Besser Beratung statt Beipackzettel

Medikamente in Schwangerschaft und Stillzeit

Richten sich Schwangere und Stillende nach Beipackzetteln, dürften sie besser nie krank werden, sollen sie doch unzählige Medikamente nicht nehmen, um ihr Baby nicht zu gefährden. Wie hoch ist dieses Risiko wirklich? Was sind häufige Fehler? Und was sollte frau im Zweifelsfall tun?

von Kathrin Wittwer
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Frau Apotheker Beratung
Foto: © iStockphoto.com/ mangostock

Schade ich meinem Baby mit diesem Medikament?

„Der Beipackzettel ist ein großes Problem“, sagt Hans-Erik Meyer. Der Apotheker aus Scheeßel zwischen Hamburg und Bremen hat sich auf Mütter und Kinder spezialisiert. Fragen wie „Schade ich meinem Baby, wenn ich dieses oder jenes Medikament einnehme?“ hört er täglich – aus guten Gründen, wie er findet: „Frauen sind sensibler geworden mit sich, vor allem in der Schwangerschaft. Alles wird in Frage gestellt, über alles sich informiert. Das ist an sich super. Leider gibt es aber auch viele Pseudoinformationen. Und Verunsicherungen.“ Vor allem eben durch den Beipackzettel, der – gewöhnlich aus rechtlichen Gründen – davon abrät, jenes Medikament in Schwangerschaft oder Stillzeit zu nehmen.

Reales Risiko geringer als Ängste

Dabei besteht meist keine große Gefahr: „Das reale Risiko von Schädigungen des Kindes durch Arzneimittel, die die Mutter nimmt, ist deutlich kleiner als die Ängste davor“, sagt Dr. med. Christof Schaefer von der Berliner Charité und erklärt: „Fehlbildungen kommen durchschnittlich bei etwa 3 bis 5 von 100 geborenen Kindern vor, das ist das sogenannte Basisrisiko. Von wiederum 100 Kindern mit Fehlbildungen sind diese nur bei 2 bis 4 durch äußere chemische oder physikalische Einwirkungen entstanden. Und dabei spielen Drogen und Alkohol eine wesentlich größere Rolle als Medikamente. Diese machen insgesamt nur etwa ein Prozent aller angeborenen Fehlbildungen aus.“ Schaefer ist an der Charité Projektleiter einer außergewöhnlichen, vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Einrichtung: des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie. Das befasst sich mit der Verträglichkeit und Sicherheit von Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit, sammelt dafür seit 1988 Daten, wertet sie aus und gleicht sie mit denen ähnlicher Zentren weltweit ab. Ihr daraus erwachsenes Wissen, welche Mittel wann geeignet sind und was es bei der Dosierung zu beachten gibt, geben die Experten in Fachbüchern und im Internet unter www.embryotox.de an Ärzte und Apotheker weiter, per Telefon- und Onlineberatung auch direkt an (werdende) Mütter.

Erfahrung vs. Beipackzettel: Manchmal braucht es Mut zur Abweichung

Nach den Einschätzungen der Embryonaltoxikologen richtet sich auch Apotheker Hans-Erik Meyer, wenn Schwangere Rat suchen, vielleicht auch ein vom Arzt verschriebenes Präparat aufgrund des beunruhigenden Warnsatzes hinterfragen. „Bei manchen Schwangerschaftsbeschwerden wie Sodbrennen ist das einfach, da gibt es gängige zugelassene Mittel“, erzählt er. „Bei anderen muss man Mut haben, vom Beipackzettel abweichend nach embryotox-Empfehlungen zu beraten, wie bei Vaginalmykosen.“ Gegen diese Pilzinfektionen sind Nystatin und Clotrimazol geeignet, sagen die Wissenschaftler. Es braucht aber Einfühlungsvermögen bei der Beratung, weiß der Apotheker aus eigener Erfahrung – denn in den beiden Schwangerschaften seiner Frau, ebenfalls Apothekerin, hat er erlebt, dass man in solchen Situationen sogar als Fachleute alles doppelt hinterfragt. „Ob man es wagen kann, mit einer Frau über eine Medikation zu sprechen, die nicht dem Beipackzettel entspricht, hängt sehr davon ab, ob sie vorinformiert und vor allem selbstsicher ist.“ Dann lässt sich auch über Mittel wie Paracetamol reden: Weil es die Plazenta passiert und in die Muttermilch übergeht, haben viele Angst ums Baby. Unbegründet, sagen aber die Wissenschaftler, Paracetamol sei eine gute Wahl bei Schmerzen. „Sehr unsicheren Frauen kann man das aber kaum vermitteln. Dann geht es darum, Alternativen zu finden, bei Kopfschmerzen etwa Präparate mit Pfefferminzöl zum Einmassieren auf den Schläfen“, erklärt Meyer.

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