keinen Verein mehr machen will. Sie will alles aufhören, weil sie keine Lust mehr hat.

      Also, dass sie einzelne Vereine oder Hobbys aufhören wollte, gab es immer wieder, sei es, dass es in einem Verein nicht mehr harmoniert hat, dann ist sie halt in einen anderen gewechselt, oder z.b. hat sie das Flöten aufgehört und dafür Klarinette angefangen. Solche Flauten gab es immer mal, auch bei unserer anderen Tochter. Das ist ja normal, das gibt's auch bei uns Erwachsenen, da muss man halt durch, und nach einiger Zeit ist man wieder motiviert und es läuft wieder. Aber dass sie von Knall auf Fall alle Hobbys aufhören will, finde ich nicht normal.

      Wir dachten zuerst, es liegt an dieser komischen neuen Freundin, die sie jetzt wochenlang hatte und die ihr allgemein nicht so gut getan hat (sie hat auch seit diesem Schuljahr einen ziemlich heftigen Freundeskreiswechsel), aber von der ist sie jetzt auch wieder weg und hängt wieder eher mit einer vom Herbst ab. Und diese Vereinsunlust wird immer stärker.

      Ich habe dann nach den Osterferien mit ihr einen Deal gemacht, dass wir es jetzt ausprobieren, sie bekommt jetzt eine komplette Vereinspause mit allem bis zu den Sommerferien. Ihr Argument war, sie möchte sich mehr auf die Schule konzentrieren (ihre schlechten Noten nerven sie so langsam selber) und auf sich selbst. Und sie möchte feststellen, was ihr denn wirklich fehlt von den Hobbys her. Und ich dachte, okay, vielleicht schätzt sie die Hobbys dann wieder mehr und wird wieder ausgeglichener.

      So, und jetzt haben wir das ne Weile ausprobiert und es ist meiner Meinung nach ein Schuss in den Ofen. Zwar konzentriert sie sich tatsächlich mehr auf die Schule. Sie lernt freiwillig auf Klassenarbeiten und verbringt wirklich viel Zeit mit ihren Schulsachen, ohne dass wir irgendwas sagen. In ein paar Tests hat sie dafür jetzt auch tatsächlich super Noten bekommen #pro Aber! Sie hat jeden Tag trotzdem noch üppig Zeit, sich zu langweilen. Sie langweilt sich wirklich jeden Tag, und das ist fast nicht auszuhalten. Da hätte sie dann zwei Stunden Turnen, sitzt dafür stöhnend auf dem Sofa und beklagt sich über Langeweile. Wenn ich sage, dann mach doch Hausaufgaben: hab ich schon gemacht. Mach doch noch freiwillig was. Hab ich auch schon gemacht. Lern doch für die nächste Klassenarbeit was. Ich hab schon für die nächsten drei Klassenarbeiten voraus gelernt.

      Die letzten drei Wochen hatte sie drei Migräneanfälle. Einer dauerte zwei Tage. Das hat nichts mit Überforderung zu tun. Seit Wochen liegt sie jeden Abend, wenn sie ins Bett geht, stundenlang wach und kann nicht einschlafen. "Ich bin einfach nicht müde!".

      Ja, sie ist nicht ausgelastet. Sie ist abends nicht müde, tagsüber schlecht gelaunt und gelangweilt. Meiner Meinung nach fehlt ihr der Ausgleich. Der Sport, die Musik. Das einzige, was sie noch macht, ist sonntags ministrieren.

      Ich will, dass sie ihre Hobbys wieder macht. Jetzt diskutieren wir JEDEN TAG bis zum Umfallen, ob sie heute da und da hin geht oder nicht. Sie hat keine Lust, wenn sie aber da bleibt, geht sie jedem auf die Nerven und jammert, wie langweilig ihr ist. Alle paar Tage bekommt sie einen Migräneanfall, weil sie die halbe Nächte wach liegt und eigentlich viel zu wenig Schlaf hat.

      Was soll ich mit diesem Kind machen? Soll ich sie in ihre Vereine zwingen? Aber sie jetzt überall abmelden, ich hab das Gefühl, das ist die schlechteste aller Lösungen!

      • (2) 28.06.19 - 17:06

        Ich würde eher versuchen, sie zu flexiblen Hobbys zu animieren.
        z. B.: Dir ist langweilig? Üb doch mal ein neues Stück für die Klarinette/Flöte - dafür braucht man ja keinen Unterricht. Neue Stücke kann man im Internet finden, in Liederbüchern und viele Musiklehrer geben einem auch so Tipps. - Mein alter Klavierlehrer hat es zumindest auch ohne Unterricht gemacht;-)
        Wie wär's mit einem sportlichen Hobby, das keine festen Termine hat: zusammen Joggen gehen. Vllt. ist eine Kletterhalle vor Ort. Vllt. bringt sie ein Skateboard nach draußen. Eine kleine Fahrradtour am Abend mit Picknick.

        Wenn sie vorher kaum wirkliche Freizeit zum Selbstgestalten hatte, dann muss sie jetzt erst lernen, sich alleine zu beschäftigen. Außerdem ist es in dem Alter eh schwierig, weil die alten Hobbys einem dann zu kindlich sind, andere noch zu erwachsen. Sie ist jetzt genau in dem Alter, wo sie ihren Weg finden muss.
        Du kannst sie dabei nur unterstützen, indem du ihr Anregungen bietest.

        Vielleicht hat sie Interesse, einen der Termine wieder wahrzunehmen, aber zwingen würde ich sie nicht. Das bringt meistens eh nichts.

      (4) 28.06.19 - 17:31

      " Da hätte sie dann zwei Stunden Turnen, sitzt dafür stöhnend auf dem Sofa und beklagt sich über Langeweile. Wenn ich sage, dann mach doch Hausaufgaben: hab ich schon gemacht. "

      Das kennt sie selbst ja so nicht und lernt es jetzt neu kennen. Langeweile ist doof und bereichernd zu gleich.

      Als Kind fand ich Langeweile furchtbar.
      Als Mutter nach Krankheit, tat Langeweile körperlich weh - und dann lernte ich für mich, wie bereichernd das ist. Keine Langeweile bedeutet für mich, dass ich viele Aufgaben habe.
      Während des Krankseins ging es mir zu schlecht um mich zu langweilen. Rückblickend war das krank sein nichts tun können wichtig, um Langeweile wieder wahr nehmen zu können. Besser gesagt: aus der Langeweile wurde Bewusstsein, was mir wirklich gut tut.

      Jetzt baue ich mir bewusst Pausen ein, in denen ich motiviert und bewusst NICHTS tue.


      Die Einstellung deiner Tochter finde ich daher im Ansatz sehr klug.
      Nur ist sie noch nicht an dem Punkt, herausgefunden zu haben, was ihr gut tut, was sie vermisst.

      Gefährlich wird es dann, wenn aus dem extremen immer etwas tun ein extremes 'sich zu gar nichts mehr aufraffen können' wird.

      Bewusst nichts tun, bewusst lernen und bewusst nichts sinnvolles tun (wobei bewusst nichts aktives tun auch sinnvoll sein kann), kann so wichtig sein.



      Dass es für dich anstrengend ist, ist nachvollziehbar.
      Migräne wirkt sich auch auf das Familienleben aus und ihre Langeweile aushalten, ist auch ungewohnt, Umstellung.

      Ein nicht durch Sport ausgeglichenes Kind kenne ich nur zu gut.



      "Ja, sie ist nicht ausgelastet. Sie ist abends nicht müde, tagsüber schlecht gelaunt und gelangweilt. Meiner Meinung nach fehlt ihr der Ausgleich. Der Sport, die Musik. Das einzige, was sie noch macht, ist sonntags ministrieren. "

      Ausgleich geht auch ohne Verein!

      Mit meiner bin ich sehr viel zu Fuß gegangen, zum Kindergarten, zum Sport (1x pro Woche), danach zum Spielplatz, abends noch mal zu Fuß einkaufen - nur um zu Fuß zu gehen.
      Später, in den Ferien oder wenn sie keinen Vereinssport machte, sind wir viel zu Fuß gegangen. Jetzt in der Pubertät braucht sie auch Bewegung. Diese sucht sie sich selbst. Mit Freunden, spazieren gehen, Erledigungen zu Fuß,
      wenn ich merke, dass sie Bewegung braucht, schlage ich einkaufen gehen vor. Das macht sie gerne.

      Verein möchte sie momentan nicht. Durch Schule und andere Termine, ist ihr das zu viel getaktet und vorgebebenes. Musik macht sie so für sich hin und wieder. Ohne druck, ohne Lernen ohne üben sollen-müssen-können-dürfen. Einfach nur, weil ihr gerade langweilig ist und sie in dem Moment Lust darauf hat.

      Ich selbst habe angefangen mein Instrument zu spielen, als ich nicht mehr zum Unterricht ging. Heimlich, wenn mich niemand hörte. Ich hatte immer Angst, dass ich sofort angemeldet würde, wenn mich jemand hören würde. Geh doch wieder, mach doch wieder, rausgeschmissenes Geld, wenn du jetzt wieder anfängst ohne dich weiterzuentwickeln......


      Langeweile will gelernt sein!
      Zwischen gar nichts tun, unausgeglichen sein und im Verein etwas machen, gibt es viele Möglichkeiten.

      Schwimmbad,
      mit Freunden Sport machen (je nach Freundeskreis): Tischtennis auf dem Schulhof oder wo öffentliche Platten stehen, Beachball im Schwimmbad, Federball,
      joggen

      An sehr, sehr unausgelasteten Tagen schicke ich meine auch schon mal um den Block oder zum Einkaufen. Entweder sie geht jetzt los oder sie hört auf zu motzen!
      Das wirkt meistens. Sowohl als auch. Entweder sie hört wirklich auf oder sie geht wirklich los (und hört dann auf, weil sie jemanden getroffen hat oder Bewegung hatte).

      Würde ich sie überreden oder nerven oder diskutieren, würde ICH den kürzeren ziehen.

      Ein frustriertes, sich nicht ernst genommen fühlendendes Kind, das motzt, ist zusätzlich zur Langeweile, das bereits Bewegungsmangel hat, dann noch einer Diskussion ausgesetzt ist: damit bestrafe ich mich ja selbst, zerre an MEINEN Nerven
      und bringe mein Kind dazu, definitiv ganz sicher nicht in den Verein zu gehen.

      Zumal meine ganz klar sagt: sie will etwas ohne Taktung und ohne Verantwortung gehen zu sollen. Das hat sie bereits in der Schule und es nervt sie.



      Bei Freizeitmöglichkeiten achte ich bei der Planung darauf, dass genug dabei ist, was für meine müden Knochen machbar ist und für sie Spaß und Bewegung dabei ist, was sie auch ohne mich gut machen kann und vor allem Spaß daran hat - ohne Verpflichtung, ohne x wiederholungen nach festem Zeitplan.

    • (5) 01.07.19 - 10:41

      Hi,

      hast du schon mal darüber nachgedacht, dass deine Tochter eventuell Schilddrüsenprobleme oder andere hormonelle Probleme haben könnte?

      Unausgeglichenheit, Migräne, reizbar sein, keine Lust zu nichts... kenne ich alles von mir mit Morbus Basedow und meiner Freundin mit Hashimoto bzw. zu Jugendzeiten bekam meine beste Freundin mit 13 die Pille, weil sie als Nebenwirkung der Hormonumstellung regelmäßig massive Migräneanfälle bekommen hat. Bei mir haben diese aufgehört, als ich anfing die Schilddrüsenmedikamente sowie hochdosiert Magnesium zu nehmen. Nur als Beispiel und Denkanstoß. Allerdings solltest du, wenn du die Schilddrüse untersuchen lässt, darauf bestehen, dass mehr als der TSH abgefragt wird - denn der alleine ist absolut nicht aussagekräftig und sagt nichts darüber aus, ob die SD korrekt arbeitet oder nicht.

      Ich hatte auch bis 11/12 Jahre einen so vollen Terminkalender wie deine Tochter. Ebenfalls freiwillig: montags Ballett, dienstags Leistungsschwimmen, mittwochs nachmittags Schule, donnerstags Gitarrenunterricht, freitags Leistungsschwimmen, samstags reiten. Zwischendrin hatte ich noch Malschule und Musikschule. Ich habe alles gerne gemacht, aber auch bei mir kam irgendwann der Zeitpunkt, dass ich mehr Zeit für die Schule brauchte, mehr Zeit für Freunde haben wollte. Deshalb musste ich mich entscheiden, was ich weiter mache und womit ich aufhöre. Bedingung meiner Mutter: "Du kannst mit allem aufhören, aber erst, wenn der nächste Kündigungstermin kommt." Das gab mir zum einen die Möglichkeit genau zu überlegen, was mir wichtig ist, wo es vielleicht einfach hakt oder kein wirkliches Interesse mehr daran besteht, um es im Verein zu machen etc.

      Letzten Endes habe ich mit allem außer dem Reiten aufgehört (und das ist auch 35 Jahre später das, was ich gerne machen möchte).

      Was ich niemals machen würde ist, mein Kind dazu zu nötigen, alles wieder so zu machen wie vorher, denn sie hatte ja einen Grund, warum sie diese Pause wollte. Vielleicht möchte sie auch etwas komplett neues probieren?

      Jeden Tag diskutieren würde ich nicht sondern gemeinsam nach Lösungen suchen. Hast du sie mal gefragt, warum sie nicht zum Turnen möchte oder zum Musikunterricht oder...? Ich habe z.B: mit Schwimmen aufgehört, weil ich für das Training in meiner Altersklasse zu gut war und das Training mich dort nicht weiterbrachte, aber in der nächst höheren Altersklasse waren alle 2-3 Jahre älter als ich und das passte dann irgendwie gar nicht. Ich war immer irgendwie außen vor, obwohl ich auf jeden Fall die gleiche Leistung brachte.

      Hoffentlich findet ihr einen gemeinsamen Weg!

      Gruß
      Kim

      (6) 01.07.19 - 10:51

      Hi,

      nochwas:

      Auch die Ruhelosigkeit, nicht einschlafen können, Gedankenkreisen können mit der Schilddrüse / Hormonproblemen zusammen hängen. Ich habe bis zur Diagnose etwa 3 Jahre lang kaum und teilweise gar nicht schlafen können. War für meinen Gemütszustand und meine Familie nicht gut zu ertragen...

    • Also wenn meinen Kindern langweilig ist dann schlage ich vor gemeinsam ein Brettspiel zu spielen oder gemeinsam etwas zu unternehmen. Seit kurzem haben wir ein Pferd 3x die Woche und die Zeit bei ihm ist Mutter-Tochter Zeit.

      Was unternehmt ihr denn so gemeinsam?
      Schau doch mal ob es bei euch einen Jugendtreff gibt oder ein offenes Atelier.
      Meine Kleine (14) geht zum Beispiel einmal dort Woche ins offene Atelier, dort gibt es alles was ein Künstlerherz begehrt und sie kann ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

      Oder vielleicht habt ihr in der Nachbarschaft jemanden mit Hund der sich freuen würde wenn jemand mit ihm Gassi geht.

      Hilfsdienste wir Malteser, THW usw. haben auch Jugendgruppen, da muss sie weder turnen noch musizieren sondern ist Teil einer Gemeinschaft welche viel mit der Jugend unternimmt. Malteser zim Beispiel einmal im Jahr Zeltlager, Fahrten in Vergnügungsparks, Feste, interessante Themen über Erste Hilfe usw.

      Es gibt wirklich viele Möglichkeiten und auch viele welche du mit ihr gemeinsam machen kannst.

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