Freund von Kindheit erzählen?

Hallo liebe Forummitglieder,

ich denke in der letzten Zeit häufig darüber nach ob es wichtig ist, meinen Partner von meiner überwiegend schlechten Kindheit zu erzählen, besonders weil es mich mit zunehmenden Alter immer mehr beschäftigt. Zur Info, mit meinem Freund bin ich seit einem Jahr zusammen.

Dass es in meiner Kindheit Probleme gab weiß er aber die ganzen Hintergründe kennt er nicht, es fällt mir außerdem sehr schwer darüber zu sprechen. Ich bin unter katastrophalen Umständen aufgewachsen, meine Mutter ist sehr egoistisch. Sie hat nie viel für mich oder meinen Bruder getan, jedenfalls kann ich mich daran nicht erinnern. Sie war mit einem ehemaligen Heroinsüchtigen verheiratet ( da war ich sieben Jahre alt) der eine Suchtverlagerung zu Alkohol hatte. Er vertrank das ganze Geld, wir hatten nichts zu essen, waren dreckig, erhielten keinerlei Unterstürzung was die Schule betraf. Meine Mutter gesellte sich gerne zu den Menschen auf die Parkbank. Sehr oft verprügelte er meine Mutter sodass sie bewusstlos am Boden lag, mein Bruder ( drei Jahre älter) hielt die Stellung Zuhause und ich rannte nachts durch die Stadt zur nächsten Telefonzelle um die Polizei anzurufen. Das ging eine lange Zeit, bis das Jugendamt sich einschaltete und ich zu meinem Vater zog. Zu meinen Vater hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis, doch leider war seine psychisch kranke Frau-ebenfalls Alkoholikerin- nicht in der Lage sich zurückzuhalten.

Zwischenzeitlich war der Mann meiner Mutter weg, sie versprach mir, dass er nie wieder kommen würde und ich zog zurück. Aber nichts wurde besser, er kam wieder und das gleiche Spiel ging von vorne los. Wir mussten uns sehr oft einschließen und Schränke vor die Tür stellen damit er uns nichts antut, er schrie immer wieder dass er uns umbringen wird. Meine Mutter verzieh ihm immer wieder. Das Jugendamt kam erneut und brachte mich bei meiner Tante unter, ich habe trotz dessen meine Mutter sehr vermisst, aber mir ging es dort sehr gut. Leider trennten sich mein Onkel und meine Tante, da mein Onkel finanziell besser gestellt war, blieb ich bei ihm. In der Zwischenzeit verstarb der Mann meiner Mutter- er gab sich einen goldenen Schuss. Auch wenn es bei meinen Onkel schön war, ging ich mit 13 Jahren zurück zu meiner Mutter. Sie manipulierte mich und versprach dass alles gut werden würde und das habe ich geglaubt doch nichts wurde besser. Sie ging nie arbeiten und trank ständig Bier, kochte nie und schickte uns zum Pfarrer um ihn um Geld zu bitten. Ich kam oft zu spät in die Schule, da sie verlangte dass ich das Frühstück für sie fertig machen soll, oder ihr fiel auf dass keine Zigaretten im Haus waren. Oft musste ich mit einem Zettel zur Bank indem stand dass sie eine schwere Grippe hat und die Bank ihr doch bitte 50 im Minus gewähren. Als ich 15 war, zog sie zu ihrem Partner in einer anderen Stadt, die Wohnung mussten ich und mein Bruder bei Minusgraden alleine leer räumen. Die Eltern meines damaligen Freundes nahmen mich auf. Meine Mutter kam zurück und ich war so naiv, dass ich wieder zu ihr ging, ich schäme mich heute sehr dafür doch ich konnte nicht anders. Es war der Horror, ich durfte keine Privatsphäre haben, nicht zur Schule gehen, ich musste auf meinen Namen Katalogbestllungen durchführen und geriet deswegen in Schulden, die zum Glück heute beglichen sind.

Ich habe alle zwei Wochen Kontakt zu meiner Mutter, oft fragt sie mich nach Geld, aber ich bin selbst Studentin und habe nicht sehr viel. Ich wünschte mir Eltern, die sich um mich kümmern auch wenn ich schon 24 Jahre alt bin, aber mittlerweile wird mir klar was sie mir überhaupt angetan hat. Ich muss zum Studium zwei Tage die Woche Studienbegleitend arbeiten und zusätzlich noch arbeiten gehen. Ich habe eine kleine Tochter (4)-der Vater kümmert sich sehr gut, wir teilen uns das Sorgerecht- die trotz der Drei-Monats-Spritze entstanden ist, das macht es auch nicht einfacher für mich, vor allem, da mir nun bewusst wird, wie prägend doch die Kindheit ist. Ich fühle mich allein, obwohl ich einen tollen Freundeskreis und Partner habe, doch weiß ich oft nicht wer mich geformt hat, denn ich bin ganz anders als meine Mutter. Aus Angst so werden zu können wie sie, will ich alles perfekt machen, doch bei meiner alltäglichen Belastung ist das nur sehr schwer umsetzbar. Ich hadere mit Minderwertigkeitskomplexen, ich kann, obwohl ich einiges in meinem Leben ( was für andere vllt selbstverständlich erscheinen mag) geschafft habe, nicht stolz auf mich sein. :-(

Ich habe Angst, wenn mein Freund über diese Dinge Bescheid weiß, dass er mich in eine Art Opferrolle sieht, oder er mich deshalb sogar abwertet.

Liebe Grüße

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Hallo!

Was ich immer so bewundere - du kommst aus so bescheidenen Verhältnissen, und studierst! Wahnsinn...
Ich komme aus einfachen, gutbürgerlich Verhältnissen, meine Mutter war aber immer bemüht, mich auf "den richtigen Weg" zu bringen - aus mir ist nichts geworden...also nicht im bildungsklassischen Sinne - obwohl immer Menschen im Hintergrund waren, die mich gefördert hätten....und haben. Ich wollte nicht so richtig. Anderes war wichtiger.

Und dann lese ich sowas wie von dir und denke: Wow! Woher nimmt so Jemand die Kraft oder bekommt überhaupt den Blick dafür, studieren zu wollen?

Toll!

LG
Rita

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Ich finde deinen Beitrag sehr nett und aufbauend für die Fragende. Sie hat bei extrem schlechter Ausgangslage etwas geschafft...

Lg

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Hallo!

Danke! Es war auch nett gemeint von mir - denn ich habe wirklich großen Respekt vor Leuten aus so schwierigen Verhältnissen...die haben ja wahrhaft andere Probleme, als sich mit Klausuren oder generell Bildung auseinanderzusetzen.

Und so Jemand wie ich hat alle Möglichkeiten gehabt, wurde geliebt und verhätschelt und - macht nichts draus.

Ich finde die TE super! Eine starke Persönlichkeit!

@TE: Du solltest dich nicht schämen! Du solltest stolz auf dich sein! Ich finde dich sehr reflektiert!

LG
Rita

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Ich würde als erstes eine Therapie machen um deine Kindheit zu verarbeiten. Und ich würde an deiner Stelle offen zu deinem Freund sein. Er muss verstehen warum du so bist wie du bist und wenn er dich liebt, dann wird er dich ganz sicher nicht abwerten. Du kannst nichts dafür was dun erlebt hast und kannst stolz auf dich sein.
Ich habe nicht das gleiche erlebt wie du, aber auch ziemlich viel Scheiße in meiner Kindheit an dem ich immernoch sehr zu knabbern habe und viele Probleme seitdem. Mein Freund weiß darüber Bescheid, denn ich möchte dass er weiß warum ich so bin wie ich bin. Dann kann er besser damit umgehen und mir auch helfen.

Wenn du ihm vertraust würde ich offen zu ihm sein.

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Umgekehrt frage ich mich, wie schaffst du es, dass Dein Freund davon nichts weiß?

ich persönlich finde das wichtig... das gehört doch dazu, jemanden kennenzulernen, man erzählt doch. und Deine Kindheit war mit Sicherheit sehr sehr prägend für Dich - für uns alle ist sie das.

Das Wissen darum hilft sehr oft, einen Menschen besser zu verstehen. Warum sollte Dein Freund dich plötzlich schlechter sehen, nur weil er das weiß? das kann ich mir nicht vorstellen....

Lichtchen

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Guten Tag :-)

ob man eine solche Biographie seinem Partner mitteilen möchte, hängst sicher davon ab, wie gut man sich kennt, wie lange man zusammen ist und wie sehr man dem anderen vertraut.

Nicht nur hinsichtlich der selbstverständlichen Diskretion oder dem generellen Umgang mit solchen Themen, ob er so etwas intellektuell stemmen kann sondern auch dahingehend, in welcher Art er in der Lage, diese Dinge aus Deiner Vergangenheit richtig einzuordnen.

Wie Du schon im Schlusssatz sagst, Dich eben nicht einfach als Opfer klassifizieren. Mitgefühl zeigen aber kein Mitleid, Teilnahme ausdrücken können aber nicht in Emotionen zerfließen. Fragen zu stellen ohne sensationsheischend zu wirken.

Ich bin aus meiner Erfahrung immer sehr vorsichtig mit Menschen gewesen, die zu schnell und zu früh von etwas erzählt haben, was als "Schicksal" besonders schwer zu wiegen scheint. Sei es eine besondere Krankheit, sei es ein chaotisches oder sogar grausames Elternhaus, wie auch immer. Es hat dann für mich den Anschein, als trüge der- oder diejenige es vor sich her. Sozusagen als vorweggenommene Entschuldigung oder selbsterteilte Absolution für alle Fehler oder Unzulänglichkeiten, die derjenige mit sich bringt.

Andererseits, wenn man schon viele Jahre zusammen ist, würde ich von meinem Partner schon erwarten, dass er mir von diesen düsteren Kapiteln seines Lebens erzählt und sich mir anvertraut. Weil es eben auch eine Art Vertrauensbeweis ist. Allerdings ohne jegliche Verpflichtung wie weit und wie viel man erzählen kann und möchte. Denn wenn ich schon lange ihr Partner bin und würde diese Art Geschichte auf einem anderen Weg erfahren, dann würde ich mir vielleicht vorwerfen, als Partner in dieser Hinsicht versagt zu haben. Denn es ist mir nicht gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, die es zulässt, dass meine Partnerin mit mir darüber reden kann.

Ich weiß nicht, wie stark Dein Bedürfnis ist, Dich zu offenbaren. Es drängt Dich ja nichts.

Es gibt Themen, da kann so eine Offenlegung eben auch dazu führen, dass man den Partner nun mit anderen Augen sieht. Was nicht immer und durchweg gut sein muss (Persönlich ist mir das beim Thema sexueller Missbrauch passiert, der an meiner damaligen Partnerin vor langer Zeitverübt wurde)

Eventuell hat man aber immer schon gespürt, dass bei bestimmten Themen bei ihm "etwas nicht stimmt" und hat nun dafür eine plausible Erklärung und hat vielleicht sogar für manch ein Verhalten mehr Verständnis. Was vorher so nicht vorhanden in Unkenntnis der tatsächlichen Ereignisse.

Wenn Du Dir hinsichtlich des Zeitpunktes noch nicht sicher bist und es keine akute Erklärungsnot gibt, würde ich Dir raten, vielleicht einfach noch etwas zu warten. Zumal dieses Thema ohnehin nichts für zwischen Tür und Angel ist, sondern auch eines entsprechenden Gesprächsrahmens bedarf.

Alles Gute

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Ich weiß einfach nicht, ob er das als Makel sehen wird. Wie viele Menschen sind davon überzeugt, dass der Apfel nicht weit vom Stamm liegt. Ich habe Angst, dass er sich deshalb keine Zukunft mit mir vorstellen kann, da er eventuell befürchtet dass ich irgendwann in dieses Schema falle. Er selbst kennt solche Umstände nicht, und auch in seinem Freundeskreis haben alle Eltern die, wie sagt man, einen höheren Status genießen. Ich selbst weiß, dass hinter verschlossenen Türen alles anders aussehen kann, aber ich weiß auch dass in überspitzt gesagt, "elitären Kreisen", die Welt leider oft etwas oberflächlich vonstatten geht und man gerne schnell in eine Schublade gesteckt wird.

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Wenn Du seine Loyalität anzweifelst sowie seine Fähigkeit, die Dinge richtig einzuordnen - nach einer solchen Offenlegung - oder gar die Befürchtung hast, er könne sich ganz abwenden, dann ist vielleicht Stillschweigen in dieser Hinsicht erst mal die bessere Strategie?

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"Er selbst kennt solche Umstände nicht, und auch in seinem Freundeskreis haben alle Eltern die, wie sagt man, einen höheren Status genießen. Ich selbst weiß, dass hinter verschlossenen Türen alles anders aussehen kann, aber ich weiß auch dass in überspitzt gesagt, "elitären Kreisen", die Welt leider oft etwas oberflächlich vonstatten geht und man gerne schnell in eine Schublade gesteckt wird. "

#rofl die kochen auch nur mit Wasser und haben auch alle ihre Probleme.

Lass dir nichts einreden. Sei stolz auf das was du geschafft hast, vor allem wenn du nicht die besten Startvoraussetzungen hattest, da erst recht.

Mein Freund kommt auch aus einer völlig anderen Welt als ich und findet meine Familie voll krank und verrückt #schwitz Vor allem meine Mutter #rofl
Trotzdem weiß er ich bin völlig anders und hat kein Problem damit.

Also, wenn er dich liebt, dann so wie du bist, mit deiner Vergangenheit. Wenn nicht, dann ist er es eh nicht wert.

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"Ich habe Angst, wenn mein Freund über diese Dinge Bescheid weiß, dass er mich in eine Art Opferrolle sieht, oder er mich deshalb sogar abwertet."

Kann ich mir nicht vorstellen, denn Du warst ein Kind, als das geschehen ist. Und heute bist Du klar aus dieser Opferrolle hinaus getreten, weil du Dein Leben mit einer unglaublichen Kraft meisterst: Du hast ein kleines Kind und schaffst es trotzdem, nebenher zu studieren und in 2 Jobs zu arbeiten. Viele hier, die herumjammern, dass sie wegen der viiiielen Hausarbeit und einem Kind nicht arbeiten können, sollten sich eine Scheibe von Dir abschneiden.

Du kannst sehr stolz auf Dich sein!

Allerdings würde ich da Thema Mutter therapeutisch aufarbeiten - sobald Du Zeit findest. Oder den Kontakt abbrechen.

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Ich bin absolut sicher, dass niemand Dich wegen Deiner Herkunft abwerten wird. Ganz im Gegenteil! Ich denke, die meisten waeren an einer solchen Kindheit zerbrochen. Du bist aber ganz offensichtlich eine gesunde, starke Frau, sozusagen ein lebendes Beispiel fuer den schoenen Begriff "Resilienz". Da kann man nur Hochachtung haben! Auch die Angst, so zu werden wie Deine Mutter ist bei Dir wohl sehr unbegruendet, denn wer so eine Kindheit ueberstanden hat, der wird sicher nicht mehr mit Mitte 20 ploetzlich abrutschen.

Ob, wann und wie Du Deinem Freund von Deiner Kindheit erzaehlst, wuerde ich davon abhaengig machen, ob Du das gerne tun moechtest oder nicht. Ich persoenlich haette wahrscheinlich schon das Beduerfnis, dass mein Partner meinen Hintergrund kennenlernbt, und wuerde ihm vielleicht nicht alles gleich und auf einmal aber doch nach und nach erzaehlen, was zuhause los war. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass andere dieses Beduerfnis nicht haben, und finde es dann auch absolut in Ordnung, wenn jemand entscheidet, dass den Partner die Vergangenheit nichts angeht.

Alles Gute fuer Dich, Du versienst es wirklich!

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Hallo,

Nunja...meine Kindheit wurde auf andere, aber nicht unbedingt einfachere weise geprägt.
Mein Mann kennt die groben Eckdaten aus meiner Vergangenheit, aber nicht alles haarklein, es liegt auch zum Teil daran das ich die Privatsphäre meiner Mutter achten möchte, die unmittelbar damit verbunden ist.
Ja, manchmal ist es belastend und ich brauche Zeiten für mich, wenn es mich mal wieder überrollt, dennoch möchte ich keine alten Wunden aufreißen und das ganze nochmals mit irgendwem durchkauen.
Ich denke nicht das mein Mann mich anders sehen würde deswegen, es ist aber meine eigene Entscheidung nicht alles zu teilen aus meiner Vergangenheit.
Wir sind mittlerweile 12 Jahre zusammen und er akzeptiert es das ich nicht über alles sprechen mag.

Du solltest das von deinem eigenen befinden abhängig machen, hast du das Bedürfnis darüber zu sprechen? Dann mach das.
Wenn nicht, dann nicht.
Ansonsten halte es wie ich und gebe immer nur ein Stück weit etwas frei, wenn es in gewissen Situationen z.b. Von Nöten ist darüber zu sprechen, man muss nicht unbedingt alles sofort auf den Tisch klatschen.

LG

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Hallo,

ich habe relativ früh meinem Partner gegenüber mit offenen Kartem gespielt, es ging auch gar nicht anders. Er hat mich als Wrack kennengelernt und da half nur die Flucht nach Vorne! Ich habe ihm also zu Beginn unserer Beziehung reinen Wein eingeschenkt was mich und meine Kindheit betraf die von massiver (vorallem sexueller) Gewalt geprägt war. Sicherlich hat ihn das damals überfordert aber wir beide haben einen Weg gefunden damit umzugehen. Heute kann er mich und mein Verhalten in bestimmten Situationen besser verstehen. Er kennt die Hintergründe und kann mich dadurch besser einschätzen.
Als ich ihm damals die Wahrheit sagte hätte ich wetten können er haut ab und lässt mich sitzen. Ich bin wirklich fest davon ausgegangen. Aber er blieb und das war für mich ein Beweis, dass er uns ernsthaft eine Chance geben möchte.
Heute sind wir verheiratet und Eltern. Unsere Beziehung hat davon profitiert, dass ich so früh ehrlich war.

Alles Gute!