Kleine "blinde Passagiere"

Unbemerkt schwanger – geht das?

„Herzlichen Glückwunsch, Sie sind im sechsten Monat schwanger!“ Werdende Eltern, die monatelang nichts von ihrem Glück geahnt haben, dürften auf solche eine Aussage von ihrem Frauenarzt äußert schockiert reagieren. Aber kann so etwas wirklich passieren?

Autor: Ulrike Hahnlein
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Märchen oder Tatsachen?

Frau Schwangerschafttest
Foto: © iStockphoto.com/ Thomas_EyeDesign

Die Periode bleibt aus, morgens wird man von  Übelkeit geweckt, die Brüste spannen, das Bäuchlein wächst. Die meisten Schwangerschaften machen sich mit typischen Anzeichen bemerkbar. Kaum vorstellbar, wie man da von dem heranwachsenden Baby im Bauch nichts mitbekommen soll. Doch genau das hört man immer wieder: Schwangere, die von ihrer frohen Erwartung 20 Wochen lang nichts wussten. Sind das nur Geschichten? Oder ist das tatsächlich möglich? Wir haben nachgefragt, bei Frauen, die es wissen müssen.

Ich ging davon aus, dass die Anzeichen ganz deutlich wären

Zahnarzthelferin Anne hat von ihrer Schwangerschaft erst in der 18. Woche erfahren: „Nach dem Absetzen der Pille hatte ich äußert unregelmäßig meine Tage, gleich zu Anfang drei Monate gar nicht. Damals hatte ich schon gehofft schwanger zu sein. Ich habe fast ein Jahr lang Temperatur gemessen, Ovulationstests gemacht. Alles ohne Erfolg. Ganz zu schweigen von den unzähligen Schwangerschaftstests. Im August beschloss ich dann, es gut sein zu lassen, da es mich wirklich in den Wahnsinn getrieben hat. Ich ließ es einfach auf mich zukommen und ging davon aus, dass die Anzeichen, ganz deutlich wären. Etwa in der achten Woche machte ich sogar einen Test, der aber negativ war. Also ging ich davon aus, ich kann nicht schwanger sein und habe nicht weiter getestet." Außer vermehrtem Hunger gab es keine Signale, wie beispielsweise Übelkeit oder Brustschmerzen, die auf das „Überraschungs-Ei" in ihrer Gebärmutter hingedeutet hätten.

Vermutet, dass sie schwanger sein könnte, hat Anne deshalb erst, als die üblichen Weihnachtskilos nicht runter gingen. Ein Test bestätigte den Verdacht und wenige Tage später folgte der Gang zum Frauenarzt: „Ich war wirklich baff, als man mir was von 17. oder 18. Woche sagte! Im ersten Moment war ich etwas überfordert, weil es dann doch so schnell ging. Ich hab mich zwar gefreut, aber es fällt einem jede kleine Sünde ein, die man in den vergangenen Monaten begangen hat. Rückblickend sehe ich es eher positiv, dass mir die schlimmste 'Bibberphase´erspart geblieben ist. Was mir jedoch Sorge bereitet hat, war meine Arbeit: Die Gefahr, dass ich mich mit etwas angesteckt haben könnte oder dass der Umgang mit den Röntgenstrahlen dem Baby geschadet haben könnten. Laut Frauenarzt ist dem Kleinen aber nichts passiert, Gott sei Dank!"

Wer viel isst, nimmt halt zu

Wie sich eine Schwangerschaft anfühlt, hätte urbia-Nutzerin „pupsik_1984" eigentlich wissen müssen. Dennoch hat die damals zweifache Mutter von Nachwuchs Nr. 3 lange nichts geahnt: „Die dritte Schwangerschaft war nicht geplant. Da ich sehr lange gestillt habe, hatte ich meine Periode nicht." Doch die 28-Jährige wurde immer wieder gefragt, ob sie wieder schwanger sei: „Gut, ich hatte ein wenig zugenommen, schob es aber auf meine Essensportionen. Ich hatte irgendwie mehr Hunger als sonst, aber keinerlei andere Beschwerden. Mein Mann meinte: 'Wer viel isst, nimmt halt zu.´ Nachdem auch meine Schwester mich auf eine mögliche Schwangerschaft ansprach, war ich langsam etwas genervt und wollte einen Test machen, um allen zu beweisen, dass ich NICHT schwanger bin." An das Ergebnis kann sich „pupsik_1984" noch gut erinnern: „Die beiden Streifen färbten sich innerhalb von Sekunden knallrot. Ich war im ersten Moment geschockt!" Ab diesem Zeitpunkt konnte sie das Ungeborene in ihrem Bauch auch spüren: „Meine Mutter meinte, ich bilde mir das ein. Doch ich fragte mich immer wieder, in welchem Monat ich wohl sei und habe sogar bei urbia geforscht, ab wann man Kindsbewegungen spürt."

Schnell führte sie der Weg zur Frauenärztin: „Sie machte einen Ultraschall und sagte: 'Herzlichen Glückwunsch, Sie bekommen einen Jungen!´ Dann errechnete sie den Entbindungstermin: ich war bereits in der 21. Woche! Mein Mann war geschockt und auch ich musste das Ganze erst einmal verdauen, war jedoch froh, dass ich bis zum Entbindungstermin nicht mehr so lang hatte." Da die Familienplanung nach zwei Töchtern eigentlich abgeschlossen war, hatte „pupsik_1984" die Babyausstattung bereits verkauft, sodass für den Sohnemann alles neu gekauft werden musste: „Ich bin regelrecht dem Kaufwahn verfallen, aus Angst, ich würde es nicht rechtzeitig schaffen alles zu besorgen. Ich hatte manchmal das Gefühl, mir rennt die Zeit davon. Doch andererseits fiel mir so die Warterei weniger schwer. Unser Sohn kam dann drei Tage vor Entbindungstermin, auch heute noch wird er ab und zu liebevoll unser 'blinder Passagier´ genannt."

Ich mache mir heute noch Vorwürfe, dass ich es nicht gecheckt habe

Andrea und ihr Mann haben bereits ein Kind und wünschten sich schon sehr lange ein zweites. Doch das Töchterchen hat zweieinhalb Jahre auf sich warten lassen und als es endlich soweit war, bemerkte die werdende Mutter nichts von ihrem Glück: „Ich hatte immer Probleme mit Zysten an den Eierstöcken, deshalb blieb sehr oft meine Periode aus. Also machte ich mir gar keine Gedanken, warum die wieder nicht da ist." Die typischen Schwangerschafts-Wehwehchen gab es nicht, bis die 27-Jährige ein leichtes Klopfen im Bauch spürte: „Dass ich schwanger bin, habe ich erst in der 23. Woche gemerkt. Es war ein Schock, es so spät zu erfahren. Es war ja schon mehr als die Hälfte um, ohne dass ich etwas geahnt habe. Meine Maus kam dann auch noch vier Wochen zu früh, sodass ich nur 13 Wochen lang was von der Schwangerschaft hatte."

Rückblickend wirft sich Andrea heute noch vor, dass sie es nicht früher gemerkt hat: „Wenn ich daran denke, was die Kleine alles durchmachen musste. Ich habe damals meine Wohnung renoviert und bin auf Leitern rumgeturnt. Alkohol trinke ich eigentlich sehr selten, aber ausgerechnet da kam es mal vor. Ich mache mir heute noch Vorwürfe, dass ich es nicht früher gecheckt habe."


Experte: Besonders sehr junge Mütter und Frauen vor den Wechseljahren betroffen

Neben unregelmäßiger Periode, fehlender Anzeichen oder einem Versagen des Teststäbchens können aber auch noch andere Ursachen für das Nicht-Wahrnehmen der Schwangerschaft verantwortlich sein, beispielsweise ein gering ausgeprägtes Körpergefühl oder Adipositas. Bei ungewollter Empfängnis kann es zudem sein, dass die Schwangere einfach verdrängt, was da in ihrem Körper vorgeht. Dr. med. Andreas Birkhofer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt, dass oft ein seelischer Konflikt schuld ist: „Der Mechanismus des Verdrängens stellt einen Bewältigungsversuch eines anders nicht lösbaren Problems dar, gehäuft bei Frauen, denen es schwerfällt Konflikte offen auszutragen. Indem eine werdende Mutter ihre Schwangerschaft verdrängt, kann sie zumindest vorübergehend eine innere psychische Stabilisierung erreichen."

Dass eine Schwangerschaft ein solch massives Gedanken- und Gefühlschaos auslöst, sieht Dr. Birkhofer in den gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen begründet: „Eine Schwangerschaft stellt Frauen vor große Herausforderungen. Zum einen erwartet die Umgebung und auch man selbst, dass man sich darüber freut. Andererseits stehen große, vor allem berufliche Veränderungen an. Neben Glücksgefühlen entwickelt die Schwangere nun Sorgen, Ängste und zwiespältige Gefühle im Hinblick auf den neuen Lebensabschnitt. Es fällt jedoch schwer, über diese Zweifel zu sprechen, da dies nicht dem Klischee oder Stereotyp der werdenden, glücklichen Mutter entspricht. Das nur im deutschen existierende Wort 'Rabenmutter' illustriert mahnend die gesellschaftliche Erwartung an werdende Mütter. Einerseits erfahren Frauen durch die Medien immer mehr über 'optimale' Bedingungen für Kinder, zugleich sind sie jedoch in der praktischen Umsetzung so sehr wie noch nie auf sich alleine gestellt - beispielsweise durch Wegzug der Eltern, die bereits zweite Generation von Kleinfamilien oder fehlende Verfügbarkeit von Krippen- und Kindergartenplätzen."

Hegt man den Verdacht, dass jemand schwanger sein könnte, ohne sich dessen bewusst zu sein, rät Dr. Birkhofer zu einem vorsichtigen Umgang mit der Thematik: „Je stabiler und tragfähiger die Beziehung ist, desto eher kann aufdeckend und konfrontativ gearbeitet werden. Wichtig ist, Unterstützung und Beratung anzubieten, gegebenenfalls konkrete Adressen und Telefonnummern bereit zu halten oder sogar gleich einen Termin zu vereinbaren." Auf die Frage nach der Häufigkeit solch einer verdrängten Schwangerschaft, antwortet der Facharzt mit eigener Praxis in München-Bogenhausen: „Auf 475 Schwangerschaften kommt eine verdrängte. Gehäuft tritt dies bei sehr jungen Müttern auf, teilweise auch bei Frauen, die am Beginn der Wechseljahre stehen."

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