Interview mit dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster

Die heimlichen Mit-Erzieher unserer Kinder

Nicht nur wir Eltern und Pädagogen erziehen unsere Kinder, auch Politik und Wirtschaft mischen bei der Kindererziehung mit. Wie Eltern sich das bewusst machen und den Einfluss der heimlichen Mit-Erzieher begrenzen können, darüber sprach urbia mit dem Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster.

Autor: Heike Byn
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Renz-Polster: Spüren, was wirklich wichtig ist

Herbert Renz-Polster
Foto: © Judith Polster

Sie haben sich in Ihrem aktuellen Buch umfassend mit den äußeren Einflüssen und Miterziehern bei der Kindererziehung befasst. Was haben Sie dabei herausgefunden? 

Herbert Renz-Polster: Kinder ändern sich nicht von heute auf morgen, sie haben heute dieselben Bedürfnisse wie zu anderen Zeiten. Und doch landen Eltern immer wieder bei neuen Antworten, wie ein Kind „richtig“ zu erziehen ist. Einmal sind sie überzeugt, ihre Kinder brauchen mehr Härte, dann wieder glauben sie, Kinder sollten in den Genuss partnerschaftlicher Beziehungen kommen. Und heute glaubt die Mehrheit, Erziehung bestünde darin, die Kinder richtig gut zu „fördern“. Ein Blick in die deutsche Geschichte macht klar: In Erziehungsfragen haben immer auch diejenigen mitgeredet, denen es nicht um die Kinder ging, sondern um deren spätere Funktionen – als Fabrikarbeiter, Soldaten, fruchtbare Mütter oder sozialistische Normerfüller. Mit meinem Buch will ich den Eltern bewusst machen, dass in der Erziehungsdebatte immer auch diejenigen mitreden, die gerade in der Gesellschaft die Ansagen machen. Und dass es da nicht unbedingt um kindgerechte Werte geht, sondern eher um das, was an den Kindern sozusagen verwertbar ist.

Wer macht denn heute die Ansagen?

Unser Leben in einer beschleunigten Globalisierung ist in den letzten Jahrzehnten unter einen immer stärkeren Funktionszwang geraten: Wir müssen effizient sein, produktiv und möglichst viel Einsatz im Wettbewerb bringen. Die Kinder sind davon nicht ausgenommen, so dass unser Erziehungsmodell an der zukünftigen Fachkraft ansetzt. Genau deshalb sollen die Kleinen auch „frühe Bildung“ bekommen – und zwar vor allem in anscheinend wachstumsträchtigen Dingen. Also in Naturwissenschaften oder Technik. Darauf ist die heutige Pädagogik ja zunehmend zugeschnitten. Die Kitas sind dann „Häuser der kleinen Forscher“ und natürlich nicht „Häuser der kleinen Handwerker“ oder gar „Häuser der kleinen Altenpfleger“. 

Also gestaltet die Wirtschaft heutige Erziehungs- und Bildungsziele im Hintergrund mit?

Es fällt auf, dass die Bildungsdiskussion, aber auch die praktische Pädagogik heute geprägt wird von den Stiftungen großer Konzerne. So wurden Kita-Förderprogramme von Industriestiftungen entwickelt –das „Haus der kleinen Forscher“ etwa geht auf Initiativen der Unternehmensberatung McKinsey und der Telekom-Stiftung zurück. Microsoft sponsort das an vielen Kindergärten eingeführte „Schlaumäuse“-Programm. Und die Bertelsmann-Stiftung ist gerade im schulischen und universitären Umfeld so tonangebend, dass sie schon als heimliches Bildungsministerium bezeichnet wurde. Die meisten „pädagogischen“ Initiativen dienen nicht nur der Pädagogik, dahinter stehen auch klare Interessen.

Wieso ist der Einfluss der Miterzieher überhaupt so groß? Liegt das an der Erziehungs-Verunsicherung, die man Eltern heute vielfach attestiert?

Dass Eltern verunsichert sind, ist kein Wunder, wo so viele Stimmen und Interessen im Raum stehen, oder? Doch so pessimistisch das auch klingen mag: Die Eltern im kulturellen Mainstream haben mit ihren Kindern zu allen Zeiten das durchgezogen, was die Eliten als Standard vorgaben. Das galt dann als „pädagogisch wertvoll“. Und irgendwo ist das ja verständlich. Eltern haben Angst, dass ihre Kinder im gerade angesagten System nicht mithalten können. Was die Kinder wollen und wie sie sich selbst die Zukunft vorstellen, ist da nicht der Punkt. Der Ausgangspunkt der Pädagogik sind immer die Hoffnungen und Ängste der Erwachsenen. Und da ist die Situation eigentlich klar. Der Wind in der Arbeitswelt weht kalt, der Druck auf die Mittelschicht wächst. Da klammert man sich an das, was gerade die besten Perspektiven bietet - auch wenn man daran selber vielleicht seine Zweifel hat. 

Was kommt Ihnen denn anstelle ständiger Förderung und Karriereplanung in den Sinn?

Als erstes denke ich daran, dass wir als Eltern gar nicht wissen, in welcher Welt sich unsere Kinder in 20, 30 Jahren bewähren müssen. Sicher wissen wir eigentlich nur, dass unsere Kinder ein gutes Fundament und Rückgrat brauchen, um sich als starke Persönlichkeiten der Welt stellen zu können. Und das sollte für mich auch der Fokus von Erziehung und Pädagogik sein. In der frühen Kindheit geht es doch nicht darum, sich schon mal auf die Kompetenzen des späteren Arbeitsplatzes einzuschießen. Da geht es darum, das Fundament des Lebens anzulegen! Und das läuft nicht über die Vermittlung von Bildungsinhalten. Der Aufbau der Persönlichkeit ist viel komplexer: Mit Gefühlen umgehen lernen, sich in andere hineindenken und in der Gruppe zurechtkommen. Kinder müssen dazu stark, widerstandsfähig und kreativ werden. Doch das alles kann man ihnen nicht wirklich beibringen, auch nicht mit dem tollsten pädagogischen Programm. Diese Schätze müssen die Kinder selber heben. Ein echtes Dilemma: Man kann Kinder nicht stark MACHEN, sie werden nur stark, wenn sie sich selbst bewähren können. Deshalb muss es auch in der Frühpädagogik um Beziehungen von Mensch zu Mensch gehen, und um die Gestaltung eines kindgerechten Alltags.

Wie können sich Eltern denn im Alltag gegen wachsende Einflüsse schützen und wehren?

Ich glaube, das geht nur, wenn die Eltern selbst davon überzeugt sind, was sie für ihre Kinder als wichtig betrachten. Sollen sie einmal möglichst gut funktionieren? Als was sehen wir unsere Kinder? In der Erziehung geht es doch darum, wie wir Beziehungen leben, bewerten und gestalten. Da hat jeder eine andere Vorstellung, andere Ressourcen und eine andere persönliche Geschichte im Gepäck. Aber vielleicht hilft es dem einen oder anderen, wenn er sich das Wesentliche immer wieder bewusst macht: Kinder gedeihen, wenn sie in verlässlichen Beziehungen leben. Wenn sie sich geschätzt fühlen. Diesen Rückenwind nutzen sie, um sich selbst zu bewähren und ihre Persönlichkeit zu bilden. Das zu ermöglichen, ist für mich echte, kindgerechte Erziehung. 

Herbert Renz-Polster beschäftigt sich als Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor seit langem mit der kindlichen Entwicklung und nimmt in seinem Blog „Kinder verstehen Stellung zu Erziehungsthemen. In seinem aktuellen Buch analysiert er die Interessen, die die verschiedenen „Mit-Erzieher“ bei ihrer Einflussnahme auf Kinder und ihre Eltern verfolgen: Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen, Beltz & Gelberg 2014, 271 S., 17,95 €, ISBN 978-3-407-85847-4.

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