In sechs Schritten zum Geschichten-Erzähler

Mama, erzähl mir ein Märchen!

Kinder lieben Geschichten, besonders selbst erzählte. Und gerade jetzt in der kalten Jahreszeit gibt’s doch fast nichts Gemütlicheres als warm eingekuschelt zusammenzusitzen und Geschichten erzählt zu bekommen. Wir verraten Ihnen, wie Sie die schöne Fähigkeit des Erzählens lernen können.

Autor: Christiane Bertelsmann
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Einer Geschichte lauschen: Eine Reise in eine andere Welt

Kind Elfe gruen iStock woogies1
Foto: © iStockphoto.com/ woogies1

Kennen Sie den Wichtel Schnichtel Bichtel? Oder die Hexe Bobexe? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Denn die beiden sind eine Erfindung meiner Mutter. Schnichtel Bichtel lebt im Wald, in seiner Wichtelhöhle unter der großen Tanne. Er trägt eine blaue Mütze und hat ungeheuer große Füße. Sein bester Freund ist das Eichhörnchen Rolf. Mit ihm teilt Schnichtel Bichtel seine Nussvorräte. Doch eines Tages kommt die große und überaus böse Hexe Bobexe...

So oder so ähnlich erzählte mir meine Mutter immer, wenn ich mich auf den Sonntags-Wanderungen mit der Familie im Wald langweilte. Und plötzlich war es gar nicht mehr öd, stundenlang durchs Gelände zu stolpern, sondern höchst unterhaltsam. Auch abends, vorm Einschlafen, wollte ich mehr von Schnichtel-Bichtel hören. Ich nahm ihn mit in meine Träume.

Eigentlich erzählen wir alle, den ganzen Tag lang. Darüber, was wir selbst oder jemand anderes im Alltag erlebt haben. Von früher – und wenn das „früher“ nur die Kinderzeit war. Und natürlich erzählen die Kinder. Von ihren Kindergartenkumpels, davon, dass sie heute einen Schneemann gebaut haben („mit Rübennase! Und der war soooo groß, Mama. Und dann ist Mona gekommen und hat ihn kaputt gemacht...“). Experten unterscheiden zwischen den eben geschilderten Alltagserzählungen und dem bewussten Erzählen.

„Erzählen fördert so ziemlich alle kognitiven Fähigkeiten“, sagt Michael Schnabel, wissenschaftlicher Referent im Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik, „Hören und Zuhören ist eine anstrengende Sache, da muss man sich ganz schön konzentrieren.“ Wer einer Geschichte lauscht, begibt sich auf eine Reise in eine andere Welt. Die Vorstellungskraft wird angeregt, die Kreativität, die Aufmerksamkeit. Man darf sich nicht ablenken lassen, wenn man der Geschichte folgen will. Und muss sich in die Welt des Erzählers eindenken.

In sechs Schritten zum Geschichtenerzähler

Geschichten erzählen macht Spaß - aber wie schafft man es, dass die Zuhörer wirklich begeistert bei der Sache sind? Wissenschaftler Michael Schnabel, selbst Großvater von vier Enkeln und begeisterter Geschichtenerzähler, verrät seine Tricks:

Schritt 1: Atmosphäre schaffen

Gerade kleine Kinder brauchen Rituale. Eine bestimmte Ecke in der Wohnung, die sich besonders zum Erzählen eignet. Wenig Ablenkung sollte es da geben, gedämpftes Licht, kuschelige Kissen. Das Telefon weit weg, Musik und Fernseher haben Pause. Und dann kann’s losgehen.

Schritt 2: Was will ich erzählen?

Erzähl-Neulinge sollten sich in groben Zügen überlegen, in welche Richtung die Geschichte gehen soll. Wer sich nicht traut, eine eigene Geschichte zu erfinden, wildert bei Grimm & Co. Aschenputtel, Hänsel und Gretel, Froschkönig, Hans mein Igel – alles wunderschöne, spannende Geschichten. Keine Angst vor Abweichungen von der Grundgeschichte – genau das macht das Wesen der Erzählung aus.

Schritt 3: Kinder lieben Wiederholungen

Was wir bei den Märchen lernen können: Alles passiert drei Mal. Drei Wünsche, drei Proben, die der Held bestehen muss. Oft wiederholen sich dabei die Worte. Dieser Technik können Sie sich bedienen. Lassen Sie den Zauberer immer wieder den gleichen Zauberspruch aufsagen. Sie werden sehen, bald spricht ihn Ihr Kind für Sie. Warum das so ist? „Kinder lieben Wiederholungen“, sagt Michael Schnabel, „Dadurch prägen sich Inhalte ein.“ Das gilt auch für die immer gleiche Geschichte – manche kleinen Zuhörer können gar nicht genug davon bekommen. Michael Schnabel: „Ich musste meinen drei Söhnen 49 mal hintereinander das Tapfere Schneiderlein erzählen.“

Schritt 4: das Startsignal

Wenn alles parat ist und Sie und Ihr Kind kuschelig in der Erzählecke oder auf dem Sofa sitzen, dann kann es losgehen. Prima ist es, wenn Sie mit einem Erzählsignal beginnen. Klassisch ist „Es war einmal...“ . Den Satz können Sie natürlich variieren. Oder Sie läuten zu Beginn der Geschichte ein Glöckchen.

Schritt 5: einfach drauflos!

Sie trauen sich nicht? Haben noch nie erzählt? Das macht nichts! Auch wenn die ersten Sätze noch stockend kommen, Sie werden merken, wie Sie nach und nach an Sicherheit gewinnen. Andere Möglichkeit: Sie lassen Ihr Kind miterzählen. Etwa so: „Und wenn der Zwerg dann in den Wald geht, was sieht er da?“ „Einen Fliegenpilz.“ Und schon kriegt Ihre Story einen ganz anderen Dreh. Übrigens: länger als zehn Minuten sollten Ihre Geschichten nicht dauern. Bei zwei bis drei Jahre alten Zuhörern genügen maximal fünf Minuten. Wenn Sie merken, dass die Konzentration nachlässt – kürzen Sie einfach ab.

Schritt 6: ein bisschen Schauspielerei:

Auch, wenn Sie noch nie eine Schauspielschule von innen gesehen haben, ein paar Dinge können Sie sich von den Profis abschauen. So wird die Geschichte noch spannender:

  • Tonmodulation: Achten Sie darauf, dass Ihre Stimmlage nicht immer gleich bleibt, modulieren (formen) Sie die Sätze. Das erzeugt Spannung.
  • Lautstärke: Sprechen Sie mal laut, mal leise. An geheimnisvollen Stellen wird geflüstert.
  • Stimme verstellen: Ja, auch das darf es geben. Der böse Zauberer hat natürliche eine tiefe Brummstimme, die Prinzessin spricht fein und hell.
  • Gestik und Mimik: Leben Sie bei Ihrer Geschichte mit. Klopfen Sie auf den Boden, wenn es an der Türe pocht. Lachen Sie mit der Hexe, schluchzen Sie mit der traurigen Kröte. Aber Vorsicht, nicht übertreiben! Kinder merken es, wenn etwas aufgesetzt wirkt.

Für Fortgeschrittene: selbst Geschichten erfinden

Wenn Sie sich in der Rolle des Märchenerzählers schon sicherer fühlen, können Sie sich an eigene Geschichten herantrauen. Das kann so funktionieren:

  • Spielen Sie Drehbuchautor. Skizzieren Sie für sich innerlich den Plot, also die Geschichte, die Sie erzählen wollen. Wer sind die Hauptpersonen? Welche Charaktere haben Sie? Wo spielt Ihre Story? Damit Ihre kleinen Zuhörer dabei bleiben, arbeiten Sie möglichst viel aus der Erlebniswelt des Kindes ein.
  • Personalisieren: Der kleine Held und die kleine Heldin der Geschichte dürfen ruhig Ähnlichkeit mit Ihrem Kind haben oder dessen Namen tragen. Gerade Erlebnisse im Umfeld des Kindes können so wunderbar in Form einer Geschichte verarbeitet werden. Zum Beispiel, ganz aktuell – die Vorweihnachtszeit. Das könnte dann so klingen: Der kleine Max wartet voller Ungeduld auf Weihnachten. Jeden Abend vor dem Zu-Bett-Gehen zählt er, wie viele Tage er sich noch gedulden muss. Eines Nachts steht der Weihnachtsmann an seinem Bett...
  • Wenn Ihnen Märchen nicht so zusagen – überlegen Sie selbst, was Ihrem Kind gefallen könnte. Mag Ihr Sohn Räubergeschichten? Dann erzählen Sie ihm eine Episode aus Räuber Hotzenplotz. Erinnern Sie sich noch an die Serie „Lassie“? Sicher haben Sie noch die eine oder andere Geschichte im Gedächtnis. Tierfans werden das lieben.
  • Gut, das Thema haben Sie also gefunden. Jetzt ist die Dramaturgie dran. Und die verläuft meistens nach dem gleichen Schema: Held zieht aus, erlebt Abenteuer, dann tauchen Schwierigkeiten oder ein Bösewicht auf, doch der Held meistert alles und kehrt am Ende glücklich wieder nach Hause zurück. Nehmen wir wieder das Beispiel von Max, der dem Weihnachtsmann begegnet. Der Mann mit der roten Mütze braucht dringend Hilfe, denn seine Rentiere sind alle krank geworden. Santa Claus hat keine Ahnung, wie er die Geschenke zu den Kindern bringen soll. Max weiß Rat: Er borgt vom Bauern Boller die beiden Pferde. Die Kühe Erna und Jakob helfen auch noch dabei, den Schlitten zu ziehen. Während sich der Weihnachtsmann auf den Weg macht, pflegt Max die Rentiere mit seiner eigens von ihm gemixten Wundermedizin. Zwischendurch gibt es noch so manche Verwicklung (Kühe bocken, Wundermedizin lässt den Rentieren Zebrastreifen wachsen), doch zum guten Ende darf Max doch auf dem Rentierschlitten mit den inzwischen wieder gesunden Rentieren nach Hause kutschieren.
  • Ausschmücken: Sie werden sehen, das macht besonders viel Spaß. Beschreiben Sie, wie der Schlitten des Weihnachtsmanns aussieht. Da gibt es nämlich weiche Polster mit langen, goldenen Troddeln. Außerdem hat der Weihnachtsmann ein phantastisches Geschenkelager mit den tollsten Päckchen. Ein Paket verrät schon von seiner Form her, dass da die heißgewünschte Ritterburg drin sein könnte.
  • Und wenn Sie nicht mehr weiter wissen? Jetzt haben Sie alles so schön ausgestaltet, Max sitzt bei den Rentieren im Stall und braut schon den fünften Heiltrank, aber irgendwie bekommen Sie keinen Schwung mehr in die Geschichte. Das kann passieren, keine Panik. Die Lösung: Fragen Sie doch einfach Ihre Zuhörer, wie sie denken, dass es weiter geht. Vielleicht so: „Max ist ratlos. Was soll er nur tun? Hast Du eine Idee?“
  • Ganz wichtig: das Happy End. Auch wenn zwischendurch richtig die Post abgeht – eine Geschichte für Kinder muss gut ausgehen. Nur so können sie den Glauben an das Gute, das Urvertrauen behalten. „... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Erzählen oder Vorlesen: Was macht den Unterschied?

Martin Ellrodt arbeitet in Nürnberg als professioneller Märchenerzähler. Er ist aus seiner Erfahrung heraus sogar der Meinung, dass es leichter ist, Geschichten zu erzählen: „Vorlesen ist wesentlich schwieriger. Denn man muss dabei in eine fremde Sprache eintauchen.“ Man kennt den Text nicht, der Satzbau ist komplizierter als bei gesprochener Sprache. Da kann es passieren, dass man ins Stocken kommt. Ein Name kommt noch nicht so flüssig von der Zunge, ein Satz ist so lange, dass einem mittendrin die Luft ausgeht. „Das alles kann beim Erzählen nicht passieren. Da kann ich meine eigene Sprache verwenden. Das macht die Sache viel lebendiger“, sagt der Erzähl-Profi.

Was passiert eigentlich mit den Zuhörern beim Erzählen, was macht die Faszination aus? „Die Zuhörer begegnen im besten Fall ihren inneren Bildern. Dadurch kommen sie mit sich selbst in Kontakt“, erklärt Ellrodt. Die inneren Bilder berühren uns viel stärker und intensiver als die Bilder aus dem Fernsehen oder aus anderen Medien, mit denen wir täglich konfrontiert werden. „Erzählen berührt. Mein Weg ist der Weg nach innen – dorthin nehme ich meine Zuhören mit“, sagt Erzähler Ellrodt. Schön, wenn uns das auch ein Stückchen weit gelingt.

Und was ist mit Erzählungen von einer CD oder Kassette? Da sprechen doch die Profis. Ellrodt beantwortet die Frage ganz klar und knapp: „An einen CD-Rekorder kann man sich nicht ankuscheln, und er beantwortet keine Fragen.“ Also: Nehmen Sie sich Zeit – und Mut – zum Selbst-Erzählen. Es wird Ihnen und Ihrem Kind guttun.

Zum Weiterlesen:

Sylvia Görnert-Stuckmann: Mit Kindern Geschichten erfinden, Reinhardt-Verlag, München

Christel Oehlmann: Einfach erzählen! Ein Übungsbuch zum freien und gestalteten mündlichen Erzählen, Junfermann-Verlag

Für Kinder, ein wunderbares Buch, das zum Erzählen anregt:Eugen Oeker: Babba, sagt der Maxl, du musst mir eine Geschichte erzählen. Mz-Buchverlag


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