Treffpunkt Esstisch

Gemeinsam essen stärkt Familien

Eine gemeinsame Mahlzeit, zu der sich die ganze Familie einfindet, bedeutet mehr als nur zusammen den Hunger zu stillen. Der Treffpunkt Esstisch als täglicher Fixpunkt schafft auch Zeit für Gespräche und verbessert maßgeblich das Familienklima.

Autor: Gabriele Möller
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Ein Stück Pizza vor der Flimmerkiste

junge Familie Fruehstueck
Foto: © iStockphoto.com, shalamov

Ein Stück Tiefkühlpizza in der einen, ein Glas Cola in der anderen Hand, die Füße hochgelegt und die Flimmerkiste an – so scheint ein Großteil der Kinder heute die Mahlzeiten einzunehmen. Tatsächlich gibt es Familien, in denen jeder für sich allein isst (und ist). Doch ganz so schlimm ist es meist doch noch nicht: „Das Essen hat nach wie vor einen hohen sozialen und kommunikativen Stellenwert“, stellt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in ihrem aktuellen Ernährungsbericht fest. Möglichst oft gemeinsam zu essen, ist für viele Familien also immer noch ganz wichtig – wenn es der Terminkalender zulässt. Sind dann alle beim Essen versammelt, sollten Freude und Essgenuss mit am Tisch sitzen. Manchmal jedoch verwandelt sich der Esstisch in den familiären Krisenherd Nummer eins. urbia beleuchtet diesen ganz besonderen "Runden Tisch": Warum er so wichtig ist und wie man es schafft, dass er zum Ort des Wohlfühlens für große und kleine Leute wird.

Der Esstisch als Ruhepol im Alltagskarussell

Bis im 19. Jahrhundert die Industrialisierung viele Eltern in die Fabriken zwang, hatte sich die Familie dreimal am Tag rund um den Tisch versammelt, um gemeinsam aus einer großen Schüssel zu löffeln. Heute sind oft fast alle Familienmitglieder ganztägig außer Haus: In Kindergarten, Hort oder Schule und bei der Arbeit. "Wenigstens einmal täglich sollte aber die ganze Familie rund um denselben Tisch sitzen und zusammen essen", rät Ernährungsberaterin Silke Restemeyer von der DGE. "Denn hier geht es ja nicht nur ums Essen, sondern um einen festen Treffpunkt, um Gespräch und Austausch." Praktischerweise findet dieses gemeinsame Essen überwiegend abends statt: "Dem Abendessen als Familientreffpunkt wird auch heute noch ein große Bedeutung beigemessen", bestätigt auch die DGE in ihrem Bericht. Der Tisch als Treffpunkt zum Tagesabschluss kann ein fester Ruhepol werden, um den sich das quirlige Alltagskarussell dreht. Ganz nebenbei werden auch soziale Fähigkeiten trainiert: Andere zu Wort kommen zu lassen, höflich oder rücksichtsvoll zu sein oder einfach zu spüren, wie wärmend Familienzusammenhalt sein kann. Manchmal jedoch birgt der Familientisch auch Zündstoff. Schnell legt jeder sein persönliches Sorgenpäckchen sprichwörtlich auf den Tisch und es wird geklagt oder gestritten.

Spaß am gemeinsamen Essen: Diese Zutaten müssen sein

Ein paar Zutaten genügen, damit Appetit auf Gemeinsamkeit geweckt wird und sich die Freude fast von selbst wie ein buntes Tischtuch ausbreiten kann:

  • Appetizer Nr. 1: Tischgespräche
  • Dass bei Tisch nicht geredet werden darf, ist eine Unsitte von gestern. Unsere südeuropäischen Nachbarn zeigen, wie’s geht: Essen ist dort undenkbar ohne angeregtes Gespräch von alt und jung. Jeder kann von seinem Tag erzählen. Hierzu gehören schöne und weniger schöne Erlebnisse, persönliche Begegnungen, kleine Anekdoten und Beobachtungen. Auch die Planung des Familienausflugs fürs nächste Wochenende, einer Einladung für Freunde oder von Unternehmungen, auf die alle Lust haben, eignen sich gut. Sorgen und größere Probleme wie Geldnöte, schlechte Schulnoten der Kinder oder Krisen im Job gehören dagegen nicht auf den Esstisch, denn sie verderben zuverlässig die Stimmung. Sie können getrost bis zu einem späteren Zeitpunkt warten. Wer's gar nicht aushält, kann aber schonmal kurz umreißen, was ihn bedrückt und mit den anderen verabreden, dass es nach dem Essen dazu eine kleine Krisenkonferenz geben wird.

    Entscheidend für gute Laune ist, dass am Tisch nicht nur Erwachsenenthemen besprochen werden. Kinder, die sich unbeachtet fühlen, fangen oft an, sich "daneben" zu benehmen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Den Nachwuchs bringt man erfahrungsgemäß aber nicht zum Erzählen durch Fragen, wie: "Na, wie war’s denn heute im Kindergarten?" (Antwort: "Schön!"), "Und was habt ihr so gemacht?" ("Nix!"). Sondern indem man wartet, bis das Kind etwas sagt, und hier aufmerksam nachhakt. Kinder dürfen auch schon bei wichtigen Entscheidungen ihre Meinung äußern, ohne dass diese gleich sprichwörtlich vom Tisch gefegt wird. Schon der Philosoph und Historiker Carl Friedrich Rumohr schrieb im Jahre 1822 in seinem Werk "Im Geist der Kochkunst", dass den Kindern bei Tisch gestattet werden solle zu sprechen soviel sie nur wollten - sofern sie den Eltern dabei nicht auf die Nerven gehen. Eine für seine Zeit ungewöhnliche und sehr pragmatische Einstellung...

  • Appetizer Nr. 2: Gelassenheit
  • Das Jüngste baut Burgen aus dem Kartoffelpüree, die Erbsen landen auf dem Fußboden und zuguterletzt ergießt sich die Apfelschorle auf Mamas Hausschuhe. Noch dazu meidet das Kind peinlichst alles, was Vitamine enthalten könnte, klaubt sich nur ein paar tote Kohlehydrate aus dem Essen oder isst gleich gar nichts. Das ist für Eltern eine prima Gelegenheit, Gelassenheit zu üben. Indem man bei kleinen Malheurs nicht hadert mit dem, was eh schon passiert ist. Sondern den Lappen zückt und das Ganze möglichst mit dem Kind zusammen aufwischt, um dann einfach weiterzutafeln. Und indem man bei "Essensverweigerung" das Kind nicht zum Essen drängt oder gar zwingt: "Kinder lernen das Essen nur dann als angenehme und genussvolle Beschäftigung kennen, wenn man sie dabei nicht unter Druck setzt", betont Diplom-Ökotrophologin Silke Restemeyer. Das Essen selbst sollte bei den Mahlzeiten gar nicht betont werden, vielmehr sollten die Gespräche im Mittelpunkt stehen." Gelassenheit heißt auch: darauf vertrauen, dass ein gesundes Kind sich auf jeden Fall nimmt, was es braucht.

  • Appetizer Nr. 3: Freundlich zueinander sein
  • Die berühmten Tischmanieren gehören auch in den eigenen vier Wänden zum Essen dazu, denn sie haben etwas mit Rücksichtnahme und Wertschätzung der anderen zu tun. Durch ständiges Ermahnen aber bringt man sie nicht ans Kind. Hier ist vielmehr das Vorbild gefragt: Kinder lernen Tischregeln ganz nebenbei, wenn die Erwachsenen sich selbst daran halten. Dazu gehört, dass man sich vorher die Hände wäscht, mit dem Essen wartet, bis alle da sind und erst aufsteht, wenn jeder fertig ist. Dass man nicht mehr auf den Teller schaufelt, als man schafft (Kinder dürfen die Menge selbst bestimmen). Und dass man am Ende der Mahlzeit fragt, ob noch jemand einen Nachschlag möchte. Bitte und Danke zu sagen, nicht die Ellbogen aufzustützen oder aufzustoßen, in den Zähnen herumzupulen oder die Nase hochzuziehen sind ebenfalls keineswegs Regeln von gestern. Ein Kind, das dies nicht gelernt hat, fällt spätestens dann unangenehm auf, wenn es woanders zu Gast ist. Soziale Kompetenz wird schließlich zu einem Großteil in der Familie gelernt.

Genügend Zeit und viele helfende Hände

  • Appetizer Nr. 4: Zeit
  • Essgenuss und Tischgeplauder brauchen natürlich Zeit. Mit Zeit kann man langsam essen, mehr genießen, muss nicht schlingen und nimmt wahr, wann man satt ist. Dies ist auch für Kinder eine gute Vorbeugung gegen Übergewicht. Die Kultur des "Slow Food" wenigstens einmal am Tag zu pflegen, ist Teil einer Erziehung zu einer gesunden Lebensweise. Teenager neigen jedoch vor allem abends dazu, das gemeinsame Essen zugunsten einer Verabredung zu schwänzen oder abzukürzen. Einen murrenden "Pubertanden" kann man zu überzeugen versuchen, indem man erklärt, dass er mit seiner Eile oder Abwesenheit auch Desinteresse an den anderen demonstriert – und dass dies kränkt.

  • Appetizer Nr. 5: Viele helfende Hände
  • Kinder lieben es, beim Einkauf und der Auswahl der Speisen, vor allem aber beim Kochen mitzuhelfen. Schon recht kleine Kinder können ein nicht allzu scharfes Küchenmesserchen handhaben und Kartoffeln oder Möhren klein schneiden. Dass das Ergebnis nicht wie aus dem Bilderbuch aussieht, darf man großzügig übersehen und sollte nicht nachbessern. Auch kann das Geschnippelte anschließend vom Kind in Topf oder Pfanne geworfen werden. Das Umrühren mit einem großen hölzernen Kochlöffel rundet den Kochspaß krönend ab. Purer Spaß ist zumindest für jüngere Kinder auch noch das Tischdecken. Die Angst ums Geschirr beim Anblick des stolz mit einem Tellerstapel zum Tisch wankenden Kindes für sich zu behalten, lohnt sich.

    Natürlich sind beim Helfen auch ältere Kinder und die Erwachsenen gefragt: Alle Familienmitglieder sollten abwechselnd bei der Vorbereitung der Mahlzeiten, beim Tischdecken, Abräumen oder Spülen helfen. Damit der innere Schweinehund einzelner Familienmitglieder nicht gar zu sehr knurrt, kann man entweder jedem diejenige Aufgabe geben, die ihm am meisten liegt. Oder auch im Rotationsprinzip abwechseln, damit jeder mal die begehrteren und weniger beliebten Tätigkeiten ausführen kann. Ein fester Plan hilft, täglich neue Diskussionen zu vermeiden. Momentan bleibt – Alice Schwarzer sei's geklagt - der Löwenanteil der Arbeit immer noch an den Müttern hängen, wie auch der DGE-Ernährungsbericht feststellt, und beim Nachwuchs sieht es auch nicht besser aus: Nur 42 Prozent der weiblichen Teenager und traurige 26 Prozent des männlichen Nachwuchses helfen hier mit.

  • Appetizer Nr. 6: Nichts anderes zählt
  • Manchmal muss man das Beisammensein fast wieder neu lernen, wenn während des Tages jeder eigene Wege gegangen ist. Sich auf den anderen einzustellen, zuzuhören und ganz gegenwärtig zu sein, ist gar nicht so einfach. Unbewusst wird dann leicht auf Ablenkungsmanöver zurück gegriffen: Es wird beim Essen ferngesehen, telefoniert oder die Zeitung gelesen. Dass Handy, oder Fernsehen ausgeschaltet sind und auch niemand sich hinter Gedrucktem versteckt, sollte selbstverständlich sein. Ein Tabu ist es auch, dass jemand allein in einem anderen Zimmer vor dem Fernseher isst. Dieses Themas hat sich sogar Bundespräsident Horst Köhler angenommen, der in seiner sog. "Berliner Rede" über Bildung und Erziehung mahnte: "Ein Fernseher im Kinderzimmer tut es nicht. Eltern müssen sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Spiel und Gespräch, Vorlesen und Erzählen, gemeinsame Mahlzeiten am Familientisch - das fördert die Entwicklung der Kinder."


Auch Kinder dürfen mitbestimmen

  • Appetizer Nr. 7: Essen, das allen schmeckt
  • Neben der Geselligkeit ist das Essen natürlich der Haupt-Akteur auf dem Tisch. Um chronisches Gemecker zu vermeiden, kann man schon für die ganze Woche vorplanen, was es geben soll, wobei jeder mitentscheiden darf. Sogar der bereits zitierte Carl Friedrich Rumohr plädierte schon dafür, dass Kinder ihre Wünsche nach Speisen und Getränken frei äußern dürfen sollten – im angehenden 19. Jahrhundert eine geradezu revolutionäre Forderung. Auch abwechslungsreich sollte das Essen heute natürlich sein. Denn Ernährungswissenschaftler haben beobachtet, dass Kinder, die früh viele verschiedene Nahrungsmittel kennen lernen, später weniger wählerisch sind. Sie sind aufgeschlossener und genießen in der Tagesschule, im Ferienlager oder später auch als Erwachsene eher, was geboten wird.

    Wichtig ist: Kein Kind muss seinen Teller leer essen, aber alles sollte wenigstens einmal probiert werden. Zusätzlich darf jedes Kind ein paar festgelegte Gerichte haben, die es gar nicht essen muss. Ersatz fürs Kind braucht nicht die sprichwörtliche Extra-Wurst zu sein, sondern es reicht ein Butterbrot und etwas Obst.

  • Appetitzer Nr. 8: Rituale für das Wir-Gefühl
  • Tischsprüche oder -gebete stärken das Gefühl "Wir gehören zusammen". Das populäre "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Jeder isst soviel er kann, nur nicht seinen Nebenmann. Guten Appetit!", bei dem sich alle die Hände reichen, kommt vor allem bei jüngeren Kindern gut an. Wer religiös ist und statt des arg altbackenen "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast..." lieber etwas lockerere Gebete mag, hat mit einem hölzernen Würfel mit kindgerechten Tischgebeten sicher mehr Freude. Jeden Tag darf ein anderer würfeln, und wer schon lesen kann, darf auch gleich das Gebet vorlesen.

    Eine schöne Gewohnheit ist es auch, immer ein paar Teelichte in hübschen Gläsern anzuzünden, auf eine frische Tischdecke zu achten und Servietten zu benutzen. Besonders fröhlich sieht der Familientisch auch aus, wenn man Steingut-Geschirr in verschiedenen Farben verwendet. Da es außerdem meist nicht so teuer wie Porzellan ist, macht es auch nicht soviel, wenn mal etwas zu Bruch geht. Gute Laune macht eine Deko-Schale in der Tischmitte, die mit Hilfe der Kinder mit den passenden Attributen der Jahreszeit dekoriert ist.

    Viele Eltern wünschen sich, ihr Kind würde mehr Dankbarkeit fürs Essen zeigen, statt darin herumzustochern. Statt Vorhaltungen zu machen über hungernde Kinder in anderen Ländern schult man lieber die Achtsamkeit: So kann jeden Tag ein anderes Familienmitglied das Gericht kurz vorstellen ("Heute gibt es bei uns...") und ein paar Sätze darüber sprechen, welche Menschen beteiligt waren, damit dieses Essen auf dem Tisch stehen kann (Bauern, Händler, Marktverkäufer, Mutter oder der Vater, die dies mit Hilfe von diesem oder jenem Kind heute gekocht haben). So wird vermittelt, dass Essen etwas Wertvolles ist.

    Auch die Gastfreundschaft geht mit dem Familientisch einen engen Bund ein: Heute noch gibt es in manchen Ländern den schönen Brauch, immer ein Gedeck mehr als nötig aufzulegen – falls unerwarteter Besuch kommt. Eine Idee, die man auch bei uns wunderbar umsetzen kann. Ein offenes Haus erzieht zu kommunikationsfähigen und toleranten Kindern. Selbstverständlich gilt dies auch für eingeladene Gäste, die möglichst oft die Tischrunde bereichern sollten.

Der beste Ort für die Familienkonferenz

Manchmal kommt der Familientisch ganz ohne Essen aus: Ein großer Kakao für jeden reicht als Stärkung, wenn die wöchentliche (oder nach Bedarf einberufene) Konferenz alle Familienmitglieder an den Tisch lockt. Hier kann man die vergangene Woche besprechen, loswerden, was einen gestört hat oder was vielleicht schwer auf dem Herzen liegt. Und man kann die kommende Woche mit Terminen und Aufgabenverteilungen vorausplanen. Auch Sorgen und Probleme, die beim Essen hintan gestellt wurden, kommen jetzt zu ihrem Recht. Wichtig ist, dass auch die Kleinsten Redezeit bekommen, ohne unterbrochen oder belehrt zu werden. Ein runder Rede-Stein, der von Hand zu Hand geht, hilft dabei. So erfährt jeder, was die anderen zur Zeit beschäftigt. Das schützt vor Entfremdung und Gleichgültigkeit.

Zum Weiterlesen

Den Ernährungsbericht 2004 der DGE mit dem Titel "21 Minuten mehr Zeit zum Essen" kann man unter www.dge.de nachlesen.

Ratgeber-Broschüren rund ums Essen vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung kann man bestellen im Internet unter: www.aid-medienshop.de.

Broschüren der Deutschen Gesellschaft für Ernährung über richtige und abwechslungsreiche Ernährung von Kindern bekommt man unter www.dge-medienservice.de

Bücher

"Meine liebsten Tischgebete". Geschenkkarton (Sondereinband) von Reinhard Abeln, Sigrid Leberer (Gebetswürfel plus einem Büchlein mit Tischgebeten).

"Kochen mit Cocolino". Das Abenteuerbuch, Bd. 2 von Oski und Oski (Oskar Marti, Oskar Weiss), Hallwag.

"Schlaraffenland. Ein Erlebnisbuch rund ums Essen, Schmecken und Geniessen" von Christiane von Betteray, Christophorus-Verlag.

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