Zwei Mamas oder zwei Papas

Gleichgeschlechtliche Paare mit Kind

Etwa 19.000 Kinder wachsen in Deutschland in gleichgeschlechtlichen Beziehungen auf. Was bedeutet es für ein Kind, zwei Mütter oder Väter zu haben?

Autor: Gabriele Möller
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Familien, so bunt wie der Regenbogen

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Foto: © Colourbox

Eine Fahne mit Regenbogen ist das Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung, und bunt wie ein Regenbogen sind auch die Familienmodelle, in denen gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zusammenleben: 44 Prozent der Kinder stammen noch aus einer früheren heterosexuellen Beziehung, aber knapp die Hälfte von ihnen wurde auch (meist durch künstliche Befruchtung eines der Partner) in die gleichgeschlechtliche Partnerschaft hineingeboren. Gelegentlich wird ein fremdes Kind als Pflegekind aufgenommen, oder ein Kind von einem von beiden adoptiert und dann gemeinsam aufgezogen.

Zukünftig werden die Partner auch gemeinsam ein Kind adoptieren können, sofern sie verheiratet sind: Der Bundestag hat jüngst einem Gesetzesentwurf zugestimmt, der Lesben und Schwulen eine reguläre Ehe mit allen Rechten erlaubt, auch in Sachen Adoption. Das Gesetz passierte kurz danach auch den Bundesrat. Bis es in Kraft tritt und umgesetzt werden kann, wird es aber voraussichtlich bis Anfang November 2017 dauern.

Die Umgebung reagiert oft skeptisch

Wenn zwei Frauen oder zwei Männer ein Kind aufziehen, reagieren Außenstehende oft ziemlich skeptisch. Sie fragen sich: Kann es fürs Kind wirklich gut sein, wenn ein Vater bzw. eine Mutter fehlt, und es das andere Elternteil dafür sozusagen doppelt gibt? Werden diese Kinder nicht zu einseitig weiblich oder männlich geprägt? Und was ist mit ihrer späteren Sexualität - werden sie nicht mit größerer Wahrscheinlichkeit selbst schwul oder lesbisch?

Doch diese Zweifel sind unnötig. Regenbogenkindern geht es gut! Das ergab eine große Studie der Universität Bamberg. Gleichgeschlechtliche Paare sind demnach genauso gute, liebevolle und zugewandte Eltern wie andere – was auch nicht wirklich zu bezweifeln war. Die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch die schulische und berufliche Entwicklung der Kinder verlaufen durchweg positiv, so das Fazit der Studie mit über 1.000 Teilnehmern. Für die gute Entwicklung eines Kindes sei nicht die sexuelle Orientierung der Eltern bedeutsam. Viel wichtiger sei eine gute Eltern-Kind-Beziehung, so die Forscher.

Keine Unterschiede bei der späteren Sexualität

Es stimmt auch nicht, dass „Regenbogenkinder" später ebenfalls eher homosexuell werden. Sie sind als Erwachsene genauso oft heterosexuell orientiert wie die Kinder von „Heteros", wie eine US-amerikanische Meta-Studie ergab. Ebenso wie bei der Bamberger Studie bestätigt auch hier die Beobachtung: Kinder von Homosexuellen entwickeln sich emotional, sozial, seelisch und sexuell ebenso, wie die aus traditionellen Familien.

Bei „Regenbogenkindern" wird auch nicht das Gefühl für die eigene Geschlechtsidentität verwässert. Marina Rupp, Leiterin der Bamberger Studie: „Im Vergleich zu anderen Kindern verhalten sie sich sogar noch eindeutiger jungen- bzw. mädchenhaft". Als Ursache vermuten die Wissenschaftler: Gerade, weil Rollenmuster in „Regenbogenfamilien" früh thematisiert werden, entwickeln die Kinder ein starkes Gefühl für die eigene Identität. „Unsere ältere Tochter orientiert sich sehr an heterosexuellen Rollenmustern. Sie war schon mit fünf der Meinung, dass Männer lieber kurze, und Frauen lange Haare haben sollten", bestätigt auch Renate Egelkraut, die mit ihrer Frau in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt.


Vorurteile halten sich hartnäckig

Doch die Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Eltern sind hartnäckig. Das spürt auch Hebamme Renate Egelkraut: „Im Kindergarten unserer Töchter gehörten wir nicht richtig dazu, wir waren einfach nicht eingebunden, obwohl wir engagiert mithalfen." Besonders schade findet sie es, dass in ihrer Umgebung das ‚große Schweigen' regiere. „Auch in der Nachbarschaft wird geschwiegen. Viele erzählen ihren Kindern gar nicht, wie unsere Familie aufgebaut ist. Einmal sagte ein Kind zu meiner Tochter, als es mich sah: ‚Guck' mal, da kommt eure Nachbarin.' ‚Aber das ist doch die Mama!', antwortete meine Tochter erstaunt. Die Eltern hatten ihrem Kind offenbar erklärt, ich sei nur eine Bekannte."

Die beiden Frauen versuchen zwar, ihren Kindern den Weg im Alltag zu ebnen: „Wir sehen es als unsere Aufgabe, vorauszugehen und die Hürden für unsere Kinder aus dem Weg zu räumen, damit sie unbeschwert hinter uns hergehen können", so Egelkraut. Trotzdem ist es für sie in Ordnung, dass sie ihre Kinder nicht vor jeder Hänselei bewahren könne. „Auch Schwierigkeiten gehören im Leben dazu, Kinder müssen den Umgang damit ja auch üben." Wichtig sei es ihr nicht so sehr, dass es keine Stigmatisierung gebe. „Sondern, dass die Kinder lernen, für sich nicht den Fokus darauf zu richten und lieber herauszufinden, was ihnen selbst wichtig ist."

Regenbogenkinder sind stark!

Auch die Bamberger Studie zeigt: Zwar hat jedes zweite „Regenbogenkind" schon mal abfällige Reaktionen zu seiner Familiensituation erfahren. Doch diese Erlebnisse würden von den Kindern meist gut und konstruktiv verarbeitet, da sie vor allem durch die elterliche Liebe aufgefangen würden. Die Kinder von Renate Egelkraut und ihrer Lebenspartnerin haben jedenfalls bisher erstaunte Fragen jedenfalls souverän gemeistert. Auf die Frage anderer Kinder „Habt ihr denn keinen Papa?" antworten sie nicht ohne Stolz: „Doch, wir haben einen Papa und zwei Mamas!"

Manchmal aber tun sich auch die Kinder selbst in Sachen Regenbogenfamilie nicht immer leicht: In US-Studien gab es Hinweise darauf, dass manche betroffenen Kinder in der eigenen Pubertät die Homosexualität ihrer Eltern schamhaft zu verbergen versuchen. Sie möchten von ihren Freunden in der Clique nicht ausgegrenzt werden. Oft mögen sie es auch nicht, wenn die Eltern ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zeigen.

Der Weg zum Wunschkind

Wie kann ein homosexuelles Paar eigentlich ganz konkret zum Wunschkind kommen? „Meine Frau und ich wussten schon früh, dass wir gern Kinder haben möchten", erzählt Hebamme Egelkraut. „Sie sagte auch, dass sie gern selbst schwanger werden möchte. Und ich sah mich sowieso eher in der Rolle der Co-Mutter. Wir haben dann die rechtlichen Eckdaten geklärt und nach langem Herumfragen einen Mann gefunden, der bereit war, der Vater unseres Kindes zu werden." Dieser Mann stellte dann sein Sperma zur Verfügung. Wichtig war den Frauen, dass der Vater bereit war, Kontakt zu seinem Kind zu halten. „Das klappt auch sehr gut", berichtet Renate Egelkraut. „Inzwischen haben wir schon drei Kinder von ihm."

Andere lesbische Paare bevorzugen die anonyme künstliche Befruchtung. Jedoch ist es für sie oft schwer, in Deutschland dafür einen Arzt zu finden, auch wenn dies gesetzlich erlaubt ist. Viele Ärzte lehnen es ab, und einige Landesärztekammern sprechen sich in ihren Standesregeln dagegen aus. Frauen können in die Niederlande oder die USA ausweichen.

Ist der Samenspender bekannt, kann er unter Umständen unterhaltspflichtig sein (das Sorgerecht hat jedoch in jedem Fall zunächst allein die Mutter). Sie und der biologische Vater können aber individuelle Vereinbarungen treffen: zum Beispiel darüber, den Mann von Unterhaltsansprüchen freizustellen, oder auch in Sachen Umgangsrecht.

Stiefkindadoption – rechtliche Eckdaten müssen stimmen

Renate Egelkraut hat die drei durch künstliche Befruchtung entstandenen Kinder ihrer Partnerin adoptiert, was seit 2005 in eingetragenen Lebenspartnerschaften möglich ist, und künftig bei verheirateten gleichgeschlechtlichen Paaren erst recht geht. Doch Behörden und Familienrichter machten ihr die sog. Stiefkindadoption nicht leicht. „Das Ganze dauerte bei uns in Köln bis zu zweieinhalb Jahren", klagt sie. Sowohl die städtische Sachbearbeiterin als auch die Familienrichterin gaben dem Paar zu verstehen, dass sie nichts davon halten, wenn ein Kind von zwei Frauen großgezogen wird.

Stammt das Kind aus einer früheren heterosexuellen Beziehung eines der Partner, ist die Stiefkindadoption nur nach Einwilligung des anderen leiblichen Elternteils möglich. Ist das Kind 14 Jahre oder älter, darf es selbst entscheiden. Dies gilt auch, wenn das homosexuelle Paar, wie zukünftig möglich, verheiratet ist. Ähnliches gilt auch für den Nachnamen des Kindes: Es kann den Ehe- oder Lebenspartnerschafts-Namen übernehmen, aber auch hier muss der andere leibliche Elternteil zustimmen, sofern er sorgeberechtigt ist oder das Kind seinen Namen trägt. Und wie bei allen Patchwork-Familien muss das Kind selbst der Namensänderung zustimmen, wenn es schon mindestens fünf Jahre alt ist.

Adoption aus Leihmutterschaft ist verboten

Die Familiengründung mithilfe einer Leihmutter ist in Deutschland verboten - für Homo- und Heterosexuelle gleichermaßen. Selbst wenn ein Paar eine ausländische Leihmutter, zum Beispiel in den USA beauftragt, kann es das so entstandene Kind in Deutschland nicht adoptieren. Andere Länder, wie zum Beispiel Frankreich, Belgien, die Niederlande, Griechenland, England, Spanien und die USA erlauben hingegen Leihmutterschaften auch für homosexuelle Paare. Manchmal nur, wenn eines der Elternteile eine genetische Verbindung zum Baby hat (über Eizelle oder Samen), manchmal aber auch ohne diese Form der Verwandtschaft (wie z. B. in Frankreich).

Adoption – bald für beide möglich

Paare einer Eingetragenen Lebensgemeinschaft durften bisher zwar einzeln ein Kind adoptieren, aber nicht gemeinsam. Der andere Partner erhielt ein Mitspracherecht bei der Erziehung, jedoch nicht das volle Sorgerecht. Voraussichtlich gegen Ende 2017 dürfen homosexuelle Paare heiraten und dann auch gemeinsam ein Kind adoptieren. Ob dies so bald Alltag wird, steht aber zu bezweifeln. Denn die Wartelisten auf ein kleines Kind sind in Deutschland lang, und es gibt noch keine Anzeichen dafür, dass an der bisherigen Bevorzugung heterosexueller Paare etwas ändern wird. Manche Paare werden daher auch künftig auf eine Auslandsadoption ausweichen.

Annahme eines Pflegekindes

Homosexuelle Paare können ein Pflegekind annehmen, was vielleicht einfacher werden wird, sobald sie auch heiraten können. Bisher müssen sie sich auch hier oft mit der zweiten Reihe begnügen. Denn die allgegenwärtigen Vorurteile gegenüber Lesben oder Schwulen sorgen dafür, dass viele leibliche Eltern – die hier ein Mitspracherecht haben – für die Pflege ihres Kindes heterosexuelle Paare oder auch alleinstehende Frauen bevorzugen, so die Erfahrungen der Initiative lesbischer und schwuler Eltern (ILSE) beim Lesben- und Schwulenverband in Köln. Ob der neue mögliche Status als Ehepaar hieran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

Was sich Regenbogenfamilien wünschen

„Am allerwichtigsten wäre mir, dass das Schweigen aufhört", sagt Renate Egelkraut. Da sei es ihr fast lieber, offen diskriminiert zu werden, denn damit könne sie sich direkt auseinandersetzen. Außerdem wünscht sie sich mehr Präsenz von Regenbogenfamilien in der Öffentlichkeit. „Es wäre schön, wenn meine Frau und ich nicht überall die Ersten wären, die den Weg ebnen und sich mit einer Forderung durchsetzen müssten". Dazu gehören für sie auch einfache Dinge, wie zum Beispiel ein Paar-Abend beim Geburtsvorbereitungskurs: „Hier ist es noch nicht wirklich akzeptiert, dass eine zweite Frau kommt, statt eines Mannes."

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