Geschichten aus The Mighty

An typische Geschwister eines Bruders oder einer Schwester mit Behinderung

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Ellen Stumbo weiß, was es heißt, wenn Kinder mit einem behinderten Geschwister aufwachsen. In diesem offenen Brief würdigt sie ihren Verzicht und ihre Leistungen in bewegenden Worten.

theMighty typische Geschwister
Foto: © The Mighty, ellenstumbo.com

Liebe typische Geschwister eines Bruders oder einer Schwester mit einer Behinderung,

heute möchte ich Euch als Elternteil ansprechen. Vielleicht nicht als Teil Eurer Eltern – aber doch ein Elternteil. Ich weiß, dass Ihr so viele Opfer habt bringen müssen und ich wünschte, Ihr hättet das nicht tun müssen. Wann immer Ihr gedacht habt, dass etwas nicht fair sei, haben wir das auch gedacht. Und wenn Ihr manche Erfahrungen im Leben nicht machen konntet, dann könnt Ihr sicher sein, dass wir uns gewünscht haben, Euch die ganze Welt bieten zu könnten.

Vielleicht habt Ihr Euch manchmal übersehen gefühlt, weil die Bedürfnisse Eures Geschwisters alle Aufmerksamkeit Eurer Eltern auf sich gezogen haben. Aber sie sehen Euch aus den Augenwinkeln, und es tut ihnen von Herzen weh, wenn sie die Zeit mit Euch opfern mussten. In vielen Nächten denken sie an Euch und was für wundervolle Mensch Ihr seid. Ich möchte, dass Ihr wisst, dass der Stolz und die Liebe, die sie für Euch fühlen, unermesslich sind und dass Ihr es wart, die sie überhaupt haben weitermachen lassen. Ihr macht ihre Tage strahlend schön. Und Ihr habt uns gesagt, dass Eure Geschwister mit einer Behinderung auch Auswirkungen auf Euch gehabt haben. Ja, Ihr habt Opfer gebracht und es gab Dinge, die Ihr aufgeben musstet, aber Ihr habt auch viel gewonnen durch Eure Geschwister. Ihr habt uns gesagt, dass Eure Geschwister mit Behinderung Euch zu dem geformt haben, was Ihr heute seid. Wir sehen Euch an, und wir sind uns sicher, dass es keine mitfühlenderen, fürsorglicheren, akzeptierenderen und liebenswürdigeren Menschen auf der Welt gibt als Euch.

"Ihr könnt genervt sein, wenn Hände an Euch zerren, und einen Moment später williger Teil einer so großen und innigen Umarmung sein, wie nur Geschwister sie teilen können."

 

Wir haben gesehen, wie frustriert Ihr von Euren Geschwistern wart, denn Ihr seid eben Geschwister. Wir haben die Frustration in Euren Augen gesehen. Aber dann geschieht etwas, vielleicht etwas, das wir als Eltern nicht erkennen können, und wir sehen, wie die Frustration der Liebe weicht. Ihr könnt genervt sein, wenn Hände an Euch zerren, und einen Moment später williger Teil einer so großen und innigen Umarmung sein, wie nur Geschwister sie teilen können. Ich sehe die Liebe für Eure Geschwister in Euren Augen, und ich kann nicht glauben, dass Ihr diese Art von Liebe teilt. Sie ist nicht typisch, aber sie geht so tief, und sie spiegelt eine ruhige Kraft in Euch, die mich zu Tränen rührt.

Wir haben gesehen, wie Ihr Euch den Mobbern entgegengestellt habt, selbst wenn es beängstigend wurde. Weil Ihr verstanden habt, dass man niemanden niedermachen darf, auf keine Weise. Und Ihr habt Kindern, die von anderen leicht übersehen werden, nicht nur ein Lächeln geschenkt, sondern auch Freundschaft. Denn Ihr überseht nie, niemals jemanden. Ihr bemerkt sie, und Ihr lasst es sie spüren. Mit Eurem Lächeln und Eurer Freundschaft erinnert Ihr sie daran, dass auch sie in dieser Welt zählen.

Vielleicht seid Ihr reifer als andere in Eurem Alter. Ihr habt wahrscheinlich schon mehr Verantwortung übernommen als sie. Ich nehme an, dass Ihr in manchen Dingen ein anderes Leben gelebt habt, ein Leben unter dem Einfluss von Behinderung. Und jeden Tag seid Ihr da draußen, bewegt Euch in dieser Welt, mit einem Verständnis für die Schönheit und den Wert des Lebens, das Euch zu etwas Besonderem macht, einem Verständnis, das wenig Leute besitzen.

Ihr hattet diese Erkenntnis von klein auf, sie war immer Teil Eures Lebens. Wir als Eltern kamen erst viel später im Leben dazu.

Ihr lacht das Leben an und genießt jeden Moment. Ihr leitet die Menschen um Euch herum an, helft ihnen zu sehen, was Ihr seht, zu wissen, was Ihr wisst. Ihr verändert, wie Menschen Behinderung wahrnehmen, wenn Ihr Euch für Eure Geschwister einsetzt, wenn Ihr Ihnen bei Bedarf eine Stimme verleiht. Ihr nehmt diese Rolle willentlich an, das macht mich demütig, es rührt mich zu Tränen.

Ihr bewegt die um Euch herum, und Ihr werdet das auch weiter tun.
Als Eltern hoffen wir, für unsere Kinder die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber Ihr als Geschwister, mit Herzen voller Akzeptanz, Mitgefühl und Verständnis für den Wert des Lebens, Ihr werdet in die Welt hinausgehen und sie verändern. Nicht nur für Eure Geschwister, sondern für uns alle.
Danke!

Wenn Ihr Euch je fragen solltet, zu wem wir emporschauen – Ihr seid es. Wir könnten nicht stolzer sein oder Euch inniger lieben.
Ellen Stumbo

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