Mein Kind hat zwei Gesichter

Woanders ein Engel, zu Hause ein Bengel?

In der Kita macht dein Kind super mit und zu Hause merkst du von alledem leider gar nichts mehr. Hier wird gebockt, getrotzt und Ermahnung werden einfach überhört. Woran das liegt und ob es anderen Familien auch so geht, kannst du hier nachlesen.

Autor: Gabriele Möller
Seitenanfang

Ist das wirklich mein Kind…?

kinder-benehmen-teaser
Foto: © Colourbox

Kennst du das auch? Wenn dein Kind seine Freunde besucht, lobt die Gastmutter, wie lieb und hilfsbereit es ist, dass es sich am Tisch schon so gut benimmt, und ohne Murren das Spielzeug aufräumt, bevor es heimgeht. Auch die Erzieherinnen der Kita erzählen dir zufrieden, wie toll dein Kind mitmacht, dass es sich an die Regeln hält und gern kleine Aufgaben übernimmt. Zu Hause merkst du leider von alledem kaum etwas. Hier sind Tochter oder Sohn widerspenstig und bockig, überhören auch die fünfte Ermahnung noch mit abwesendem Blick und denken gar nicht daran, kampflos das Kinderzimmer aufzuräumen oder beim Tischdecken zu helfen. Wenn dir das bekannt vorkommt, gehört auch dein Kind zu den Mädchen oder Jungen, die zwei Gesichter haben: nach außen das eines Engelchens, zu Hause das eines frechen Teufelchens. Aber wie kommt es, dass viele kleine Kinder diese beiden Seiten in sich haben? Dafür gibt es mehrere Gründe, und manche davon sind durchaus überraschend!

Kleine Engel fallen ungern auf

Kinder, die sich nach außen hin besonders brav geben, sind nach Beobachtung von Psychologen oft eher ängstliche Kinder. Sie fallen nur ungern auf. Längst haben diese Kinder beobachtet, dass widerspenstige Altersgenossen aus der Sicherheit der Gruppe herausgenommen werden, und die Erzieherin ein ernstes Wort mit ihnen spricht. Der Fokus richtet sich also sehr auf sie. Und genau diese Art negativer Aufmerksamkeit hassen unsichere Kinder, und möchten sie selbst unbedingt vermeiden. Sie verhalten sich daher lieber konform mit den Wünschen der Erwachsenen.

Die Kehrseite dieses Wohlverhaltens: Sobald die Kinder eine „sichere Zone" betreten, wie Mamas Auto oder die heimische Wohnung, brechen die unterdrückten negativen Gefühle wie Unmut, Wut, Enttäuschung oder Ungeduld hervor – oft sehr zum Erstaunen der Eltern, die nicht verstehen, warum das Kind auf einmal so schlecht gelaunt ist.

Du hast aber nichts falsch gemacht, wenn auch dein Kind negative Gefühle nach außen hin oft unterdrückt. Denn US-Forscher haben beobachtet, dass dieses Verhalten eher genetisch verankert ist. Die betroffenen Kinder sind oft generell besonders empfindsam und neigen zu einem schwächeren Selbstwertgefühl. Die Anerkennung Anderer ist ihnen überdurchschnittlich wichtig.

Die angeborene Vorsicht vor „fremden“ Erwachsenen

Eine weitere Ursache für das Doppelleben vieler Kinder ist sehr archaischer Natur: Kleine Kinder fühlen, dass sie gegen einen Erwachsenen weitgehend machtlos sind. Seine körperliche Überlegenheit kann theoretisch eine Gefahr für sie sein. Deshalb zeigen sehr viele Kinder eine Vorsicht im Umgang mit Außenstehenden, die seit Jahrtausenden in ihren Genen verankert ist.

Diese Vorsicht betrifft nicht nur Fremde, sondern auch Erzieherinnen, Gasteltern oder den Trainer der Fußball-Minis. Denn ein Kind verfügt über nur wenig Lebenserfahrung und kann nicht einschätzen, ob die ärgerliche Erzieherin nicht vielleicht noch Schlimmeres tun kann, als nur zu meckern. Weil Erwachsene für ein Kind schwer berechenbar sind, zeigen sich oft gerade die besonders „wilden Kerle" relativ zahm gegenüber Autoritätspersonen.

Zu Hause dagegen fühlt ein Kind sich sicher und weiß sich vorbehaltlos geliebt – es kann sein wahres Ich mit allen Facetten ausleben. Es ist also auch ein Zeichen von Vertrauen und einer guten Bindung, wenn dein Kind sich hier unverstellt zeigt, selbst wenn das vielleicht manchmal anstrengend ist!


Neigung zu Perfektionismus fördert „Engel-Bengel“-Verhalten

Vielleicht kommt auch ihr allmorgendlich nur schwer aus dem Haus, weil die Zopfspange deiner Tochter nicht perfekt sitzt, die Friseur deines Sohnes trotz Haargel widerspenstig bleibt, oder er sich nochmal umziehen will, weil ihm sein T-Shirt plötzlich peinlich ist? Der Wunsch nach dem perfekten Auftritt ist ein weiterer Grund, warum Kinder ins „Engel-Bengel-Muster" fallen: Sie möchten ebenso hübsch oder so cool aussehen, wie die Freundinnen oder Kumpel im Kindergarten - und wehe, irgendein Detail stört das Gesamtbild! Schnell entwickelt sich ein Drama in mehreren Akten - von dem später in der Kita natürlich niemand mehr etwas ahnen wird. Dort ist wieder das Engelchen aktiv.

Nicht selten neigen auch die Eltern junger Perfektionisten dazu, sich generell viele Gedanken darüber zu machen, was „die Leute" denken. Kinder schauen sich dieses Verhalten leicht ab. Doch nicht immer sind die Eltern einer jungen Stil-Ikone selbst ähnlich gestrickt. Manche dieser Kinder haben einfach auch Angst, von den anderen Kindern gehänselt zu werden, wenn ihr Aussehen peinlich oder uncool wirkt.

Die Gesellschaft mag angepasste Kinder

Zwischen Erziehung und Genetik gibt es noch etwas, was das Verhalten unserer Kinder steuert: die gesellschaftlichen Erwartungen. Die Mühlen der Gesellschaft lieben es, reibungslos und ohne störende Widerstände zu laufen, angepasste Mitglieder sind ihnen am liebsten. Dies gilt nicht nur für Kinder - auch für Erwachsene kann es schwierig sein, wenn sie durch ihre Andersartigkeit oder durch ein unangepasstes Verhalten anecken.

In der Welt unseres Kindes werden die gesellschaftlichen Erwartungen von Erzieherinnen, Lehrern, Nachbarn oder anderen Eltern verkörpert. Sie belohnen Kinder durch Lob für angepasstes Verhalten, wohingegen Eigensinn oder Widerspruch negative Reaktionen hervorrufen. Weil Kinder aber alles richtig machen wollen, verhält sich die Mehrzahl von ihnen tendenziell angepasst.

Und auch hier gilt: Zu Hause fallen alle Zwänge. Getragen von der Basis elterlicher Liebe halten Kinder es aus, bei Mama und Papa auch mal kräftig anzuecken. Nicht umsonst beobachteten Forscher: Oft sind gerade diejenigen Kinder zu Hause eher „Bengel" als „Engel", die besonders zugewandte, fürsorgliche und liebevolle Eltern haben. Diese Kinder wollen nicht die Liebe der Eltern ausnutzen, sondern ihr Vertrauen in Papa und Mama ist einfach grenzenlos.

Die Extreme zwischen Engelchen und Teufelchen mildern

Obwohl die „Engel-Bengel-Natur" vieler Kinder etwas Natürliches ist, können wir unserem Kind trotzdem helfen, die gegensätzlichen Pole einander etwas anzunähern. So muss der Nachwuchs negative Emotionen nach außen hin nicht mehr zu sehr unterdrücken, und zu Hause bricht auch weniger heftig das hervor, was sonst nicht gelebt werden kann. Doch wie geht das?

Ein wichtiger Weg ist hier das Sprechen über Gefühle: Viele jüngere Kinder besitzen kaum Vokabeln, um Frust, Enttäuschung, Traurigkeit oder Wut auszudrücken. Sie werden stattdessen aggressiv und lösen damit eine negative Reaktion aus. Davor aber haben kleine „Engel" Angst, so dass sie ihren Frust lieber unterdrücken. Wenn dein Kind aber lernt zu sagen: „Ich bin sauer! Jan hat den Bagger genommen, obwohl ich ihn zuerst wollte", löst es trotz seiner Offenheit positive Reaktionen aus: Eine so angesprochene Erzieherin hilft den Streithähnen meist erfolgreich, eine Lösung zu finden.

Gib Gefühlen daher im Alltag mit deinem Kind immer wieder bewusst Worte: „Du schaust so traurig! Willst du mir sagen, warum?" oder „Ich sehe, du freust dich – das kann ich total verstehen!" Schon dreijährige Kinder lernen so oft überraschend gut, ihre Gefühle mit Worten auszudrücken. Und erleben dabei, dass sie auch nach außen hin ehrlich sein können, ohne anzuecken.

Authentisch sein – das können Eltern vorleben!

Damit dein Kind es schafft, authentischer zu sein, braucht es aber auch Ich-Stärke. Ihm die zu vermitteln, ist gar nicht so kompliziert, wie es klingt: Zeige deinem Kind einfach, dass du es liebst, weil es da ist – und nicht, weil es hübsch aussieht, etwas besonders gut kann, oder etwas geleistet hat. Lebe auch selbst vor, dass Perfektion nicht erstrebenswert und nicht erreichbar ist: Werte Mitmenschen nicht vor den Ohren des Kindes wegen ihrer Schwächen und Makel ab, sondern sprich möglichst liebevoll und tolerant über sie.

Stehe auch zu deinen eigenen Fehlern und erzähle am Familientisch gelassen (oder vielleicht sogar humorvoll), wenn dir etwas missglückt ist, oder du etwas falsch gemacht hast. Euer Kind wird sich aber diese Ehrlichkeit und Entspanntheit mit der Zeit abschauen. Nicht von heute auf morgen, aber im Laufe der Jahre. Es wird immer weniger Angst davor haben, Fehler zu machen, und es wird sich deshalb auch nach außen hin immer öfter ehrlich und echt geben können.

Foren zum Thema

Unsere Partner
  • SteriPharm Folio
  • Pampers
  • Nestle Bebe
  • Eltern Grußkarten
  • Vorname.com
  • Schöner Wohnen Shop