Kolumne "Mamma mia": Hölzern und schön leise

Italias Sehnsucht nach deutschem (Holz-)Spielzeug

In ihren Kinderzimmern mögen es italienische Familien wie auf ihren Festen: schrill, laut und bunt. Da sollte man nicht meinen, dass sich auch nur ein einziger Italiener nach langweiligem, vollhölzernen und keinerlei Geräusch produzierenden Spielzeug "prodotto in Germania" sehnt. Tut er aber, wie urbia-Autorin Julia Rubin weiß.

Autor: Julia Rubin
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Laufräder aus Holz - wie schön!

Serie Mamma Mia: Italienisches Spielzeug
Foto: © Julia Rubin

Als wir das erste Mal mit unseren Kindern in der Turiner Innenstadt unterwegs waren, da hatte ich das Gefühl, dass wir nicht auffallen im Trubel all der Menschen um uns her. Wir fuhren ein Auto mit italienischem Kennzeichen, waren ähnlich gekleidet wie die Italiener, unsere Kinder unterhielten sich auf Italienisch. Es wäre alles normal gewesen – hätten wir nicht die hölzernen Laufräder dabei gehabt. Mit denen sausten unsere beiden großen Söhne durch die Turiner Fußgängerzone – breit grinsten sie unter ihren Helmen hervor und genossen dabei all die italienischen Begeisterungsrufe der Spaziergänger: „Ma dai – guarda, che carini!“ (Schau doch mal, wie süß!) oder „bici in legno – che belle“ (Fahrräder aus Holz -  wie schön!). Ich weiß nicht, wie oft wir schon gefragt worden sind, wo wir diese Holz-Laufräder herhaben und in wie viele enttäuschte Gesichter ich blicken musste, als ich antwortete: „Aus Deutschland!“  Und dieses Erlebnis in der Turiner Innenstadt sollte nur der Anfang einer Serie sein, in der ich von Italienern nach der Herkunft unserer Kinderausstattung oder Spielzeugs gefragt wurde. Und immer wieder mit der gleichen Antwort: „Preso in Germania – hab ich aus Deutschland.“

Batteriebetriebene, singende Kugelbahn

Italienisches Kinderspielzeug spiegelt genau das wider, was ich auf den italienischen Kindergeburtstagen und bei italienischen Familien erlebt und gesehen habe: am liebsten bunt und laut. Mit Musik, mit Geräuschen. Die  Kugelbahn unserer italienischen Freunde läuft mit Batterie und sie fängt an, (laut) zu singen, wenn der Ball das Loch trifft: „DAM-DI-DI-DA-DI-DI-DIII“. Unsere Kugelbahn (prodotto in Germania) ist aus Holz und wenn die Scheibe langsam die Bahn runterkullert, bimmelt ein kleines Glöckchen – hach, wie sanft und leise. Als Leo mit den ersten Gehversuchen begonnen hat, bekamen wir von unseren Freunden „Lauflern-Hilfen“ ausgeliehen. Aus Deutschland gab es eine schwere, robuste Lokomotive komplett aus Holz – die „Lauf-Lern-Lok“. Der einzige Krach, den sie macht, kommt von den Rädern, die über unseren Fliesenboden rattern. Unsere italienischen Freunde liehen uns ein ein quietschbuntes „Schiebeding“ aus Plastik, sieht aus wie ein „Rollator“ für kleine Kinder. Und der macht nicht nur Krach auf dem Fliesenboden, sondern auch unterschiedliche Musiken, je nachdem, wie schnell und in welche Richtung Leo ihn bewegt. (Leo schiebt ihn am liebsten, wenn ich ihm vorher gezeigt habe, dass die Musik ausgestellt ist.) Italiener lieben es eben laut. Wie es scheint, auch beim Spielzeug.

"Wo habt Ihr das nur her?"

Natürlich gibt es hier in Turin und Umgebung auch (einige wenige) Spielzeugläden mit schönen Holzspielsachen. So etwas ist dann in aller Regel - „prodotto in Germania“  - von Haba, Spiegelburg und Sigikid und entsprechend teurer als in Deutschland. Ähnlich ist es mit den Preisen für Spielzeug von Lego und Playmobil. Und die Auswahl ist längst nicht so groß. Deshalb haben wir bei unserem letzten Deutschland-Aufenthalt auch einen Vorrat an Kindergeschenken mitgebracht, die unsere Kinder bei den Geburtstagsfeiern verschenken: Lego-Sets, Playmobilfiguren, Knister- und Schaumbad, Malseife, (sogar mit italienischer Anleitung!), – das sind die aktuellen Renner. Und wir ernten hier in Italien immer wieder die gleiche Reaktion: „Ma, dove l'hai trovato?  (Wo hast Du das denn gefunden?) und immer wieder:  „In Germania!“ und enttäuschte italienische Gesichter.  Die Phase der Bewunderung über all das schöne Spielzeug (und das Bedauern, dass so etwas in Italien  nur schwer zu finden ist) begleitete uns in unserem ersten Jahr hier in Italien. Danach kannten wir die Menschen um uns herum besser, und es folgte die zweite Phase – die „Julia-könntest-Du-mir-vielleicht-etwas-mitbestellen-Phase“.

Haba-Bausteine in Turiner Kinderzimmern

Denn unsere italienischen Freunde haben nämlich ziemlich schnell rausgefunden, dass die Menge des Spielzeugs unsere Kinder nicht unbedingt zusammenpasst mit der Anzahl unserer Deutschland-Aufenthalte. Also habe ich es erklärt: Nein, ich habe kein neues Spielzeuggeschäft in Turin entdeckt, sondern ich bestelle Spielsachen über das Internet in Deutschland und lasse sie mir nach Italien schicken: Schaukel, Spielhaus, Planschbecken, Kaufladen. Einkaufen im Internet   - für die meisten Menschen hier ist das noch immer absolutes Neuland. Die Italiener, die ich kennengelernt habe, wollen die Ware sehen, sie fühlen, anprobieren, sie wollen mit Giovanni oder Luigi hinter dem Tresen reden, beobachten, wie er die Ware erstens anpreist, zweitens verkauft und dann drittens einpackt. Der Anonymität des Internets trauen sie nicht. („Was mache ich, wenn das Spielzeug kaputt geliefert wird?“ „Einfach zurückschicken!“ „Das funktioniert doch nie im Leben!“) Seitdem ich aber das Internet als (vertrauenswürdige und funktionierende) Quelle der Kinderspielsachen publik gemacht habe, sind die Spielzeug und Kleider-Lieferungen, die zu mir nach Turin geschickt werden, deutlich größer geworden. Unsere italienischen Freunde trauen sich noch nicht, selbst zu bestellen, aber sie sind voller Begeisterung,  dass man Kinderzimmer ausstatten kann, ohne in ein Geschäft gehen zu müssen. Und so sehe ich deutsche Matschkleider an italienischen Kindergartenkindern, Lederschlappen an kleinen italienischen Babyfüßen, Haba-Bausteine in Turiner Kinderzimmern und morgens begrüßen mich bunte „Achtung, spielende Kinder“-Schilder (siehe Foto) aus einem deutschen Spielzeugkatalog auf dem Parkplatz unseres italienischen Kindergartens. Kinderprodukte aus Deutschland, mitten in Italien  - ein Stück Heimat!

P.S.: Sollte ich wider Erwarten doch noch ein paar Jahre länger hier in Italien leben, dann würde ich vielleicht Phase drei in Angriff nehmen: Ich eröffne ein Geschäft mit Kinderspielzeug: Laufräder, Kaufläden, Lauflernloks, usw. Dort preise ich erstens all die schönen Sachen an,  verkaufe sie zweitens und packe sie drittens auch noch persönlich ein. Denn in meinem Spielzeuggeschäft würde ich hinter dem Tresen stehen, mich „Giulia“ statt „Julia“ nennen und dann doch hoffen, dass die Italiener auch weiterhin lieber in Geschäften statt im Internet einkaufen.

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