Gespräch gut vorbereiten

Trennung – wie sagen wir es unserem Kind?

Etwa 200 000 Ehen werden in Deutschland jährlich geschieden, 150 000 Kinder sind involviert. Betroffene Kinder unverheirateter Paare werden statistisch gar nicht erfasst. Dass Trennungen alltäglich sind, macht es aber für Kinder nicht leichter. Wie erklärt man seinem Kind, dass Mama und Papa getrennter Wege gehen?

Autor: Gabriele Möller
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Trennung der Eltern - fürs Kind nicht vorstellbar

Trennung Tochter Eltern Streit
Foto: © iStockphoto.com/ sjlocke

Wenn die Eltern auseinandergehen, bricht für ein Kind zunächst eine Welt zusammen. Kleine Kinder verlieren vorübergehend ebenso den Boden unter den Füßen wie ältere. „Ein Kind erlebt sich und seine Eltern als eine Einheit, die Drei gehören ganz einfach zusammen“, erläutert der Schweizer Entwicklungsforscher Prof. Dr. Remo Largo. Etwas Anderes sei „nicht Teil der kindlichen Logik, und deshalb kann man es ihm auch nicht verständlich machen“, so der Autor des Buches „Glückliche Scheidungskinder“. Daher kämen elterliche Erklärungen zu den Trennungsgründen beim Kind auch kaum an: „Sagt man zum Beispiel, dass Mama und Papa sich nicht mehr verstehen, nur noch streiten und deshalb auseinandergehen wollen, denkt ein Kind: ‚Aber ich streite mich doch auch mit meinem kleinen Bruder – und wir bleiben trotzdem zusammen’".

Am schlimmsten für Kinder: Wenn die Trennung ganz unvorbereitet kommt

Um die Überforderung des Kindes nicht noch zu steigern, ist es wichtig, dass die Entscheidung der Eltern es nicht völlig unvorbereitet trifft. Eine Langzeitstudie aus dem USA hat gezeigt, dass Kinder die Trennung der Eltern besser verkraften, wenn sie bereits mitbekommen haben, dass seit längerer Zeit etwas nicht stimmt. Die Trennung sollte also möglichst nicht so laufen, wie bei Berit H. (36)*: „Ich hatte seit einigen Monaten bemerkt, dass mein Mann innerlich oft abwesend war. Er sagte aber, dies sei nur der Stress. Sonst war alles wie immer, wir stritten auch nicht mehr als jedes andere Paar. Es war deshalb ein Schock, als er eines Abends nach Hause kam, eine Reisetasche packte und in dürren Worten ankündigte, er werde von jetzt an nicht mehr bei uns wohnen“.

Ihre jüngere Tochter war zu diesem Zeitpunkt erst ein halbes Jahr alt, die ältere war drei. „Ich fragte ihn nach den Gründen, aber er gab keine Erklärung. Nur, dass er jemanden kennengelernt habe.“ Erst nach und nach erfuhr sie Näheres. „Was mir damals unheimlich gefehlt hat war, seinen Entscheidungsprozess, der für ihn ja über einige Monate ging, mitzubekommen. Dann hätte ich mich an den Gedanken gewöhnen können, dass er ausziehen würde und auch unsere ältere Tochter vorbereiten können.“ So fehlten ihr fast die Worte, als es darum ging, der Dreijährigen vom Trennungswunsch ihres Papas zu erzählen. „Ich habe das selbst nicht verstanden, deshalb konnte ich es ihr auch kaum verständlich machen.“

Nur gut vorbereitet ins Gespräch

Mutter oder Vater sollten also nicht im Alleingang entscheiden, sich vom Partner zu trennen, um dem Rest der Familie dann eine üble Überraschung zu bereiten. Doch auch eine Trennungsankündigung im Affekt, wenn Wut und Enttäuschung gerade übermächtig sind, ist Gift für Kinderseelen. „Eltern sollten mit ihren Kindern über dieses Thema nur sprechen, wenn sie wirklich fest beschlossen haben, dass sie diesen Schritt tun wollen“, erklärt die Bremer Familientherapeutin Elke Wardin in einem Interview mit BRIGITTE.DE. „Aber sie sollten das Gespräch dann auch keinesfalls herauszögern, da die Kinder die atmosphärische Störung in der Familie ohnehin wahrnehmen. Es verunsichert sie sehr, wenn das, was sie fühlen, nicht mit dem zusammenpasst, was ihnen gesagt wird“.

Vorab den neuen Alltag planen

Trotzdem ist es wichtig, dass die Eltern das Gespräch in Ruhe vorbereiten. Sie können bereits untereinander abklären, wie es ganz konkret für den Nachwuchs weitergeht. So sollte möglichst schon klar sein, wo das Elternteil, das auszieht, in Zukunft (allein oder mit den Kindern) wohnen wird. Ist noch keine Wohnung gefunden, kann man mit dem Gespräch noch etwas warten. Gut ist es in jedem Fall, wenn ein Umzug fürs Kind vermieden werden kann. Auch sonst ist Kontinuität jetzt oberstes Gebot. Die Betreuung sollte deshalb möglichst stabil bleiben (z. B. gleicher Kindergarten, weiterhin regelmäßige Großeltern- oder Tagesmutterbetreuung).

Vor allem aber in der Eltern-Kind-Beziehung ist es umso beruhigender fürs Kind, je weniger sich hier verändert. Auch der wegziehende Elternteil sollte deshalb einige seiner angestammten Aufgaben weiterhin übernehmen, wenn er nicht zu weit weg wohnt. Zum Beispiel kann der Vater an zwei Abenden pro Woche hereinschauen und dem Kind seine Gutenacht-Geschichte vorlesen, wenn dies früher seine Aufgabe war. Oder er holt sein Kind morgens ab und bringt es zum Kindergarten/zur Schule, während die Mutter mittags fürs Abholen zuständig ist. Werden viele solcher Alltagsrituale erhalten, spürt das Kind: Mama und Papa sind weiterhin für mich da, sorgen beide für mich, nehmen sich Zeit für mich.

Nötig ist für die anstehende Unterredung mit dem Kind auch eine ruhige Atmosphäre, ein Tür-und-Angel-Gespräch wäre jetzt fehl am Platz. Auch wenn also gerade alles drunter und drüber geht, weil für einen der Partner ein Umzug ansteht, sollten die Eltern sich Zeit nehmen. Wichtig ist dabei, dass Mutter und Vater gemeinsam mit dem Kind sprechen, darauf hat ein Kind ein Anrecht. Es würde die Abwesenheit von Mama oder Papa bei einer so einschneidenden Nachricht als Desinteresse deuten und sich von diesem Elternteil verlassen fühlen.

Erklärungen – weniger ist mehr

Weil Kinder lange Erklärungen zu den Trennungsgründen kaum verstehen, gilt für die Eröffnung des Gesprächs die Devise: weniger ist mehr. Zu einem jüngeren Kind können die Eltern sagen: „Wir müssen dir etwas erzählen, das nicht so schön ist. Weißt du, Mama und Papa zanken so oft. Wir haben uns deshalb überlegt, dass es besser ist, wenn wir nicht mehr zusammen wohnen. Der Papa/die Mama möchte ab jetzt woanders schlafen, er/sie kommt aber natürlich ganz oft zu dir.“ Danach sollten die Eltern abwarten, ob vom Kind Fragen kommen.

Einem älteren Kind kann man schon mehr erklären: „Wir möchten etwas Wichtiges mit dir besprechen. Das ist jetzt ein bisschen schwer für uns. Vielleicht hast du ja schon gemerkt, dass wir uns in letzter Zeit so oft gezankt haben. Oder dass dein Papa/deine Mama viel weg war und nicht mehr oft bei uns zu Hause. Weißt du, wir sind beide schon längere Zeit nicht so glücklich zusammen. Das hat aber nichts mit dir zu tun, nur mit uns. Wir verstehen uns nicht mehr so gut wie früher. Wir haben deshalb besprochen, dass wir nicht mehr zusammen wohnen wollen.“ Auch hier gilt: Eltern sollten nicht zuviel erläutern, sondern abwarten, ob Tochter oder Sohn von sich aus Fragen haben.

Einer Verführung sollten Eltern im Gespräch unbedingt widerstehen: aus einer schweren Kränkung oder Enttäuschung heraus das Kind in seine eigenen negativen Gefühle mit zu verstricken. Also etwa zu sagen: „Dein Vater hat uns leider nicht mehr lieb, er geht lieber zu einer anderen Frau.“ „Eltern sollten auf keinen Fall einseitige Schuldzuweisungen vornehmen“, warnt Prof. Dr. Sabine Walper. Dies belaste nicht nur das Verhältnis des Kindes zu dem beschuldigten Elternteil. „Oftmals dreht sich der Spieß um, und die Vorwürfe wirken auf den zurück, der sie ursprünglich erhoben hat“, so die Psychologin von der Universität München. Es kommt aber auch vor, dass Kinder glauben, zum vermeintlich schwächeren Elternteil halten zu müssen und den anderen Elternteil nicht mehr lieben zu dürfen – eine schwere Belastung für eine Kinderseele.

Wie wird das Kind die Nachricht aufnehmen?

Kinder reagieren sehr unterschiedlich auf die Ankündigung, dass die Eltern bald nicht mehr zusammen leben werden. Manche Kinder weinen oder bekommen einen verzweifelten Wutanfall. Manche ziehen sich zurück oder reagieren auch scheinbar unbeteiligt. Bei ihnen spielt sich das Drama eher im Verborgenen ab. Doch egal, was das Kind nach außen hin zeigt: Es reagiert immer mit Angst und Verunsicherung, weil es spürt, dass sich seine Welt verändern wird. “Kinder haben jetzt Ängste, das eine Elternteil nicht mehr zu sehen oder vielleicht umziehen zu müssen. Wer ihnen diese Sorgen nimmt, macht es viel leichter für sie“, betont Remo Largo.

Doch nicht nur Angst, sondern auch Schuldgefühle sind jetzt häufig: Kinder halten sich insgeheim oft selbst für die Ursache, wenn Mama und Papa sich nicht mehr mögen. Vor allem jüngere Kinder sehen sich noch als Dreh- und Angelpunkt der Welt, alles steht scheinbar zu ihnen in ursächlicher Beziehung. „Sie fragen sich, ob sie der Grund für die negativen Gefühle sind, die von den Eltern ausgehen. Sie geben sich oft die Schuld. Denken, der Papa hat sie nicht mehr lieb (weil er weggeht). Sie versuchen, eine Erklärung zu finden“, beschreibt Prof. Dr. Remo Largo diese Gefühlswelt. Viele Kinder glauben also, sie seien vielleicht nicht lieb genug gewesen. Wichtig ist es daher, dass beide Eltern dem Kind unermüdlich sagen, dass die Trennung nichts mit ihm selbst zu tun hat, und dass man es natürlich weiterhin ebenso lieb hat wie zuvor.

Was Kinder jetzt wissen möchten

Manche Kinder reagieren aber auch mit ganz konkreten Fragen auf die Trennungsabsichten der Eltern: „Es ist in ganz vielen Krisensituationen zu beobachten, dass Kinder auf verblüffende Art und Weise praktische Dinge wissen wollen: ‚Wo steht mein Bett? Wer bringt mich zum Kindergarten?’, berichtet Familientherapeutin Elke Wardin aus ihrer Praxis. Auch deshalb ist es wichtig, dass die Eltern schon vorab die Organisation des zukünftigen Alltags weitgehend geplant haben. Kinder sollten aber bei dieser Planung trotzdem auch mitreden dürfen, sofern sie schon dazu in der Lage sind. Um sie nicht zu überfordern, brauchen sie „allerdings klar formulierte Alternativen“, wie Prof. Sabine Walper rät. Man könne zum Beispiel fragen: „Möchtest du den Papa am Samstag oder am Sonntag besuchen?“ „Haben Kinder Widerstände und möchten sie die Mutter oder den Vater zuerst einmal gar nicht sehen, sollte man das akzeptieren“. Geduld sei hier besser als Druck.

Die Bürde so leicht wie möglich halten

Auch wenn Eltern in der Trennungssituation aufgewühlt sind und selbst sehr leiden: Sie sollten nie ihr Kind aus dem Blick verlieren. Es benötigt während dieser schweren Zeit viel Liebe und Aufmerksamkeit. Und wie immer im Zusammenleben von Menschen gilt: Reden ist Gold. Wenn sie die seelische Erschütterung bei ihrem Kind möglichst gering halten wollen, müssen die getrennt lebenden Eltern miteinander und mit ihrem Kind im Gespräch bleiben, auch wenn ihnen zeitweise nicht danach zumute ist und sie dafür sehr über ihren Schatten springen müssen.

Wenn Eltern dies jedoch schaffen, investieren sie in die Zukunft: Denn es müssen dann beim Kind nicht zwangsläufig schlechte Noten, Verhaltensauffälligkeiten und im späteren Leben eigene Partnerschaftsprobleme folgen, wie es Trennungskindern oft nachgesagt wird. Vielmehr kommen Studien mittlerweile zu anderen Ergebnissen: „Mehrere Jahre nach der Trennung der Eltern konnten wir bei Trennungskindern im Vergleich zu ihren Altersgenossen, die in traditionellen Kernfamilien aufgewachsen sind, keine generellen Nachteile erkennen“, beruhigt Prof. Dr. Sabine Walper. Es könne aber dennoch zwei bis drei Jahre dauern, bis ein Kind eine Trennung verkraftet habe.

*Name geändert

Service:

  • Remo H. Largo, Monika Czernin: Glückliche Scheidungskinder: Trennungen und wie Kinder damit fertig werden, Piper, ISBN-13: 978-3492241588.
  • Kurse „Kinder im Blick“ für Eltern in Trennungssituationen (entwickelt von der Universität München mit Prof. Dr. Sabine Walper): www.kinderimblick.de

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