Zertifizierung für stillfreundliche Krankenhäuser

Babyfreundliche Spitäler in Österreich

Die weltweite Spitals-Zertifizierung der WHO und Unicef-Initiative "Babyfreundliche Spitäler" versucht auch in Österreich einen optimalen Start für die Bindung und die Still-Beziehung bei der Geburt und danach zu ermöglichen.

Autor: Elisabeth K. Fürst
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10 Schritte zum erfolgreichen Stillen

Babyfreundliche Spitäler Teaser
Foto: © mauritius images - Banana Stock

Die Baby-friendly Hospitals Initiative (BFHI) wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) wurde 1991 gegründet, um die Bedingungen für das Stillen zu verbessern. In Österreich wurde die BFHI mit Unterstützung der Unicef 1996 etabliert. Und im gleichen Jahr wurde die erste Einrichtung zertifiziert. Derzeit gibt es aktuell in Österreich 14 zertifizierte Stillfreundliche Krankenhäuser. urbia sprach mit Projektleiterin Dr. Christina Dietscher, Senior Researcher am Ludwig Boltzmann Institut - Health Promotion Research und Projektleiterin des Maßnahmen-Roll-Out "Baby-friendly Hospitals", und mit Projektkoordinatorin Bianca Schantl über die Vorteile der zertifizierten Spitäler:

Was sind die größten Unterschiede für eine werdende Mutter, wenn sie ein BFH oder ein "normales" Krankenhaus für die Entbindung wählt?

Der größte Unterschied zu nicht-zertifizierten Häusern besteht darin, dass ein BFH strukturiert nach den 10 evidenzbasierten Schritten zum erfolgreichen Stillen vorgeht, die von WHO und Unicef definiert wurden. Diese 10 Schritte umfassen nicht nur einzelne Maßnahmen zur Stillförderung, sondern befassen sich mit aufeinander aufbauenden Teilbereichen. Da BFHs ihr Zertifikat alle vier Jahre erneuern müssen, wird die Einhaltung dieser Qualitätsstandards – im Gegensatz zu „Standardkrankenhäusern" – regelmäßig kontrolliert. Zu den 10 Schritten gehört unter anderem (alle Schritte finden sie bei den Links am Ende des Artikels):

BFH Logo Österreich
Foto: © ONGKG

  • Unterstützung eines optimalen Bondings (Hautkontakt zwischen Mutter und Kind) direkt nach der Geburt bis zum ersten Stillen, damit Mutter und Kind ihre ersten Momente in ruhiger Atmosphäre lange auskosten können.
  • 24-Stunden Rooming-In. Das bedeutet, dass das Neugeborene den ganzen Tag über, ohne Unterbrechung, bei der Mutter sein darf. Wenn die Mutter es braucht, kann sie Unterstützung beim Stillen anfordern und wird so beim Umgang mit ihrem Baby fachgerecht unterstützt und gut auf die Zeit Zuhause vorbereitet.

Ganz wichtig ist, dass alle Krankenhausmitarbeiter bestens geschult sein müssen. Das heißt, dass das Personal auf einem einheitlichen Wissenstand ist und Frauen dadurch von allen Mitarbeitern die gleichen Informationen erhalten und nicht durch widersprüchliche Aussagen verunsichert werden. Die Verpflichtung zur laufenden Fortbildung stellt sicher, dass junge Mütter stets auf dem neuesten Stand beraten werden. Um das BFH-Qualitätssiegel zu erhalten, müssen Krankenhäuser darüber hinaus auch spezifische Kriterien zur Mütterfreundlichkeit einhalten. Diese beinhalten, dass Frauen auch über nicht-medikamentöse Formen der Schmerzlinderung aufgeklärt werden und dass invasive Eingriffe nur vorgenommen werden, wenn es notwendig ist. Außerdem darf eine Begleitperson während der Geburt die Frau unterstützen, und dieser ist es erlaubt, in der Wehenphase leichte Speisen und Getränke zu sich zu nehmen. Nicht die Krankenhausroutine steht in einem BFH im Vordergrund, sondern die Bedürfnisse von Mutter und Kind.

Vorteile für die Babys und Hilfe für nichtstillende Mütter

Was sind die Gesundheitsvorteile für die Babys?

Babys, die in einem BFH das Licht der Welt erblicken, bekommen einen optimalen Start ins Leben – egal, ob ihre Mutter stillen möchte oder kann oder auch nicht. Entschließt sich die Mutter zum Stillen, wird sie im BFH optimal angeleitet, damit dies so gut wie möglich funktioniert. Für das Baby hat dies sowohl kurzfristige als auch langfristige Gesundheitsvorteile. Zu den kurzfristigen Vorteilen gehört, dass die ausreichende Gabe von Muttermilch, insbesondere der Vormilch (Kolostrum), das Risiko einer Säuglingsgelbsucht nach der Entbindung erheblich senkt. Darüber hinaus wird der Darm des Babys mit wichtigen Bakterien ausgekleidet, die die Entwicklung der Immunabwehr erheblich stärken. Das senkt das Risiko für Infektionen und im späteren Leben auch das Risiko für Allergien. Obwohl gestillte Babys anfangs etwas schneller an Gewicht zunehmen als zugefütterte Kinder, leiden sie später weniger an Kleinkind-Adipositas, da die Nährstoffzusammensetzung der Muttermilch sich auf die Bedürfnisse des Kindes einstellt und so unter anderem der Fett- und Eiweißgehalt individuell angepasst werden. Mit dem Stillen ist auch eine Stärkung der psychischen Gesundheit des Babys verbunden. So vermittelt der Körperkontakt zur Mutter Sicherheit und Geborgenheit und fördert das Urvertrauen.

Und wenn eine Frau nicht stillen kann oder will?

Kann oder möchte eine Frau nicht stillen, wird sie im BFH in der fachgerechten, sicheren und hygienischen Zubereitung und Gabe von Muttermilchersatzprodukten eingeschult. Dabei werden nicht nur Informationen vermittelt, sondern es wird darauf Wert gelegt, dass die Mutter selbst unter Anleitung Säuglingsnahrung zubereitet und verabreicht. Eine derartige systematische Einschulung ist in „Standardkrankenhäusern" nicht unbedingt gegeben. Zu dieser Einschulung gehört auch, dass die Mutter darin unterstützt wird, ihr Baby mit viel körperlicher Nähe „zu füttern". Dadurch fühlen sich die Neugeborenen sicherer und haben trotzdem viel Körperkontakt mit ihrer Mutter.

BFH Vorteile für die Mamis

Hat dieses Vorgehen auch Vorteile für die Mütter?

Es ist das Ziel von BFH's, Müttern ein möglichst optimales Geburtserlebnis zu ermöglichen und - wenn sie dies möchten - optimal beim Stillen zu beraten. Im Zentrum steht immer die Entscheidung der Mutter. Falls sie sich für das Stillen entschließt, sind damit zahlreiche Gesundheitswirkungen verbunden: Die Gebärmutter bildet sich nach der Geburt durch die ausgeschütteten Hormone schneller zurück. Die Hormone bewirken außerdem, dass die Mutter ein höheres Wohlbefinden aufweist (somit auch ein geringeres Risiko einer postpartalen Depressionen hat) und die Mutter-Kind Beziehung dadurch unterstützt wird. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Schwangerschaftskilos aufgrund des höheren Kalorienverbrauchs beim Stillen rascher purzeln. Und langfristig gesehen senkt das Stillen das Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Schließlich hat Stillen auch ökonomische und praktische Vorteile: Junge Familien sparen das Geld für Flaschennahrung ein, und die Milch steht auch unterwegs immer richtig temperiert zur Verfügung.

Wie kann man sich das in Praxis vorstellen?

Im BFH werden Frauen bereits im Rahmen der Schwangerenbetreuung erste Informationen und Beratungen zum Thema Stillen angeboten, damit Mütter sich bereits vor der Geburt auf Basis fundierter Informationen Gedanken darüber machen können, wie sie ihr Kind ernähren möchten. Einen weiteren wichtigen Unterschied merken Mütter unmittelbar nach der Geburt, noch im Kreißzimmer. Hier wird großer Wert darauf gelegt, dass Mütter bis zum ersten Anlegen oder mindestens eine Stunde in ständigem Hautkontakt mit ihrem Baby sein können. Das Pflegepersonal gibt der neuen Familie genügend Raum und Zeit, die ersten Momente zu genießen, steht im Hintergrund allerdings natürlich bereit, sollten Mutter und Kind Unterstützung wünschen. Das bedeutet auch, dass bereits im Kreissaal einfühlsame und kompetente Beratung angeboten wird. Die Erfahrung zeigt, dass Babys in dieser Phase ganz von alleine beginnen, nach der Brust zu suchen. Nach der Geburt ist das Baby 24 Stunden mit der Mutter zusammen, damit sich Mutter und Kind kennenlernen können und das Stillen nach Bedarf von Mutter und Kind stattfinden kann: Hier ist es ganz wichtig, nicht „nach der Uhr", sondern nach den Bedürfnissen des Babys und der Mutter – z.B., wenn die Brüste spannen – zu stillen. Das Personal in einem BFH unterstützt die Mutter in ihrer neuen Rolle. Zum Entlassungsmanagement gehört, dass Mütter auf Stillgruppen oder Stillambulanzen in der Region hingewiesen werden. Denn nach der Entlassung aus dem Krankenhaus können Fragen auftauchen, und Mütter wünschen sich oft den Austausch mit anderen.

In wie weit nützt das Konzept Frauen, die nicht Stillen können?

Die BFH-Kriterien beiinhalten auch eine besondere Unterstützung von Müttern, die nicht stillen wollen oder können. Diese Unterstützung ist auch deshalb besonders wichtig, weil das Nicht-Stillen sowohl bei der Mutter als auch beim Kind bestimmte medizinische und psychosoziale Risiken erhöhen kann. Nicht stillende Frauen bekommen eine gute Anleitung zur hygienischen und sicheren Zubereitung von Flaschennahrung und bereiten diese selbst gemeinsam mit einer Pflegekraft zu. Es wird auch Wert darauf gelegt, dass die Mutter beim Füttern viel Haut- und Blickkontakt mit dem Baby hat, damit sich die Beziehung zwischen Mutter und Kind genauso gut entwickeln kann wie bei Müttern die stillen. Im Fall einer Trennung von Mutter und Kind – wenn das Baby z.B. nach der Geburt intensivmedizinisch betreut werden muss – erhält die Mutter Anleitung, ihre Brust von Hand zu entleeren. Auf diese Weise kann sie die Milchproduktion aufrecht erhalten und ev. zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es ihrem Baby wieder besser geht, mit dem Stillen beginnen.


Links und Buchtipps

Buchtipps

Das Stillbuch
Hannah Lothrop
Verlag: Kösel-Verlag; ISBN-13: 978-3466344987

Stillen: Das Begleitbuch für eine glückliche Stillzeit.
Alles Wichtige auf einen Blick. - Plus Stillanleitung zum Herausnehmen
[Gebundene Ausgabe]
Vivian Weigert
Verlag: Kösel-Verlag; ISBN-13: 978-3466345588

Praxisbuch: Besondere Stillsituationen
Deutscher Deutscher Hebammenverband
Verlag: Hippokrates; ISBN-13: 978-3830454953

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