Überforderung - Ehekrise

    • (1) 28.06.18 - 20:56
      Mitte 30

      Hallo zusammen,

      ich habe hier vor circa 1,5 Monaten schonmal geschrieben...
      https://www.urbia.de/forum/16-partnerschaft/5076570-hilfe-krise

      Viele hier hatten mir damals geraten, zunächst an meinen Themen zu arbeiten: Wo habe ich meine eigenen ungelösten Themen in die Beziehung gesteuert? Wo habe ich meinem Mann die Verantwortung für mein Glück aufgebürdet? Auch privat (Familie) und in einer Therapie habe ich mich damit auseinandergesetzt. Das ich nur für mich schauen kann, was mir gut tut, das ich für meinen Mann nicht seine Fragen klären kann, dass er eben für sich schauen muss.

      Seine Krise hat sich leider eher bestätigt, als beruhigt. Er fragt sich, ob er bindungsgestört ist, er zweifelt an seiner Art zu lieben, ob er lieben kann, inzwischen auch, ob er mich noch liebt, bzw. wie er dies tut...

      Ich habe auf allen erdenklichen Wegen erfragt, ob er sich dann nicht "einfach" trennen will: Er sagt Trennung sei für ihn keine Lösung, dadurch würde es nicht besser werden... Wenn ich aber dann im Umkehrschluss sage: "Okay, also willst Du doch bei uns bleiben? "Dann wird er ziemlich schnell nervös und kontert: "Das heißt nicht automatisch, dass hier bleiben sich gut und richtig anfühlt..."

      Ich fühle, dass er ein großes schlechtes Gewissen hat, viele Schuldgefühle, große Angst vor Verantwortung. Er sagt: Er fühlt, dass ich Sicherheit brauche, er würde sie mir gerne geben, aber er kann es nicht.
      Er sagt: "Meinst Du nicht, wenn ich denken würde, dass eine Trennung es löst, dann hätte ich es schon längst getan?" Wenn ich frage, warum er noch hier sei, sagt er: "Wenn ich nicht hier sein wollen würde, dann wäre ich längst weg. "
      Er hält es also aus, er ist noch hier. Er geht mit mir zum Paarcoaching, er war bemüht Tipps der Coaches umzusetzen, er will nach wie vor den geplanten Urlaub antreten, er verbringt auch Zeit mit uns. Und: Körperlich sind wir uns näher als je zuvor...

      Meine Therapeutin und auch unser Paarcoach sagen: Lass ihn in Ruhe, sein Lebenskonstrukt ist zusammengebrochen, er steckt in einer Existenzkrise, er kann Dir im Moment keine Antworten geben. Er muss sich neu finden. Er ist in eine Krise und wechselt von einem Zustand in den nächsten. Viele Menschen würden sich nun trennen, da Weglaufen an dieser Stelle immer einfacher ist... Die Therapeutin hat mir im Grunde auch Redeverbot erteilt...Aber das halte ich kaum aus...
      Beide Therapeuten meinen aber auch, dass er Hilfe braucht, dass schließt er aber vehementest aus: Er sei kein psychisch Kranker, er brauche keine Psychotherapie!

      Ich komme aus einem therapeutischen Job und bin daher ihm oftmals in meiner Analyse schon immer voraus: Ich neige dazu überall mit Worten nach Klärung zu suchen, was sicherlich in meiner jetzigen Situation normal ist. Zudem ist das eben meine Art zu funktionieren=> Reden hilft.
      Mein Mann ist anders strukturiert. Er hat sein Leben lang alles mit sich selbst ausgemacht, war eher zurückhaltend und fast schon introvertiert. Wie beim letzten Mal schon geschrieben, habe ich lange an ihm herumgekrittelt und versucht ihn umzuerziehen...Meine ständigen sensiblen Gespräche ermüden ihn extremst und ich weiß auch eigentlich, dass sie ungesund sind.

      Er hat in seinem neuen Job eine ganz neue Seite an sich kennengelernt: Er erfährt dort viel Anerkennung, hat viele neue Fähigkeiten an sich kennengelernt, kann sich da nochmals ganz anders erleben. In dem Rahmen war ihm auch der Kuss mit der Kollegin passiert. Er hat das damals als "personifizierte Midlifecrisis" beschrieben und ich glaube ihm das eigentlich auch. Diesen Kontakt hat er auf privater Ebene abgebrochen und es gibt auch keine Anzeichen, dass er hier weiterhin irgenwelche Pläne hätte. Er verheimlicht hier nichts zb Handy oder ähnliches...

      Er flüchtet aktuell in seinen Job: Dieser beinhaltet immer mal wieder Dienstessen und Reisen, er ist extremst zeitintensiv und Kontakt zu der Frau gibt es in diesem Rahmen auch immer wieder. Ich gehe daran fast kaputt, weil ich es so empfinde, dass diese Abwesenheiten und diese berufliche Ablenkung uns immer wieder zurückwerfen. Er lebt in diesen Momenten ein für mich nicht reales Leben auf dem Politparkett, und ich sitze mit 2 Kindern zuhause.
      Ich habe das Gefühl, dass "dieses neue Leben" so ein bisschen zu seiner Parallelwelt geworden ist: Die anderen Kollegen haben keine Kinder, es ist alles ziemlich "wichtig", hochtrabend und er kann dort so tun, als hätte er einen völlig anderen Lebensentwurf. Ich habe das Gefühl, dass er alles sehr schwarz-weiß sieht=> schwarz: Familienleben, Verantwortung, Druck, Belastung, Erwartungshaltung, Kleinstadt. Weiß: Kollegenkontakte, Anerkennung, Leichtigkeit, Cosmopolitenleben.
      Ich habe ihn damit auch konfrontiert und ihm erklärt, dass ich denke, dass ihn diese neue Berufs-Welt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Das er die 2 Welten nicht vereinbaren kann und vielleicht auch gar kein Interesse daran hat. Der Job ist zeitlich begrenzt. Ich habe ihm auch das gespiegelt => Familienvater wird er immer sein... Aber Politakteur im nächsten Jahr vielleicht schon nicht mehr. Ich finde, er hat absolut die Bodenhaftung verloren...

      Er zeigt keine Ansätze für sich etwas tun oder verändern zu wollen. Er reagiert extremst gereizt, wenn ich sage, dass ich denke, dass sein Job einiges dazu tut, dass wir uns garnicht als Paar (wieder)finden können. Er sagt, es sei nicht auf die Arbeit runterzubrechen. Er findet x Gründe, warum es nicht funktioniert: Ich hätte ja in Zukunft eh immer etwas zu motzen, ich würde ihn nicht akzeptieren, ich sähe es ohnehin nur so, dass er nur Negatives für uns bewirkt. Sage ich dann aber: "Okay, dann stehe dazu, Du willst dieses Leben nicht mehr, bittesehr- Trenne Dich!" Dann rudert er zurück. Ich werde den Eindruck nicht los, dass er hier einfach nicht die Rolle des "Trennungsvaters und Familienzerstörers" einnehmen will. Vielleicht will er das ich ihm diese Entscheidung abnehme...?! Das macht mich sowas von wütend! Ich habe ihn immer wieder damit konfrontiert und ihm gesagt, dass er da schon alleine zu stehen muss! Das er nicht denken braucht, dass ich hier etwas für ihn entscheide. Ich habe , so glaube ich, ihm so etliche Male die Möglichkeit gegeben zu gehen.

      Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Seit 6-8 Wochen geht diese extreme Phase jetzt... Ist das lang? Man hat mir gesagt: Gib Dir Zeit, gib ihm Zeit, gib Euch Zeit. Weil er in der Krise stecke, wäre es jetzt ohnehin nicht der Moment eine Entscheidung zu treffen... Wenn er tatsächlich eine Art Depression hätte, dann brauche es vielleicht noch Zeit, bis er merkt, dass er so für sich nicht weitermachen kann.

      Ich kann das zwar irgendwo nachvollziehen und manchmal auch leben... Aber ich frage mich dennoch: Ist das realistisch, was ich hier tue? Lohnt es sich auszuhalten? Oder ist es ein Hinhalten?

      Es tut mir Leid, dass es so lang geworden ist... Wer bis hierhin durchgehalten hat, dem fällt vielleicht etwas ein. Ich schwanke zwischen Hoffnung, Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, Verletzung, Abgeklärtheit und Wut...

      Danke vorab!

      • Puh-das hört sich alles sehr anstrengend an. Gibt es überhaupt noch Leichtigkeit, Unbeschwertheit bei euch?
        Dieses ganze analysierte, verkopfte- treibst Du ihn damit weg?

        • (3) 28.06.18 - 21:12

          Die letzten Wochen waren hart.
          Aber wir haben sie gelebt. Gemeinsam.
          Wir hatten auch leichte Momente. Und lustige. Und Nähe.

          Aber zugegeben: Es waren wenige.

          Ja...Vielleicht treibe ich ihn damit weg.

          In mir ist Panik. Wir haben dann 3-4 ganz gute Tage. Dann fährt er 2 Tage mit der Frau auf Dienstreise (mit etlichen anderen Kollegen) und ich drehe durch. Und mache im Nachhinein vielleicht wieder durch Analyse und Verkopftes alles kaputt.

          Hast Du eine Idee?

          Ich bin eigentlich ein differenzierter Mensch, aber ich kann in diesen Momenten nicht mehr klar denken...#schmoll

          • Ja- mit der Idee ist es so eine Sache. Wenn ich Dir rate, mal wieder Leichtigkeit reinzubringen-das ist wie wenn ich Dir rate, nicht an einen rosa Elefanten zu denken...
            „die Ehe ist eine Brücke, die man täglich neu bauen muss-am Besten von beiden Seiten“

            • (5) 28.06.18 - 22:20

              Danke Dir jedenfalls!

              „die Ehe ist eine Brücke, die man täglich neu bauen muss-am Besten von beiden Seiten“

              Ich fühle mich aber alleine #schmoll

              Oder sehe ich seinen Beitrag nicht? Weil es nicht meine Herangehensweise wäre?

              (Und schon wieder in der Analyse...#zitter Wenn ich mich selbst nachlese, finde ich mich auch etwas anstrengend...leider)

      (6) 28.06.18 - 21:09

      Mir ist gleich ein Punkt in deiner Erzählung aufgefallen. Du arbeitest in einem therapeutischen Beruf. Therapierst du auch deinen Mann? Könnte das vielleicht stimmen? Ich frage deshalb, weil ich selbst Erzieherin bin und bei der Geburt meines Sohnes habe ich auch gedacht, ich habe die Weissheit mit Löffeln gefressen und weiss im Umgang mit unserem Kind alles besser.
      Ich frage mich auch, warum du schwerr akzeptieren kannst, dass er Dinge halt anders sieht. Ihr seit doch keine Zwillinge.
      Eure Ehe liest sich sehr anstrengend. Therapie hier, Therapie da. Das er flüchtet ist für mich kein Wunder. Die Arbeitskollegin ist da einfach eine nette und entspannte Abwechslung.
      Das sind meinerseits nur Vermutungen....

      • (7) 28.06.18 - 21:16

        Ich befürchte, dass dem so ist. Ich therapiere oder berate ihn. Meistens ungefragt. Er hat auch irgendwann gesagt: Du hast Dir anscheindend zu Aufgabe gemacht, mich früher verstehen zu können, als ich mich selbst...
        Weil ich meine, dass Reden und Analysieren hilft, stülpe ich ihm das auch über.

        Ich bin so enttäuscht, weil ich das Gefühl habe, das von ihm so garnix kommt...
        Ich werfe ihm vor, in einer negativen Denkspirale zu stecken...Aber wahrscheinlich bin ich das ebenso.

        • (8) 28.06.18 - 21:56

          Ich kann verstehen das du dir Gedanken machst, wenn er mit der besagten Kollegin auf Dienstreise geht. Aber hey, wen er sie wollte, hätte er doch schon alles klargemacht oder? Mein Tip: Besinne dich mal auf dich und mach was für dich. Geh raus, amüsier dich und freue dich über das, was kommt und konzentrier dich nicht ständig auf deinen Mann. Und lass um Gottes Willen das Analysieren! Beiss dir mal öfter auf die Zunge.😊

          • (9) 28.06.18 - 22:08

            Vielen Dank für Deinen Beitrag.

            In guten Momenten kann ich mir das vor Augen führen: Er ist noch da, obwohl er längst hätte Fakten schaffen können.

            Die Therapie mache nur ich, für mich. Weil mein Sicherheitsbedürfnis bzw. meine Verlustängste ja irgendwo herkommen... Ich habe ihm auch nie in der Hinsicht Druck gemacht, im Sinne von: "Wenn Du nicht, dann..."

            Das Traurige ist irgendwo: Er ist bemüht, ich bin bemüht (ehrlich - ich rede zwar zuviel, aber ich halte mich eigentlich schon zurück #zitter ich könnte noch mehr...) Aber es reicht wohl jeweils irgendwie nicht.

        Ach herrje, das er das so lange mitmacht ist ja fast ein Wunder und meiner Meinung nach einer der größten Liebesbeweise. Er lässt dich wie du bist. lässt dich reden, lässt dich "therapieren" versucht zu antworten und seine Gefühle auszudrücken aber sagt er etwas "falsches" kreidest du ihm das an. Meiner Meinung nach musst du zurück rudern und zwar zackig. Sein neuer Job ist eine Art Flucht und dir ein Dorn im Auge, ihr seit in einem Teufelskreis...er fährt auf Dienstreise, "flüchtet" du bist sauer deswegen, konfrontiert ihn, er ist genervt flüchtet wieder in den Job das nervt dich wieder rum wieder und es geht von vorne los. Befreie dich! Schluck es runter, lass den Mann arbeiten und hör auf alles zu zerreden. ja, reden hilft, in einem gewissen Maße aber wenn du ihm nun seit 8!! Wochen jede Woche 15 mal sagst das er sich doch trennen soll dann ist das irgendwann nicht mehr hilfreich bzw sogar irgendwo schon eine Art Provokation, finde ich. Irgendwie habt ihr das unbeschwerte verloren, das Glück, die Liebe, den Respekt für euch. aber durch "Vorwürfe" wird es sicher nicht besser. Du schreibst das es oft darum geht wer den ersten Schritt tut, es sollte eher darum gehen diese Frage nicht aufkommen zu lassen. Wir sind seit 10 jahren verheiratet, wir hatten noch nie richtig Streit und das nicht weil wir uns so ähnlich sind oder weil wir alles in uns rein fressen sondern weil wir beide nach dem selben Motto leben "das Leben ist zu kurz" Kommt also eine Situation zu Stande an der ich denke oh man das nervt mich jetzt, überlege ich stört mich das SO sehr das ich es ansprechen MUSS oder kann ich da drüber wegsehen weil es nur eine Kleinigkeit ist die nicht der Rede wert ist....den wie schön gesagt man muss nicht ALLES ansprechen es gibt Dinge die eben nicht der Rede wert sind, weil das Leben zu kurz ist. Bei dir habe ich das Gefühl das du ALLES ansprichst, jede Kleinigkeit und das über die ganzen Jahre, vielleicht ist jetzt der Punkt erreicht wo er einfach nicht mehr zuhören kann, weil sein Fass voll ist. 🤷‍♀️

        • (11) 28.06.18 - 22:27

          Danke auch Dir...

          Ich hatte mich bislang tatsächlich mehr als Opfer gesehen...#kratz Spricht jetzt vielleicht nicht für mich, ist aber jetzt mal ehrlich...
          Ich habe Angst verarscht zu werden...Das ich jetzt hier so einen Eiertanz mitmache, und er am Ende sagt: Tja, hm - ich verlasse Dich jetzt doch!

          • (12) 28.06.18 - 22:43

            Sorry, jetzt komme ich nicht mehr mit. Du fragst ihn auf allen erdenklichen Wegen, ob er sich nicht "einfach" trennen will, und wenn er am Ende sagen würde, ich verlasse dich doch, dann würdest du dir verarscht vorkommen?

            • (13) 28.06.18 - 22:47

              Ich meine halt, durch das ständige Erfragen "vorbereitet" sein zu können... Dass das nicht sehr schlüssig ist, ist mir schon klar.

              • (14) 28.06.18 - 23:22

                Das ist aber keine Frage, denn wenn er "Ja" sagt, dann glaubst du ihm nicht und bohrst weiter. Wenn er "Nein" sagen würde, dann würdest du dir verarscht vorkommen.

                Denn eigentlich möchtest du von ihm, dass er bei dir bleibt, bis du gedenkst, dich zu trennen. Und genau das macht dein Mann bzw. lässt dich zumindest in dem Glauben.

                • (15) 28.06.18 - 23:32

                  "Das ist aber keine Frage, denn wenn er "Ja" sagt, dann glaubst du ihm nicht und bohrst weiter. Wenn er "Nein" sagen würde, dann würdest du dir verarscht vorkommen. "

                  Da könnte was dran sein... Ich will das garnicht ausschließen - vielleicht geht es mir letztendlich um Kontrolle... Kontrolle über die Situation, über ihn, über uns ... weil ich mir so vormachen kann, es im Griff zu haben.

                  Was würdest Du mir raten? Was wäre Deiner Meinung nach hilfreich(er)?

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