Verhaltensprobleme in der Schule

Guten Morgen liebe Forengemeinde,

ich schreibe heute hier, weil ich mir etwas Rat bzgl. unseres Sohnes erhoffe, der derzeit ziemliche Probleme in der Schule hat. Zwar sind wir bereits seit kurzem bei einem Kindertherapeuten, doch da es dort aufgrund der derzeitigen Situation verständlicherweise nur im 1-2 Wochenrythmus voran geht, mich das Thema aber sehr beschäftig, wollte ich parallel dazu etwas nachforschen. Vielleicht gibt es hier ja jemanden der ähnliche Erfahrungen hat.

Vor zwei Monaten bat uns die Lehrerin unseres 7jährigen Sohnes, der aktuell die zweite Klasse besucht, zum Elterngespräch. Es stellte sich heraus, dass unser Sohn wohl einige Verhaltensprobleme in der Schule hat. Obwohl wir wussten, dass unser Sohn kompliziert und eigen sein kann, hat uns das Ausmaß dann aber doch überrascht. Ein Fragebogen des Kindertherapeuten den die Lehrerin ausfüllen sollte und wir gestern wieder zurück erhielten setzte dem nochmal eines oben drauf.

Laut diesem gestaltet sich der Tagesablauf augenscheinlich etwa so:

Kommt er morgens in den Klassenraum, setzt er sich auf seinen Platz und starrt ins Leere. Zudem wirkt er müde und lethargisch. Klassenaufgaben um die Uhrzeit erledigt er nur, wenn er explizit dazu aufgefordert wird. Bei Aufgaben die an die Klasse im Allgemeinen gerichtet sind, fühlt er sich meist gar nicht angesprochen. Auch zum routinemäßigen abgeben der Hausaufgaben muss er extra und persönlich aufgefordert werden.

Im Unterricht später fällt er meist negativ auf. Er macht während der Stunde hastige Bewegungen, die an Karateübungen erinnern mit dazu passenden Geräuschen, oder spielt mit seinem Arbeitsmaterial als tät er an einer Spielekonsole sitzen. Logischerweise nervt das seine Klassenkameraden die sich davon gestört fühlen. Deren negatives Feedback schein ihm aber völlig egal zu sein.

In den Pausen gibt es wohl ein oder zwei Mitschüler mit denen er ab und an mal spielt, meistens beschäftigt er sich aber für sich alleine. Ärgern tut er niemanden, sondern sich eher abzusondern. Freunde hat er daher keine, scheint auch keine zu wollen.

Lernkontrollen sind auch so ein Thema. Hier liegt er zwar nicht immer, aber oft, 1-2 Punkte über dem Durchschnitt, braucht aber fast doppelt solange wie seine Mitschüler und auch nur wenn er von der Lehrerin permanent und wiederholt zum Anfangen, Weitermachen und Erledigen aufgefordert wird – wofür sie logischerweise nicht immer die Zeit hat. Bei zwei Kontrollen probierte sie einfach mal gar nichts zu sagen - ihn quasi auflaufen zu lassen. Tja dann macht er tatsächlich nichts, oder kaum was. Diese zwei Arbeiten waren dann mit 25% der Punke komplett verhauen. Nichts weil alle Aufgaben falsche waren, sondern zu 75 % nicht mal angefangen. Auch das schien ihm völlig egal zu sein.

Reges Interesse und aufzublühen scheint er hingegen, wenn die Lehrerin Geschichten vorliest, oder es um Sport und kreatives Malen geht. Da funktioniert es wohl super und er ist begeistert dabei. Wobei mich das Malen dann wundert, denn daheim zeigt er diesbezüglich gar kein Interesse.

Darf er mal von Dingen berichten die ihn Interessieren, bekommt er einen sehr detailreichen „Laberflash“ und muss anschließend regelrecht gebremst werden.

Für uns ist es immer schwierig sein Verhalten in der Schule allein rauszufinden, denn Fragen wie es in der Schule war, beantwortet er meistens mit „gut“ oder „weiß ich nicht mehr“.

Im Elterngespräch äußerte die Lehrerin dann den vorsichtigen Verdacht auf ADS, unsererseits spekulierten wir eher auf Autismus, weswegen wir uns dann auch an den Kinderpsychologen wandten.

Gestern beim zu Bett bringen fragte ich ihn dann mal woran er denn denkt, wenn er in der Schule sitzt und seine Karateübungen macht, oder „an der Konsole spielt“. Nach wiederholtem „weiß ich nicht mehr“ gab er dann zu an die Trickfilme zu denken die er sieht, wie Paw Patrol. Nicht zum ersten Male kam ich dann auf den Gedanken, dass sein Medienkonsum entweder generell oder für seine Verhältnisse zu hoch ist. Empfohlen sind für sein Alter 45min pro Tag. Da wir aber drei Kinder haben und es jeden Tag heftigen Streit gab, wer was aussuchen darf einigten wir uns dann darauf, dass insgesamt drei Folgen geschaut werden, wobei jeder eine ausuchen darf. Ist dann mit 1h mehr als die empfohlenen 45 min, gibt aber das wenigste Theater.

Hat hier jemand Erfahrungen und könnte mir etwas raten?

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Hallo,

kommen diese Auffälligkeiten überraschend, oder war er irgendwie schon immer so, nur nicht so extrem?

Geht er denn generell gerne zur Schule? Auch wenn er nicht viel erzählt, merkt man ja zu Hause, ob er sich grundsätzlich wohl fühlt.

Wie ist es mit den Hausaufgaben? Arbeitet er da zügiger und schneller?
Wie war er denn in der ersten Klasse? Ich weiß, da ist wegen Corona Einiges ausgefallen, aber wie lief das erste halbe Jahr?

LG

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Grundsätzlich war er schon immer so und wir waren auch sehr besorgt ob das in der Schule klappt. Aber wie du bereits sagtest, das Extreme und die Ausprägungen waren uns nicht bekannt, da er auch kaum was erzählt.

Die Schule mag er laut eigener Aussage nicht, er geht aber ohne Widerstand, heißt man muss nicht jeden Morgen aufs Neue diskutieren. Laut Lehrerin brauch er gewohnte Abläufe, ich denke solange das da reinpasst macht er es auch.

Die Hausaufgaben nerven ihn, es geht aber einigermaßen seitdem wir eine Sanduhr aufstellen und ihm damit ein Zeitlimit vorgeben.
Gab aber auch Situationen, da dauerten die mehrere Stunden, man musste ihn zu jeder einzelnen Aufgabe separat auffordern und sich quasi daneben setzen musste, da alles andere wichtiger war.

Ob das in der ersten auch so war... schwierig zu sagen. Der Eigenbrödler war er da wohl auch, ob er den Unterricht da so stört wie jetzt erwähnte die Lehrerin nicht.
Zumindest die Einschulung erwies sich als beinah Katastrophe und einen passenden Laufpartner für den Schulweg zu finden, war auch schwer, bis er letzten Endes allein lief. Wobei das aber nicht immer an ihn lag.

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der Kinderpsychologe man eine Hilfe sein.
Ich finde aber, ihr solltet euch schnellstmöglich bei einem SPZ einen Termin geben lassen. - Die sind geschult, Defizite in mehreren Sparten abzutesten.

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Hallo,

Ihr braucht eine Diagnose und dafür sind Kinderpsychiater zuständig, keine Psychologen.

Bei Verdacht auf Autismus sollte man ein Autismus-Zentrum aufsuchen. Das ist nicht leicht zu diagnostizieren und sowohl SPZs, als auch nicht wenige Kinderpsychiater stellen da oft falsche Diagnosen.
Da ist die harmlose Folge noch eine falsche Behandlung. Unter Umständen wird das aber falsch als Trauma diagnostiziert und dann steht auf einmal der Vorwurf des Missbrauchs oder der Misshandlung im Raum. Das ist einer Freundin von uns passiert. Laut Autismus- Zentrum ist ihr Sohn "der Autist aus dem Lehrbuch".

Man kann übrigens auch Autist sein und ADS haben. Das ist ebenfalls schwer zu diagnostizieren, weil sich die Symptome überlagern.
Wenn ich raten sollte, klingt es bei Euch danach. Aber ich bin kein Fachmann.

Vielleicht ist Euer Sohn oben drauf noch unterfordert und wäre zügiger unterwegs, wenn es anspruchsvoller wäre.
Auch das würde ich abklären lassen.

LG

Heike

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Hallo,
bei manchen Passagen könnte ich meinen, du beschreibst meinen Sohn (auch 7Jahre/ 2.Klasse).
Auch bei ihm hatte ich schon mehrere Gespräche mit der Klassenlehrerin.
Die Probleme: Er sitzt oft wie abwesend auf seinem Platz und reagiert manchmal selbst auf Ansprache nicht. Er ist oft motorisch sehr unruhig und laut, kann sich schwer regulieren, hält sich nicht an die Regeln (...sagt dann, er hätte es vergessen). Wenn er etwas erzählen will, redet er einfach drauflos, auch wenn es gerade gar nicht zum Thema passt. Er ist in der Klasse ein Außenseiter und spielt kaum mit den anderen. Kontaktaufnahme besteht meistens darin, dass er die anderen ärgert (er denkt, es sei lustig, das findet aber außer ihm dann leider keiner).
Mit dem Lernstoff hat er bisher keine Probleme, obwohl er nicht aufpasst- leistungsmäßig ist er einer der Klassenbesten.

Ich hatte vor einem Jahr schon mal einen Termin in einer diagnostischen Ambulanz zum Erstgespräch, dort wurde mir bestätigt, dass eine Abklärung hinsichtlich ADHS/Autismus sinnvoll wären. Eine Diagnostik war leider aufgrund von Corona und langen Wartelisten nicht möglich, bevor wir dann umgezogen sind. Jetzt fangen wir wieder von vorne an und haben für Ende des Jahres einen Termin in der Kinder-und Jugendpsychiatrie zu einem Erstgespräch. Falls sich das nicht wieder aufgrund des Lockdowns verschiebt...

Übrigens denke ich nicht, dass die Probleme deines Sohnes auf den Medienkonsum zurückzuführen sind. Meine anderen Kinder zB könnten stundenlang fernsehen (nicht, dass wir das so praktizieren!) und würden sich nicht so benehmen.
Es kann aber natürlich sein, dass sich bei deinem Sohn der Medienkonsum zusätzlich negativ auf seine Grundproblematik auswirkt. Ich würde erst mal eine fundierte Diagnostik vornehmen lassen. Wenn sich ein Befund ergibt, wird man sicher auch mit euch besprechen, was im Alltag hilfreich ist und was die Probleme eher verschärft.
LG

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Hallo,

ja das was du schreibst, ist bei uns genauso. Auch auf die Geschwister bezogen.
Außer, dass er eben nicht der Klassenbeste ist, was mir vielleicht ein kleiner Trost wäre. Wobei einige schon meinten er sei keineswegs unintelligent.

Und es ist gerade diese ewige Warterei die frustriert....

Gibt es irgendwas womit ihr euch in der Zwischenzeit behelft?

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Naja, eine richtige Strategie habe ich noch nicht gefunden. Ein bisschen hilft bei meinem Sohn, ihn an der Schulter zu fassen, wenn man ihm etwas sagt, und noch mal nachzufragen, ob er es auch verstanden hat. Sonst passiert es manchmal, dass er mich zwar ansieht (ich denke dann, er hat es mitbekommen), aber dann ist es doch an ihm vorbeigerauscht.
Wenn er herumträumt oder nur Blödsinn macht, statt das was gefordert ist (Hausaufgaben, morgens anziehen, abends bettfertig machen) stelle ich eine Sanduhr und kündige vorher an, was für Konsequenzen folgen, wenn er die Zeit überschreitet.
Ich versuche auch, ihn zu motivieren, dass er selbst an Dinge denkt. ZB frage ich ihn "heute ist Donnerstag, was musst du mitnehmen?", statt ihm einfach nur den Turnbeutel in die Hand zu drücken. Er soll seine Hausaufgaben machen und erst hinterher kontrolliere ich, ob er an alle gedacht hat. Das sind alles Dinge, die ihm sehr schwer fallen, weil er mit den Gedanken immer woanders ist.
Ich versuche täglich, ihm auch viel positive Aufmerksamkeit zu geben, denn leider kommt man bei so einem Kind schnell in eine Meckerspirale und es baut sich auf beiden Seiten viel Frust auf.
Was das Verhalten in der Schule angeht, habe ich von zuhause erst mal wenig Einfluss. Ich hoffe darauf, dass nach der Abklärung klarer ist, woran es wirklich hängt. Dann kann man gemeinsam mit der Lehrerin evt konkrete Strategien besprechen...

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Du schreibst, es könnte eine Kausalität zwischen dem TV Konsum und seinem Verhalten bestehen. Wieso stellt ihr dann das TV schauen nicht vollständig ein? Natürlich auch für die Geschwister. Man kann es ihm gegenüber auch ganz klar kommunizieren.

Nach 4 Wochen ohne Ausnahme vom TV Konsum kann man die Ergebnisse evaluieren.

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Hallo,

was mich wundert:

Du sprichst seinen Medienkonsum an und erwähnst, dass er etwas länger fern sieht, als er in seinem Alter sollte.
Gleichzeitig taucht zweimal der Vergleich auf "als ob er Konsole spielt". Hat er Zugang zu einer Konsole? Oder ist das fernsehen wirklich die einzige Medienzeit des Tages?
Wenn zu über einer Stunde fernsehen dann nämlich noch 30 Minuten zocken dazukommen, ist das definitiv zu viel!

Dann schreibst du, er blüht auf, wenn vorgelesen wird und beim Sport.
Wie viel wird bei euch Zuhause vorgelesen? Merkt ihr da keinen Unterschied zu seinem restlichen Verhalten?

Gibt es einen Unterschied im Verhalten, je nachdem ob die Geschwister dabei sind oder nicht?
Bei meiner jüngeren Tochter ist das ein total krasser Unterschied: ist die Große dabei, ist die Kleine total unkonzentriert, abgelenkt, kriegt nix auf die Reihe. Man muss jedesmal extra ihre Aufmerksamkeit fesseln, wenn man ihr etwas sagen möchte.
Ist sie mit mir alleine, hört sie auf einmal alles, was ich sage antwortet sofort, ist ganz normal konzentriert.

LG!

PS
Ich würde keine Fragen nach der Schule stellen, die man einfach mit "gut" beantworten kann. Lieber konkreter: Was habt ihr denn heute in Sport gemacht? Oh, du hast noch Butterbrot übrig, war die Frühstückspause zu kurz oder warst du satt? Oder frag nach Traditionen: "wer durfte denn heute den Adventskalender öffnen".
Natürlich so, dass es nicht nervt. Eher so belanglos, wenn du von deinem Tag erzählst ("ich hab vorhin in der Stadt den xy getroffen"), dann eben eine Frage nach seinem Tag dranhängen.

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Ich kann Dir nur Raten so schnell wie möglich bei einem Kinderpsychiater (nicht Psychologen!) vorstellig zu werden, denn sowohl Autismusverdacht als auch ADHS Verdacht gehören eindeutig in deren Metier.

Ich sehe ehrlich gesagt meinen ADHS-Cousin vor mir, Sprechdurchfall und so intensives Träumen im Unterricht das er dazu gestikuliert und grimassiert klingen für mich eher nach AD(H)S.

Und ja, Fernsehkonsum ist zuviel, wobei andere Medien wie Konsolen da dazuzählen. 20 Minuten sind hier mit 6 Jahren das Allerhöchste der Gefühle, am besten klappt es ganz ohne.

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Also ich gebe zu ein paar Verhaltensweisen kommen mir bekannt vor. Aber ich bin kein Fachmann was das angeht. Ich würde dir einen guten Kinder- und Jugenpsychiater empfehlen der ne Testung durchführen kann. Nicht das ich dein Kind für falsch oder abnormal halte. Aber man kann hier wohl besser hinter gewisse Fassaden schauen und erfahren ob hier doch etwas im VErborgenen liegt.

Ela

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Es gibt tatsächlich Kinder, deren grundsätzliche Probleme durch Medienkonsum noch erheblich verstärkt werden. Einige Kinder tauchen so völlig in das Gesehene ab, dass sie noch größere Schwierigkeiten dabei haben, einen Zugang zur Realität zu finde und am aktuellen Geschehen richtig teilzunehmen.

Ich würde auch dazu raten, zur Abklärung in ein SPZ zu gehen und dort eine ganz fundierte Diagnostik machen zu lassen.
In der Zwischenzeit, bis die Diagnostik richtig anläuft, würde ich schon mal versuchen, möglichst viele "Daten" zu sammeln, die ihr dann mit zum SPZ nehmen könnt:

Den Medienkonsum unter der Woche aussetzen und beobachten, ob es eine Veränderung bewirkt. Neue Regel für alle: Fernsehen nur noch am WE, und dann nicht mehr als 30 Minuten am Tag.

Außerdem die Lehrkraft bitten, das Verhalten für jede Unterrichtsstunde zu dokumentieren. Am besten in einer Tabelle mit Datum zum Ankreuzen, in der wichtige Punkte dokumentiert werden (z.B. waren Konzentration, Arbeitstempo, mündliche Mitarbeit sehr gut/gut/durchschnittlich/schwach usw.)

Dem Kind konkrete Fragen zum Ablauf in der Schule stellen: Was hat die Lehrerin heute vorgelesen? Was solltet ihr im Matheunterricht tun? Was hat dir im Unterricht am meisten/wenigsten Spaß gemacht?

Zuhause ein Heft anlegen und alles, was euch wichtig für die Diagnostik im SPZ erscheint, aufschreiben. So vergesst ihr dort im Gespräch nichts.

Eventuell auch noch mal Berichte aus dem Kiga heraussuchen und zusammen mit dem Heft in eine Mappe tun, die ihr dann mit zum SPZ nehmen könnt.