Kolumne „Fröhliches Familienleben"

Fünf Kilo ohne schwer wiegende Folgen

Pfunde haben Felicitas Römer nie besonders interessiert. Hartnäckig ignorierte sie Brigitte-Diäten, Kalorientabellen und Weight-Watcher-Punkte. Bis sie kürzlich auf einer Apothekerwaage mit einem Mal die Fassung verlor. Fünf Kilo mehr, woher können die einmal kommen? Und vor allem: Was tun?

Autor: Felicitas Römer
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Wie mich eine Waage kurzfristig aus der Balance brachte

fünf Kilo
Foto: © Fotolia

Pfunde haben mich nie besonders interessiert. Hartnäckig ignorierte ich Brigitte-Diäten, Kalorientabellen und Weight-Watcher-Punkte. Zwar nahm ich zur Kenntnis, dass sich ein halbes Frauenleben um „Glyx“ oder „Low Fat“ dreht, es kümmerte mich aber nicht. Ich war nicht dick und nicht dünn, sondern irgendwo dazwischen. Deshalb schaffte es noch nicht einmal Susanne Fröhlichs „Moppel-Ich“ auf meinen Nachttisch. Ich kaufte unbekümmert Vollfettprodukte. Meine Waage fristete ein tristes Dasein, eine dicke Staubschicht ließ mich öfter darüber nachdenken, das digitale Ding zu verschenken oder in den Müll zu werfen.

"Ein bisschen mehr auf den Rippen steht Ihnen doch gut!"

Felicitas Roemer

Felicitas Römer

Meine Jungs interessieren sich ohnehin mehr für ihre Körpergröße als für ihre Leibesfülle. Und sogar meine halbwüchsige Tochter vergisst, dass sie im Badezimmer Gewicht und Körperfettanteil kontrollieren könnte. Dass sie nicht der Hungersucht verfallen ist, sondern immer gut und gerne speist, hat mich immer sehr beruhigt. Und natürlich dachte ich, es hätte etwas damit zu tun, dass auch ihre Mutter kein Gedöns um Problemzonen und Speckröllchen macht. Doch als Vorbild à la „Ich will so bleiben wie ich bin“ tauge ich mittlerweile leider nicht mehr so viel. Für eine ärztliche Routine-Untersuchung musste ich kürzlich nämlich auf eine Apothekerwaage steigen. Der Stiefel durfte ich mich noch rasch entledigen. Als ich auf den Zeiger starrte, stockte mir der Atem. „Das kann nicht sein“, murmelte ich und stieg hysterisch schnaubend wieder ab. Die Arzthelferin muss anhand meiner entglittenen Gesichtzüge meine Gedanken erraten haben. „Aber Frau Römer“, lächelte sie, „ein bisschen mehr auf den Rippen steht Ihnen doch gut!“. Ich konnte nicht genau erkennen, ob in ihrem Gesichtsausdruck Mitgefühl oder Spott lag.

Trug ich nicht massenweise Schmuck?

Auf dem Heimweg ratterte mein Hirn. Wie konnte es sein, dass ich so zugenommen hatte, ohne es zu merken? Gut, ab uns zu zwicken die alten Jeans, aber war das nicht schon immer so? Und klar, das kleine Schwarze sieht in letzter Zeit auch nicht mehr so sexy aus, da sich in Bauchnabelhöhe das Überbleibsel meiner letzten Schwangerschaft wölbt. Aber das können doch unmöglich so viele Pfunde sein? Zumal ich mich doch in letzter Zeit regelmäßig beim Pilates verdrehe und auf meinem Heim-Radl unzählige virtuelle Runden drehe! Es musste an dieser blöden Arztwaage liegen. Die Dinger sind einfach anders geeicht. Ach, und trug ich nicht während des Wiegens massenweise Schmuck? Schon meine Gürtelschnalle ist sicher ein Kilo schwer! Und hatte ich nicht gestern unzählige Pizzas verdrückt, was sonst ja nie, nie vorkommt?

Vor lauter Frust erst mal Schokolade

Mäßig beruhigt stellte ich mich zu Hause vor den Spiegel. Ungewöhnlich lange drehte und wendete ich mich, kniff mir in die Seiten und beglotzte meinen Hintern. Nun wusste ich definitiv: Die Waage lügt nicht.

Vor lauter Frust verdrückte ich erst mal eine Tafel Schokolade. Sollte ich ab jetzt auch zu den Frauen gehören, die bei jeder Gelegenheit über ihre Figur jammern und jedes halbwegs leckere Essen an sich vorüberziehen lassen? Ratlos rief ich meinen Mann an. „Du“, sagte ich mit gedrückter Stimme „ich hab´ total zugenommen! Fünf ganze Kilo!“ Dass mein Mann ein Mann ist, wurde mir wieder schlagartig klar, als er nüchtern verlauten ließ: „Du hast eben Muckis entwickelt vom vielen Sporteln, die wiegen ja auch mehr als Fett.“ Hä? Sind die Hubbel an meiner Hüfte jetzt Muskelfasern? Eine interessante Theorie, an die ich aber trotz guten Willens nicht länger als zwei Minuten glauben konnte. Abends dann wollte ich meinen Liebsten davon überzeugen, dass es sich wohl doch eher um Fettgewebe handelt und ihm meine Pölsterchen vorführen. Als er aber grinsend meinte: „Warte mal eben, da muss ich vorher noch die Lupe holen“, gab ich dieses Vorhaben auf.

Akut infiziert vom Schlankheitswahn-Virus

Am nächsten Morgen stand meine Tochter fassungslos vor dem Kühlschrank: „Diät-Margarine? Fettreduzierte Wurst? Gouda light? Ich glaub´s nicht! Machst du jetzt hier einen auf Abnehmen oder was?“ Ich erzählte ihr von meinem kleinen traumatischen Erlebnis. „Du willst mir jetzt aber nicht ernsthaft erzählen, dass du dich zu dick findest, oder?“ Aus ihren Augen blitzte so viel aufrichtige Verständnislosigkeit, dass ich an meinem Verstand zweifelte. Vielleicht ist mein Gewicht ganz normal, nur ich bin des Irrsinns? Akut infiziert vom überall grassierenden Schlankheitswahnsinns-Virus? In diesem Moment tätschelte mir mein Sohn lässig die Schulter, sagte „Na klar, Mama, du bist voll der fette Klops, ehrlich. Wollte ich dir schon immer mal sagen.“ Und latschte kopfschüttelnd davon. Nun schlich sich endgültig das Gefühl ein, dass mich hier überhaupt keiner mehr ernst nimmt. Nicht mal ich selbst konnte glauben, dass ein paar lächerliche Kilos innerhalb kürzester Zeit mein ganzes Weltbild zerrüttet hatten.

Nur fünf klitzekleine Kilo

In der folgenden Woche ging ich shoppen. Gibt es einen besseren Grund dafür als zu eng gewordene Hosen? Flugs hatte ich ein schickes Exemplar in Größe L ergattert. Nichts zwickte. Trotzig blickte ich in der Umkleidekabine in den Spiegel: Na bitte, dann bin ich eben ein bisschen mopsiger als früher. Bäume legen sich mit der Zeit ja auch immer mehr Ringe zu. Und außerdem sind es ja nur fünf klitzekleine Kilo!

Vor lauter Freude über meine neue Souveränität spendierte ich mir ganz spontan einen Latte macciato und ein dickes Eis mit Sahne. Darüber ärgerte ich mich dann später schon ein bisschen. Aber wirklich nur ein kleines bisschen.


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