Das hilft nach einem traumatischen Ereignis

Mein Kind hat etwas Schlimmes erlebt!

Wenn dein Kind einen Verkehrsunfall sieht, von einem Hund attackiert wurde, oder plötzlich ins Krankenhaus muss, ist es wichtig, dass du richtig reagierst.

Autor: Gabriele Möller
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Manche Erlebnisse überfordern Kinder

Trauma-Teaser
Foto: © Colourbox.de

Auch wenn wir es wollen: Wir können unser Kind nicht vor allen negativen Erfahrungen beschützen. Das müssen wir auch nicht. Aber manche Erlebnisse überfordern Kinder, sie können sie nicht verarbeiten - sie erleiden ein Trauma. Fachleute schätzen, dass die Hälfte aller Kinder einmal etwas sehr Belastendes erlebt, wie den Tod eines Familienmitglieds oder eines Klassenkameraden, einen Unfall, einen Brand, eine Hunde-Attacke, Mobbing oder Gewalt durch andere Kinder.

Zuviel kann es für ein Kind auch sein, wenn es zeitweise allein im Krankenhaus sein muss, wenn es Gewalt zwischen den Eltern erlebt, oder wenn es Nachrichtensendungen mit Bildern von Krieg, Naturkatastrophen und Leichen sieht, warnen Fachleute.

Je jünger das Kind, desto leichter geschieht ein Trauma

Aber auch scheinbar harmlose Ereignisse können ein Kind überfordern. „Ich glaube, mein Kleinster (2) hat ein Trauma", postet die Userin eines Elternforums besorgt. „Ins Nebenhaus sind neue Leute eingezogen. Bei der Renovierung haben sie einen Schlagbohrer benutzt. Mein Sohn hatte totale Angst. Er hat immer sofort angefangen zu weinen und dabei richtig gezittert. Seit Wochen weigert er sich nun, in seinem Bett zu schlafen. Er weint, wenn wir aus dem Raum gehen. Er weint auch so ständig, und sagt, er hätte Angst. Er traut sich viele Dinge (Rutschen, Schaukeln) plötzlich nicht mehr. Es kommt mir vor, als entwickele er sich zurück."

Je kleiner das Kind, desto größer ist die Gefahr, dass es ein Erlebnis nicht verarbeiten kann. Kinder unter elf Jahren sind besonders empfindlich. Aber auch die Nähe zum Ort des Geschehens ist bedeutsam: Ein Kind, das selbst betroffen ist oder Au Kinderängste verstehen und vertreibengenzeuge wird, ist meist mehr belastet als eines, das nur indirekt von einem schlimmen Ereignis erfahren hat.

Welche Anzeichen deuten auf eine Traumatisierung hin?

Wenn dein Kind etwas Schlimmes erlebt hat, achte in den Tagen und Wochen danach auf Veränderungen in seinem Verhalten. Nicht immer sind diese auffällig. Ein Beispiel: Der missglückte Kita-Start ohne ausreichende Eingewöhnung. „Bei einer plötzlichen Trennung verfallen kleine Kinder zunächst in starke Beunruhigung. Darauf folgt oft teilnahmsloser Rückzug auf sich selbst", erklären die Fachleute vom Deutschen Institut für Psychotraumatologie (DIPT). Manche „verwechseln diese Teilnahmslosigkeit ihres Kindes mit wirklicher Eingewöhnung oder erfolgreicher Anpassung an die neue Situation", so die Psychologen auf der Info-Site des DIPT. Weitere Anzeichen, dass dein Kind ein belastendes Erlebnis hatte:

Beim Baby: Schreien, Schreckhaftigkeit, Fütterprobleme, zu wenig Gewichtszunahme, Schlafstörungen, Teilnahmslosigkeit, kein Interesse mehr an Spielzeug oder Spielen, keine Bemühungen, von den Eltern hochgehoben zu werden.

Beim Kleinkind: Rückfall in der Entwicklung (Daumenlutschen, Bettnässen, schlechteres Sprechen), Aufhören mit Sprechen (Mutismus), Teilnahmslosigkeit, klammerndes Verhalten, Hyperaktivität, Ängste, Einschlafprobleme.

Im Kindergartenalter: Nachspielen des Ereignisses mit Spielfiguren, große Unruhe, „tyrannisches" Verhalten (ein Versuch, Gefühle von Kontrollverlust durch Überkontrolle auszugleichen), Tic-Störungen, Sprachlosigkeit, Rückzug von Spielkameraden, Wieder-Einnässen, Kopf- oder Bauchschmerzen.

Im Schulalter: Scheinbares Desinteresse (z. B. am Tod der Oma), Rückzug von Freundschaften, Wortkargheit, Konzentrationsprobleme, Einschlafstörungen, Alpträume, Ängste, Traurigkeit, Kopf- oder Bauchweh, ungewohnte Aggressivität oder Risikobereitschaft, sich selbst die Schuld am Ereignis geben, zwanghaftes Meiden des Unglückorts oder der betreffenden Situation.


Wie kann ich meinem Kind jetzt helfen?

Dass ein Kind anfangs Schwierigkeiten hat, ein schlimmes Ereignis zu verkraften, heißt nicht, dass es in jedem Fall eine Psychotherapie braucht. Mit guter Unterstützung von uns Eltern schaffen es die meisten Kinder, innerhalb einiger Wochen emotional wieder ins Lot zu kommen. Wichtig ist jetzt, dass du richtig reagierst: Sprich mit deinem Kind über das böse Ereignis, es darf auf keinen Fall totgeschwiegen werden. Kehre also nicht einfach zum Alltag zurück, als sei nichts gewesen.

Über das Erlebnis zu reden, half auch der Tochter von Janina Bender (Name geändert). „Unsere Tochter (9) war bei einer Freundin zum Spielen. Dort haben die beiden Mädchen das Tablet der Eltern in die Finger bekommen und das Stichwort „Sex" eingegeben. Was sie dort sahen, hat meine Tochter sehr verstört", erzählt Janina. „Sie war zu Hause auf einmal so still, wollte nicht sagen, was los war. Irgendwann rückte sie doch damit heraus. Ich habe mir große Sorgen gemacht, denn solche Bilder brennen sich ja förmlich ein. Ich habe dann mit ihr darüber gesprochen und ihr erklärt, dass diese Leute das, was sie gemacht haben, schön fanden – auch wenn es seltsam aussah." Dies habe ihre Tochter sichtlich entspannt und entlastet.

Die Reaktion der Eltern beeinflusst auch das Kind

Möchte dein Kind nicht sofort über das Erlebte sprechen, schaffe immer wieder Gelegenheit dazu („Ich muss manchmal an XY denken. Geht dir das auch so?"). Wenn dein Kind dann etwas sagt oder auch weint, rede seinen Schmerz nicht weg. Zeige, dass du es verstehst, und dass es gut ist zu weinen.

Lebe zugleich einen konstruktiven Umgang mit dem Ereignis vor, wo dies möglich ist: „Ja, der Unfall hat mich auch total erschreckt! Aber jetzt sind wir in Sicherheit!" Sei aber auch ehrlich: Wenn ein Verwandter, ein Schulkamerad oder ein Lehrer gestorben ist, verheimliche es nicht. Erkläre es deinem Kind behutsam, und zeige auch deine eigene Betroffenheit. Bist du selbst sehr überwältigt, ist es aber wichtig, dich zuerst bei einem Erwachsenen auszusprechen oder auszuweinen, denn extreme Reaktionen erschrecken Kinder noch mehr.

Ermutige Sohn oder Tochter, Fragen zu stellen. Nimm dein Kind nicht in jedem Fall mit zur Beerdigung, vor allem wenn es noch unter zehn Jahre alt ist. Auch eine (schon für Erwachsene kaum zu ertragende) Trauerfeier für einen Schulkameraden kann ein Kind traumatisieren.

Gefühlen Namen zu geben, ist heilsam!

Gehe aber nicht nur auf seelische, sondern auch auf körperliche Empfindungen ein: Frage nach einer Operation oder einer Verletzung öfters „Wie fühlt sich dein Bauch jetzt an?" Denn: „Alles was Aufmerksamkeit durch die Erwachsenen erfährt, bleibt auch für das Kind lebendig und zugehörig" betonen die Fachleute des DIPT. Wenn man dagegen auf schlimme Gefühle nicht eingeht, besteht die Gefahr der Abspaltung: Die Gefühle werden vom Kind als fremd erlebt und nicht verarbeitet – es drohen Spätfolgen. Wenn der Nachwuchs in kleinkindhaftes Verhalten zurückfällt, also wieder einnässt oder stark klammert, tadele ihn nicht („Du bist doch kein Baby mehr!"), sondern sage: „Bald wird es wieder mit der Toilette klappen", oder „Bleib' ruhig bei mir, wenn du dich dann sicherer fühlst!". Verbringe so viel Zeit mit deinem verängstigten Kind, wie du kannst. Und wenn es z. B. einen schlimmen Unfall immer wieder nachspielt, unterbrich es nicht. Manchmal entwickelt es die Geschichte irgendwann anders: nämlich mit einem guten Ausgang.

Was nach einem Trauma Halt gibt

Nach einem schlimmen Erlebnis hat ein Kind oft das Gefühl, dass seine ganze kleine Welt in Trümmern liegt. Damit dieser innere „Ausnahmezustand" möglichst rasch gelindert wird, brauchen traumatisierte Kinder viel Halt in der Außenwelt. Macht zu Hause daher alles möglichst so wie immer, denn vertraute Abläufe geben Sicherheit.

Versuche auch, die Vorlieben deines Kindes bei der Bewältigung des Traumas zu nutzen: Vielleicht hat es einen Lieblings-Ort, der ihm gute Gefühle macht und wo ihr hingehen könnt (den Zoo, einen alten Baum im Wald, einen Abenteuerspielplatz). Vielleicht mag es „magische" Gegenstände, so dass die Oma ihm einen Glücksstein gegen böse Träume zustecken kann. Gut sind auch Vorlese-Geschichten oder ein Besuch im Puppen- oder Märchentheater, wo alles gut ausgeht.

Wann ist fachliche Hilfe nötig?

Wenn die Symptome deines Kindes trotz aller Zuwendung nach einigen Wochen immer noch bestehen, braucht es professionelle Hilfe. Jetzt solltest du den Kinderarzt nach einer guten Adresse für eine kinderpsychologische Beratung fragen. In manchen Fällen sollten Eltern auch von vornherein Hilfe suchen, zum Beispiel, wenn ihr Kind sehr verzweifelt wirkt. Aber auch, wenn es auffallend wenige Gefühle zeigt, oder wenn es fast nicht mehr spricht. Wenn ein Kind sexuell missbraucht wurde, darf man ebenfalls nicht abwarten. Experten betonen, dass hier mehr Hilfe nötig ist, als Eltern allein leisten können.


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