Geschichten aus The Mighty

Die drei Wörter, die ich meiner Freundin gesagt hätte. Sie starb durch Suizid.

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Kann man eine enge Freundin mit Postnataler Depression davon abhalten, sich das Leben zu nehmen? Laura wollte es unbedingt versuchen. Aber dann kam alles ganz anders.

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Foto: © The Mighty

Vor kurzem gab es den „Monat der Suizid-Vorbeugung". (Der Artikel ist aus dem Amerikanischen übersetzt. Dort: „Suicide Prevention Awareness Week".) Ich muss zugeben, dass ich mir nie viele Gedanken gemacht habe, ob wir solch einen Monat brauchen. Jetzt ist mir klar, dass diese Art zu denken egoistisch war: Suizid war nichts, was mich persönlich anging. Bis zum 18. Januar 2016.

Meine gute Freundin seit 23 Jahren starb durch Suizid. Ich hoffe, dir ist aufgefallen, dass ich nicht gesagt habe „beging Selbstmord". Die Sarah, die ich kannte, hätte nie „Selbstmord begangen", sie hätte nie ihre beiden kleinen Söhne zurückgelassen und ein aussichtsreiches Leben voller Möglichkeiten. Zu sagen, sie „beging Selbstmord", wäre so, also würde man sagen, jemand sei mit Absicht in ein diabetisches Koma gefallen, weil ihm Insulin fehlte. Es ist ein Tabu zu sagen, dass dein Gehirn erkrankt ist, ein Organ von vielen in Deinem Körper, das anfällig für Krankheiten ist.

"Äußerlich war sie geistreich und hart im Nehmen, aber in ihrem Inneren verletzlich und unsicher."


Das ist es, was ich ändern will. Ich habe gesagt, dass sie „durch Suizid starb", weil meine Freundin eine psychische Erkrankung hatte. In diesem Land (den USA) scheint es niemanden zu kümmern, wenn du eine psychische Erkrankung hast. Sie beschimpfen dich als „verrückt" oder „süchtig", aber sie schauen nicht näher hin. Meine Freundin war das Opfer eines Suizids. Das erklärt es vielleicht besser. Sie war das Opfer einer Seele, die sich gegen sie gewendet hatte. Sie war Opfer eines Systems, das ihr nicht helfen konnte.

Sarah war absolut brillant, schon als ich sie im Alter von 14 Jahren kennenlernte. Eine stolze Erscheinung, 1,91 m groß, hatte sie eine unübersehbare Präsenz. Äußerlich war sie geistreich und hart im Nehmen, aber in ihrem Inneren verletzlich und unsicher. Ich erinnere mich daran, wie sie mit Depressionen kämpfte, als wir Teenager waren. In unseren 20ern schaffte sie es (mit therapeutischer Hilfe), die Medikamente abzusetzen, sie praktizierte Meditation und Yoga, um ihre Symptome in Schach zu halten. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit ihr, als sie mit 26 ihr erstes Kind bekam. Wir sprachen über Postnatale Depression und über einen Plan für den Fall, dass ich meinte, eine bei ihr zu erkennen. Sie war nachdenklich, aufgeschlossen und dachte logisch. Die Geburt ihres geliebten Kindes ging ohne irgendwelche Vorfälle vorüber. Niemals erhob die Depression ihr grässliches Haupt. Im Gegenteil, die frühen Jahre mit ihrem ersten Sohn gehörten zu ihren besten. Ausflüge in den Park, zum Angeln, ins Freibad: Sarah unternahm sie mit ihrem kleinen Sohn, wie jede Mutter es getan hätte.

"Sie war außer sich vor Freude über ihr kleines Baby. Mir kam nie ein Verdacht auf Postnatale Depression, bis es passierte."


Auch unsere Freundschaft wurde in dieser Zeit wieder enger. Ein paar Jahre später bekam ich mein erstes Kind, und wir kamen uns wiederum näher, beide Mütter und zugleich berufstätige Frauen, die versuchen, alle Bälle in der Luft zu halten. Ich glaube, die Depression hatten wir beide vergessen. Das ist gelogen. Ich bin mir sicher, dass nur ich die Depression vergessen hatte. Wie dem auch sei, es schien, als sei diese dunkle Wolke verschwunden, und ich ließ mich von meiner Bequemlichkeit einlullen. Etwa fünf Jahre nach dem ersten Kind bekam sie das zweite. Sie war außer sich vor Freude über ihr kleines Baby. Mir kam nie ein Verdacht auf Postnatale Depression, bis es passierte. Unglücklicherweise hatten wir diesmal keinen Plan für diesen Fall wie beim ersten Kind, und gleichzeitig erlebte sie auch noch die Trennung vom Vater ihrer Kinder. Sie war mir fremd geworden und ich war nicht in der Lage, sie zu erreichen.


Ein Jahr, bevor sie starb, brachte mich und einige andere ein Vorfall in ihr Haus. Wir versuchten sie zu überzeugen, dass sie in die Klinik gehen solle, um sich „auszuruhen". Wir wussten: Wenn wir eine psychische Erkrankung als Grund genannt hätten, wäre sie nie gegangen. Ich stellte mich zur Verfügung, um sie bei der Aufnahme zu begleiten. Aber ich war keine Familienangehörige, deshalb durfte ich ihre Interessen nicht vertreten. Die Regeln sind streng und ich verstehe ihren Sinn, aber ehrlich gesagt bin ich überzeugt, dass sie mehr Menschen mit psychischen Problemen schaden als ihnen nützen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Stattdessen schaffte es meine kluge und clevere Freundin, sich gleich wieder aus der Klinik herauszureden und informierte uns darüber, dass nur eine „Erschöpfung" diagnostiziert worden sei und sie mehr Schlaf brauche. Mein Mut sank. Sarah wusste, dass sie eine Depression hatte, aber sie gab es nicht einmal mehr zu. Sie war krank, und ich war machtlos dagegen.

"Ich bin wütend auf mich, dass ich so bequem war."


Fast auf den Monat genau ein Jahr nach dem Klinikaufenthalt war meine Freundin tot. Nach der Entfremdung durch die Klinik-Geschichte hatte sich unser Kontakt seitdem auf Facebook-Kommentare und Likes beschränkt. Hätte sie sich gemeldet, auch nur ansatzweise, wäre ich ihr sofort zur Seite gesprungen. Das hätte ich wirklich getan. Aber sie hat mich nicht angerufen, mir keine Nachricht geschickt oder auch nur eine SMS. Ich bin wütend auf mich, dass ich so bequem war. Ich bin sauer, weil mir nicht klar war, dass es in Suizid enden würde, obwohl ich doch wusste, dass sie mit Depressionen zu kämpfen hatte, seit sie ein Teenager war. Hätte sie mir geschrieben, dann hätte ich ihr einen kurzen Satz geschrieben, der jetzt der Name einer gemeinnützigen Organisation ist, den eine gemeinsame Freundin gegründet hat. Falls du noch nicht davon gehört hast, kannst du Dich hier informieren. Auf jeden Fall hätte ich ihr gesagt: „Du bist wichtig. Du bist mir wichtig, und ich weiß, dass die Dinge gerade wirklich übel sind, aber es wird besser werden. Lass mich dir helfen. Du musst so nicht leben."

Du bist wichtig.
Du bist wichtig.
Du bist wichtig.

Ich liebe Dich, Sarah.

Hier geht's zum Original-Artikel.

Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten:
Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.

Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.
Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Anmelden kannst du dich auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Du kannst die Nachrichten auf der Seite der Telefonseelsorge schreiben und die Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in normalen Postfächern auf.