Es tut mir Leid

Muss sich mein Kind entschuldigen?

Erzwungene Entschuldigungen bewirken bei Kindern weder Einsicht noch Versöhnung. Aber welche Alternativen gibt es, um die Situation doch noch gut zu lösen!

Autor: Gabriele Möller
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Entschuldigung soll oft die Angst der Eltern lindern

Entschuldigen
Foto: © Colourbox

Dein Sohn hat einem anderem Kind mit der Sandschaufel eins übergebraten, die Tochter hat einer Kiga-Genossin den Fidget Spinner gemopst, oder wir Eltern mussten uns vom Nachwuchs ein übles Schimpfwort an den Kopf knallen lassen. In all diesen Fällen ist unbedingt eine Entschuldigung fällig, auch wenn das Kind nicht will - oder? Zwar wissen wir Eltern eigentlich: Eine unfreiwillige Entschuldigung hat nichts mit Einsicht oder Bedauern zu tun. Viele von uns haben aber das Gefühl, dass sie trotzdem nötig ist. Zum Beispiel, damit unser Sprössling sieht, dass er etwas Unrechtes getan hat. Ehrlicherweise aber auch, weil wir uns für sein Verhalten genieren und die Sache gegenüber dem anderen Kind (und dessen Eltern) wieder gut machen wollen. Und ein bisschen ist es auch Angst, die uns antreibt: Nicht dass unser Kind in Kiga oder Schule wegen seines Fehlverhaltens ausgegrenzt oder abgelehnt wird! Man weiß ja, wie schnell das geht.

Unechte Reue kann den Konflikt noch verschärfen

Doch bevor wir unseren jungen Delinquenten vorschnell zu einem widerwillig genuschelten „'Tschuldigung!" drängen, sollten wir uns bremsen. Denn die erzwungene Bitte um Verzeihung kann das Verhältnis zu uns Eltern, zwischen den streitenden Geschwistern, oder auch zu den Kindergarten-Kameraden erst so richtig beschädigen, sagen Fachleute: weil sich nämlich der Übeltäter nicht nur gedemütigt fühlt und sich daher bei ihm noch mehr Wut anstaut. Sondern weil auch das Opfer spürt, dass die hervorgepressten Worte alles andere als versöhnlich klingen, und deshalb natürlich weiterhin seinen Groll hegt. „Die Beziehungsforschung zeigt: Wenn jemand zur einer Entschuldigung gezwungen wird, bevor er innerlich wirklich soweit ist, hilft dies überhaupt nicht dabei, die Beziehung zu kitten", warnt die Psychologin Laura Markham. Sondern ganz im Gegenteil, dies belaste das Verhältnis sogar noch mehr. Und diese Beobachtung lasse sich auch auf Kinder, ihre Freunde und Geschwister übertragen, so die Fachfrau und Buchautorin.

Dem Kind die Lösung zeigen

Aber wie können Sohn oder Tochter den Konflikt anders lösen? Und wie lernen sie, was richtig und was falsch ist? Wichtig ist es jetzt, dass wir Eltern zunächst auf das geschädigte Kind eingehen. Auch wenn unser Kind sich nicht bei ihm entschuldigen will, hat das Opfer ein Recht darauf, rasch getröstet und beschwichtigt zu werden. Der Kinderarzt und Autor Dr. Howard J. Bennett rät daher: „Die Eltern sollten sich zu dem Opfer hinunter hocken, es offen ansehen und sagen: „Es tut mir Leid Emily, dass Paula dich gehauen hat! Wir erlauben zu Hause bei uns kein Schlagen. Ich weiß nicht, warum Paula das gemacht hat, ich werd’ mit ihr sprechen.“

Das eigene Kind sollte hier unbedingt dabei sein, denn: „Kinder lernen, indem sie die Folgen ihres Tuns beobachten“, so Bennett. Durch das Mitgefühl von Mama oder Papa gegenüber dem Opfer versteht das Kind: Ich habe etwas getan, das in Ordnung gebracht werden muss. Zugleich bekommt das Kind auch gezeigt, wie das geht. Zwang wird also durch echtes Verstehen ersetzt. Und eines Tages wird das Kind das richtige Verhalten auch selbst anwenden.

Wenn dein Kind aber zwar einsieht, dass da etwas schiefgelaufen ist, es sich aber nicht traut, sich zu entschuldigen, solltest du es auch hier nicht zwingen. Ein selbstgemaltes Bild oder eine Karte mit einer einfachen Entschuldigung können eine sehr gute Alternative sein. Sie werden dem Opfer überreicht oder an den Platz gelegt, und haben oft einen mindestens ebenso guten Effekt, wie eine gesprochene Entschuldigung.


Empathie mit dem Opfer fördern

Es ist trotzdem wichtig, die Situation zu Hause noch einmal gemeinsam „nachzubereiten“. Hier hat dein Kind eine sichere Umgebung, hier gibt es die nötige Ruhe, über das Fehlverhalten zu sprechen. Erkläre Tochter oder Sohn, wie sich das andere Kind gefühlt hat: „Stell dir vor, jemand knallt dir einen Bauklotz ins Gesicht. Weißt du noch, wie du neulich eine Beule hattest? Das tut echt weh! So ging es Johann jetzt auch.“ Falls du selbst das „Opfer“ warst, sprich darüber, dass ein schlimmes Wort kränkend ist. Dein Tonfall ist aber am besten freundlich-erklärend, und nicht vorwurfsvoll. Denn ein anklagender Ton löst beim Kind automatisch eine Verteidigungshaltung aus, die eine echte Einsicht blockiert.

Schlage deinem Kind anschließend Handlungs-Alternativen vor: „Ich verstehe, dass du das Hüpftier auch mal haben wolltest. Aber anstatt Magdalena zu schubsen, kannst du sie fragen, ob ihr euch abwechseln könnt. Notfalls kannst du auch die Erzieherin bitten, dass sie aufpasst, dass nach einer Weile gewechselt wird.“

Kommunikative Skills beim Kind trainieren

Gib deinem Kind außerdem das richtige Werkzeug an die Hand, um Konflikte nachhaltiger zu lösen. Wenn deine Kinder sich zum Beispiel wieder mal fetzen, spiele für jedes Kind einmal kurz den „Anwalt“: Sprich aus, was es selbst noch nicht gut in Worte fassen kann. „Max, deine Schwester dachte, du spielst im Moment nicht mit dem Kran, so dass sie ihn mal ausleihen darf.“ Wechsele danach zur Position des anderen Kindes: „Sarah, der Kran gehört Max. Wenn du ihn haben willst, musst du ihn fragen. Sonst ist Max sauer, weil du dir einfach sein Spielzeug nimmst.“ Auf diese Weise lernen deine Kinder nicht nur, die Motive des anderen Kindes zu verstehen. Sondern auch, ihren Wünschen Worte zu geben, anstatt sie auf hilflos-aggressive Weise durchsetzen zu wollen.

Wann eine Entschuldigung richtig ist

Eine Entschuldigung ist natürlich nicht automatisch falsch – ganz im Gegenteil: Viele Kinder haben selbst ein schlechtes Gewissen, wenn sie jemandem weh getan, ihn beleidigt oder etwas kaputt gemacht haben. Wenn dein Kind dies einsieht oder deshalb sogar Schuldgefühle hat, ist es richtig, dass es beim Opfer um Verzeihung bittet. Eine solche Entschuldigung ist ehrlich gemeint und kann alle Beteiligten sehr entlasten.

Es gibt aber Fälle, in denen sogar eine nicht ganz von Herzen kommende Entschuldigung ihre Berechtigung hat. Zum Beispiel, weil etwas Gravierendes passiert ist, der Nachwuchs also vielleicht etwas gestohlen, ein anderes Kind verletzt oder etwas Teures kaputt gemacht hat. Hier reagieren die Erzieherinnen, Lehrer oder auch die Eltern des Opfers manchmal sehr empört. Jetzt kann es dem Stand deines Kindes in der Gruppe oder Klassengemeinschaft nachhaltig schaden, wenn es weder Einsicht noch Reue zeigt. 

Will dein Kind aus Angst oder Trotz aber partout nichts sagen, erzwinge auch hier nichts. Nimm es zwar unbedingt mit, aber übernimm das Reden selbst. Wähle dabei eine diplomatische Formulierung, mit der sowohl dein Kind als auch das Opfer leben können: „Bastian wollte den Anorak von Florian wirklich nicht zerreißen. Wir werden die Jacke natürlich ersetzen, denn es tut uns Leid, dass das passiert ist.“ Auch hier erlebt dein Kind: Auch wenn es unangenehm ist – man kann Dinge wieder in Ordnung bringen, und Mama und Papa helfen mir dabei.

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