Wenn das Kind verunglückt

Im Notfall: Hilfe statt Panik

Wenn ein Kind verunglückt ist, reagieren wir leicht mit Panik und Unsicherheit. In Erste-Hilfe-Kursen für Eltern erfahren Sie, was im Notfall zu tun ist. urbia-Autorin Gabriele Möller hat einen Kurs besucht.

Autor: Gabriele Möller
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Baby in "Lebensgefahr"

Frau Babypuppe Erste Hilfe iStock pryzmat
Foto: © iStockphoto.com/ pryzmat

Das Baby liegt bewusstlos am Boden. Ich verliere keine Zeit und untersuche rasch, ob sich keine Gegenstände oder Erbrochenes im Mund befinden. Nichts zu sehen. Jetzt biege ich den Kopf des Kindes ganz leicht nach hinten, damit die Zunge das Luftholen nicht blockiert, lausche und fühle. Keine Atmung. Ich fühle den Oberarmpuls des Babys und lege mein Ohr auf seine Brust, auch das Herz schlägt nicht. Sofort beginne ich mit Herzdruckmassage und Atemspende. Bei meinen eiligen Bemühungen werde ich interessiert beobachtet von neun Müttern und Vätern, die keineswegs aufgeregt im Kreis um mich herum sitzen. Es besteht auch kein Grund zur Panik, schließlich ist das Baby, das ich gerade "wiederbelebe", nur aus Kunststoff.

Jedes fünfte tödlich verunglückte Kind könnte noch leben

Jedes fünfte tödlich verunglückte Kind – so wird geschätzt – könnte noch leben, wenn die anwesenden Erwachsenen Erste Hilfe geleistet hätten. Grund genug für mich und meinen Mann, einen Erste-Hilfe-Kurs für Eltern zu besuchen. Denn bei Kindern hilft auch das im Führerscheinkurs Gelernte nicht viel weiter: Die Hilfsmaßnahmen unterscheiden sich sehr von denen an Erwachsenen.

"Da will ich lieber gar nicht drüber nachdenken" – so versuchen viele Eltern, mit ihrer Angst vor einem Unfall ihres Kindes umzugehen. Ob aber nun Verkehrs- oder Ertrinkungsunfall, Sturz, Verbrennung oder Schnittwunde: Die Furcht davor kriegt man viel besser in den Griff, wenn man weiß, was im Fall der Fälle zu tun ist. Und trotz allen Entsetzens und aller Panik: Eltern, die Erste Hilfe gelernt haben, wenden sie auch an, wie die Erfahrung zeigt. Das große Zittern kommt meist erst hinterher, wenn das Kind sicher im Krankenhaus oder in ärztlicher Obhut ist.

Ein Mundvoll Luft reicht schon aus

Bernd Stumpf von der Johanniter Unfallhilfe Ennepetal beobachtet inzwischen meine Wiederbelebungsbemühungen mit kritischem Blick. Die 15 schnellen Herzdruckmassagen mit Zeige- und Mittelfinger funktionieren schon ganz gut. Dann möchte ich dem ungerührt wartenden Plastik-Baby die jetzt nötigen drei Male Luft einhauchen, aber nichts rührt sich. "Der Kopf des Babys ist zu weit nach hinten gebogen", verrät mir der Übungsleiter schließlich geduldig. Hm, blöd, das ist mir gar nicht aufgefallen. Also nochmal: Babykopf in "Schnüffelstellung" gebracht, also nur ganz minimal in den Nacken geschoben und nicht so stark überstreckt, wie dies bei einem Erwachsenen notwendig wäre. Wieder vorsichtig in Mund und Nase gepustet, jetzt klappt’s, der Brustkorb der Babypuppe dehnt sich. Ich wundere mich, wie wenig Atem in die Babylunge passt. "Ein Mundvoll Luft reicht schon aus", erklärt Stumpf. Auch andere Teilnehmer müssen ein wenig "basteln", bevor Herzdruckmassage und Beatmung klappen. Vor allem die Schnelligkeit der Herzdruckmassage ist ungewohnt und bereitet Probleme: 100 bis 120 mal sollte der Herzdruckpunkt bei einem Säugling pro Minute massiert werden.

Hätten Sie’s gewusst?

Doch wir lernen nicht nur, mit Bewusstlosigkeit und Atem- sowie Herzstillstand eines Kindes umzugehen. Auch leichte und schwere Verbrennungen, Knochenbrüche, Giftunfälle im Haushalt, allergische Schocks, Krampf- und Erstickungsanfälle, Unterkühlungen oder Überhitzungen, das Einatmen von Rauch oder Gas sowie Elektrounfälle werden behandelt. Dabei gibt es manche Überraschung: Oder hätten Sie gewusst, dass man ein ein unterkühltes Kind (z.B. nach Einbruch ins Eis) eben nicht schnellstmöglich mit Heizdecke oder heißem Bad wieder erwärmen darf? Weil es nämlich dann noch mehr auskühlt, denn der auf die lebenswichtigen Organe konzentrierte, sehr reduzierte Kreislauf wird hierdurch zu rasch angekurbelt. Kaltes Blut aus Armen und Beinen fließt in die lebenswichtigen Organe, bevor es sich genug erwärmt hat.

Oder dass man umgekehrt ein Kind, das überhitzt ist, nicht mit eiskaltem Wasser zu schnell abkühlen darf, weil dann ein Kreislaufkollaps droht? Dass man herausgeschlagene Zähne keimfrei einpacken, mit ins Krankenhaus nehmen und wieder einpflanzen kann? Dass man im Körper steckende Gegenstände (wie große Metall- oder Glasstücke) lieber fixieren, als herausziehen soll, weil das Herausziehen noch größeren Schaden anrichten oder eine bisher blockierte, aber angeschnittene Schlagader freisetzen kann? Dass ein Kind einen Ertrinkungsunfall in kaltem Wasser – mit richtiger Erster Hilfe - auch nach 20minütigem Herzstillstand fast unbeschadet überleben kann? Dass auch relativ harmlose und kleine Verletzungen schon einen (immer gefährlichen) Schock herbeiführen können? Dass so ein Schock aber wiederum auch durch Blutungen aus einem gebrochenen großen Knochen ins Gewebe ausgelöst werden kann, auch wenn man von außen kein Blut sieht?

Jeder, der Kinder beaufsichtigt, ist angesprochen

Für uns Kursteilnehmer steht jedenfalls fest: Auch wenn wir hoffen, dass wir das Gelernte nie werden anwenden müssen, fühlen wir uns durch die Übungen und vermittelten Informationen für kleine und große Unfälle unserer Kinder besser gerüstet – und haben weniger Angst davor als vorher. Doch nicht nur Eltern sollten sich zu einem solchen Kurs entschließen und ihn regelmäßig nach einiger Zeit wieder auffrischen. Auch Kindergartenpersonal, Lehrer, Trainer in Sportvereinen und alle anderen, die Kinder beaufsichtigen, sind dringend gefordert. Schließlich verbringen unsere Kinder oft mindestens den halben Tag unter fremder Aufsicht.

Wo gibt’s Kurse?

Erste-Hilfe-Kurse für Eltern von Babys, Klein- und älteren Kindern bieten die örtlichen Hilfsorganisationen (z.B. Johanniter Unfallhilfe), aber auch manche Kinderarztpraxen an. Da nicht alle Organisationen die Kurse immer im Angebot haben, muss man meist bei mehreren nachfragen. Wer sich mit anderen Eltern (z.B. aus Krabbelgruppe, Kindergarten oder Schule) zusammen tut, kann mit den Übungsleitern einen eigenen Kurs verabreden. Das geht meist schneller, als sich auf eine Warteliste setzen zu lassen, bis die Teilnehmerzahl für einen Kurs ausreicht.

Literatur

Christoph Scholz: Erste Hilfe bei Kindern – Lebensrettende Sofortmaßnahmen bei Notfällen für Eltern und Erzieher, Hofmann-Verlag, Augsburg 1995, (Erste-Hilfe sollte man jedoch nicht nur aus Büchern lernen, die Literatur ist lediglich eine Ergänzung zu einem Kurs).



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