Besser Beratung statt Beipackzettel

Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit

Richten sich Schwangere und Stillende nach Beipackzetteln, dürften sie besser nie krank werden, sollen sie doch unzählige Medikamente nicht nehmen, um ihr Baby nicht zu gefährden. Wie hoch ist dieses Risiko wirklich? Was sind häufige Fehler? Und was sollte frau im Zweifelsfall tun?

Autor: Kathrin Wittwer
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Schade ich meinem Baby mit diesem Medikament?

Frau Apotheker Beratung
Foto: © iStockphoto.com/ mangostock

„Der Beipackzettel ist ein großes Problem“, sagt Hans-Erik Meyer. Der Apotheker aus Scheeßel zwischen Hamburg und Bremen hat sich auf Mütter und Kinder spezialisiert. Fragen wie „Schade ich meinem Baby, wenn ich dieses oder jenes Medikament einnehme?“ hört er täglich – aus guten Gründen, wie er findet: „Frauen sind sensibler geworden mit sich, vor allem in der Schwangerschaft. Alles wird in Frage gestellt, über alles sich informiert. Das ist an sich super. Leider gibt es aber auch viele Pseudoinformationen. Und Verunsicherungen.“ Vor allem eben durch den Beipackzettel, der – gewöhnlich aus rechtlichen Gründen – davon abrät, jenes Medikament in Schwangerschaft oder  Stillzeit zu nehmen.

Schmerzmedikamente während der Schwangerschaft und Stillzeit?

Pro und Contra von Schmerzmitteln: ASS, Paracetamol und Ibuprofen

Das Problem bei der Selbstmedikation von Schmerzmitteln in der Schwangerschaft ist ihre Rezeptfreiheit: Da liegt die Versuchung nahe, Kopfschmerzen oder Fieber mal eben schnell mit ASS, Paracetamol und Ibuprofen aus der Apotheke zu kurieren. Der Bundesverband der Frauenärzte empfiehlt Frauen deshalb folgenden Umgang damit:

  • Acetylsalicylsäure (ASS) ist eines der beliebtesten Schmerzmittel bei Kopfschmerzen und Fieber. Doch es hemmt die Blutgerinnung und führt zu Blutverlust bei Verletzungen und unter der Geburt. Bei Frühgeborenen, deren Mütter kurz vor der Geburt ASS eingenommen haben, finden sich häufiger Blutungen im Gehirn - doch nur bei einer Einnahme von 500 mg pro Tag und darüber. In geringer Dosis von 50 oder 100 mg pro Tag wird ASS erfolgreich bei Schwangeren mit drohender Präeklampsie (eine Form der Gestose) eingesetzt. Fehlbildungen des Embryos sind nach einer ASS-Einnahme in der Schwangerschaft nicht zu befürchten
  • Paracetamol wird in der Schwangerschaft am häufigsten verwendet. Es wirkt gut gegen Fieber und hat keine negativen Auswirkungen auf die Schwangerschaft und auf den Embryo, wenn es nur selten eingenommen wird und nicht über einen längeren Zeitraum
  • Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac gehören zu den "nicht-steroidalen Entzündungshemmern". Während Naproxen während der gesamten Schwangerschaft nicht erlaubt ist, ist die Einnahme von Ibuprofen und Diclofenac während der ersten Schwangerschaftshälfte unproblematisch. In der zweiten Hälfte können sie jedoch schon in geringer Dosierung beim Baby zu Herzfehlern und Nierenversagen führen. Bei Schwangeren, die wegen einer Rheuma-Erkrankung Dicolfenac nehmen müssen, kontrolliert der Arzt deshalb regelmäßig Herz und Kreislauf des Babys

Reales Risiko geringer als Ängste

Dabei besteht meist keine große Gefahr: „Das reale Risiko von Schädigungen des Kindes durch Arzneimittel, die die Mutter nimmt, ist deutlich kleiner als die Ängste davor“, sagt Dr. med. Christof Schaefer von der Berliner Charité und erklärt: „Fehlbildungen kommen durchschnittlich bei etwa 3 bis 5 von 100 geborenen Kindern vor, das ist das sogenannte Basisrisiko. Von wiederum 100 Kindern mit Fehlbildungen sind diese nur bei 2 bis 4 durch äußere chemische oder physikalische Einwirkungen entstanden. Und dabei spielen Drogen und  Alkohol eine wesentlich größere Rolle als Medikamente. Diese machen insgesamt nur etwa ein Prozent aller angeborenen Fehlbildungen aus.“ Schaefer ist an der Charité Projektleiter einer außergewöhnlichen, vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Einrichtung: des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie. Das befasst sich mit der Verträglichkeit und Sicherheit von Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit, sammelt dafür seit 1988 Daten, wertet sie aus und gleicht sie mit denen ähnlicher Zentren weltweit ab. Ihr daraus erwachsenes Wissen, welche Mittel wann geeignet sind und was es bei der Dosierung zu beachten gibt, geben die Experten in Fachbüchern und im Internet unter www.embryotox.de an Ärzte und Apotheker weiter, per Telefon- und Onlineberatung auch direkt an (werdende) Mütter.

Erfahrung vs. Beipackzettel: Manchmal braucht es Mut zur Abweichung

Nach den Einschätzungen der Embryonaltoxikologen richtet sich auch Apotheker Hans-Erik Meyer, wenn Schwangere Rat suchen, vielleicht auch ein vom Arzt verschriebenes Präparat aufgrund des beunruhigenden Warnsatzes hinterfragen. „Bei manchen Schwangerschaftsbeschwerden wie Sodbrennen ist das einfach, da gibt es gängige zugelassene Mittel“, erzählt er. „Bei anderen muss man Mut haben, vom Beipackzettel abweichend nach embryotox-Empfehlungen zu beraten, wie bei Vaginalmykosen.“ Gegen diese Pilzinfektionen sind Nystatin und Clotrimazol geeignet, sagen die Wissenschaftler. Es braucht aber Einfühlungsvermögen bei der Beratung, weiß der Apotheker aus eigener Erfahrung – denn in den beiden Schwangerschaften seiner Frau, ebenfalls Apothekerin, hat er erlebt, dass man in solchen Situationen sogar als Fachleute alles doppelt hinterfragt. „Ob man es wagen kann, mit einer Frau über eine Medikation zu sprechen, die nicht dem Beipackzettel entspricht, hängt sehr davon ab, ob sie vorinformiert und vor allem selbstsicher ist.“ Dann lässt sich auch über Mittel wie Paracetamol reden: Weil es die Plazenta passiert und in die  Muttermilch übergeht, haben viele Angst ums Baby. Unbegründet, sagen aber die Wissenschaftler, Paracetamol sei unter Umständen eine gute Wahl bei Schmerzen. „Sehr unsicheren Frauen kann man das aber kaum vermitteln. Dann geht es darum, Alternativen zu finden, bei Kopfschmerzen etwa Präparate mit Pfefferminzöl zum Einmassieren auf den Schläfen“, erklärt Meyer.

Häufige Fehler: gar nicht behandeln oder Medikamente einfach absetzen

Unsicherheit und Ängste führen zu einem der häufigsten Fehler, die von kranken Schwangeren und Stillenden gemacht werden: Nämlich gar nichts tun. „Das ist nicht gut, da wird oft unnötig gelitten“, meint Meyer. Dr. Schaefer warnt ebenfalls vor Verzicht aus Angst: „Es gibt Erkrankungen, da ist eine Nichtbehandlung schlimmer als eine Medikation, etwa bei Diabetes, Schilddrüsenstörungen, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, einer Epilepsie, bestimmten Infektionen oder schweren psychischen Erkrankungen. Wenn die Mutter aus der Balance und verängstigt ist, bekommt das intrauterine Kind das mit, und das kann gravierendere Auswirkungen haben als ein Medikament. Langzeitstudien zeigen, dass Kinder mit drei, vier, fünf Jahren introvertierter und ängstlicher sind als Altersgenossen, wenn schwere psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft unzureichend behandelt werden. Ähnlich sieht es bei  Wochenbettdepressionen aus. Eisblock-Reaktionen der Mutter in dieser wichtigen Bindungsphase sind deutlich belastender.“ Deshalb sollten Frauen, die aus gutem Grund Medikamente nehmen, diese nicht abrupt mit dem positiven Schwangerschaftstest absetzen oder die Dosis reduzieren.

Langzeitmedikamente schon vor der Schwangerschaft einstellen

„Allgemeingültige Empfehlungen gibt es nicht“, so Schaefer. „Aber einfach abzusetzen kann die Symptome verschlimmern. Das muss immer besprochen werden. Auch, wenn man bei einem Medikament ein ungutes Gefühl hat oder Nebenwirkungen bemerkt.“ Und wenn der Arzt selbst nicht recht weiter weiß? „Dann sollte er in unseren Fachbüchern oder auf embryotox.de nachschauen oder uns anrufen.“ Trauen Schwangere dem ärztlichen Rat gar nicht, können sie direkt beim Beratungszentrum nachfragen. „Es gilt immer, sich weder wegen Warnungen verrückt zu machen noch im Umkehrschluss nachlässig mit Medikamenten umzugehen, sondern überlegt und ruhig zu handeln. Und sich, wenn möglich, schon vor einer Schwangerschaft mit den richtigen Medikamenten einzustellen, wenn eine Arzneitherapie unvermeidbar ist“, lautet Dr. Schaefers Prinzip.

Auch bei Bagatellen nicht eigenmächtig behandeln

Vermeiden sollte man hingegen einen weiteren Fehler: die eigenständige Medikamenteneinnahme. Zum einen, weil man als Laie die Symptome nicht immer richtig einordnet – selbst bei scheinbaren Bagatellen, warnt Hans-Erik Meyer: „Kopfschmerzen zum Beispiel können ab der 20. Schwangerschaftswoche ein Hinweis auf  Gestose sein, das sollte abgeklärt werden. Gleiches gilt für Harnwegsinfekte, die in Zusammenhang mit einem Frühgeburtsrisiko stehen.“ Zum anderen, weil man die Wirkung vieler Medikamente nicht im Detail kennt. So muss man etwa über Ibuprofen wissen, dass es das Mittel der ersten Wahl bei Schmerzen und Entzündungen ist – aber nur bis zur 28. Schwangerschaftswoche. „Danach dürfen Schwangere es nicht mehr nehmen, denn nun stellt sich der Kreislauf des Fötus langsam auf die Geburt ein, ist empfindlicher und kann geschädigt werden“, erklärt Dr. Schaefer.

Sind pflanzliche Alternativen besser?

Nun gibt es gegen so ziemlich alle Zipperlein, ob simple Erkältungen oder typische Schwangerschaftsbeschwerden wie  Übelkeit oder Verstopfung, auch natürliche und alternative Präparate. „Normalerweise empfehle ich die bevorzugt", sagt Hans-Erik Meyer. „Kommt aber eine Schwangere mit Husten, greife ich eher auf anerkannte ACC-Präparate als auf Globuli zurück, es sei denn, die Frau fragt gezielt danach und besitzt hier eine gewisse Patientenkompetenz." Denn pflanzliche Mittel sind für ihn in Schwangerschaft und Stillzeit aus rechtlichen Gründen ein etwas heikles Feld: „Das Problem ist, dass es zur Verwendung in diesen Phasen zwar viele positive Erfahrungen und retrospektive Daten gibt, aber kaum Studien."

Lieber Globuli als alkoholische Lösungen

Das nennt auch Dr. Christof Schaefer als zu bedenkenden Faktor, steht alternativen Behandlungen aber grundsätzlich offen gegenüber: „Voraussetzung ist allerdings eine fachkundige Beratung, denn auch Pflanzenmittel sind nicht automatisch sanft und harmlos." Außerdem rät er, lieber Globuli als alkoholische Lösungen zu nutzen, immer auf die Herkunft und Qualität der Mittel zu achten und sie niemals aus obskuren Quellen zu beziehen. „Es sind Einzelfälle, aber es gab schon Probleme, weil aus Indien importierte ayurvedische Medikamente mit massiven Bleimengen gestreckt waren." Über das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln sind sich Arzt und Apotheker übrigens einig: Folsäure (0,8 mg/Tag) muss bis zur 10. Schwangerschaftswoche sein, ein wenig Jod (0,2 mg/Tag) in der gesamten Schwangerschaft und Stillzeit. Alles andere ist überflüssig – wenn die Frauen sich gesund ernähren und verhalten.


Die wichtigsten Ratschläge zu Medikamenten in Schwangerschaft und Stillzeit

  • Verantwortungsvoll und besonnen mit Medikamenten umgehen: So wenig wie möglich – aber auch so viel wie nötig.
  • Medikamente stets nur in Absprache mit Arzt oder Apotheker nehmen.
  • Eine laufende (Langzeit)Medikation nie ohne Beratung absetzen oder reduzieren.
  • Ebenso wenig aus Angst ganz auf eine Behandlung verzichten.
  • Keine Medikamente, auch nicht natürliche Mittel, aus unsicheren Quellen kaufen.
  • Die Hotline des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité steht allen Ratsuchenden zur Verfügung: 030 – 20 308 111, Mo – Fr von 9 – 12:30 Uhr sowie 13:30 – 16:00 Uhr (außer mittwochs). Beratung auch online.
  • Das Portal www.embryotox.de ist für Fachleute eingerichtet. Laien können die dortigen Empfehlungen oft nicht korrekt einschätzen und sollten die Datenbanken deshalb maximal zur Vorinformation, aber nicht in Alleinregie zur Entscheidungsfindung nutzen.
  • Vor allem für Frauen, die regelmäßig oder von verschiedenen Ärzten Medikamente verschrieben bekommen bzw. einnehmen, ist der „Arzneimittelpass für Schwangere und Stillende" des Deutschen Grünen Kreuzes eine sinnvolle Sache. Der enthält neben einem Ratgeber-Bereich Platz dafür, alle Medikamenteneinnahmen der Schwangeren/Stillenden zu verzeichnen und so einen Überblick zu behalten. Den Pass gibt es in Apotheken. Falls er dort nicht vorrätig ist, kann man ihn direkt bestellen: gegen einen mit 55 Cent frankierten und adressierten Rückumschlag sowie 3 Euro in Briefmarken beim Deutsches Grünes Kreuz e.V., Stichwort „Schwangerenpass", Nikolaistraße 3, 35037 Marburg.

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