Sudbury Schulen

    • (1) 07.08.18 - 14:21

      Hallo ihr Lieben,

      hat jemand von euch Erfahrungen mit einer Schule, die ans Sudbury Modell angelehnt ist?

      Für die, die das nicht kennen: Es handelt sich um eine basisdemokratische Schulform, bei der es keine Lehrpläne gibt und in der Schüler lernen, wann, was und wie sie wollen. Schulabschlüsse müssen extern gemacht werden.

      • Ich denke, dass kommt stark auf die Schule, die Lehrer und dein Kind an. Da eine Pauschalantwort zu geben ist schwierig. In solche Schulformen passen aber tendenziell eher Kinder, die Schwierigkeiten mit der Anpassung an "Normen und Erwartungen" haben, trotz vieler Talente und besser lernen, wenn man ihnen ihren Freiraum lässt oder Kinder, die von sich aus sehr viel Eifer, Struktur, Schaffenskraft und Selbstbewusstsein haben und daher gar nicht immer jemanden brauchen, der sie antreibt. Viele Kinder brauchen aber auch feste Strukturen und gezielte Fokussierung um sich überhaupt tiefer mit etwas beschäftigen zu können/wollen. Es gibt Lerntypen für die ist Frontalunterricht tatsächlich am besten geeignet. Daher:

        Du selbst kennst dein Kind am besten. Es kommt sehr darauf an, wie dein Kind am besten lernt. Leider weiß man das oft erst nach den ersten Schuljahren. ;)

        • Mein Sohn ist erst 8 Monate alt. Es geht also nicht akut um ihn. Ich merke nur, dass sich meine Sicht auf Menschen, auf Lernen, auf persönliche Entfaltung mit meinem Sohn sehr ändert.

          Ich kann mir gerade gar nicht recht vorstellen, ihn mal irgendwann auf eine momentan übliche Regelschule zu geben. An den Schulen, die ich von innen kenne (leider keine alternative Schule dabei), haben Kinder praktisch fast keinen Entscheidungsspielraum, lernen "auf Vorrat" ohne intrinsische Motivation und verbinden mit Lernen überwiegend Negatives.

          Sudbury Schulen sind ein krasses Gegenteil. Leider gibt es davon bisher nur wenige, sodass man nur auf wenig Erfahrungsberichte stößt. Daher frage ich hier.

          • Freies Lernen - toll! In der Theorie....
            Ich denke die wenigsten Kinder sind so dermaßen intrinsisch motiviert, dass sie sich in den elementaren Bereichen des Lebens genügend Wissen ganz allein aneignen können.
            Warum dann immer das eigene Kind grade so ein Genie sein sollte....?
            Ich zweifle auch daran, dass sie in der Lage sein werden, die Abschlüsse extern zu schaffen.

            Außerdem gibt es im Leven einfach Dinge, die man sich nicht aussuchen kann. Das lernen die dort ja nicht wirklich und sind nachher evtl frustriert, wenn sie auf den „Rest der Gesellschaft“ treffen und die dortigen Anforderungen erfüllen müssen....

            Das ist nur meine ganz persönliche Meinung. Mein Sohn ist 9 Monate alt und ich erfreue mich erstmal an den derzeitigen Entwicklungsschritten anstatt an die Schule zu denken 😉😀

            LG

            • Hast du deinen Sohn beigebracht, den Kopf zu heben, zu robben oder krabbeln oder sitzen, falls er das schon tut? Das brauchen wir nicht. Unsere Babys wollen und lernen das von allein. Auch die Kindergärten legen vermehrt wieder zu der Auffassung zurück, wie wichtig das freie Spielen ist, freies Spielen IST Lernen.

              Aber kaum werden die Kinder 6-7 Jahre alt, hört das auf? Die Hirnforschung weist immer mehr in die Richtung, dass "Unterrichten" Unsinn ist und lernhemmend wirkt.

              Du schreibst von "genügend Wissen in elementaren Bereichen des Lebens". Welche Bereiche und welches Wissen soll(en) das genau sein? Wenn wir darüber nachdenken, wie massiv sich unsere Welt allein in den letzten 30 bis 50 Jahren verändert hat und dass die Veränderungen immer schneller kommen, dann können wir über die nächsten 30-50 Jahr eigentlich überhaupt nichts aussagen. Wie sollen wir dann beurteilen, was das wichtige wissen dieser Zeit sein wird?

              Anders als noch vor 100 Jahren, werden unsere Kinder vermutlich ihr ganzes Leben lang immer wieder Neues lernen müssen, um sich noch zurechtfinden zu können. Wie sollen sie das in einem Schulsystem, in dem sie fast vollständig fremdbestimmt werden und in dem ihnen vermeintlich wichtige Lehrinhalte in aufbereiteten Häppchen serviert werden, lernen?

          Ich glaube - sei mir nicht böse - dass du das jetzt noch gar nicht richtig beurteilen kannst. Du hast ein Baby vor dir. Abhängig. Schützenswert. Hilflos. Aller Fortschritte zum Trotz. Es macht in die Windeln und weint schnell, wenn etwas stört. Du drehst dich um es, weil es das braucht und es ist unvorstellbar, dass es mal stark genug sein wird, so bei sich zu sein, dass es mit seiner Umgebung mithalten kann, auch wenn die sich nicht nur um es dreht. In dem Alter hätte ich mir auch nie vorstellen können, mein Kind in eine Regelschule zu geben. Ich war überzeugt es würde was alternatives werden. Sie ging auch in eine Montessori Kita.

          Was soll ich sagen. An irgendeinem Punkt habe ich auf mein Kind geschaut. Und sicher war es immernoch irgendwo Kleiner und schützenswerter als ich, aber ich habe die Angst verloren, dass es das nicht schaffen kann. Davor dass die Gesellschaft mein Kind irgendwie "niederdrückt" durch das System Schule. Ich habe einen jungen und auf diese Art trotzdem starken Menschen gesehen, der selber diese Herausforderung nehmen will und bei dem ich ihr eher schade, wenn ich ihr per se das von vorne herein abspreche, was der Weg ist den fast alle Kinder nehmen, die sie bis dato kannte. Mein Zutrauen in Sie hat sich im Laufe der letzten Jahre sehr verändert. Sie braucht mich zwar noch, aber auf viele Arten braucht sie mich nicht mehr. Ich habe ihr viel Rüstzeug mitgegeben. Und ihr Körper und ihr geistiges Potenzial hat sich stetig entwickelt.

          Jetzt an diesem Punkt habe ich ein 9 Jähriges Kind vor mir, dass mir morgens amerikanische Pancakes macht und sich das Rezept selber aus der Internet gesucht hat, dass es buchstablich alleine gebacken bekommt. Ein Kind, dass den halben Tag auch vollkommen ohne mich ohne Angst und ohne Weinen ja sogar ohne Langeweile zubringt, wenn dies abgesprochen ist. Ein Kind, dass einen ganzen Pulk voller Freunde hat mit denen es sich verabredet und ein Zeugnis voller guter Noten. Ein Kind, dass die englischen Sätze in Songs plötzlich schon versteht und über die schlüpfrigen Witze in TV Serien lacht von denen ich immer noch glauben möchte, dass sie ja eigentlich noch zu jung ist, um sie zu verstehen. Ich erlebe ein Kind, dass mir manchmal bessere Ratschläge gibt, als ich selbst parat habe. Eins, dass sich sehr engagiert z.b. in der Klasse als ein Schüler von einem Mädchen gemobbt wurde und sie mit dem gemobbten Kind zur Schulpsychologin gegangen ist, was Gespräche auf vielen Seiten losgetreten hat und was sie mir dann beiläufig am Abendbrot Tisch mitteilte. Die Wahrheit ist. Ich staune ständig. Und sie macht ihren Weg. Sie braucht meine Ängste nicht. Sie wird nicht autoritär durch die Schule mundtot und Erfindungsarm gemacht, weil sie sich im System nicht entfalten kann. Überhaupt erlebe ich eher, dass die Regeln und die Struktur dazu beitragen, dass sie sich sehr gut selber zu strukturieren lernt. Ich erlebe, dass vieles schon jetzt ganz anders ist, als zu meiner Schulzeit.

          Ja, ich kann meine Schulzeit schon von Anfang an gar nicht mehr 1:1 mit ihrer vergleichen. Die Lehrergeneration wechseln. Sie bringen die Haltung einer anderen Zeit mit. Sie haben selber Alternativen in ihrem Leben und geben diese weiter. Die Lehrerin meiner Tochter nutzt z.b. Yoga an einer Regelschule für Projekte zur Selbstwahrnehmung und Entspannung. Und es wird viel über gesunde Ernährung gesprochen, weil sie selbst auch eher Öko und nachhaltig eingestellt ist. Die Musiklehrerin begleitet die Kinder bei eigenen musikalischen Ideen oder arbeitet immer wieder auch mit Liedern, die die Kinder besonders ansprechen z.b. auch aus Filmen, die viele Kinder kennen. Und Englisch fand die ersten zwei Jahre mit einem sprechenden Stoffkrokodil statt, dass jedes Kind reihum mal mitnehmen dürfte zum Fotos machen, was man mit ihm erlebt hat. Die Fächer meiner Zeit (ich bin 32) gibt es plötzlich gar nicht mehr. Es wird neuerdings Bio Chemie Physik als Naturwissenschaften zusammen unterrichtet. Und gab es früher fast nur katholische und evangelische Religionslehre, gibt es mittlerweile viele Alternativen in denen ohne Schleier über alle Religionen gesprochen werden kann. An Ganztagsschulen gibt es Freizeitangebote, die wir nie hatten. Meine Tochter geht in der Schule Töpfern und tanzt Zumba.

          Ach die Notengebung verändert sich. Teilweise wird sie für jüngere ausgesetzt, teilweise wird der Schwerpunkt mehr auf die Methodik gesetzt. Quasi: bin ich in der Lage mir selbst zu helfen und logisch Inhalte zu erschließen, anstelle von sturem Inhalte büffeln und auskosten um sie anschließend zu vergessen.

          Natürlich gibt es all das noch. Es gibt auch noch die verstaubten Lehrer. Aber der Mix ist grundsätzlich ein anderer.

          Also lerne dein Kind doch erstmal noch richtig kenne und besuche Mal die Schulen deiner Umgebung ein halbes Jahrzehnt später. Dann wird die Sache möglicherweise schon wieder ganz anders aussehen.

          Ich bin offen für alternative Schulen aber manchmal bedeutet die große Freiheit auch ein sehr viel größeres Maß an Verantwortung als normal, die das Kind selber tragen muss zu dem aber nicht alle Kinder bereit sind. Selbstbestimmt lernen heißt auch sich selbst zu kümmern, sich in vielen selber überlassen zu sein. Ja, es stimmt. Das können alle Kinder. Jedes Kind hat selber Neugierde und möchte etwas lernen, aber nicht jedes Kind lernt für sich selbst effektiv, wenn es fast alles selbst bestimmen kann. Das muss man genau überprüfen für wen sich das wirklich eignet und lohnt. Viele Kindern mögen nämlich eher den Mix aus Regeln und Struktur zum Festhalten aber auch Raum mit eigenen Impulsen auf Inhalte zuzugehen und da sehe ich doch eine deutliche Veränderung, dass das auch an normalen Schulen gegeben werden kann.

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