Jean Liedloffs Kontinuumstheorie

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Hat jemand von euch das Buch "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" von Jean Liedloff gelesen?

Was haltet ihr von ihrer Theorie? Was sind eure Gedanken oder Erfahrungen dazu?

Ich finde es sehr spannend und finde sie hat einige wunde Punkte unserer zivisierten Gesellschaft angesprochen. Aber irgendwie erscheint es mir fast zu simpel, dass die Lösung in Tragen, Familienbett etc. liegen soll. Bzw. wie kann man das Konzept umsetzen in unserem heutigen Leben, wo doch die Mutter oder der Vater im ersten Jahr /den ersten Jahren des Kindes meist auf sich allein gestellt ist, ohne daß "Dorf" drumrum. Wo soll man die Energie dafür hernehmen 🤔
Wie sie wohl ihre Theorie bewerten würde, wenn sie selbst Kinder gehabt hätte? 😅

Erzählt doch mal, was ihr darüber denkt 😊

Sonnige Grüße,
Nussnougatcreme mit Murmelchen, der morgen 1 Jahr alt wird

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Ich habe das Buch nicht gelesen, aber jetzt mal gegoogelt und ich hoffe, es ist okay, mit meinem Bruchteil an Sachkenntnis zu antworten 🙈

Erstens: ja, es erscheint mir auch befremdlich, ein Baby, das zu 100 Prozent auf Menschen angewiesen ist, die es beschützen und versorgen, in einem eigenen Zimmer schlafen zu lassen, sich eventuell zu wundern, warum es im eigenen Bett oder im Kinderwagen weint, wenn es doch eigentlich nur den intensiven Kontakt zu den Bezugspersonen sucht.

Die Produkte, die man in den Läden so findet, suggerieren werdenden Eltern, ein Baby könne abgelegt werden, könnte in einem eigenen Bett schlafen, sodass das vielleicht gar nicht groß hinterfragt wird.

Ja, es ist gut für ein Kind und vereinfacht das Zusammenleben enorm, wenn man sich einfach auf das Bedürfnis nach Nähe einlässt.


Aber und zweitens : Vergleiche mit Naturvölkern oder Menschen aus Entwicklungsländern, denen dann nachgesagt wird, ihr Umgang mit Kindern sei intuitiver, hinken.
Unsere Familienstrukturen sind häufig auf die enge Kernfamilie ausgelegt , was dazu führt, das so viele die Zeit mit Baby als belastend und einsam empfinden.
Wir kommen finanziellen Verpflichtungen nach, die uns oft früh keine Wahl lassen, als das Kind professionell betreuen zu lassen und zudem :

Die Nähe zum Kind resultiert nicht nur aus dem Wunsch nach Nähe, sondern auch aus Mangel an allen möglichen Ressourcen.

Zuletzt glaube ich nicht daran, dass Glück auf so einfache Formeln reduziert werden kann. Ein Kind, das hier aufwächst, erfährt vielleicht nicht immer die Nähe, die besser für es wären, erfährt jedoch im Verlauf der Kindheit all die Annehmlichkeiten eines privilegierten Lebens.

Sollte das nicht zum Werk der Autorin passen, bitte alles ignorieren 🙈🙈

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Doch eigentlich passt es schon aufs Buch. Die Autorin stellt halt ne krasse These auf, dass letztlich die Welt eine komplett andere wäre, wenn wir nur unsere Babys 24/7 am Körper tragen würden, dass wir dann quasi das Paradies auf Erden hätten (um es mal mit diesem christlichen Bild auszudrücken), Weltfrieden und so. Für sie ist die Welt falsch abgebogen, als der Intellekt die Oberhand über die Instinkte gewonnen hat.
Ich denke schon, dass mehr aufs Bauchgefühl hören und weniger die Dinge zerdenken uns mehr Wohlbefinden bringen kann. Aber das ist ja mittlerweile zum Glück nicht mehr ganz so "neu" wie damals, als das Buch erstmals erschien.

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Ich hab das Buch auch nicht gelesen finde die grundlegende These aber interessant.
Ich muss aber auch sagen, dass ich dem so nicht folgen würde. Die besagten Völker haben oft keine andere Möglichkeit. Die haben keinen Kinderwagen. Müssen ihr Kind hakt tragen. Ich meine das Kinderwägen etc erfunden wurden muss doch den Grund gehabt haben, dass es Leute gab für die es eben nicht das Pure Glück war die Kinder die ganze Zeit rumzutragen. Sonst wären die nicht so beliebt.
Natürlich ist an allem etwas dran. Nähe und Geborgenheit sind wichtig. Gerade am Anfang mit Körperkontakt zu schlafen gibt Babys vertrauen.
Viele Familien sind ja auch hierzulande sehr glücklich mit Familienbett. Einige versuchen es und es klappt nicht, weil jeder besser im eigenen Zimmer/eigenem Bett schläft.
Ich finde Familienbett und Tragen bedeutet eben nicht ausschließlich Glück.

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Interessanterweise schreibt sie, dass diese Völker (oder zumindest die Indianer, bei denen sie war) schon die Möglichkeit hätten, sich viele Dinge, die das Leben bequemer und sicherer machen, herzustellen oder einzurichten. Nicht nur die Kinderbetreuung betreffend. Aber sie lehnen es offensichtlich wohl ab. Sie hat wohl z. B. beobachtet, wie dort ein Vater einen Laufstall gebaut hat, das Kind reingesetzt hat, selbiges hat angefangen zu brüllen und daraufhin hat der Vater den Laufstall wieder vernichtet, weil es eben "nicht richtig" war (so ihre Schlussfolgerung). Aber wie gesagt, mich würde sehr interessieren, ob sie bei ihrer Theorie und Forderung bleiben würde, wenn sie selbst Kinder gehabt hätte (die Tierbabys, die sie aufzog, zählen für mich nicht)...

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Ich habe das Buch gelesen und wie du schon gesagt hast, uns fehlt das Dorf. Das stelle ich immer wieder im Alltag. Es gibt noch ein anderes Buch, das fand ich sehr aufschlussreich.

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Danke für den Tipp, da schau ich mal rein.

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Hallo,

ich habe das Buch kürzlich gelesen und es hat mir sehr gut gefallen. Gerade die Kernaussagen des Buches (das Bedürfnis nach Nähe, das umgehende Erfüllen der kindlichen Bedürfnisse, ...) finde ich - unter der Berücksichtigung, dass das Buch vor fast 50 Jahren geschrieben wurde - revolutionär. Aber manche Rückschlüsse sind doch etwas weit hergeholt. Außerdem denke ich, dass ihre Verhaltensbeobachtungen und deren Interpretation teilweise verfälscht sind. Da merkt man einfach, dass sie keine Psychologin oder Anthropologin ist. Aber im Großen und Ganzen ist es ein wirklich gelungenes Buch, das auch heute noch tolle Anregungen bietet.

Liebe Grüße,
Simone

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Ja, genau, das frage ich mich auch, wie tief sie die Indianer wirklich verstanden hat aus ihrer im Endeffekt ja doch westlich-zivilisierten Beobachterperspektive. Was macht sie z.b. so sicher, dass dieses Volk wirklich im Glück lebt. Sie schreibt ja an manchen Stellen auch, dass die Indianer sie teilweise gar nicht als Menschen betrachtet haben. Vielleicht hat sie auch nicht alles zu sehen bekommen?
Danke für deine Antwort!

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Wissenschaftlich gesehen, hat das Buch sicher einige methodische Fehler. Aber ich denke, dass es Liedloff nicht um eine perfekte Beobachtungsstudie ging. Sie wollte wahrscheinlich viele Leute von ihrer Theorie überzeugen (und vom Kauf ihres Buches :-p). Und das klappt nicht so gut, wenn man die eigenen Argumente relativiert.

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Ich mag es nicht, dass davon ausgegangen wird, dass jedes Baby ein Tragling ist oder mit engem Körperkontakt schlafen möchte.

Es gibt Babys die Schreien wie am Spieß, wenn sie in die Trage gesteckt werden, Babys die sich im Schlaf gestört fühlen, wenn sie im Familenbett liegen und Babys die schlichtweg nicht gestillt werden wollen. Bedürfnisorientiert bedeutet für mich, auch diese Wünsche zu erfüllen und sich nicht an Theorien festzuhalten.

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Es gibt keine Babys, die nicht gestillt werden wollen! Das Baby weiß doch nicht, dass es künstliche Formulanahrung gibt!?

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Meine Maus hat an der Brust geschrien wie am Spieß und das ab Tag 1. Es lag keine Saugverwirrung vor und nein, sie hatte auch kein zu kurzes Lippenbändchen oder Zungenbändchen. Die nächsten Zweimonate und etliche Anlegeversuche endeten im Geschrei. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Tochter quäle und sie hat mir deutlich gezeigt, dass sie das nicht möchte.

Man kann sich damit das Leben schwer machen und nach der Ursache suchen. Oder man akzeptiert es und hat ein glückliches und zufriedenes Flaschenkind.

Für mich gibt es Kinder die nicht gestillt werden wollen, weil ich es selber erlebt habe.

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Hallo 😊,

ich habe das Buch auch hier zu Hause und vor ca 4 Jahren gelesen, als mein 1.Kind geboren wurde.
Leider weiß ich gar nicht mehr alle Details und müsste es nochmal lesen.

Ich weiß aber noch, dass ich bei manchem auch gezweifelt habe und mich fragte, ob das wirklich so richtig beobachtet wurde.

Nun kann ich schon bestätigen, dass für meine beiden Kinder tragen und Körperkontakt essentiell war bzw für den Kleinen ist und sie daraus zu ausgeglichenen Kindern heranwachsen bzw herangewachsen sind.

Was ich bezüglich des Buches noch total im Kopf habe, war der Umgang mit Schmerz oder negativen Dingen, der sich von uns unterscheidet.
Wenn ich mir weh tue, bin ich sauer, genervt...je nach Intensität des Schmerzes.

Wenn mein Baby mich mehrmals am Tag anpieseln und kackern würde, würde ich mich eklig fühlen und wäre vermutlich irgendwann auch "genervt".
Dieses Volk der Indianer scheint komplett anders mit solchen Situationen umzugehen.

Oder manchmal erzählt einer von denen Mitten in der Nacht einen Witz, alle lachen kurz drüber und schlafen dann weiter.
Also wenn mein Mann mich nachts wegen einem Witz wecken würde...dann Gnade ihm Gott 😂😅. Bin froh, wenn der Kleine nicht ständig aufwacht.
Aber die Indianer haben da auch eine ganz andere Einstellung zu.

Bewundernswert!

Danke, dass du mich an das Buch erinnert hast 😀. Werde es bei Gelegenheit nochmal lesen.

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Gerngeschehen 😊
Mein neuer Standardsatz, wenn ich grad wieder genervt vom Babychaos bin - "die Indianer wären jetzt super gelassen und hätten gar kein Problem damit - reiß dich zusammen 😁" (Hilft sogar ein bisschen. Manchmal. 😅)

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Hi zusammen kleiner Tipp ...wer das Buch gerne " lesen " möchte aber so wie ich doch am Abend müde Augen hat, wenn man dann die Zeit hätte, kann sich es auf Spotify als Hörbuch anhören .
Hab's einfach eingegeben und war total überrascht das es das wirklich als Hörbuch gibt .
Bin noch am Anfang aber ich denke das ich viel davon lernen kann da ich manche Aspekte sehr einläuchtend finde .

Viele Grüsse