Schwieriger Spagat

Job und Kind vereinbaren: noch immer eine Kunst

Kind und Beruf unter einen Hut zu bekommen bleibt eine Kunst. Dennoch hat sich für Frauen einiges getan. Wer wüsste das besser als der Verband berufstätiger Mütter e.V. (VBM). Wo es Müttern heute besser geht als noch 1990 und welche Baustellen noch offen sind, liest du hier.

Autor: Maja Roedenbeck
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Kindergartenplatz ab drei Jahren, heute eine Selbstverständlichkeit

Mutter berufstaetig Computer Baby
Foto: © iStockphoto.com/ Monkeybusinessimages

Die Bilanz des VBM zur Situation in Deutschland klingt optimistisch: „Es hat sich viel getan", sagt Sprecherin Eike Ostendorf-Servissoglou, „In den 1990er Jahren kämpfte der Verband noch dafür, dass erst einmal alle über Dreijährigen einen Kindergartenplatz bekamen, damit Frauen beruflich mehr erreichen konnten als ein bisschen im Betrieb des Mannes mitzuhelfen. Das war ein echter Kraftakt, und die Erfolge werden heute als viel zu selbstverständlich hingenommen.“ Eine Zeit, in der auch ältere Kleinkinder nur morgens und nachmittags je ein paar Stunden betreut wurden und zwischendurch zum Mittagessen nach Hause kamen, können sich junge Mütter von heute gar nicht mehr vorstellen.

Beruf und Familie vereinbaren: Noch ist viel zu tun

Trotzdem gibt es noch viele Baustellen auf dem Weg in eine Zukunft, in der sich Beruf und Familie optimal vereinbaren lassen: So fordert der VBM unter anderem eine garantierte Kinderbetreuung für alle unter Dreijährigen und eine flächendeckende Versorgung mit Ganztagsschulen. Das Phänomen der so genannten „Re-Traditionalisierung", also der beobachtete Rückfall moderner, gleichberechtigter Paare in die altmodischen Rollenbilder des Versorgers (Vater) und der Erzieherin und Haushälterin (Mutter) nach der Geburt eines Kindes, soll ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Denn die Vereinbarung von Kind(ern) und Karriere ist und bleibt ein schwieriges Kunststück, das alle Beteiligten gemeinsam bewerkstelligen müssen. Der VBM will dabei nicht engstirnig nur auf die Rechte der Frauen pochen. „Wir müssen auch die Sichtweise der Arbeitgeber verstehen: Wie sollen sie planen, wenn ihre Mitarbeiterinnen erst ein Jahr Babypause beantragen und dann zweimal kurz vor knapp um ein weiteres Jahr verlängern?", fragt Eike Ostendorf-Servissoglou, „und wie können Frauen allen Ernstes erwarten, ihren Arbeitsplatz nach drei Jahren völlig unverändert vorzufinden, in einer Zeit, in der Unternehmen in immer kürzeren Zyklen komplett umstrukturiert werden?" Das Motto des VBM lautete schon in den Gründungsjahren weitsichtig: Wer gar nicht erst aussteigt, braucht auch keinen Wiedereinstieg.

Studie: Vereinbarkeit sogar schlechter geworden

Dass es in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht immer stetig bergauf geht, sondern sogar Rückschritte zu verzeichnen sind, zeigt eine Studie mit dem Titel "Junge Familien 2017". Danach finden es nur ein Drittel aller Eltern (36 Prozent) einfach, Arbeitsleben und Kindererziehung zu verbinden. Noch vor zwei Jahren lag dieser Wert bei 41 Prozent. Auch im Kollegenkreis sei die Akzeptanz eher gesunken als gestiegen, ergab die Studie. Nur noch 45 Prozent, statt zuvor 50 Prozent der Eltern dürfen damit rechnen, dass Kollegen für sie einspringen, wenn sie wegen der Kinder den Arbeitsplatz ungeplant früher verlassen müssen. Leider sind auch starre Arbeitszeitmodelle nach wie vor die Regel, sagt Lutz Kaiser von pronova BKK, die die Studie in Auftrag gegeben hat. Positiv ist aber die Entwicklung in Sachen Arbeitszeitkonten und Homeoffice. 31 Prozent der Eltern können Arbeitzeitkonten nutzen (2015: 28 Prozent) und 18 Prozent zumindest teilweise im Homeoffice arbeiten (15 Prozent vor 2 Jahren).

Moderne Mamas steigen früher wieder ein

Natürlich hat jede Frau das Recht, selbst zu entscheiden, wie lange ihre Babypause dauern soll. Doch nach Meinung des VBM sollte die Entscheidung informiert getroffen werden. „Wir wollen den Frauen klarmachen, dass ein Leben als Hausfrau und Mutter Risiken und Nebenwirkungen birgt“, verdeutlicht Eike Ostendorf-Servissoglou, „kommt es zu einer Scheidung oder dem frühen Tod des Partners, haben es Frauen, die im Beruf lange ausgesetzt haben, schwer, für ihren Unterhalt und den ihrer Kinder zu sorgen. Nicht selten geraten sie in die Altersarmut.“

Der Trend geht ohnehin in die entgegengesetzte Richtung: Moderne Mamas möchten immer früher wieder einsteigen. Gelegentlich scheint es, als sei ein Wettbewerb im Gange, wer es schafft, bereits zehn, acht oder sechs Wochen nach der Geburt wieder am Schreibtisch zu sitzen. Eine große öffentliche Diskussion löste die damalige französische Justizministerin Rachida Dati aus, als sie 2009 fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten ging. Auch Schauspielerin Ellen Pompeo verteidigte kürzlich in der US-Zeitschrift „Self“ ihre Entscheidung, bereits nach vier Wochen mit Baby wieder für die Serie „Grey’s Anatomy“ vor der Kamera zu stehen: Sie müsse arbeiten, solange sie die Gelegenheit dazu habe, denn ein guter Job sei heutzutage nicht selbstverständlich.

Ziel: Familienaufgaben in der Partnerschaft gleichmäßig verteilen

„Das sind natürlich Einzelfälle“, sagt Eike Ostendorf-Servissoglou vom Verband berufstätiger Mütter e.V., „doch auch davon wollen wir erzählen, damit die Frauen sehen: Auch so kann es funktionieren. Auch ein früher Wiedereinstieg schadet meinem Kind nicht.“ Für ideal halten die Verbandsfrauen eine Babypause von sechs oder sieben Monaten für die Mama, ein weiteres halbes Jahr Elternzeit könnte der Papa übernehmen. So verliert keiner den Anschluss und der Arbeitgeber kann die absehbare Pause gut überbrücken. „Die Väter haben sich auf den Weg gemacht“, sieht die VBM-Sprecherin anerkennend, „und versuchen ihrerseits, Beruf und Familie besser zu vereinbaren als die Vätergenerationen vor ihnen. Sie fordern von ihren Vorgesetzten mehr Zeit für den Nachwuchs und erkämpfen sich Raum und Kompetenzen in der Familie, die vorher den Frauen vorbehalten waren.“ Ziel sei es, das „Kinderhandicap“ gerecht auf beide Schultern zu verteilen. Wenn Väter und Mütter gleich häufig im Büro fehlen, weil die Kinder krank sind, wird es zur Normalität und niemand muss sich mehr dafür rechtfertigen.

Im Kern geht es dem VBM und ging es ihm schon immer um eine strukturierte öffentliche Lösung für die genannten Probleme. „Wir wehren uns dagegen, dass gesellschaftliche Angelegenheiten auf die Schultern von Privatpersonen abgewälzt werden“, so Eike Ostendorf-Servissoglou. „Aber da wir uns alle ehrenamtlich engagieren und natürlich auch selbst unsere Familien und Berufe unter einen Hut bringen müssen, kriegen wir die große Welle leider nicht hin.“ Andererseits ist das bei vielen Anliegen der Verbandsfrauen auch gar nicht möglich, denn es kann nicht mit einem einzigen Gesetz deutschlandweit darüber entschieden werden. Die Kompetenzen im Bereich Bildung und Erziehung liegen nicht beim Bund, sondern bei Ländern und Kommunen. „Darum kämpfen wir in jeder Regionalgruppe und an jeder Straßenecke für kleine Erfolge“, erklärt die VBM-Sprecherin, „Sei es der Ausbau einer Kita vor Ort, ein Artikel über die Bedürfnisse arbeitender Mütter in der Lokalzeitung oder eine familienfreundlichere Einstellung beim eigenen Arbeitgeber.“ Auf Bundesebene ist der Verband im Deutschen Frauenrat sowie im Zukunftsforum Familie aktiv. Als Mitglied im Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ setzt er sich für Familienfreundlichkeit in deutschen Unternehmen ein.



In der Regionalgruppe mit anderen berufstätigen Müttern netzwerken

In derzeit insgesamt 26 Regionalgruppen sind rund 600 Mitglieder organisiert. Gegen einen Mitgliedsbeitrag von 60 Euro im Jahr, von dem unter anderem Infomaterial und eine Internetplattform, regelmäßige Treffen und regionale sowie bundesweite Aktionen finanziert werden, finden Frauen Anschluss und Gleichgesinnte. Oft steht bei den Treffen, bei Netzwerk- und Vortragsabenden eher der private Austausch im Vordergrund, dann helfen sich die berufstätigen Mütter mit Erfahrungsaustausch, Tipps und Infos zu Angeboten in ihrer Stadt beziehungsweise Region. Aber immer wieder versuchen die Verbandsfrauen auch, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen in der Kommunalpolitik etwas zu bewegen. „Natürlich können die Regionalgruppen keine bessere Welt herbeizaubern“, so Eike Ostendorf-Servissoglou, „aber sie können zum Beispiel wie kürzlich in Darmstadt mit dem starken Namen des VBM im Rücken eine Aktion gegen die Schließung eines Horts starten oder wie im Münchener Umland für die Eröffnung einer Ganztagsschule sorgen.“

Wer auf der Internetseite des Verbandes keine Regionalgruppe in seiner Nähe findet, kann übrigens selbst eine gründen – der VBM steht mit Rat und Tat zur Seite: „Wir wissen natürlich, dass berufstätige Mütter nicht viel Zeit für ehrenamtliches Engagement haben, doch bei der Neugründung geht es zunächst auch nur darum, Kontaktperson für eine bestimmte Region zu werden“, so die Sprecherin, „und wenn sich dann genügend Interessenten zusammengefunden haben, können sie gemeinsam etwas auf die Beine stellen.“ Viele Frauen seien auch einfach Mitglied im Verband, um seine Arbeit zu unterstützen, ohne sich einer Regionalgruppe anzuschließen.

Bemerkenswerter Weise gibt es keine einzige Regionalgruppe des VBM in den neuen Bundesländern. „Das liegt nicht daran, dass wir uns das nicht wünschen würden“, erklärt Eike  Ostendorf-Servissoglou, „sondern daran, dass die Frauen in Ostdeutschland offenbar viel selbstverständlicher Beruf und Familie verbinden als die westdeutschen Frauen. Oft verstehen sie gar nicht, wo das Problem liegt.“ Beim Salongespräch anlässlich der VBM-Jubiläumsfeier im Juni in Berlin berichtete die renommierte Microsoft-Managerin und Trägerin des Berliner Frauenpreises 2010 Anke Domscheit, die aus Ostdeutschland kommt, dass es dort einfacher sei, Kind und Karriere zu verbinden, weil es zur Tagesordnung gehöre. Es werde den arbeitenden Müttern signalisiert, dass es gut und richtig sei, wie sie ihr Leben organisieren und ihre Prioritäten sortieren. Im Osten, so die Referentin, entschieden sich die Frauen deshalb auch unerschrockener für „Männerberufe“, anstatt hin und her zu überlegen, wie gut ein solcher Beruf mit der Familie vereinbar sei. Auch die Zahlen sprechen laut Domscheit eine deutliche Sprache: Demnach sind im Osten über 40 Prozent der unter Dreijährigen in der Tagesbetreuung untergebracht, im Westen nur gut 14 Prozent (Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Zahlen für 2009). Im Osten werden Frauen nur 6 Prozent schlechter bezahlt als Männer, während die Differenz in Gesamtdeutschland bei 23 Prozent liegt (Quelle: Statistisches Bundesamt, Zahlen für 2009). Für die Zukunft wünscht sich der Verband berufstätiger Mütter e.V. daher einen regen Austausch zwischen Frauen aus den alten und den neuen Bundesländern, um gemeinsam ein neues, modernes Mütterbild zu finden.

Zum Weiterklicken:

www.vbm-online.de

Zum Weiterlesen:

„Das VBM Dschungelbuch – Leitfaden für berufstätige Mütter und solche, die es (noch) werden wollen“ zu bestellen für 7 Euro Schutzgebühr plus 2 Euro Versand unter www.vbm-online.de/dschungelbuch.html

 

 

 

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