Wann standhaft bleiben?

Darf man Babys schreien lassen?

Nein! Rufen fast alle Eltern im Chor. Zu Recht. Mit einer kleinen Einschränkung. Es kann auch wichtig sein, ein wenig standhaft zu bleiben und nicht sofort nachzugeben. Damit dein Kind einen wichtigen Entwicklungsschritt schafft.

Autor: Gabriele Möller
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Weinen ist nicht gleich Weinen

Kind schreien lassen
Foto: © colourbox

Ob es ums Einschlafen geht, ums Abstillen oder darum, dass nur Mama den Nachwuchs ins Bett bringen darf, nicht aber der Papa - viele Eltern geben in diesen Situationen nach, sobald ihr Kind zu schreien beginnt. Sie verharren widerwillig in Abläufen, die sie eigentlich längst verändern möchten. Doch ob das Weinen eines Kindes ihm schadet oder nicht, hängt sehr vom Alter und der konkreten Situation ab - und auch davon, ob die Eltern tröstend in der Nähe bleiben, oder ihr Kind allein lassen.

Gerade bei älteren Babys und Kleinkindern kann es sogar wichtig sein, dass Eltern einen Konflikt aushalten, damit ihr Kind einen anstehenden Entwicklungsschritt schafft. Geben Mama oder Papa immer nach, verletzen sie außerdem ihre eigenen Grenzen. Das macht auf Dauer übermüdet und ungeduldig - und ist dadurch auch schlecht fürs Kind. Wann Sie Ihr Kind niemals weinen lassen sollten - und wann Sie ihm zutrauen können, dass es auch an einem von Tränen begleiteten Konflikt wächst!

Bei Hunger in der Nacht: Nicht schreien lassen!

Die Situation: Baby Jamie ist acht Monate alt und möchte jede Nacht mehrfach die Flasche. Seine Eltern sind nur noch müde, und der Kinderarzt hat gesagt, eigentlich bräuchte ein Baby in Jamies Alter nachts nichts mehr zu trinken. Nun überlegen sie: Sollten sie Jamie auch mal ein bisschen weinen lassen, um ihn allmählich von der nächtlichen Flasche zu entwöhnen?

Weinen lassen - ja oder nein? Nein, auf keinen Fall! Sehr viele Babys unter einem Jahr haben nachts noch echten Hunger. Sie schreien aber nicht nur deshalb. Schreit ein Baby, ist "das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse - schlicht Liebe", betont Florian Heinen, Chef der Abteilung für pädiatrische Neurologie am Haunerschen Kinderspital der Uni München in einem Zeitungsinterview. Egal ob sie also eine Extraportion Milch oder Geborgenheit wollen: Säuglinge haben nur Urbedürfnisse, und die wollen erfüllt werden, sonst wird ihr Weltvertrauen beschädigt.

Die beste Reaktion: Ein Baby, das nachts die Brust oder die Flasche möchte, sollte sie immer bekommen, auch wenn diese Zeit für Eltern sehr anstrengend ist. Denn das Kind möchte jetzt nicht nur trinken, sondern es will auch gehalten werden. So bekommt es nicht nur die Nahrung, sondern auch die Nähe und Sicherheit, die es in der langen Nacht braucht.

Neue Einschlafgewohnheiten: Ohne Protest kaum möglich

Die Situation: "Meine Tochter ist knapp neun Monate alt und schläft von Geburt an ausschließlich auf dem Arm ein. Sowohl tagsüber als auch nachts", seufzt eine Userin im urbia-Forum. "Wenn ich sie schlafend hinlege, merkt sie das sofort, setzt sich hin, krabbelt durchs Bett und ist hellwach. Nachts schläft sie maximal eine Stunde am Stück." Andere Babys wiederum wollen ausschließlich an der Brust einschlafen und schreien, sobald sie abgelegt werden. Solche Schlafgewohnheiten aber gehen Müttern an die Substanz.

Weinen lassen - ja oder nein? Ja - aber begleitet von Nähe und Trost! Das Baby möchte seine liebgewonnene Angewohnheit nicht gern aufgeben und weint deshalb. Doch eine Mutter hat Grenzen in ihrer Belastbarkeit, und die werden hier überschritten. Ein Baby nimmt keinen seelischen Schaden, wenn es bei der Mama (oder dem Papa) anstatt auf ihrem Arm schläft. Wenn es einige Minuten weint, weil es neuerdings wach hingelegt wird, ist dies ein nachvollziehbarer Protest, den es aber schadlos übersteht.

Die beste Reaktion:  Nicht mehr den Arm oder die Brust zum Einschlafen zu brauchen, ist ein Entwicklungsschritt, den Eltern dem Kind ermöglichen sollten. Auch wenn es zunächst weint. Denn es ist dabei nicht allein, Mama oder Papa sind bei ihm, streicheln es und sprechen mit ihm. Dabei dürfen sie ihr Kleines nicht länger als wenige Minuten weinen lassen. Sobald das Baby beginnt, sich in Rage zu schreien, können die Eltern versuchen, ob es ausreicht, es nur halb auf den Arm nehmen (Unterarme unter den Körper des Babys schieben). Kleine "Brustschläfer" können kurz angelegt werden, bis sie sich beruhigt haben, bevor man einen zweiten Versuch startet (aber für diesen Tag keinen weiteren!). Die Umgewöhnung braucht Zeit, erst im Laufe mehrerer Tage wird der Protest des Babys langsam weniger empört ausfallen.


Baby schreit, weil nur Mama wickeln soll: Dieses Weinen darf sein

Die Situation:  Viele kleine Kinder wollen fast nur von der Mama versorgt werden. "Mein Sohn, 1,5 Jahre lässt sich nicht mehr von Papa ins Bett bringen. Bin total verzweifelt, er brüllt sich nur ein und schreit nach mir, nix hilft", postet auch eine urbia-Userin. Auch andere Tätigkeiten dürfen manche Väter kaum übernehmen: "Unsere 24 Monate alte Tochter ist total Mama-fixiert. Das geht so weit, dass ihr Papa nichts machen darf. Bei allem sagt sie 'Mama machen'. Wenn es ihr Papa macht, fängt sie bitterlich an zu weinen und zu schreien", klagt eine andere ratlose urbia-Mutter, deren Partner sich liebevoll, aber erfolglos ums Kind bemüht.

Weinen lassen - ja oder nein? Ja. Kein Baby oder Kleinkind nimmt Schaden, wenn sein eigener Vater sich liebevoll um es kümmert. Kinder sind aber Gewohnheits-Wesen: Wenn sich überwiegend die Mutter um Alltagsdinge kümmert, passiert es oft, dass das Kind den Papa hierbei nicht mehr akzeptiert. Sein Weinen ist also ein wütender Protest gegen das Ungewohnte.

Die beste Reaktion: Der Vater sollte sich nicht verunsichern lassen. Das Kind lehnt nicht ihn ab, sondern möchte einfach die gewohnte Routine. Wichtig ist jetzt, dass der Papa trotz des Weinens seinen "Job" macht und dabei gelassen bleibt. Damit das Kind nicht zu lange weint, am besten anfangs nur eine kurze Tätigkeit übernehmen (Wickeln). Die Mutter sollte sich heraushalten, keinen Rat geben und möglichst gar nicht im Zimmer sein. So akzeptiert das Kind leichter, dass jetzt der Papa zuständig ist. Damit sich der Erfolg einstellt, ist es aber entscheidend, dass der Vater jetzt bestimmte Aufgaben regelmäßig übernimmt. Nur Routine beendet das "Fremdeln" des Kindes gegenüber der Versorgung durch den Papa. 

Baby will dauernd getragen werden: Kurzes Weinen unumgänglich

Die Situation: Manche Babys wollen tagsüber ständig getragen werden, sonst weinen sie. "Sohnemann Nr. 3 ist nun fünf Monate und entwickelt sich prima - bis auf, dass er den ganzen Tag nur permanent getragen werden will. Das macht mich aber langsam fertig. Wehe, ich lege ihn ab für zwei Sekunden, er schreit sich die Kehle raus, läuft blau an und steigert sich 'rein, bis er keine Luft bekommt", berichtet eine Userin im urbia-Forum, die nicht einmal ohne ihr Baby auf die Toilette gehen darf.

Weinen lassen - ja oder nein? Ja, aber nur kurz! Wenn die Mama im Raum ist, mit dem Baby spricht und von ihm gesehen werden kann, ist es nicht schädlich, wenn das Kind eine Weile auf der Krabbeldecke liegen muss. Natürlich haben Babys am liebsten Körperkontakt. Sie halten es aber seelisch aus, dass das Fulltime-Tragen nicht immer möglich ist. Wichtiger ist, dass sie mitten im Geschehen sind, also dort, wo auch Mama oder Papa sich aufhalten.

Die beste Reaktion:  Ist das Baby noch nicht zu schwer, kann es einen Teil des Tages in einer Trage sitzen, auch bei der Hausarbeit der Eltern oder unterwegs. Trotzdem darf ein Baby lernen, dass die Welt sich auch okay anfühlt, wenn es mal nicht getragen wird. Anfangs sollten Eltern das Baby nur wenige Minuten ablegen. Wenn es weint, können sie mit ihm sprechen, es streicheln und beruhigen, sich zwischendurch aber auch kurz einer anderen Tätigkeit (in Sichtweite) zuwenden. Je anhänglicher das Baby, desto kürzer sollte das Ablegen anfangs sein, um dann allmählich verlängert zu werden.

Stillen: Beim Abstillen sind Tränen meist unnötig

Die Situation: Die Mutter möchte allmählich abstillen, aber das Kind weint sofort, wenn es die Brust nicht bekommt. So geht es auch einer urbia-Userin: "Mein Sohnemann (9,5 Monate) ist von Anfang an ein absolutes Brustkind. Er nimmt bis heute weder Flasche noch Becher. Dann wird geweint, und er schmeißt sich von links nach rechts und wird echt sauer. Ich habe ihn sonst wirklich nie weinen lassen, aber ich möchte nun doch gerne mal abstillen", schreibt eine Mutter im urbia-Still- und Ernährungsforum.

Weinen lassen - ja oder nein? Nein, denn das ist meistens gar nicht nötig, das Abstillen geht fast immer auch ohne Tränen. Da das Stillen eine einvernehmliche Sache sein sollte, die immer die Bedürfnisse von zwei Menschen betrifft, sollte eine Mutter nicht gegen ihren Willen stillen. Allerdings muss sie fürs Abstillen oft mehr Zeit einkalkulieren, als zunächst geglaubt. Ein kinderfreundliches Abstillen kann locker sechs bis acht Wochen dauern. Diese Zeit braucht übrigens meist auch die Brust, um sich umzustellen, sonst drohen Milchstaus.

Die beste Reaktion: das "sanfte Abstillen". Bei dieser Methode bietet die Mutter die Brust nicht mehr von sich aus an, sondern wartet, bis das Kind sich meldet. Möchte das Kind dann an die Brust, zögert die Mutter zuerst ein bisschen und versucht, es nochmal einige Minuten abzulenken. Sie gibt dem Nachwuchs außerdem vor den Stillmahlzeiten eine kleine Flasche oder etwas Brei, so dass der erste Hunger schon weg ist. So kann sich die enge Stillbeziehung schrittweise lockern.

Akzeptiert ein Baby aber keinen Flaschensauger, empfehlen Hebammen, diese Maßnahmen zu probieren: mit dem Sauger immer zuerst seitlich über Babys Mund streichen (löst Suchreflex aus), den Papa das Füttern versuchen lassen, die Flasche in ein Kleidungsstück der Mutter einwickeln, die Flasche erstmals anbieten, wenn das Baby nicht zu hungrig (und daher wenig tolerant) ist. Notfalls kann die Milch mit einem kleinen Plastiklöffel eingeflößt werden, was nach Erfahrung von Hebammen nicht länger dauert als eine Stillmahlzeit. Ab sechs Monaten eignet sich auch ein Trinklernbecher mit weichem Schnabel.

Nicht weinen lassen beim Abschied im Kindergarten

Die Situation:  Es belastet Eltern sehr, wenn ihr Kind allmorgendlich beim Abschied in der Kita weint. "Seit einer Woche ist es furchtbar. Meine Tochter (2) möchte nicht, dass ich gehe. Sie sagt immer: 'Mama hier bleiben', und weint bitterlich. Ich bleibe wirklich lange dort, damit sie Zeit hat, dort richtig anzukommen. Aber sobald ich gehen möchte, schreit sie und umklammert mein Bein", postet eine urbia-Userin ratlos. 

Weinen lassen - ja oder nein? Nur, wenn es keine Alternative gibt! Am besten, das betonen Entwicklungspsychologen, ist für Kinder die sogenannte "sanfte Eingewöhnung". Hierbei dürfen Eltern über Tage und Wochen hinweg mit im Kiga bleiben. Sie gehen nach einigen Tagen für Minuten, später auch für längere Zeit weg. Die meisten Kitas bieten leider die sanfte Eingewöhnung nicht oder nur in sehr eingeschränkter Form an. Viele Eltern kommen daher um Kindertränen beim Abschied nicht ganz herum.

Die beste Reaktion: Beginnt ein Kind rasch zu spielen, sobald Papa oder Mama weg sind, dürfen Eltern und Kind ein kurzes Weinen (ca. fünf bis zehn Minuten) beim Abschied aushalten. Weint es aber lange oder muss es auch zwischendurch am Kiga-Vormittag immer wieder weinen, sollte man im Gespräch mit den Erzieherinnen - notfalls recht nachdrücklich - eine individuelle Lösung suchen. Es kann jetzt helfen, eine Zeitlang morgens so lange da zu bleiben, bis das Kind ins Spiel gefunden hat. Oder auch, es für einige Tage schon früher (nach ein bis zwei Stunden), wieder abzuholen. 

Wie lange weinen lassen? 

Zwar gibt es also Situationen, in denen Eltern Tränen ihres Kindes aushalten dürfen. Sie sollten es aber niemals länger als wenige Minuten weinen lassen oder tatenlos zusehen, wie es sich in schrille Verzweiflung hinein schreit. Auch dürfen Eltern ihr Kind dabei nicht allein lassen, sondern müssen es freundlich, liebevoll und unaufgeregt trösten.

Wie lange ein Baby weinen darf, kann man dabei nicht mit der Armbanduhr bestimmen, hier sollten Eltern einfach genau hinhören. Sie können einschätzen: Knöttert ihr Baby lediglich? Weint es zwar, aber nicht sehr energisch? Oder ist es bereits dabei, sich "wegzuschreien". Verhaltenes Knöttern darf man länger zulassen als richtiges Weinen. Und dieses wiederum darf etwas länger toleriert werden als schrilles Schreien, das nur wenige Augenblicke anhalten darf. 

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