JÜL oder altershomogene Klasse

    • (1) 15.05.18 - 20:57

      Liebe Alle,
      seit heute wissen wir, welche Grundschule unser Kind ab August besuchen wird. Die Schule bietet sowohl JÜL- als auch altershomogene Klassen an, und wir Eltern sollen nun unsere Präferenz angeben. Wir sind eher für altershomogen, aber wir wissen auch, dass die JÜL-Klassen dieser Schule sehr gut funktionieren. Wie habt Ihr entscheiden, falls Ihr in dieser Situation wart und warum? Und wie war es dann praktisch?

      • (2) 15.05.18 - 21:24

        Hallo,

        ich unterrichte seit 13 Jahren jahrgangsübergreifend in der 1/2.

        Was ich sehr wichtig finde: Wenn wir etwas einführen, das nicht mit beiden Schuljahren gleichzeitig behandelt werden kann weil es thematisch nicht passt, dann trennen wir die Kinder nach Jahrgängen.

        Das muss gar nicht häufig passieren. Bei uns ein-, höchstens zweimal die Woche für eine Stunde. Aber ich fände es ganz gruselig, der einen Gruppe 15-20 Minuten lang etwas in Ruhe zu erklären, während die anderen auf sich selbst gestellt sind. Das geht für 5-10 Minuten ("Ich mache euch jetzt mal an der Tafel vor, wie man das *M* bewegungsrichtig schreibt und dann schreibt es jeder einmal an der Tafel nach"), aber auf keinen Fall länger.

        Erstens werden dann die anderen gestört durch das, was vorne passiert und zweitens kannst du keinem helfen, der beim arbeiten Hilfe braucht, wenn du gerade einer Gruppe etwas erklärst. Von Kindern, die Vermeidungsverhalten an den Tag legen oder stören wenn der Lehrer beschäftigt ist fange ich mal gar nicht erst an.

        Ich beobachte, dass immer wieder jahrgangsübergreifende Konzepte daran scheitern, dass sie die Kinder "nicht trennen, weil das ja kein echtes jahrgangsübergreifendes Unterrichten ist".
        Und von vielen habe ich VOR dem Scheitern gehört: "Wenn die Kinder das gewohnt sind, kann man der einen Hälfte auch mal 15-20 Minuten lang etwas erklären und die anderen arbeiten ruhig weiter". NACH dem Scheitern war oft der Knackpunkt, dass genau das eben NICHT klappte.

        Wichtig finde ich auch, dass der Unterricht gut organisiert, durchstrukturiert und ritualisiert ist.

        Dann gibt es sehr viele positive Effekte durch jahrgangsübergreifendes Unterrichten. Sowohl auf der sozialen als auch auf der fachlichen Ebene. Ich habe heute erst einen kleinen Rechtschreibtest mit den Erstklässlern durchgeführt, in dem viele schon Rechtschreibregeln angewendet haben, die sie von den Zweitklässlern kannten. Auch wie das Einmaleins funktioniert wissen schon einige. Gleichzeitig kann ich schwache Zweitklässler, die drei Jahre für die Eingangsstufe brauchen sehr individuell bedienen, ohne dass es den anderen in der Klasse großartig auffällt.

        Also grundsätzlich bin ich ein Befürworter. Aber wie gesagt, das Konzept muss gut durchdacht und der Unterricht gewissenhaft organisiert sein.
        Ich würde im Zweifelsfall mal fragen, ob du einen Tag lang hospitieren kannst, um eine Entscheidung zu treffen.

        LG

        Unsere Große ist in der 3. Klasse einer Kombi, also JÜL. Die Kleine wird im September ebenfalls in die Kombi 1/2 kommen.

        Für uns war es die beste Entscheidung. Leider sind hier sehr viele Eltern diesem Modell gegenüber sehr skeptisch, nach dem Motto "was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht".

        Die Vorteile, zumindest bei uns:
        hinten am Klassenzimmer ist nochmal ein halber Raum angeschlossen, nur durch eine Glasscheibe getrennt, so dass die Kinder im Blick sind, auch wenn die Lehrkraft im anderen Raum ist.
        Oft kommen Referendare, die das Modell kennenlernen müssen. Bei unserer Großen sind 7 Drittklässler und 7 Viertklässer. Wenn dann noch 4 Referendare da sind, kannst du dir die traumhaften Lernumstände für die Kinder vorstellen.
        Getrennt wird bei uns in Deutsch und Mathe, die anderen Fächer werden gemeinsam unterrichtet. Religion aber z.b. auch mit der Regel-3.Klasse.

        Und ja, die Kinder müssen schon deutlich selbstständiger arbeiten, als die Regelklässler. Aber das seh ich nur positiv! Sie können sich Aufgaben selbst erarbeiten, strukturierter drank bleiben,...

        Also wie gesagt, für uns war die Entscheidung leicht und richtig.

        Wagt es!

      Als meine Große eingeschult wurde, hatten wir auch noch die Wahl. Ich habe sie in einer Regelklasse eingeschult. Der Grund war, dass die Idee der Jülklassen ganz vorbildlich ist, die praktische Umsetzung aber meist zu einer Überforderung der (gerade nicht kranken) Lehrer führt und somit das ganze Konzept nach hinten losgeht und oft für die Kinder eher hinderlich als förderlich wird.

      Inzwischen hat die Schule meiner Kinder (wie die meisten Schulen in Berlin schon zuvor) Jül wieder ganz abgeschafft, und es gibt nur noch die Regelklassen.

      Die laufen aber ganz super, ich bin sehr zufrieden mit unserer Schule!

      (6) 16.05.18 - 13:13

      Hallo,

      wir haben selbst keine Erfahrungen mit JÜL-Klassen gemacht, aber gerade eine sehr schlechte mit einer altershomogenen Klasse.

      Da die erste und zweite Klasse den Grundstein für alle legt, was später kommt, wird da normalerweise sehr darauf geachtet, dass wirklich alle Kinder gut mitkommen.
      Leider wird aber selten Rücksicht auf Kinder genommen, die schnell verstehen. Die müssen trotzdem zum 5. mal die Erklärung in Mathe über sich ergehen lassen und das 10. Arbeitsblatt mit den Übungsaufgaben rechnen, die sie schon beim 2. Blatt im Schlaf konnten usw.
      Unser Sohn war so ein Kind und in der 2. Klasse so gefrustet, dass nichts anderes übrig blieb, als ihn in die 3. Klasse springen zu lassen. Das läuft zwar jetzt, aber er musste ein Jahr Stoff zu Hause nachholen, inklusive Schreibschrift. Das fanden er und wir nicht wirklich witzig.

      In einer JÜL-Klasse hätte er einfach in seinem Tempo lernen können.

      Wir kennen ein Kind, was in einer solchen Klasse nach einem halben Jahr mit der ersten Klasse fertig war und dann eben mit der 2. weiter gemacht hat. Dem gefällt es in der Schule total gut.

      Falls Euer Kind den Eindruck erweckt, recht pfiffig zu sein, würde ich lieber die JÜL-Klasse nehmen, vor allem, wenn die in Eurer Schule offenbar gut laufen.

      LG

      Heike

      • (7) 16.05.18 - 14:27

        "Leider wird aber selten Rücksicht auf Kinder genommen, die schnell verstehen."

        Das liest und hört man oft als Argument für Jahrgangsmischung, bzw. gegen jahrgangshomogene Klassen. Dabei hat das damit eigentlich wenig zu tun. Es steht und fällt mit dem Lehrer und auch mit der Schule (die ja auch dafür zuständig ist, dass Material angeschafft wird). Ein Lehrer kann auch in altershomogenen Klassen entsprechendes Material zur Verfügung stellen.

        Ebenso kann trotz Jahrgangsmischung Langeweile aufkommen, weil nicht ausreichend Material vorhanden ist oder der Lehrer schlicht nicht im Blick hat, welche Niveaustufe richtig wäre. JÜL ist in dieser Hinsicht ja durchaus eine Herausforderung für den Lehrer.

        • Das kann ich so unterschreiben.

          In unserer Regelklasse gibts ein Kerlchen, das schnell lernt, der junge Mann hat einfach extra Hefte.

          Dazu kommt, dass er AUßERDEM noch lernt, sich zurückzunehmen, den leistungsschwächeren Schülern zu helfen und dass er trotzdem ein ganz normales Kind ist, das sich an die ganz normalen Regeln zu halten hat.

          Leider wird ja heute eine (Teil-)Begabung oft als Ausrede benutzt, warum ein Kind mehr oder weniger machen kann, was es will. Ach, das arme Kind ist ja so unterfordert, kein Wunder, dass es sich nicht benehmen kann...

          Ich würde mit einem IQ von 134 auch als begabtes Kind gelten, aber ich bin sehr froh, dass ich ganz normal mit MEINER Jahrgangsstufe Kind sein dufte, weil damals noch nicht so ein Affentanz drum gemacht wurde.

    (9) 16.05.18 - 14:16

    Hallo,

    die Frage ist: Wie wird das JÜL umgesetzt?

    Wie eine Userin schon schrieb ist es wichtig, dass es Phasen gibt, in denen in Ruhe erklärt werden kann. Entweder gibt es Kursstunden, in denen man die Kinder trennt (wobei ich das nach Jahrgängen wieder problematisch finde, besser finde ich die Trennung nach Leistungsstand) oder man nimmt die Kinder, die es betrifft, aus der Klasse heraus (geht nur mit mindestens zwei Lehrern pro Klasse und den entsprechenden Räumlichkeiten).

    Es ist meiner Meinung nach Schönreden, wenn behauptet wird, die Kinder würden im JÜL weniger vergleichen. Das die Kinder unterschiedliches Material bekommen und ihrem Leistungsstand entprechend lernen, fällt sowohl den Kindern als auch den Eltern (die sich ja durchaus unterhalten) auf.

    Vorteil: Wer für Klasse 1 und 2 drei Jahre benötigt, bleibt beim gleichen Lehrer, behält bekannte Kinder in der Klasse. Kommt das Kind nicht mit Schülern und Lehrer zurecht, kann das aber auch ein Nachteil sein. Das kann einem aber auch in altershomogenen Klassen passieren.

    Den Klassenzusammenhalt empfinde ich in altershomogenen Klassen als deutlich stärker. Auch wennJahrgangsmischung sicher nicht der einzige Grund dafür ist, trägt er meiner Meinung nach dazu bei.

    Was noch wichtig ist: In jahrgangsgemischten Klassen wird zwangsläufig offener gearbeitet, weil die Unterschiede im Leistungsniveau größer sind als in altershomogenen Klassen. Die Kinder arbeiten häufiger selbstständig. Das "Leselernkonzept" ist (zumindest hier) Lesen durch Schreiben (Fibellehrgänge benötigen mehr Anleitung). Das alles kann ein Gewinn sein. Manche Kinder brauchen jedoch mehr Anleitung, Begleitung und strikte Abläufe.

    Dein Kind kannst nur du einschätzen. Guck dir die Schule an und frag, ob du hospitieren darfst. Frag ganz viel nach. Das hilft dir sicher weiter!

    LG

    (10) 17.05.18 - 21:36

    Ich danke Euch sehr für Eure Antworten! Ihr habt mir geholfen.
    Die Idee mit dem Hospitieren gefällt mir sehr gut, ich werde nachfragen ob und wann ich das machen kann.
    Viele Grüße!

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