Erziehung

Was taugen Erziehungskonzepte? Hier werden verschiedene Ansätze erklärt und Anekdoten ausgetauscht.
Ein Tipp vom urbia Team

  • 31.03.17 - 11:03

    Erziehungsfrei, oder: "Antipädagogik"

    Hallo

    Zugegeben: davon habe ich nun zum ersten Mal gelesen. Ein neuer "Trend" sei das.
    Kann mich jemand aufklären?
    Findet Erziehung nicht automatisch statt? Woher kommen diese Pädagogik-Hater und was wollen sie? Geht es um lassez-faire? Hatten wir das nicht schon einmal als realitätsfernes Konzept enttarnt?
    Ich hatte grade Attachment Parenting verstanden (aka "Gesunder Menschenversand" mit einer Prise Öko), da kommt schon wieder das neue Thema um die Ecke. Nicht, dass ich mich oder meine "Erziehung" einem Konzept unterwerfen würde aber ich hole mir gern Anregungen!

    Habt ihr davon gehört oder lebt ihr nach diesem Prinzip?

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    • Neu? Neu ist das sicherlich nicht, es gab schon immer Eltern, die ihre Kinder in jeglicher Hinsicht vernachlässigt haben. Und nichts weiter ist fehlende Erziehung ja. Gabs auch schon zu meiner Zeit.

      Kennst Du nicht den uralten Witz? Eine Schlange an der Kasse im Supermarkt. Ein Kind schubst immer wieder den Einkaufswagen in den Rücken des vor ihm stehenden jungen Mannes. Dieser dreht sich irgendwann um und sagt zur Mutter: "Können sie ihrem Kind bitte mal sagen, dass es damit aufhören soll?". Die Mutter antwortet gleichgültig: "Nein, mein Kind darf machen, was es will. Es ist antiautoritär erzogen!". Daraufhin nimmt der junge Mann ein Glas Honig vom Band, schüttet das der Mutter über den Kopf und sagt: "Na das ist ja witzig, ich nämlich auch!".

      Jeder kann/darf/soll seine Kinder erziehen wie er es möchte, da eh alle Eltern denken/meinen sie machen es am Besten#augen. Die Wahrheit zeigt sich im Laufe der Jahre bis zum Erwachsen werden.
      Die Wahrheiten der richtigen Erziehung sieht man dann im Alltag, ob Spielplatz, Schule und ect.
      Frag mich nur immer, warum soviele Kinder auf Eltern nicht hören, andere Kinder schlagen oder mobben, klauen, lügen, Schule schwänzen. Warum die Statistik von kriminelle Kinder im Alter ab 12 jährlich so rasant ansteigt.Garantiert nicht von guter bzw. der richtigen Erziehung.#gruebel

      • Zum Teil vermutlich weil immer mehr Eltern immer weniger Zeit für das Großziehen ihrer Kinder zur Verfügung haben, weil die Qualität der Betreuung mit der wachsenden Nachfrage immer mehr nachlässt (Stichwort Quereinsteiger wie Bundeswehrsoldaten als Erzieher mit verkürzter Lehrzeit), und weil Kindern die Zeit fehlt sich "selber zu finden und zu festigen".

        Ich finde Kinder brauchen neben der passenden Erziehung auch Zeit und Raum um sich zu entwickeln und die sehe ich bei vielen Kindern heute nur noch beschränkt.

        LG
        Pikku


        • 06.04.17 - 22:08

          Wie süß. Du glaubst ernsthaft, die Menschheit hätte ihre Kinder nicht größtenteils nebenbei aufgezogen? Und ich dachte, man wäre zumeist mit Überleben beschäftigt gewesen.

          Betreuung und Erziehung wurden schon immer geteilt und outgesourct.

          • 06.04.17 - 22:40

            Die Menschheit hatte in dieser Zeit aber auch ander Ansprüche an das was ihre Kinder leisten sollten! Ich finde es immer lachhaft mit diesen Steinzeitvergleichen zu kommen, wir sammeln keine Beeren mehr und vor Bären laufen wir auch nicht mehr davon.

            Wir / die Gesellschaft hat heute sehr hohe Anforderungen an unsere Kinder und das Outsourcing außerhalb des engen Familienverbundes ist eine Erfindung der Neuzeit.

            LG
            Pikku

            • 08.04.17 - 19:24

              Nein, ist es nicht. Früher war man mit jedem in der Umgebung um irgendwelche Ecken verwandt, klar. Aber sofern du nicht implizieren willst, dass genetische Verwandtschaft irgendwelche magischen Bindungen schafft, die sich ohne die passenden Gene nicht kompensieren lassen, wirst du dich wohl damit abfinden müssen, dass Mütter zu keiner Zeit sich aus ihrem Leben und der Gesellschaft zurückgezogen haben, um sich hochexklusive Kinderbetuttelungszeit zu gönnen.

              Es gab Zeiten, da bedeutete Haushalt Knochenarbeit. Wäsche musste stundenlang von Hand gewaschen, gekocht, gewalkt werden. Korn musste gemahlen und dann Brot gebacken werden. Meinst du echt, da war Zeit den Nachwuchs mit pädagogisch wertvoller Qualitätszeit zu beglücken? Nur weil die traditionell mütterliche Tätigkeit traditionell der Haushalt war, heißt das nicht, dass das traditionell bedeutete man hatte viel Freizeit, um sich dem Kind zu widmen. Die wurden gefüttert, gewaschen, bekamen was angezogen und wurden dann dem übergeben, der für die Beaufsichtigung zuständig war: Oma, Tante, große Schwester.

              Und das mag dir ja so idyllisch und familiär so nett erscheinen, aber das Prinzip ist das gleiche, wer arbeitet hat keine Zeit sein Kind zu bespaßen. Das tut entweder jemand anders oder das Kind lernt fix sich nützlich zu machen oder wenigstens nicht zu stören.

              Du lebst in einer Traumwelt.

              • 08.04.17 - 21:22

                Das stimmt schon was Du schreibst, aber wir waschen nun mal nicht mehr den halben Tag am Bach die Wäsche und mahlen unser Korn mit Steinen sondern wir kaufen das Brot meist in 5 Minuten beim Bäcker und den Rest des Tages sind wir Elektriker, Krankenpfleger, Steuerberater, Tierarzt oder Ingenieur. Da sind die Ansprüche doch ein bisschen höher als vor 200 Jahren als ein Großteil der Bevölkerung noch einfachste Tätigkeiten ausgeführt hat wie den ganzen Tag den Ochsen übern Acker führen.

                Damals war es bei 99% der Bevölkerung schietegal ob sie sich für ihre Umwelt interessieren, das wurde mit fortschreitendem Fortschritt immer wichtiger, aber genau bei diesen 99 % sind wir aber bei unseren Auszubildenden gefühlt heute wieder angekommen.

                • 08.04.17 - 23:34

                  Trotzdem hat die Menschheit überlebt und sich entwickelt ohne dass Kinder auf ein Podest gestellt und von ihren Müttern umkreist wurden.

                  Es ist also nicht notwendig die freigewordene Zeit in hysterisch-überkandidelter Mutter-Kind-Symbiose zu verbringen, weil irgendwer heute daraus einen kruden Anspruch gezimmert hat, von dem nichtmal klar ist, ob das gesund und förderlich ist.

                  Ein bisschen mehr Realismus wäre echt nicht schlecht.

                  Andere Menschen mit Respekt zu behandeln, ist eine lohnenswerte Grundeinstellung. Aber man wächst mit seinen Aufgaben. Und nicht daran, von allen Pflichten befreit in einer Blase großzuwerden, wo Mama ständig um einen kreiselt und einem jede Anstrengung abnimmt.

                  Am Besten klappt das, wenn Mama einfach auch mal was anderes zu tun hat, als Kind und Umgebung zu Tode zu analysieren.

                  • 09.04.17 - 00:18

                    Da gebe ich dir völlig Recht. Eine zu Hause betreuende Mutter muss sich zurücknehmen. Aber die wenigsten solcher Mütter die ich kenne helikoptern rum meiner Erfahrung nach sind das eher die deren Kinder viel Zeit in Hort und Co verbringen. Ich finde je mehr Zeit das Kind bei einem ist umso weniger kann man es 'dauernd im Fokus haben'.

                    aber den ganzen Tag in Schulen und Nachmittagsbetreuung ein überwachtes und ja auch bespasstes Leben führen ist auch nicht förderlich für die Entwicklung.

                    ich finde zu Hause mit einer Mutter die EIN! Auge darauf hat was man tut und einen zur Not mal in die richtige Richtung schubst mit genug Freiraum mal in Ruhe z.b. mit dem Konstruktions Kasten was auszutüfteln sollte das Ziel sein.

        Wo kann ich das nachlesen? Statistisches Bundesamt? Hast du eine Quelle für den rasanten Anstieg?

      Hallo
      Wenn ich das richtig verstanden habe ist das für mich zum einen das andere Extrem zu sehr strenger Erziehung und zum anderen so extrem kaum umsetzbar, eben weil Erziehung ja wirklich auch einfach so läuft und gewisse Dinge einfach sein müssen. Letztendlich wird sowas von solchen Eltern zwar anders genannt aber für mich ist es das gleiche.
      Wie bei vielen auch finde ich die Mitte gut, wenn auch mit einer Tendenz zu "Locker".
      Neben der persönlichen Einstellung zu dem Thema Erziehung weiß ich natürlich aber auch dass das nicht bei allen Kindern so gehen würde.

      LG

      • "Neben der persönlichen Einstellung zu dem Thema Erziehung weiß ich natürlich aber auch dass das nicht bei allen Kindern so gehen würde."

        Das ist genau der Punkt finde ich, wir orientieren uns ja ein kleines bisschen bei Montessori und fahren mit unserem Lütten extrem gut damit, ich kenne aber einige Kinder bei denen ich selber der Meinung bin dass das was wir machen nicht gut funktionieren würde.

        Ich habe inzwischen auch meine Meinung zu den Reformpädagogik-Schulen geändert, früher fand ich die alle nicht gut, heute denke ich mir wenn man merkt dass sein Kind eh nicht studieren wird und eher z.B. einen kreativen Laufweg einschlagen wird, und in der Regelschule nur noch am Kämpfen ist, warum nicht auf eine der alternativen Schulformen.

        LG
        Pikku

      31.03.17 - 20:58

      Hallo,

      ich denke, daß solche erziehungsfreien Konzepte alle Jahre wieder mit neuem Namen aus der Mottenkiste geholt werden, hat hauptsächlich zwei Gründe.

      Der eine Grund ist, dass die Idee, dass man Kinder ohne Konflikte mit ihnen, allein durch Vorleben und Erklärungen erziehen kann, grundsätzlich ziemlich attraktiv ist.

      Der andere Grund ist, dass viele Menschen aus Prinzip glauben, dass die Generationen vor ihnen nicht so fähig waren, wie sie selbst. Die waren engstirnig, dumm, altmodisch, weltfremd usw. und die aktuelle Generation kann es eben einfach besser.
      Das ist nicht nur im Bereich Erziehung so.

      Diese Menschen merken gar nicht, wie dumm sie selbst sind, weil sie genau den gleichen Mist machen, an dem schon die Generationen vor ihnen gescheitert sind, was sie auch gewusst hätten, wenn sie es nicht für unter ihrer Würde gehalten hätten, sich (in diesem Fall hier) mit der Geschichte von Erziehungsmethoden zu befassen.

      Diesen preußischen Erziehungsstil, gegen den diese Leute heutzutage immer noch meinen, Sturm laufen zu müssen, gibt es gar nicht mehr, oder nur noch in absoluten Einzelfällen. Den gab es schon in meiner Kindheit kaum noch. (Ich bin Jahrgang 1975.)
      Auch damals war man in der modernen Pädagogik schon der Meinung, dass Kinder eine eigene Meinung haben und äußern dürfen, und dass man sie nicht schlagen oder verbal fertig machen darf. Damals gab es auch schon Eltern, die ihre Kinder nur sanft besäuselten und mit Erklärungen verfolgten, wenn die nicht hören wollten und, im Extremfall, gab es eben auch die Antiautoritäre Erziehung (die damals genauso wenig funktionierte, wie heute mit neuem Namen).

      Ich erziehe ungefähr so, wie meine Eltern und nach Bauchgefühl. Ich bin sogar strenger als meine Mutter, weil ich der Meinung bin, dass der lange Zügel mir damals nicht gut getan hat.
      Kinder brauchen Grenzen. Die sorgen nicht nur dafür, dass man nicht irgendwann Trump Junior im Haus hat, sondern auch dafür, dass das Kind einen sicheren Bereich hat, in dem es weiß, was richtig und was falsch ist, und so Selbstbewußtsein entwickeln kann.
      Dass das nicht ohne Konflikte funktioniert, ist klar. Aber das ist normal.
      Dass man seine Kinder dabei nicht total unterdrückt, sondern dass sie, in gewissem Rahmen, mitentscheiden dürfen, ist auch klar.
      Wenn ich mir unsere Kinder (7 und 9) angucke, kann unser Erziehungsansatz so falsch nicht sein. ;-)

      Ehrlich gesagt, ist mir ziemlich egal, was irgendwelchen Leuten alle Jahre wieder an (angeblich neuen) Erziehungsmethoden einfällt.

      Für Kinder wird sowieso niemand jemals DIE Bedienungsanleitung finden, wie für eine Waschmaschine. Was bei dem einem Kind funktioniert, klappt beim nächsten überhaupt nicht. Da muss jede Familie mit ihren individuell verschiedenen Kindern die richtigen Wege finden.

      Allerdings bin ich mir bei der Antiautoritären Erziehung sich, dass die keinem Kind gut tut.
      Ich kenne eine Jugendliche, die im Kindergarten- und frühen Grundschulalter grenzenlos erzogen, und zugleich sehr behütet wurde. Im Kindergarten- und Grundschulalter war sie das unmöglichste Kind, was mir je begegnet ist. Dann hat die Mutter doch mal mit dem Erziehen angefangen, weil sie das Kind selbst nicht mehr ertragen konnte. Das Mädchen kann sich heute benehmen, aber sie ist ein zutiefst unsicherer Mensch und kommt in Gruppen von Gleichaltrigen nicht zurecht.

      LG

      Heike

      • 02.04.17 - 08:36

        Ich denke, du irrst dich. Dass Dinge immer mal wieder neu aufkommen hat denke ich nichts damit zu tun, dass wir vergessen, dass andere schon damit gescheitert sind.

        Ich denke, bei jeder guten Idee gibt es immer ein paar intelligente Vorreiter und auch einige ebenfalls intelligente Nachahmer, die das Konzept gut umsetzen können oder sogar noch bereichern. Und dann gibt es immer jede Menge Trittbrettfahrer, die nicht die nötige Intelligenz oder Geduld haben, um ein Konzept so richtig zu durchschauen und gut umzusetzen. Vielleicht sind sie auch gerade an dem letzten Konzept gescheitert sind, das sie nachahmen wollten oder vielleicht passen die anderen möglichen Ideen noch schlechter zu ihren Fähigkeiten. Jedenfalls klammern sie sich jetzt an die neue Idee und versuchen, durch diese nun endlich ihr Heil zu finden. Diese setzen das Konzept dann entweder halbherzig oder übertrieben oder irgendwie anders falsch um und scheitern grandios. Und dann haben wir immer noch jede Menge skeptische Beobachter, die sich die Bewegung angucken und nach Fehlern suchen. Diese betrachten jedoch alle Anhänger der Idee als Gesamtheit und sehen dann natürlich vor allem die große Menge derjenigen, die die Idee eben nicht so gut umsetzen. Diesen Skeptikern schließen sich dann nach und nach all diejenigen an, die an der Idee gescheitert sind und wenn der Hype dann vorbei ist, ist fast allen klar: Das war total bescheuert. Übrig bleibt eine kleine Gruppe, die noch von der Idee überzeugt ist, aber nun weitgehend ungehört bleibt. Die schreiben vielleicht noch ein paar Bücher und sichern so, dass die Idee in der nächsten Generation ein Revival erfahren kann, mit neuem Namen, neuen Anhängern und vermutlich dem gleichen Ausgang.

        Das macht eine gute Idee aber nicht schlecht, die Menschen müssen einfach nur etwas cleverer werden ;-)

        Im Bereich Attachment Parenting / unerzogen / freilernen treffe ich zum Beispiel relativ viele Eltern, die sich vermutlich diesen Ideen zugewendet haben, weil sie ihren Kindern nicht so gerne Grenzen aufzeigen wollen. Ich erlebe dort glückliche, kreative, selbstbewusste, aber auch wirklich unhöfliche Kinder. Kinder von 7-12, die in einen Raum voller Erwachsener, die gerade eine Art Meeting haben, hereinplatzen und nörgelnd, laut und gebieterisch verlangen, dass die Eltern jetzt mit ihnen spielen kommen. Und Eltern, die dem nachkommen. Ich würde mich so von meiner Tochter nicht behandeln lassen. Ich messe einem Meeting eine höhere Priorität bei als einem Spiel. Das wird meine Tochter entweder verstehen oder ich werde es ihr mitteilen. Dass die anderen Eltern das anders praktizieren, heißt aber nicht, dass dies nun unbedingt Bestandteil der unerzogen-Idee ist, sondern eher, dass sich vor allem diese Eltern, die Probleme damit haben, ihre eigenen Grenzen zu verteidigen, von der Idee angezogen fühlen.

        Bei der unerzogen-Idee geht es durchaus darum, seine eigenen Grenzen zu wahren. Was man nicht tun soll, ist, dem anderen Grenzen aufzuzwingen, die willkürlich gesetzt sind. Das zu verstehen, dazu ist jedoch nicht jeder in der Lage.

        Beispiel: Das Kind möchte abends nicht schlafen, sondern mit mir spielen. Ich als Elternteil bin jedoch müde.

        Herkömmliche Erziehung: Das Kind muss schlafen gehen.

        Unerzogen: Ich gehe schlafen und das Kind darf selbst entscheiden. Sicherheit muss natürlich gewährleistet sein (je nach Alter des Kindes)

        Menschen, die ihre Kinder nicht weinen sehen wollen: Spielen solange weiter, bis das Kind bereit ist, zu schlafen.

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