Nutzen oder Nepp?

Pillen aus Plazenta? Das Geschäft mit der Geburt

Plazenta gegen Wochenbettdepressionen, Muttermilch für die Immunabwehr, Nabelschnurblut gegen Krankheiten in der Zukunft: Das Geschäft mit körpereigenen Wirkstoffen mit vermeintlicher Super-Wirkung boomt. Der Effekt ist nicht immer bewiesen, die unerwünschten Nebeneffekte schon.

Autor: Heike Byn
Seitenanfang

Plazenta: Mythos oder Heilmittel?

Geschäfte mit der Geburt
Foto: © colourbox

Sollen Mütter ihre Plazenta essen – wie Hunde, Katzen und andere Säugetiere auch? Unbedingt – wenn es nach Promis wie dem Reality-TV-Star Kim Kardashian oder der Schauspielerin Gaby Hoffmann (US-Serie Girls) geht. Die beiden Mütter machten in 2015 öffentlichkeitswirksame Werbung für Plazenta-Kapseln und Plazenta-Smoothies.

Doch was soll das bringen? Etwa ein Pfund wiegt der Mutterkuchen nach der Geburt. Er sieht schwammig aus, ist blutig – und schmeckt angeblich nach Eisen und blutigem Steak. Das berichten Mütter in den sozialen Netzwerken oder Koch-Tutorials auf Youtube. Inzwischen gibt es sogar regelrechte Plazenta-Rezeptsammlungen.

Auch andere Trends sorgen für Aufsehen: Junge Eltern hängen sich Bilder mit einem Abdruck der Plazenta an die Wand, und auch Pillen und Globuli werden aus Mutterkuchen hergestellt, die beim Ankurbeln der Milchproduktion, der Rückbildung und gegen Wochenbettdepressionen helfen sollen. Außerdem soll die Milchproduktion angeregt, das Immunsystem gestärkt und die Mutter-Kind-Bindung verbessert werden. Alles nur Mythos oder ein echtes Wundermittel?

Wirkung von Plazenta nicht nachgewiesen

Wissenschaftlich belegt sind die scheinbar segensreichen Auswirkungen des Plazenta-Verspeisens nicht, lautet das Ergebnis einer Untersuchung der Wissenschaftlerin Crystal Clark. Die Psychiaterin und ihr Forschungsteam von der Northwestern University in Chicago fanden nur eine nur eine einzige Studie – aus dem Jahr 1954! –, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Plazenta-Verzehrs beschäftigt. In der wegen der geringen Anzahl befragter Frauen alles andere als repräsentativen Untersuchung berichteten die Mütter seinerzeit, dass ihre Milchproduktion nach dem Essen von gefriergetrockneter Plazenta angestiegen war.

Was soll's, könnten Mütter jetzt denken: Plazenta-Essen kann ja wohl kaum schaden, oder? Doch davon hält das amerikanische Forscherteam nicht viel, denn mögliche Nebenwirkungen sind genauso wenig erforscht wie die Vorteile. Neben potenziell gesundheitsfördernden Substanzen wie Eisen kann das Gewebe nämlich unter anderem auch Schwermetalle, Bakterien oder Viren enthalten. Die seit Urzeiten überall auf der Welt bekannten Rituale rund um die Plazenta, wie sie zu vergraben und auf ihrem Boden ein Lebensbäumchen für das Kind zu pflanzen, muten dagegen doch gleich viel natürlicher – und gesünder – an. Nur zu, schließlich ist es in Deutschland auch erlaubt, die Plazenta mit nach Hause zu nehmen.

Muttermilch: Macht sie müde Männer munter?

Auch das Geschäft mit der Muttermilch boomt: In Großbritannien gibt es sie als Eiscreme zu kaufen, in den USA werden mit Muttermilch gesüßte Lutscher angeboten. Außerdem blüht der Online-Handel mit roher Muttermilch: Bodybuilder berichten vom verbesserten Muskelaufbau, betagte Herren setzen sie zur Stärkung der Manneskraft ein. Sogar zur Unterstützung des Immunsystems und gegen Krebs wird die als Naturprodukt beworbene Muttermilch angeboten.

Mittlerweile ruft das Geschäft mit dem Körpersaft auch Ärzte und Politiker auf den Plan: Sie warnen vor den Risiken der Muttermilch, deren gesundheitlicher Nutzen für Erwachsene durch nichts belegt sei. Denn während die Zusammensetzung von Muttermilch mit ihrem geringen Eiweißanteil optimal auf Säuglinge abgestimmt ist, entspricht die Frauenmilch keineswegs mehr den Bedürfnissen Erwachsener und trägt deshalb auch nicht zu einer ausgewogenen Ernährung bei. „Es gibt keine wissenschaftlich ernst zu nehmenden Hinweise darauf, dass Muttermilch einen gesundheitlichen Nutzen hat", erzählt die Ärztin und Wissenschaftlerin Sarah Steele im renommierten „Journal oft he Royal Society of Medicine". „Mehr als einen Placeboeffekt kann man nicht feststellen." Alle Berichte über mehr Leistung, verbesserte Abwehrkräfte oder die Heilung von Krankheiten seien deshalb unseriös.


Muttermilch im Netz: Voll mit Bakterien und Keimen

Forscher fanden zudem Bakterien in mehr als 90 Prozent zufällig ausgewählter Proben von roher Muttermilch, die im Internet und über soziale Netzwerke angeboten wurden. Sehr oft waren auch Keime darunter, die nur schwer zu kontrollieren sind. Kein Wunder: Anders als in den derzeit 15 deutschen Muttermilchbanken für bedürftige Babys (Stand April 2016), die meist zu Kinderkliniken gehören und strengen Hygienekontrollen unterliegen, achtet im Netz niemand auf Hygiene bei Gewinnung, Verpackung und Versand. Deshalb ist auch das Infektionsrisiko, das von roher Muttermilch ausgeht, nicht zu unterschätzen. Zwar erklären die meisten Verkäuferinnen, während der Schwangerschaft auf diverse Krankheiten wie HIV oder Hepatitis getestet worden zu sein. Doch um davor geschützt zu sein, muss das Blut regelmäßig untersucht werden – auch nach der Geburt.

Als „kranke Idee" bezeichnen die Kollegen um die Wissenschaftlerin Sarah Steele den Glauben daran, mit menschlicher Muttermilch ein sauberes Super-Lebensmittel gefunden zu haben. Statt Heilung zu finden, setzten sich die Verbraucher nur unnötigen Gesundheitsrisiken aus. Wer die Muttermilch als Erinnerung an die besondere Zeit des Stillens aufbewaren möchte, kann das z.B. mit Schmuck: eine Designerin fertigt Perlen aus Muttermilch.

Nabelschnurblut einfrieren: Ein Geschäft mit der Angst

Versprechen sich Erwachsene vom Konsum der Plazenta oder Muttermilch positive Wirkungen auf die eigene Gesundheit, treibt Eltern beim Einfrieren des Nabelschnurbluts vor allem die Sorge um die Gesundheit ihres Kindes an: Was, wenn es eines Tages eine lebensbedrohliche Krankheit bekommt oder ein chronisches Leiden wie Diabetes oder Multiple Sklerose? Die Angst davor lässt viele werdende Eltern mit dem Gedanken spielen, die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ihres Babys einfrieren zu lassen. Dafür greifen Eltern tief in die Tasche: Bis zu 2.000 Euro berechnen je nach Betreuung und Aufbewahrungsdauer private Firmen für diese Dienste.

Doch ist das Einfrieren von Nabelschnurblut überhaupt sinnvoll? Wie wahrscheinlich ist, dass die Stammzellen dem eigenen Kind eines Tages wirklich helfen? Ist das Blut in öffentlichen Nabelschnurblutbanken – wie z.B. der Deutschen Nabelschnurblutbank in Hannover – besser aufgehoben? Viele Eltern stellen sich diese Fragen. Fakt ist: Die im Nabelschnurblut enthaltenen Stammzellen können helfen, Krankheiten zu heilen. Bisher werden sie vor allem zur Therapie von Leukämien – also Blutkrebs – eingesetzt. Stammzellen aus dem Nabelschnurblut teilen sich besser als die aus dem Blut Erwachsener gewonnen werden, so dass man bei der Behandlung nur geringe Mengen braucht. Außerdem gelten die Stammzellen als besonders verträglich.

Profitiert mein Kind vom Nabelschnurblut?

Doch trotz der nachgewiesenen Wirkung von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut fehlen immer noch konkrete Hinweise darauf, dass die Zellen dem eigenen Kind in Zukunft helfen könnten. „Mütter und Väter von gesunden Neugeborenen sollten wissen, dass es nach dem heutigen Stand des Fachwissens kein Versäumnis darstellt, das Nabelschnurblut des Kindes nicht einzufrieren", heißt es eindeutig in einer Stellungnahme der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantationen. Zudem wisse noch niemand genau, wie lange die Stammzellen in eingefrorener Form einsatzbereit bleiben.

Selbst für den Fall, dass das Kind an Blutkrebs erkrankt, dem bisherigen Haupteinsatzgebiet für eine Stammzelltherapie, hilft die frostige Lebensversicherung nichts: Denn die eigenen Stammzellen enthalten meist schon von Geburt an die bösartigen Zellen, die den Krebs später auslösen. „Das Einfrieren von Nabelschnurblut für die eigenen Kinder ist nur Geschäftemacherei mit der Angst der Eltern", sagt denn auch Marcell Heim, Professor am Institut für Transfusionsmedizin der Uni Magdeburg. Er und andere Experten befürchten sogar, dass eingelagerte Zellen in einigen Jahren überhaupt nicht mehr brauchbar sind. Medizinisch scheint es also keine Notwendigkeit zu geben, das Blut aus der Nabelschnur für das eigene Kind einzulagern.


Unsere Partner
  • SteriPharm Folio
  • Pampers
  • Nestle Bebe
  • Eltern Grußkarten
  • Vorname.com
  • Schöner Wohnen Shop