Die neuen U10, U11 und J2

U-Untersuchungen: Häufiger zum Kinderarzt?

Bisher gibt es zehn U-Untersuchungen für Kinder, die von den Kassen übernommen werden. Nun werden drei weitere "Us" für das Alter von sechs, neun und 17 empfohlen. Was untersucht wird, für wen das sinnvoll ist und wer sie bezahlt, erfahren Sie hier.

Autor: Gabriele Möller
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Drei neuen Untersuchungen

Kind beim Arzt

Etwa jedes fünfte Kind in Deutschland ist übergewichtig, manche Kinder können keine drei Schritte auf einem Balken balancieren und haben noch nie einen Baum erklommen. Viele sitzen stattdessen täglich stundenlang vor Computer, Spielkonsole oder Nintendo DS. Kinder leiden zunehmend an Konzentrations- oder Verhaltensstörungen und motorischer Unruhe, aber auch an körperlichen Erkrankungen wie Haltungsschäden, Allergien, Alters-Diabetes. Solche Fehlentwicklungen sollen jetzt früher erkannt und gebremst werden. Seit dem letzten Jahr gibt es drei neue U-Untersuchungen: Die U10, die U11 und die J2. Was sie genau beinhalten, ob sie für jedes Kind Sinn machen, was sie kosten und welche Krankenkassen die Kosten übernehmen: urbia gibt einen Überblick.

  • U10 (6 bis 7 Jahre): Check auf ADHS und Legasthenie
  • Die U10 wurde, wie auch die anderen neuen U-Untersuchungen, vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) entwickelt. Sie soll die bisherige Lücke zwischen U9 (mit 5 Jahren) und J1 (mit 12 bis 14 Jahren) schließen. Bei der U10 sollen vor allem Entwicklungsstörungen des Kindes erkannt werden. Hierzu gehören zum Beispiel die Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) und die Rechenschwäche (Dyskalkulie), aber auch Probleme in der motorischen Entwicklung sowie Verhaltensstörungen und ADHS (= Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung).

  • U11 (9 bis 10 Jahre): Schulstress, Sozialverhalten, Medienkonsum im Fokus
  • Bei der neuen U11 richtet der Kinderarzt sein Augenmerk besonders auf das Sozialverhalten eines Kindes, zum Beispiel in der Schule. Er erfragt auch, ob es Leistungsstörungen oder Verhaltensauffälligkeiten gibt, oder ob das Kind Symptome und Beschwerden hat, die durch Stress und Überforderung verursacht sein könnten. Danach kommt der Medienkonsum des Schulkindes auf den Prüftisch. Der Kinderarzt gibt Tipps für richtigen Umgang mit Medien, aber auch über den täglichen Bedarf eines Kindes an Bewegung und die Wichtigkeit von regelmäßigem Sport. Neben Tipps zur Ernährung wird bei dieser U-Untersuchung auch bereits mit dem Kind über die Gefahren von Alkohol, Zigaretten und Drogen gesprochen.

  • J2 (17 bis 18 Jahre): Was junge Erwachsene bewegt
  • Die J2 knüpft an die J1 (12 bis 14 Jahre) an und schließt die Lücke zwischen Pubertät und Erwachsenenalter. Jetzt wird vom Kinder- und Jugendarzt möglichst sensibel über Themen wie Sexualität und Verhütung, aber auch über Ängste und Störungen in diesem Bereich gesprochen. Außerdem geht es noch einmal um eventuelle Probleme im Umgang mit anderen (Sozialverhalten) und um Verhaltensstörungen (wie beispielsweise Rückzug, zu wenige Freunde und Kontakte, aber auch aggressives Verhalten etc.). Der Arzt redet mit dem Jugendlichen auch über dessen Vorstellungen von der Zukunft und die anstehende Berufswahl. Auch Rückenprobleme und Haltungsstörungen werden wieder ins Zentrum der ärztlichen Aufmerksamkeit gerückt, zusammen mit Tipps für ein gesundes Alltagsverhalten (Sport, Ernährung).

"U" Untersuchungen: Kinderarzt wirbt für Neuerungen

Die neuen „U’s“, die vom Berufsverband der Kinderärzte entwickelt wurden, werden nicht von allen niedergelassenen Kinderärzten angeboten. Dennoch empfehlen die meisten Ärzte die neuen Screenings: „Gerade die Untersuchung in der 2. Klassenstufe finde ich eminent wichtig. Denn da sind ja oft viele Probleme zu klären wie Schulerfolg, Aufmerksamkeit, weitere Schulplanung“, betont der aus TV und Internet bekannte Kinderarzt Dr. Andreas Busse. „Diese Untersuchungen sollte man notfalls auch selber bezahlen und dann versuchen, die Rechnung bei der Kasse einzureichen. Dies hilft dabei, dass immer mehr Kassen sich entschließen, endlich auch für die Kinder etwas zu tun. Bis dahin hilft nur, mit den Füßen abstimmen und eine familienfreundliche Kasse wählen“, rät der Kinderarzt. Und auch der Pädiater Christoph Daffner aus Nürnberg bietet die neuen Untersuchungen an: „Hier können frühzeitig Störungen entdeckt und entsprechend behandelt werden. Wie immer gilt auch hier die Devise: Je früher Fehlentwicklungen entdeckt werden, umso besser können wir sie behandeln.“

Warum nicht alle Kassen bezahlen wollen

Trotz der von den Kinderärzten behaupteten Vorteile: Nicht alle Krankenkassen bezahlen die neuen U-Untersuchungen. Was auf den ersten Blick unverständlich erscheint, ist bei genauerem Hinsehen nicht ganz so einfach zu bewerten: „Damit ein solches Screening wirklich Sinn macht, müssen ja zuvor bestimmte Grenzwerte festgelegt werden. Man muss also definieren: Was ist noch normal, ab wann handelt es sich um eine Störung“, wendet Kristine Reis-Steinert, Sprecherin des Gemeinsamen Bundesausschusses, im urbia-Gespräch ein. „Denn nur, wenn das möglichst genau definiert ist, kann man bestimmen, ab wann eine Behandlung notwendig wird, und wie diese aussehen muss. So eine Festlegung ist bei vielen Inhalten der neuen Untersuchungen aber schwer“. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) ist das oberste Beschlussgremium von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Deutschland. Er bestimmt in seinen Richtlinien, welche Leistungen von den Kassen erstattet werden.

Untersuchungen können auch verunsichern

Angesichts der Schwierigkeit, genau festzulegen, was noch normal ist und was nicht, würden neue Screenings (U-Untersuchungen) oft zu einseitig positiv wahrgenommen, so Reis-Steinert, denn „solche zusätzlichen Untersuchungen können Eltern auch unnötig verunsichern.“ Auch eine weitere Voraussetzung für eine zuverlässige U-Untersuchung ist momentan noch nicht immer erfüllt: Die Kinderärzte müssten nach Einführung einer neuen Untersuchung, die auch fest im Leistungskatalog der Versicherungen verankert würde, erst einmal zusätzlich qualifiziert werden, denn: „Nicht jeder Kinderarzt ist zum Beispiel Fachmann auf den Gebieten ADHS, Legasthenie oder Dyskalkulie“, so die GBA-Sprecherin.

Neue U-Untersuchungen bleiben Außenseiter

Der Gemeinsame Bundesausschuss überarbeitet zwar derzeit seine Richtlinien für die Programme der Kinder-Früherkennung (= U-Untersuchungen). Diese Überarbeitung bezieht sich jedoch nur auf die bisherigen U-Untersuchungen. Es ist momentan nicht geplant, neue U-Untersuchungen mit aufzunehmen, so Reis-Steinert. Weil die neuen Untersuchungen also zumindest in näherer Zukunft nicht Teil des verpflichtenden Leistungskatalogs sein werden, halten sich viele Krankenkassen bei der Kostenübernahme zurück (Übersicht über die Kassen, die bezahlen, s. Serviceteil). Versicherte, deren Kassen die Kosten nicht im Rahmen der normalen Abrechnung tragen, können bei ihrer Kasse nachfragen, ob die Kosten freiwillig übernommen werden. Wer damit bei seiner Krankenkasse kein Glück hat, muss nach der Gebührenordnung zwischen ca. 50 Euro (U10) und 65 Euro (U11 und J2) berappen. (Am Rande sei noch bemerkt: Die U 7a (3 Jahre), die ebenfalls noch recht neu ist, ist anerkannter Bestandteil des Leistungskataloges und wird von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen bezahlt.)

Eltern sind zurückhaltend

Eltern müssen also selbst abwägen, ob sie die neuen „U’s“ nutzen und notfalls bezahlen möchten, oder nicht. Bei einem Blick in die diesbezüglichen Diskussionen in Online-Elternforen wird klar: Die meisten Eltern möchten die neuen Screenings nur wahrnehmen, wenn sie bei ihrem Kind Auffälligkeiten feststellen – oder wenn die eigene Krankenkasse die Untersuchungen bezahlt. „Ich denke, wenn man etwas bemerkt bei seinem Kind, kann man immer noch einfach so zum Arzt gehen. Die neuen U’s sind wohl Geldmacherei“, so eine Stimme aus einem Mütterforum. Eine andere Userin formuliert es ähnlich: „Wenn meine Kasse die Untersuchung bezahlen würde, würde ich hingehen, wie ich es bei den anderen U-Untersuchungen ja auch mache. Aber so.... nein! Wenn ich ein Problem sehe bei meinem Kind, geh’ ich einfach zum Kinderarzt - und dann bekommt es auch die Behandlung, die es braucht – oder ich die entsprechende Beratung“. „Wir haben gerade einen Termin für die U10 ausgemacht. Unsere Krankenkasse hatte uns sogar angeschrieben, dass sie die Kosten übernimmt. Ich erwarte nicht, dass unsere Kinderärztin spezielle Dinge wie Dyskalkulie oder Ähnliches erkennt. Aber eine grobe Einschätzung zur derzeitigen Entwicklung meiner Tochter wird sie sicher abgeben, und das genügt mir“, so eine weitere Forumsteilnehmerin. Mehr können Eltern offenbar oft auch nicht erwarten: „Ich war mit meinen Kindern bei der U10 und der U11, da unsere Krankenkasse das zahlt. Ich würde dafür definitiv kein Geld ausgeben, denn die Vorsorge in Punkto Legasthenie oder Dyskalkulie sah folgendermaßen aus: "Und wie geht es ihrer Tochter in der Schule? Gibt es irgendwelche Auffälligkeiten?" Als ich sagte, ‚Nein, ich denke nicht’, war das Thema abgehakt!“, beschreibt eine andere Userin ihre Erfahrungen.

Service:

Übersicht über die Krankenkassen, die die Kosten für die neuen U-Untersuchungen übernehmen


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