Die Opferrolle im deutschen Rechssystem - was geht hier blos ab?

    • (1) 19.05.11 - 21:21

      Hallo,
      ich weiß, dass es viele Provokationsreiche Threads gibt. Ich will mit diesem nicht provozieren, sondern einfach mal meine Sicht, nämlich die eines Opfers, erzählen und frage mich, ob es nur mir so beschissen damit geht, das man sich unverstanden fühlt, sich in einem Teufelskreis befindet, immer mehr auf die wünsche des angeklagten eingegangen wird und WIR, die das erlebt haben und immer wieder von neuem ran genommen werde untergehen in dem ganzen!Oder gibt es hier tatsächlich auch noch andere, denen es so geht.

      Ich fang einfach mal grob an, ohne zu sehr ins Detail zu gehen:

      Vor knapp 4 Jahren im September 2007 wurde ich Opfer eines Sexualverbrechers. ich wurde nicht zufällig gewählt, denn es war mein damaliger Nachbar, zu dem vorher ein freundschaftliches Verhältnis bestand. Die Tat verübte er in meinen eigenen 4 Wänden. Es ging alles recht schnell hinterher. Kripo kam, nahm ihn fest, ich musste in die klinik zur Untersuchung, man hat meine Wäsche mitgenommen etc. Man ließ ihn wieder frei nach der Aussage, wegen fehlender Fluchtgefahr.
      *an dieser stelle sei nochmal erwähnt, dass es mein nachbar war und ich ihm ja garnicht über den weg laufe - ironie off*

      Es kam zur Anklage beim Amtsgericht: Das Schwein schwieg zu den Vorwürfen, ich erkämpfte eine Verurteilung von 2Jahren und 3 Monaten Haftstrafe, nebst 6000€ Schmerzensgeld.
      Muss dazu noch erklären, dass die Tat 3 Wochen vor meinem Studienbeginn Medizin passierte (ich hatte 6!!!! lange Jahre auf diese Zusage gewartet). Nichts ging mehr. Ich musste nach kurzer Zeit mein Lebenstraum Studium abbrechen, weil ich nicht mehr in der lage dazu war (seelisch).
      So, gegen das Urteil legte der Spasti Berufung ein, der Staatsanwalt auch, denn der wollte ein schärferes Urteil haben. Und ich?? Der Angang beim Gericht war schon schlimm genug, dieses ekelhafte grinsen im Gesicht des Angeklagten, einfach alles war schlimm.
      es kam zu einer Berufungsverhandlung: alles neu aufgerollt, alle Gutachter und Zeugen erneut ausgesagt. Nun wollte sein Verteidiger ein rechtspsychologisches Glaubwürdigkeitsgutachten haben von mir. Das Gericht stimme dem zu. Also wieder unterbrochen. Nach 5 Monaten dann die Begutachtung, 2 mal 4 stunden - tiefenpsychologisch, methodisch, bis ins kleinste detail alles nochmal durcherleben.
      Als das Gutachten fertig war, kam die 3. Verhandlung: wieder 3 volle Prozesstage. Das Gutachten sagte in vollem Umfang zu meinen Gunsten aus was die Glaubwürdigkeit und den davon getragenen seelischen Schaden betrifft.
      Er wurde verurteilt - jetzt härter mit 2 jahren und 7 monaten gefängnis, plus schmerzensgeld.
      da der typ jetzt langsam panik bekommt, legte er revision ein. normalerweise hat man damit ein 5%ige chance zum erfolg. und was ist ?? er fällt genau unter diese 5%, das OLG hebt das Urteil auf und verweist zurück ans LG. Und das nur,weil der "erfahrene" Strafrichter einen Verfahrensfehler macht, und ihm einen Beschluß erst nach Verlassen des Saales vorgelesen hat und nicht vorher? Sagt mal, wo sind wir denn? willkommen im erfahrenen deutschen rechtssystem.
      2 gerichte verurteilen diesen vergewaltiger, und umfangreiches gutachten liegt bei, jetzt mach ein strafrichter einen so gravierenden fehler, dass ich HEUTE post erhalte, nächsten monat wird alles neu aufgerollt. ein 4. mal durch die hölle gehen.

      dieses A **** hat mir soviel kaputt gemacht, lässt mich seit 4 jahren leiden, schickt mich immer wieder durch die hölle - und was sagt Vater Staat dazu : hmm, da müssen sie durch, wenn sie nicht mehr aussagen (weil ich vielleicht irgendwann mal keine Kraft mehr dazu habe) dann kommt er frei. schön, also keine alternative.

      ich fühle mich wie ein springball hier im deutschen rechtssystem. ich bewege mich das erste mal in der opferrolle und kann garnicht glauben, was hier abgeht. und er läuft immer noch grinsend und zeitschindend durch die gegend!

      Das beste waren seine schlußworte vor dem Urteil: "Ich weiß garnicht was sie haben Herr Richter. Ihr gehst doch gut. Sie hat geheiratet, sie hat ein Baby bekommen, dann geht es ihr nicht schlecht!" #schock#schock#schock#schock

      so, leute, es tut mir sehr leid, das dies ein roman geworden ist (und ich könnte noch so viel mehr schreiben, was man alles mitmachen musste).
      Sagt mir jetzt bitte nicht, ich solle eine Therapeuten aufsuchen, denn ich bin in guter behandlung.

      für mich ging es jetzt einfach mal um die opferrolle hier im rechtssytem, und ob andere ähnliche erfahrungen gemacht haben, sich auch so verlassen gefühlt haben, während dem angeklagten trotz 2 fachem urteil noch so viele wege offen stehen, und dieser teufelskreis denn nicht mal ein ende hat.


      lg melle

      • Dem ist absolut NICHTS zu zu fügen ...

        Unser Rechtsystem beruht noch auf den Zeiten der 1933 er Jahre - das sagt wohl schon alles aus!

        Ich hoffe, es wird sich irgendwann mal etwas ändern ...

        Dir wünsche ich Kraft und Stärk und dass diesesmal alles endlich korrekt verläuft - damit der Sack seine Strafe bekommt!

        LG Scrollan

      #liebdrueck-lass dich mal drücken



      ich könnte jetzt was sehr böse schreiben -aber ich lasse es lieber:-[#liebdrueck
      nix gegen dich -aber ich habe meine meinung und sehr vielen wird diese meinung hier nicht passen


      #liebdrueck#liebdrueck#liebdrueck



      lass dich mal drücken

      • die besagte gutachterin wurde wurde sogar von seinem anwalt vorgeschlagen. sie ist nicht unbekannt und hat einen guten ruf, hat auch schon viele fälle, die in den medien waren, mitgemacht.

        nun, in meinem fall war sie ja NACH dem gutachten auf meiner seite, weil eben beide fragen des gerichtes zu meinen gunsten beantwortet werden konnten.

        aber es geht mir nicht nur um ein gutachten. in 3 1/2 wochen erwartet mich der 4. prozess. und auch hier kann er wieder eine revision hinterher einlegen. es muss doch mal ein ende haben!!

        >>was noch dazu kommt ist das viele Gutachter oft auf den Seiten der Taeter sind<<

        Wie kommst du denn auf diesen Quatsch?

        >>und auch liebend gern nur bestimmte Gutachter dayu befragt werden leider ... <<

        Ähm... es gibt nur eine begrenzte Anzahl forensischer Psychiater, die für die Gerichte begutachten. Das hat also nichts mit "liebend gern" zu tun, sondern mit dem Angebot, das da ist.

        Gruß
        p

        • vielleicht meinte sie damit die nullhypothese, die die gutachter erstmal aufstellen. heisst, es wird erstmal davon ausgegangen, dass das opfer die unwahrheit sagt. anhand bestimmter theorien etc muss dann eben das gegenteil bewiesen werden, damit die nullhypothese verworfen werden kann. hat in der tat nichts damit zu tun, dass gutachter auf seite des täters stehen, sondern das einfach der gutachtenablauf ist.

    Ich kann Dir nur eins sagen:

    Beiße in den sauren Apfel und zieh es durch!
    Diese Schweine warten doch nur darauf, das es wegen Verfahrensfehlern oder Ungereimtheiten eingestellt werden könnte.

    Die Worte von dem Typen sind ein Schlag ins Gesicht!
    Du hast ein Recht auf Leben! Darfst Du keinen Partner oder Kinder haben, "nur" weil Du Opfer bist? Sollst Du bis 60 dahinvegetieren?
    Also da müsste der Richter doch normalerweise auch die Brauen hochziehen und sich wundern.
    Das ist eine bodenlose Frechheit!


    Oh man, fühl Dich lieb gedrückt. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft!

    Wie könnte man denn aber das Rechtssystem verbessern?

    Die Berufung abschaffen? Oder die Revision?

    Das sind eigentlich Errungenschaften und nichts Negatives.

    Das Fehler passieren lässt sich jedenfalls kaum in den Griff bekommen (hier Verlesung des Beschlusses).

    Es wurde auch schon vergessen dem Angeklagten das letzte Wort zu geben. Solche Fehler reichen zur Aufhebung aus.

    Dass dies für Dich tragisch ist sehe ich. Ich würde an Deiner Stelle auch aus der Haut fahren.

    Was sollte man aber konkret ändern solange es die Unschuldsvermutung gibt? An der Möglichkeit von Berufung und Revision sollte m.E. nicht gerüttelt werden. Immerhin geht es um Freiheitsstrafen.

    Bis auf eine Verfahrensbeschleunigung (woran es häufig hapert) sehe ich bei derzeitiger Rechtslage aber nicht viele Möglichkeiten.

    Und wenn jetzt einer hier behauptet ich bagatellisiere hier irgendetwas oder ähnliches dann hat er nicht verstanden worum es geht.

    Gruß
    parzifal



    • "Was sollte man aber konkret ändern solange es die Unschuldsvermutung gibt?"

      In meinem Fall gibt es keine Unschuldsvermutung mehr. Die Tat ist ihm bewiesen worden, es gibt 2 Urteile und ein sehr umfangreiches Gutachten. Das was er jetzt macht, ist einfach nur Zeit schinden. Ja es geht um eine Freiheitsstrafe, die er verdient hat. Und dieser Revision ist nur statt gegeben worden, wegen dieses einen Verfahrensfehlers. Es hätte nichts an dem Straffolgenausspruch geändert. Ich finde das sind Dinge, die erfahrenen Strafrichtern nicht passieren dürfen (auch wenn es anscheinend doch häufiger passiert, als ich dachte).

      Ich kann Dir nicht so wirklich eine Antwort geben, was man konkret verbessern könnte, denn der Paragraphendschungel macht mir meistens einen Strich durch meine Gedanken.

      ICH in dem Fall habe keine Wahl. Ich muss das ein viertes Mal komplett durchstehen, sein ekliges Grinsen anschauen, und hoffen, dass diese 3 Prozesstage schnell vergehen. Alles andere, wie Aussage verweigern, um mich vor den bohrenden Fragen und Flashbacks zu schützen, würde zu einem Freispruch führen. Und damit könnte ich nicht glücklich werden!!

      Lg Melle

      Hola,

      " Die Berufung abschaffen? Oder die Revision?

      Das sind eigentlich Errungenschaften und nichts Negatives. " Nichts negatives! Das kann nur jemand sagen. der so einen Revisions Marathon mitgemacht hat, der einen an die finanziellen Grenzen bringt, das Leben nur noch negative beeinflusst, obwohl die Beweislage erschlagend und erwiesene Schuld besteht. Da geht es dann nicht mehr um die sogenannte " Unschuldsvermutung, da geht es nur noch kleine Fehler zu finden die gemacht wurden und das auf dem Ruecken der Opfer. Wohlgemerkt der Opfer und nicht der Taeter, denn diese koennen sich ( je nach dem wie lange es hin und her geht ) aus dem Staube machen, wie es bei uns der Fall ist. Nach 3 Jahren zermuerbenden Kampf dann auch noch gesagt zu bekommen " Tja, Pech gehabt! " Die Verantwortung uebernimmt niemand.
      Das muss genaendert werden, dass die Menschen die diese groben Verfahrensfehler machen, zur Verantwortung gezogen werden und nicht unantastbar bleiben.

      Saludos

      • "Das kann nur jemand sagen. der so einen Revisions Marathon mitgemacht hat, der einen an die finanziellen Grenzen bringt, das Leben nur noch negative beeinflusst, obwohl die Beweislage erschlagend und erwiesene Schuld besteht."

        Bei allem Verständnis für den hier vorliegenden Fall: Bedenkt die umgekehrte Lage - Jemand ist unschuldig und hätte nicht die Möglichkeit der Revision.

        Im Übrigen ist dies nicht nur ein Recht der Angeklagten!

        Immer diese von reinen Emotionen geprägte Sicht der Dinge...!

        • Hola,

          Revisionen sollen mit Erlaub moeglich sein, aber nicht 4 - 6 Mal, wie in meinem Fall. Ich bin selber schon 2 mal in Revison gegangen, um das Recht einer freien Ausreise fuer meine Tochter zu erkaempfen und ich bin froh, das es da diese Moeglichkeit gab und es ging da auch nicht um VERFAHRENSFEHLER sondern um simple Bestechung.

          Mit Emotionen hat das natuerlich etwas zu tun, wenn man am Rande seiner Kraefte gebracht wird und das sogar offensichlich bezweckt werden soll von der Taeterseite her. Wie sollte ein Opfer emotionslos zusehen, gerade bei Sexuellen Missbrauch und schweren Misshandlungen des eignen Kindes! Koenntest du da deine Emotionen abschminken und dich auf die Recht eines Taeters konzentrieren? Wohl kaum.
          Es gibt nun mal eindeutige Beweislagen, an denen gibt es nichts zu ruetteln. Aerztliche Gynokolische Untersuchung schlimmster Art fuer eine 5 jaehrige. Ich stand daneben! Gutachten, mehr als 3 wurden angefertig. Befragungen die wie Verhoere waren.
          Die Taeterin hat von ihrem Recht gebrauch gemacht die Aussage zu verweigern und konnte wieder gehen.

          Das Opfer macht alles mit, kooperiert, laesst ein Gutachten nach dem anderen ueber sich ergehen, waehrend ein Taeter das ablehnen kann.
          Es sei denn ein Richter ordnet das an, was erst mal durch einen Antrag gestellt werden muss. Was glaubst du was mich da bis heute an Geld gekostet hat! Ich habe keine Lebensversicherung mehr, die ist dabei draufgegangen. Mein Haus steht zum Verlauf, weil ich fuer die Hauptverhandlung mal lockere 5000 $ bereitstellen muss.

          Du hast vielleicht in vielen Dingen eine Ahnung die ich dir keineswegs absprechen moechte, aber hier hast du null Ahnung.
          Es gibt Sichtweisen die man ueberdenken sollte, bevor man unsachlich auf Menschen, die versuchen zu ueberleben und kein Opfer mehr sein wollen, einhiebt.

          Du kennst meine Geschichte nicht und daher unterlasse deinen unangebrachten Daumen nach unten!

          Saludos

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