Den Todeskampf der Oma verkraften

Meine Großmutter verstarb am 12.05.22 um 20:50 im Alter von 83 Jahren nach langer schwerer Krankheit und ich war bei ihr.
Meine Oma war die größte Kämpferin die ich je erleben durfte. Sie hatte ein sehr schweres Leben mit Zivilehen Schicksalsschlägen und lebte nach einem frühen Schlaganfall seit nun fast 25 Jahren halbseitig gelähmt im Altersheim. Dann kam Covid und die Isolation der Altenheime, vor 2 Monaten wurde sie auch positiv getestet und durfte 14 Tage nicht aus ihrem kleinen Zimmer raus. Das alles hat mich so unglaublich fertig gemacht, wir Skypen mehr Mals die Woche doch diese Hilflosigkeit wurde immer größer. Ich wohne leider 150km weit weg von den ihr sodass ich nicht einfach mal zu ihr konnte.
An Ostern waren wir noch alle zusammen essen und es war ganz wunderbar, zwei Tage später kam sie wegen Herzschwäche ins Krankenhaus und wurde 3 Wochen später von uns wieder rausgeholt das ein Organversagen bevorstand.
Ich war im Altersheim als sie zurück gebracht wurde und saß täglich 12h an ihrem Bett und begleitete Sie. Drei Tage kämpfe sie dagegen an , mit Atemaussetzern, Krämpfen, sie konnte nicht mehr sprechen aber ich wusste das sie alles mitbekommen hat.
Soviel leid in einem Leben und dann noch so ein Leiden am Ende ist für mich unbegreiflich . Als der Moment des Todes kam, kamen richtige Urschreie aus ihr heraus, der ganze Körper reagierte und wie in Wogen aus dem Innersten (wie Wehen).Sie riss ihre Augen auf (die waren davor fast geschlossen) und richtete ihren Kopf nach oben als wenn sie ganz erstaunt was sehen würde. Dann japste sie nach Luft und nach dem das seufzen und die kehligen Laute vorbei waren atmete sie nur noch ganz sanft aus, schloss sogar ein paar mal ihren Mund(der seit 3 Tagen aufstand weil sie nur noch so atmen konnte) und dann atmete so noch ein letztes mal aus und war dann fort. Mein Vater (seine Mutter) und meine Mutter waren bei ihr uns hielten ihre Hand und waren ganz still dabei um sie nicht zu irritieren.
Nun bekomme ich die Bilder nicht mehr aus meinem Kopf, ich bin so froh bei ihr gewesen so sein in dem letzten Moment ihres Lebens und ich bin so froh das ihr leiden endlich ein Ende hat doch sie hat so dagegen angekämpft- sie wollte nicht Sterben, bis zum Schluss! Dieses Erlebnis verändert gefühlt so viel. Und ich spüre das sie jetzt gerade bei mir ist.
Ich weiß das war nun ein sehr lange Text, vielleicht hilft mir allein schon das Schreiben dieser Worte…

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Hallo!

Ich begleite seit fast drei Jahrzehnten Menschen in ihrer letzten Lebensphase.
Ich finde es sehr mutig und sehr großartig von dir, dass du bei deiner Großmutter geblieben bist.

Was mir am Ende eines Lebens oft auffällt, wenn ich Familien beobachte: Für Menschen, die sich neu an das Thema wagen, ist es schwer zu unterscheiden, welches Leid so schwer auszuhalten ist. Meist ist es das eigene. Das ist nicht schlimm und das ist natürlich. Ich möchte dir erklären, was ich meine, so dass du die Erlebnisse vielleicht anders einsortieren kannst.

Sterben ist ein Prozess. Wir reden hier vom Sterben eines alten, vorerkrankten Menschen. Es gibt viele Varianten, aber hier geht es um deine Großmutter.
Am Ende wird das "System" langsam zurückgefahren. Die Organe stellen nach und nach ihre Arbeit ein. Oft gibt es am Ende Atemgeräusche oder Seufzen, was meist ein "Entlastungsseufzen" ist und nicht unbedingt der Ausdruck von Schmerzen oder Angst. Dann gibt es noch das Rasseln und Brodeln am Ende. Das ist schwer auszuhalten, wenn man daneben sitzt. Für denjenigen, der stirbt, ist das aber schon egal.
Mein Mann hat in den letzten Stunden seines Lebens unfassbar gebrodelt. Das war schwer für uns, aber er war schon längst unterwegs. Wahrscheinlich war er sogar schon weg.

Deine Großmutter war an ihren letzten Tagen nicht sonderlich unruhig. Jedenfalls schreibst du dazu nichts.

Deshalb denke ich, dass sie sich langsam auf den Weg machte. Die Geräusche und die veränderte Atmung am Ende gehören dazu. Wir stellen uns immer vor, dass wir leise und sanft entschlafen. Das ist nicht die Regel. Gibt es auch, aber nicht sooo oft.
Das "Schnappen" am Ende ist vollkommen normal. Das Atemzentrum gibt dann auf, die Befehle zum Atmen kommen unregelmäßig und dann gar nicht mehr. Das ist kein Ausdruck von "Nicht-Sterben-Wollen", das ist der letzte Schalter, der umgelegt wird. Sozusagen.

Ich bin sehr sicher, dass du im Sterbeprozess deiner Oma mehr gelitten hast als sie. Sie war über 80. Sie war dem Thema schon lange näher als du es jetzt bist. Für mich hört sich das nicht so an, dass sie sich gewehrt hat. Du hast dich gegen den Gedanken und gegen den Prozess gewehrt. Nochmal: Das ist nicht schlimm, das passiert und darf passieren. So völlig und total abgeklärt ist niemand. Aber vielleicht kannst du das in der kommenden Zeit bedenken. Es ist dein Leid und deine Trauer, nicht ihre.
Sie durfte im Beisein ihrer Familie in ihrem Zuhause gehen. Das war für sie sicher ziemlich schön, so geborgen und geliebt zu sein.

Alles Gute!

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Liebe Schmenni,

zu erst möchte ich dir mein herzliches Beileid zum Verlust deiner Oma aussprechen. Ich finde es großartig, dass du und deine Familie ihr bis zum Schluss beistandet.

Mein Mann und ich mussten vor ein paar Jahren unseren sieben Wochen alten Sohn gehen lassen. Die Entscheidung, die Maschinen abstellen zu lassen, fühlte sich so falsch an, aber unser Herz wusste ganz tief drinnen, dass es das Richtige war. Trotzdem hatte ich bis zu letzt die Hoffnung, dass er uns ein Zeichen geben wird und er doch weiter kämpfen möchte. Aber es kam kein Wunder. Er ging friedlich in unseren Armen liegend.

Das Aufreißen der Augen und der letzte tiefe (entspannte) Atemzug, was du beschreibst, war auch bei unserem Sohn so. Sterben ist ein Prozess und kein abrupter Übergang. Vielleicht kam es dir auch nur so vor, als wenn deine Oma sich dagegen gewehrt hat. Eventuell hatte sie ja sogar Angst vor dem, was sie erwarten würde. Aber deine Schilderung, dass sie kurz vor dem letzten Atemzug die Augen wie überrascht aufriss, lässt mich das Gefühl geben, dass sie etwas schönes gesehen hat und dann endlich bereit war, loszulassen. Vielleicht hilft dir diese Vorstellung ja etwas?

Auch wir hatten lange das Gefühl, dass unser Sohn noch bei uns ist und uns zeigen wollte, dass es ihm nun gut geht. Wo immer er auch hingegangen war. Das hat uns sehr getröstet.

Ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit. Die Trauerverarbeitung dauert, aber es wird mit der Zeit leichter. Auch die Erinnerung daran wandelt sich und ich erinnere mich mehr an die "postitiven" Details als an die große Verzweiflung in der damaligen Situation.

Und wenn du in ein paar Tagen/Wochen merkst, dass du aus dem Tief nicht mehr alleine herauskommen solltest, dann scheue bitte nicht davor professionelle Hilfe anzunehmen.

Alles Gute

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Vielen Dank für eure lieben Worte! Ich habe heute viel in diesem Forum gelesen und habe dadurch auch ein bisschen Linderung des Schmerzes erfahren können.
Es gab leider viele Momente des Stöhnens und Krämpfe trotz Morphium die uns gezeigt hatten das sie in dieser Situation sehr zu leiden hatten, sie kämpfte fast 3 Tage jeden Augenblick, sie zog die Luft durch ihren Mund voller Kraft ihr Zwerchfell drängte sie regelrecht dazu wieder einzuatmen … dann kam die Phase mit den Atempausen von mehr als 30 Sekunden. Nach Stunden ging es über in einen flachen konstanten Atem wo sie jedes Mal seufzte oder andere Geräusche von sich gab. Wir redeten ihr die ganze Zeit gut zu das sie keine Angst haben braucht und alles gut sei und es bald leichter werden würde… so lange saß ich bei ihr, ihr Tod kam dann doch sehr überraschend und so kämpferisch… Momentan fühlt es sich so an als wenn sie seit dem immer irgendwie bei mir ist… die Urnenbeisetzung in einem friedwald ist leider auch erst im Juli möglich das macht das alles irgendwie noch schmerzvoller.
Sie hat immer alle Krankheiten und Schicksalsschläge überwunden deswegen haben wir gefühlt das sie wohl auch dieses Mal dachte das wieder zu schaffen….

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Tut mir leid, was du erleben musstest. Tiere würde man in so einer Situation erlösen, Menschen nicht...

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Erstmal mein herzliches Beileid zum Tod Deiner Oma. Das Erlebte ist schlimm für Dich, ganz ohne Zweifel. Ich bin 2014/2015 an zwei Sterbebetten gesessen, bei meiner liebsten Freundin, die ich hatte, wir waren wie Schwestern - und schon ein halbes Jahr später bei meinem Mann, bei ihm bis zur letzten Minute, er schlief einfach ein, als ich das Zimmer nur kurz verließ. Er hatte Sauerstoff und somit keine Atemprobleme und durch das Morphium schlief er sehr viel - irgendwie war er schon "nicht mehr da", obwohl er noch lebte. Warum bei Deiner Oma die Palliativversorgung nicht anders gemacht werden konnte, weiß ich nicht.
Ich weiß auch nicht, wie man Dir bei der Bewältigung des Miterlebens helfen kann, vielleicht sprichst Du mal mit einem Pfarrer darüber, auch wenn Du nicht gläubig sein solltest - oder mit jemand, der ein Trauercafé betreut oder ähnliches. Auch Mitarbeiter eines ambulanten Hospizdienstes könnten Dir bei der Verarbeitung helfen.
Trösten kann Dich ein kleines Bisschen - wo immer sie nun auch ist, ihr geht es nun gut, sie muss nicht mehr leiden.
Das habe ich mir bei meinen beiden Lieben auch immer wieder gesagt, wenn ich ihre lachenden Fotos anschaue. Vielleicht stellst Du Dir auch eines ihrer schönsten Fotos hin - dann verblasst die letzte schlimme Zeit wirklich - aber ganz langsam, Trauer braucht Zeit.
Ich wünsche Dir ganz viel Kraft.
Liebe Grüße von Moni

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Oh man. Ich weiß genau wie du dich fühlst.

Mein Papa habe ich Freitag (Geburtstag unserer Tochter) vor 2 Jahren im Kampf gesehen, nur das mein Papa gewartet hat, bis wir weg waren :( Ich sehe ihn noch immer im Bett als wäre s gestern gewesen.

Wenn man auch so etwas sieht, hat man angst selber alt zu werden.

Ich wünsche dir viel Kraft und mein Beileid.