Kinderwunsch-Medizin

Zu schnell zur künstlichen Befruchtung?

Wenn sich eine erwünschte Schwangerschaft nicht einstellt, raten Ärzte heute zu schnell zur künstlichen Befruchtung, kritisiert Maria Hechensteiner. Die Buchautorin wurde nach Abbruch der Behandlung schwanger.

Autor: Maria Hechensteiner
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'Das kriegen wir schon hin!'

Arzt Frau Ultraschallbild
Foto: © iStockphoto.com/ craftvision

"Das kriegen wir schon hin": Wer hört diesen Satz nicht gern, wenn er ein Problem hat, bei dem nur ein Experte helfen kann? In der Reproduktionsmedizin aber können solche Aufmunterungen zur psychischen Falle werden.

Immer mehr Paare haben heute Fruchtbarkeitsprobleme. Allein in Deutschland sollen es zwei Millionen sein, Tendenz steigend. Die Hauptgründe: frau wartet mit dem Kinderkriegen zu lange und die Qualität der Spermien sinkt durch Umweltverschmutzung und veränderte Lebensgewohnheiten kontinuierlich. Da schafft die Reproduktionsmedizin Abhilfe: Insemination, In-Vitro-Fertilisation (IVF), Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), kurz: künstliche Befruchtung ist ein heutzutage immer beliebteres Mittel, um auch kinderlosen Paaren zum ersehnten Wunschkind zu verhelfen. Alles geritzt, oder? Scheinbar doch nicht, denn wie bei der spontanen Schwangerschaft gilt für die künstliche Befruchtung: je älter die Frau, desto geringer die Erfolgschancen. Seriöse Reproduktionsmediziner nehmen aus diesem Grund über vierzigjährige Frauen als Patientinnen gar nicht mehr an.

 

Welche Nebenwirkungen hat eine Kinderwunschbehandlung?

Aber auch junge Frauen müssen mit drei bis vier Versuchen rechnen, ehe sich das Familienglück (hoffentlich!) einstellt. Und angenehm sind die Behandlungen beileibe nicht: Hormonspritzen, Ultraschall, Eizellentnahme unter Narkose (bei IVF und ICSI), im günstigsten Fall Einsetzen der befruchteten Eizellen nach drei Tagen in die Gebärmutter. Dann wieder Hormonspritzen. Mit Glück läuft das Ganze ohne Schmerzen ab. Die Männer haben's zwar leichter, aber Samenspenden auf Abruf ist auch kein Vergnügen. Nach etwa zwei Wochen dann der Bluttest, der in der Mehrzahl der Fälle negativ ist.

 

Häufig klappt es in den Behandlungspausen

Der behandelnde Arzt gibt aber nicht so schnell auf: "Versuchen wir es noch einmal"? Für ihn steht einiges auf dem Spiel: das Geschäft, denn in einer privaten Reproduktionsklinik legt ein Paar schon mal 3.500 Euro für einen IVF-Versuch hin, und der gute Ruf, denn wer viele Babys "produziert", gilt gemeinhin als kompetent. Und schließlich ist da noch eine gewisse Verbissenheit bei Arzt und Patientin, vor allem wenn es sich um eine unerklärbare Sterilität handelt: "Es MUSS doch funktionieren!" Aber der Mensch ist eben mehr als die Summe seiner Teile, und ca. 40 Prozent der Paare verlassen die Klinik irgendwann wieder ohne den ersehnten positiven Schwangerschaftstest in der Hand.

Kritiker bemängeln, dass von medizinischer Seite viel zu schnell zur künstlichen Befruchtung geraten wird. Das beweist die Tatsache, dass etwa 50 Prozent der Frauen, die sich in Behandlung begeben, während einer Behandlungspause oder nach Abbruch der Behandlungen auf natürliche Weise schwanger werden. Auch konzentriert sich die Ursachenforschung immer noch zu stark auf die Frau; der betroffene Partner wird oft erst in die Untersuchungen miteinbezogen, nachdem bei der Frau schon ziemlich "herumgedoktert" worden ist. Lebensumstände, Bedürfnisse, Ängste des Paares erfahren keine angemessene Berücksichtigung.

Auf der Strecke bleibt die Psyche der Frau

Da die Frau psychisch und physisch die Hauptlast bei diesen Behandlungen trägt, drängt sich der Verdacht auf, dass die großteils männlichen Ärzte zu oberflächlich, zu schnell und zu unbekümmert agieren, eben weil es sich "nur" um den weiblichen Körper handelt. Ob auch unbewusste Machtphantasien gegenüber der Frau, die sich durch Pille und freien Schwangerschaftsabbruch die Herrschaft über ihren Körper zurückerobert hat, mit im Spiel sind, sei dahingestellt.

Was bei alldem jedenfalls auf der Strecke bleibt, ist die Psyche der Frau. Für Frauen, die solche Behandlungen auf sich nehmen, ist der Kinderwunsch keine Flause, sondern von existenzieller Bedeutung. Mit dem negativen Schwangerschaftstest fallen sie in ein tiefes psychisches Loch. Der Partner ist nicht so stark betroffen oder frisst den Frust in sich hinein. Gut gemeinte Trostversuche von Verwandten und Bekannten, wie: "Ein Kind kann auch eine ganz schöne Belastung sein", sind absolut fehl am Platz. Und die Aufmunterung des Arztes "Beim nächsten Mal klappt's bestimmt!" wird zur Killerphrase, wenn es dann wieder nicht funktioniert. Ungewollte Kinderlosigkeit bewirkt gleich großen Stress wie eine Krebserkrankung. Nur stoßen die Betroffenen kaum auf Verständnis, bleiben mit ihrem Kummer allein und riskieren bisweilen sogar die Partnerschaft, die diesem Druck nicht standhält.

Frauen, die sich auf künstliche Befruchtung einlassen, sollten das Für und Wider gut abwägen, ihr Krankheitsbild und damit ihre Chancen kennen und niemals auf die Mitsprache bei den Behandlungen verzichten, zumal diese ja auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Es ist ihr Körper und ihre Seele! Auch sollten sie sich rechtzeitig Gedanken darüber machen, wie es weitergeht, wenn der gewünschte Erfolg ausbleibt. Vielleicht ergeht es ihnen dann ja wie mir: Nach zwei gescheiterten Versuchen brach ich die Behandlungen ab - da stellte sich das Wunschkind von alleine ein!

Vielleicht helfen euch ja auch die Tipps in unserem Forum künstliche Befruchtung und der Austausch mit anderen weiter?

Maria Hechensteiner, 35, ist Autorin des Buches: Orchideenblüten. Mein Weg zum Wunschkind. Ein Mutmacher-Tagebuch für ungewollt kinderlose Frauen, 2003


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