Fantasie-Gefährten

Mein Kind hat einen unsichtbaren Freund

Wenn Kinder mit Stofftieren oder Puppen sprechen, als seien sie lebende Wesen, wundert sich wohl niemand. Erfinden sie aber einen unsichtbaren Freund und verhalten sich, als sei er wirklich da, kommen Eltern schon mal ins Grübeln. Lies in unserem Artikel, was es mit Fantasie-Gefährten auf sich hat.

Autor: Gabriele Möller
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Zwei Hunde und ein Kater als Fantasiefreunde

Mädchen Seifenblase Alleine
Foto: © panthermedia.net/MarcoII

„Mit zwei Jahren erfand mein Sohn Christian-Pascal ‚Effe’ und ‚Döger’. Es fing an in Grado in Italien, wo wir unsere jährliche Konzertwoche verbrachten. Am zweiten Tag tauchte in der Ferienwohnung der ‚Effe’ auf, mit dem Chrissie unbedingt telefonieren musste. Die Wohnung hatte eine Haussprechanlage, und der Hörer war jetzt absolut beliebt. Ich weiß nicht wie oft ‚Effe’ angerufen hat, oder wir ihn anrufen mussten“, berichtet Anja. „Nach unserer Rückkehr tauchte dann wenig später ‚Döger’ auf, ‚Effe’ war wohl in Grado geblieben. Jedenfalls rief ‚Döger’ uns auch immer an und wollte mit allen Familienmitgliedern sprechen. Oder unser Sohn musste ihn unbedingt anrufen und mit ihm reden.“ Unsichtbare Wesen begleiten auch Hilkes Tochter Tabea-Eileen: „Angefangen hat es kurz nach Tabeas zweitem Geburtstag. Seitdem hat sie zwei Hunde und einen Kater als Fantasiefreunde. Sie geht mit ihnen um, als wenn sie wirklich da wären, spricht sie an, lockt sie, spielt und schmust mit ihnen. Sie sind zwar nicht immer präsent, aber wenn sie da sind, werde ich auch mit einbezogen“, erzählt Hilke.

Unsichtbarer Spielgefährte löst bei Eltern oft Unbehagen aus

Bei vielen Müttern und Vätern stellt sich beim Anblick ihres Kindes, das mit einem Unsichtbaren spricht, die beklemmende Frage ein, ob das noch „normal“ sei. Doch die Sorge ist unnötig: Fantasiegefährten sind in der Entwicklung von Kindern ein sehr häufiges Phänomen und kein Anzeichen einer psychischen Störung. Zwar sind sie tatsächlich manchmal eine Art von Halluzination, denn viele Kinder können ihre Gefährten sehen und empfinden sie als real. Doch während der so genannten magischen Phase im Kleinkind- und Vorschulalter sind Halluzinationen fast an der Tagesordnung: Ein Großteil der Kinder sieht jetzt gelegentlich Wesen (gern auch im abendlich-dunklen Kinderzimmer) oder hört Geräusche und gesprochene Worte, die es gar nicht gibt, wie eine Studie von britischen und australischen Wissenschaftlern ergab. Der unsichtbare Freund ist nur eine Facette dieser Entwicklung. Die amerikanischen Psychologinnen Marjorie Taylor und Stephanie Carlson fanden in einer Studie sogar heraus, dass 63 Prozent aller Kinder bis zum Alter von sieben Jahren imaginäre Freunde haben.

Dennoch kommen Eltern jetzt fast reflexhaft weitere besorgte Fragen: „Warum braucht unser Kind einen Fantasiegefährten? Hat es nicht genug richtige Freunde? Fühlt es sich einsam? Hat es ein seelisches Problem?“ Auch diese lassen sich meist beruhigend beantworten: „Unsere Ergebnisse widersprechen dem gängigen Klischee, wonach sich ein Kind einen Freund ausdenkt, weil es zu scheu oder in sich gekehrt ist, so Taylor. Sie und andere Wissenschaftler betonen, dass vor allem diejenigen Kinder zu Fantasiegefährten neigen, die bereits die Fähigkeit besitzen, sich in die Lage eines anderen hinein zu versetzen. Oft haben diese Kinder sogar ein besonders gutes Sozialverhalten: „Wie sich herausgestellt hat, haben sie sogar weniger Hemmungen und genießen soziales Miteinander ausgesprochen. Dieses aktive Rollenspiel verbindet sich also mit Eigenschaften, die bei kleinen Kindern als positiv zu bewerten sind“, erklärt Marjorie Taylor.

Mein Kind hat einen unsichtbaren Freund, ist das normal?

Die Antwort gibt Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge hier im Video:

Warum braucht mein Kind den unsichtbaren Freund?

Dennoch lohnt sich für Eltern die Frage, warum ihr Kind im Moment einen unsichtbaren Freund hat. Denn die ausgedachten Gefährten eines Kindes erzählen viel über sein Innenleben, die Art, wie es die Welt oder seine Lebenssituation sieht, oder was es für Wünsche hat. So beschreibt Dr. Norbert Neuß in seinem Buch „Unsichtbare Freunde“ einen Jungen, der von dem superstarken „Batman“ begleitet wurde, nachdem seine Eltern sich getrennt hatten und der Vater ausgezogen war. Verlassen zu werden löse in manchen Kindern eine „Gulliver-Erfahrung“ aus, so der Erziehungswissenschaftler, sie fühlten sich also klein, hilflos, allein gelassen und ohnmächtig. Eine starke Figur wie Batman helfe bei der Verarbeitung und Klärung solcher Gefühle.

Ein anderes Beispiel, welche Funktion ein imaginärer Freund haben kann, ist „Okki“, den Anja (die eingangs erwähnte Mutter von Christian-Pascal) als Kind erfand. „Für mich damals war der Okki eine Stütze, so eine Art Krücke, weil man ihn um Rat fragen konnte. Manchmal habe ich ihn benutzt, um Aufgaben abzuwälzen: Wenn ich etwas tun sollte, musste ich angeblich zuerst immer den Okki fragen, vor allem wenn es sich um unangenehme Dinge handelte.“ Anja deutet Okkis Funktion so: „Er sollte mir wohl Aufschub gewähren und die Eltern besänftigen.“

Hilkes Tochter Tabea hat die Funktionen ihrer tierischen Fantasiegefährten sogar selbst festgelegt: „Der Kater und einer der Hunde sind für sie wohl eher ruhige Freunde zum Schmusen, und der andere Hund ist eher zum Spielen und Rumtoben“, erzählt Hilke. Zugleich haben die unsichtbaren Tiere für die Zweieinhalbjährige aber auch eine gewisse Stellvertreter-Rolle: „Meine Tochter liebt Tiere sehr, aber wir haben aus verschiedenen Gründen selber kein Haustier. Ich denke, dass ihr die Fantasiefreunde auch Sicherheit geben, sie sind immer da, wenn sie es will, machen das, was sie möchte.“

Es gibt natürlich auch den Fall, wo Fantasiefreunde reale Spielgefährten ersetzen. Cornelias Sohn Niklas (heute acht) erfand mit vier Jahren einen namenlosen „starken Freund“. Dieser Freund konnte Bäume mit der Hand fällen (die Familie wohnt recht abgelegen am Waldrand) und nahm sich viel Zeit für Niklas. „Wenn ich sagte, dass er sich diesen Freund wohl ausgedacht hatte, überhörte Niklas das vollständig. Er erzählte weiter hartnäckig von ihm“, berichtet Cornelia. Weil sie damals kein Auto hatte, ging Niklas zunächst nicht in den weit entfernten Kindergarten und hatte kaum Spielgefährten. Der unsichtbare Freund verschwand ein Jahr später, kurz nachdem Niklas doch noch den Kindergarten besuchen konnte.

Fantasiefreunde haben viele Funktionen und Aufgaben. Sie machen Mut, das Kind kann sich bei ihnen aussprechen, sie können bei „Missetaten“ vorgeschoben werden (in dem Versuch, den Zorn der Eltern abzuleiten), sie können leben, was das Kind selbst nicht darf (Schimpfwörter benutzen, Chaos veranstalten), sie sprechen das aus, was das Kind selbst nicht so direkt sagen kann, sie können im Spiel auch mal den fehlenden Kameraden ersetzen und sie trösten bei Kummer. Welche Funktion der ausgedachte Begleiter für das eigene Kind hat, das können Eltern herausfinden, wenn sie sich ein paar Fragen stellen: Welche Handlungen oder Gespräche treten im Umgang mit dem „Freund“ immer wieder auf? Diese sind besonders aufschlussreich. Welche Themen beschäftigen das Kind im Augenblick (Kindergartenstart, Betreuungswechsel, Ankunft eines Geschwisterchens usw.)? Musste das Kind schon große seelische Herausforderungen bewältigen (Tod eines Elternteils, Trennung der Eltern, Adoption usw.)? Hat es genug Kontakt zu anderen Kindern? Welches Erziehungsmodell wird vertreten (eher partnerschaftlich oder eher autoritär)?


Jungen und Mädchen haben unterschiedliche „Gefährten“

Fast die Hälfte der erfundenen Freunde sind Kinder oder Babys, manchmal mit, manchmal ohne Zauberkräfte, so die Studie von Taylor und Carlson. Aber auch ältere Menschen kommen vor. Jedes fünfte Kind bevorzugt ein Tier. Manchmal ist der imaginäre Freund auch das eigene Ich, also ein unsichtbarer Doppelgänger. Und eine Mutter in einem Internetforum berichtet, dass ihre Tochter sich eine „Mama im Himmel“ ausgedacht hatte, von der sie überall erzählte (und damit Irritation und Mitleid hervorrief) - obwohl die leibliche Mutter bei bester Gesundheit war. Aber auch unbesiegbare Superhelden, Engel oder Gespenster werden erdacht. Nicht immer sind diese Gefährten wohlwollend: Drei Prozent der Kinder werden von bösen Figuren begleitet, die sich gemein verhalten oder Angst einjagen.

Zahlenmäßig sind es überwiegend Mädchen, die einen Fantasiegefährten haben, fanden Wissenschaftler heraus. Dabei haben die von Mädchen erdachten Fantasiegefährten eher Zuwendung und Betreuung nötig (nehmen etwa die Rolle eines Babys an, das umsorgt werden muss). Kleine Jungen hingegen schaffen sich meist Figuren, die stark sind. Oft sind dies Charaktere, die der Junge selbst gern darstellen möchte. Vor allem, wenn ein Junge sich einen „Superhelden“ ausdenkt, sollten Eltern aufmerksam werden: „Überall dort, wo sich Jungen starke Helfer suchen, ist es wichtig, sie zu ermutigen, ihre Gefühle und Ängste auszuleben und sie in ihr Selbstbild zu integrieren“, so der Erziehungswissenschaftler Norbert Neuß. Eltern können mit ihrem Sohn viel über Gefühle sprechen und ihm helfen, dafür Worte zu finden. Gut geht das bei „Bettkanten-Gesprächen“ vor dem Schlafengehen, wenn man noch mal darüber spricht, was an diesem Tag alles passiert ist und wie das Kind sich in den verschiedenen Situationen gefühlt hat.

Unsichtbare Freunde sind Seelenbilder

Warum aber denken sich überhaupt so viele Kinder unsichtbare Begleiter aus? Medienpädagoge Neuß erklärt: „Es ist Vorschulkindern noch nicht möglich, ihre Innenbefindlichkeit wahrzunehmen und in Worte zu fassen.“ Innere Konflikte werden deshalb vom Kind oft auf ein äußeres Objekt übertragen. Unsichtbare Freunde sind fast ein Abbild der Lebensgeschichte des Kindes und somit seiner selbst“, erklärt Neuß. Diese Projektion ins Außen hilft dem Kind bei der Klärung und Verarbeitung der Situation.

Aber auch wir Erwachsenen haben Teil an der Entstehung von imaginären Freunden: Schließlich vermitteln wir unseren Kindern über Plüschtiere, Märchen, Bilderbücher und TV-Filme ständig Bilder von Wesen, die es gar nicht gibt. „Kontakt mit dem Fantastischen gibt es von Anfang an. Schon Säuglinge bekommen Fantasiespielsachen wie Plüschtiere und Puppen geschenkt und schon Babys werden in Kostüme gesteckt. Mit fünf oder sechs Jahren schließlich haben viele Kinder Filme über sprechende Hunde, Meerjungfrauen, Feen und dergleichen gesehen“, betont Marjorie Taylor.

Die Entstehung von Fantasiefreunden hat aber noch einen Aspekt: Im Vorschulalter entwickeln Kinder mit Vorliebe Rollenspiele mit Stofftieren, Puppen oder realen Spielgefährten. Hierbei verlaufe die Grenze zwischen bewusstem Spiel und unbewussten Inhalten fließend, erklärt Taylor. „Eigentlich sind Fantasiegefährten nur ein Teilaspekt aus einer langen Reihe artverwandter Als-ob-Spiele“. Die Grenze zwischen Rollenspiel und imaginärem Gefährten verläuft dabei fließend: Manchmal ist dem Kind bewusst, dass es um ein Spiel geht, manchmal ist der imaginäre Freund sehr real. Manche Kinder zeigen diese unscharfe Abgrenzung sogar in einer Person: Anjas Sohn Christian-Pascal, der lange Zeit mit „Effe“ und „Döger“ spielte, „belebt“ auch seine Kuscheltiere: „Die Tiere müssen bei ihm als Vorwand herhalten, wenn er etwas (nicht) möchte. Aber dabei grinst er gelegentlich spitzbübisch“, erzählt Anja. Christian ist also auf einer gewissen Ebene durchaus klar, dass die Tiere nicht wirklich lebendig sind.

Wie auf den unsichtbaren „Freund“ reagieren?

„Eltern sollten eine gewährende Haltung gegenüber den Fantasiegefährten einnehmen“, empfiehlt Norbert Neuß in seinem Buch „Unsichtbare Freunde“. Sie sollten sich, so der Erziehungsfachmann, ruhig auf die Figur einlassen, da sie für das Kind wirklich da sei. Wenn Eltern die Figur dagegen leugnen, fühle sich das Kind abgelehnt: „Das Kind spürt sehr genau, ob es mit seinem Selbst, und dazu gehört auch die Fantasiefigur, akzeptiert wird oder nicht.“ Die Ablehnung des imaginären Gefährten kann Gegendruck beim Kind auslösen: „Kämpfe und Machtproben werden umso heftiger geführt, je weniger Eltern diese Figuren als Teil des Kindes akzeptieren“, warnt Neuß.

Dies gilt auch, trotz der Überzeugung mancher Wissenschaftler, dass viele Kinder insgeheim wissen, dass ihr Gefährte nur ausgedacht ist: „Es mag ein paar Kinder geben, die glauben, ihre Freunde seien echt. Aber die meisten – auch wenn sie ihre Fantasiegefährten wirklich sehr mögen und ganz in dieser Fantasie aufgehen – wissen, dass es sie nicht gibt. Und so halten Kinder, die ich über ihre Fantasiegefährten befrage, oft irgendwann im Laufe des Interviews inne, schauen mich gerade heraus an und sagen: ‚Weißt du, es ist nur so als ob’“, berichtet Taylor.

Dieses Zugeständnis kann aber nicht erzwungen werden. Und das ist manchmal gar nicht leicht. Wenn das Kind zum Beispiel weinend verlangt, dass Eltern dem unsichtbaren Freund einen Platz am Tisch oder einen Kindersitz im Auto einräumen, werden die Nerven der Altvorderen arg strapaziert. Leicht kommt es dann zu Äußerungen wie „Nun hör’ doch mal auf mit deinem Freund, den gibt es doch gar nicht!“ Hier empfiehlt Neuß, die Problemlösung lieber ans Kind zu delegieren. Fehlt also zum Beispiel ein Autositz, sollten Eltern das Kind fragen, was man jetzt am besten tun kann. Das Kind komme dann oft zu „magischen Lösungen“ (Freund könnte auf den Schultern des Vaters oder auf dem Schoß des Kindes sitzen).

Eltern können ihr Kind unterstützen, indem sie herauszufinden versuchen, welche Funktion der Gefährte für es hat. Hier können Väter und Mütter dem Nachwuchs helfen, Worte für Gefühle und Konflikte zu finden und eigene Lösungen (die ruhig auch „magisch“, also scheinbar irrational sein dürfen) zu kreieren. Das gilt vor allem, wenn das Kind einen „bösen“ imaginären Begleiter hat: Ängste, die ein Kind in der Liebe und Aufmerksamkeit seiner Eltern spiegeln und für die es Worte finden kann, brauchen sich irgendwann nicht mehr in erdachten Figuren Ausdruck zu verschaffen.

Wann verabschiedet sich der imaginäre Kamerad?

Wann der erdachte Gefährte verschwindet, kann aber durch keine elterlichen Bemühungen forciert werden: Er tut dies ganz von selbst, und zwar so sang- und klanglos, wie er aufgetaucht ist. Die imaginären Freunde werden umso bedeutungsloser, je mehr die sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten des Kindes zunehmen, je bewusster es also seine Gefühle wahrnehmen und aussprechen kann. „Nach sechs Monaten klang der Wirbel um ‚den Döger’ ab, aber gelegentlich kommt er bei Christian doch noch ins Spiel. Dann aber mehr mit einem schelmischen Lächeln: ‚Mama, der Döger ist am Telefon’, und dabei grinst er.“ Christian hat also den Entwicklungsschritt geschafft, den Begleiter als erdacht zu erkennen. Erwachsene sollten beim Verschwinden der Fantasiekameraden nicht nachzuhelfen versuchen: „Eines Tages verschwinden sie wieder - aber wann, das bestimmen die Kinder selbst. Sie wollen nicht, dass andere das tun“, betont Dr. Neuß.

Literatur:

1) "Unsichtbare Freunde - Warum Kinder Phantasiegefährten erfinden", von Norbert Neuß, Cornelsen Verlag (2009), ISBN 978-3-589-24605-2

2) "Kinder brauchen Geheimnisse: Über Zwerge, Engel und andere unsichtbare Freunde“, von Susanne Stöcklin-Meier und Marlis Scharff-Kniemeyer, Atlantis Verlag (1998), ISBN 978-3-466-30421-9

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