Hormonstörung "Polyzystisches Ovarialsyndrom"

Schwanger werden, trotz PCO-Syndrom

Das PCO-Syndrom ist die häufigste Hormonstörung bei Frauen und bei jeder dritten Frau mit unerfülltem Kinderwunsch für das Fruchtbarkeitsproblem verantwortlich. Außerdem erhöht es die Risiken u.a. für Diabetes, Herzinfarkte und Tumore. Woran erkennt man es und wie lässt es sich behandeln?

Autor: Kathrin Wittwer
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PCO-Syndrom: Kein normaler Zyklus

Frau Ultraschall PCO
Foto: © fotolia.com/ Stefan Merkle

Den Begriff PCO-Syndrom (PCOS) hörte Anastasja das erste Mal, als sie mit 13 beim Frauenarzt saß – mit Lehrbuchsymptomen: Nach einer einmaligen Periode hatte sie schon ein Jahr lang keine Blutung mehr bekommen, zudem litt sie unter starkem Haarwuchs im Gesicht und am Oberkörper. Ein Bluttest zeigte einen Überschuss an Androgenen, also an männlichen Hormonen, ein späterer Ultraschall viele kleine Bläschen an den Eierstöcken.

Kein Eisprung, keine Schwangerschaft

Letzteres Phänomen gibt dem Leiden, das bei etwa fünf bis acht Prozent aller gebärfähigen Frauen auftritt, seinen Namen: „Polyzystisches Ovarialsyndrom“ heißt es vollständig, abgeleitet davon, dass man die vielen Bläschen, die bei den betroffenen Frauen die Eierstöcke (Ovarien) besiedeln und diese oft vergrößern, früher für Zysten hielt. Heute weiß man das besser: „Am Beginn eines normalen Zyklus stehen bei jeder Frau etwa 30 bis 40 Eizellen parat, von denen eine zur Reifung kommen soll“, erklärt Prof. Dr. Christoph Keck, unter anderem Facharzt für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Endokrinologikum Hamburg. „Beim PCO-Syndrom wird der Reifemechanismus aber durch einen Überschuss von Androgenen verhindert. Die Follikel entwickeln sich nicht und bleiben als Bläschen am Eierstock verhaftet.“ Weil ein Eisprung und eine Periode nur selten bis nie vorkommen, ist bei 75 Prozent der Frauen eine spontane  Schwangerschaft unmöglich.

Polyzystisches Ovarialsyndrom: Hautprobleme, Körperbehaarung, Übergewicht

Und das ist längst nicht alles: Die PCO-Syndrom Symptome beeinflussen den Körper innen und auaßen. Die Androgene sind häufig für ein eher männliches Erscheinungsbild, übermäßige Körperbehaarung, Akne und Haarausfall verantwortlich. Zusätzlich kann der Hormonhaushalt weitere Schieflagen aufweisen, wie eine Unterfunktion der Schilddrüse oder eine Insulinresistenz. Das PCOS tritt vermehrt bei Diabetikerinnen auf und geht häufig mit Übergewicht einher. Insgesamt ist das Syndrom ein komplexes Konglomerat verschiedenster Faktoren. Weil die nach dem Prinzip des Henne-Ei-Problems vielschichtig zusammenspielen, lässt sich ein ursächlicher Auslöser kaum feststellen, die Symptome können sehr variieren, auch in ihrer Ausprägung. Nur eines weiß man sicher, sagt Prof. Keck: „Die Gene spielen eine Rolle. Es gibt Familien, die haben in jeder Generation Frauen mit PCOS.“ Das Syndrom ist nicht heilbar, aber gut zu behandeln – und das ist auch ohne Kinderwunsch notwendig.

Viele Frauenärzte übersehen das PCOS

Zum einen belasten die PCO-Syndrom Symptome die Mehrheit der Frauen enorm: „Ich habe mich für die Behaarung sehr geschämt und mich überhaupt nicht als Frau gefühlt“, erinnert sich Anastasja. Das ist typisch, bestätigt Prof. Keck: „Die Frauen haben Probleme mit dem eigenen Körper, mit der Sexualität, in ihren Beziehungen und neigen zu  Depressionen.“ Viele bleiben damit allein. Sei es, weil Gynäkologen das Syndrom trotz markanter physischer Merkmale nicht erkennen oder weil sie es mehr oder weniger verharmlosen, indem sie es auf die Unfruchtbarkeit reduzieren und andere Faktoren außer Acht lassen. So bekam Anastasja zwar durchaus sinnvoll die  Pille verschrieben, weil diese den Zyklus stimuliert sowie Haut- und andere Probleme regulieren kann (was das Syndrom bei vielen Frauen wiederum lange verdeckt). Doch obwohl das bei ihr nicht funktionierte und auch Insulin ein Thema war, hieß es „ich solle mir keine Sorgen machen, die Pille weiter nehmen und wiederkommen, wenn ich Kinder möchte.“

Langzeitrisiken: Auch ohne Kinderwunsch ist eine Behandlung wichtig

Darauf sollte eine Frau es aber keinesfalls beruhen lassen: „Es wird häufig vergessen, dass das Syndrom Langzeitrisiken verursacht“, warnt Prof. Keck. „Die Wahrscheinlichkeit von Diabetes durch die Insulinresistenz, aber auch von Herzinfarkten, Osteoporose oder Tumoren der Gebärmutterschleimhaut ist deutlich erhöht, wenn die Frauen hormonell und stoffwechselseitig nicht richtig eingestellt werden.“ Wer bei seinem Gynäkologen kein Gehör findet, wendet sich am besten direkt an einen Frauenarzt, der auf Hormonerkrankungen spezialisiert ist („Gynäkologische Endokrinologie“). Zur Diagnose werden mindestens Ultraschall und eine Hormondiagnostik, gegebenenfalls ein Test auf Insulinresistenz gemacht.

Kinderwunsch mit PCO-Syndrom: meist zu erfüllen

Die Behandlung wird individuell auf die Symptome und die Ziele der Frau abgestimmt. Bei Kinderwunsch kann das ein sehr umfangreiches Programm werden und zwischen wenigen Monaten bis zu fünf Jahren dauern. „Aber wenn Frauen ihr gesamtes Potential ausschöpfen, ist die Erfolgsrate auf längere Zeit gesehen nur unwesentlich geringer als bei einer nicht betroffenen Frau“, macht Prof. Keck Hoffnung und erklärt das Prozedere: „Das zentrale Problem ist ja der fehlende  Eisprung. Den versuchen wir medikamentös mit dem Mittel Clomifen auszulösen. Das klappt in zwei Dritteln der Fälle. Wenn nicht, gehen wir zu Hormonspritzen über. Ist eine Frau zusätzlich übergewichtig und insulinresistent, gehören eine Ernährungsumstellung, eine Bewegungstherapie und möglicherweise das Diabetes-Medikament Metformin zur Behandlung. Wir schauen also immer, ob der Stoffwechsel eingestellt werden muss oder auch die Schilddrüse. Außerdem empfehlen wir allen Patientinnen dringend eine psychologische Beratung. Und untersuchen grundsätzlich auch den Partner, denn nicht immer liegen die Einschränkungen nur bei der Frau.“

Selbst ist die Frau: informieren, dranbleiben, zum Spezialisten gehen

Bei Christina stellte das sogar erst die Weichen für die Diagnose: Verschiedene Frauenärzte hatten ihre Zyklenlängen von gut 100 Tagen der langjährigen Pilleneinnahme zugeschrieben – eine typische Fehleinschätzung beim Polyzystischen Ovarialsyndrom und seinen Symptomen. Erst als das Paar nach einem suboptimalen Spermiogramm des Mannes in eine Kinderwunschklinik ging, kam das Syndrom ans Licht und konnte in der Behandlung berücksichtigt werden. Es dauerte zwar noch über ein Jahr und brauchte mehrere Versuche einer künstlichen Befruchtung, bis Christina einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, aber: „Ich war froh, dass endlich was gefunden wurde und würde allen Frauen raten, so schnell wie möglich in eine Kinderwunschklinik zu gehen, wo man sich damit auskennt. Ich bin aber auch sicher, dass ich letztlich nur zum Ziel gekommen bin, weil ich mich selbst sehr viel informiert, nicht locker gelassen und meine Ärzte mit Vorschlägen genervt habe, verschiedene Behandlungen auszuprobieren“, resümiert die Mutter einer heute fast dreijährigen Tochter. Seit der Schwangerschaft hat Christina sogar relativ regelmäßige Zyklen von etwa 35 Tagen. „Wer weiß, ob Kind Nummer 2 da nicht einfach so kommt?“ In der Regel, gibt Prof. Keck aber zu bedenken, sind bei  Folgeschwangerschaften erneut die gleichen Vorbereitungen und Therapien nötig.

Was können alternative Behandlungen beim PCOS leisten?

Für Maja*, deren PCOS sich in langen Zyklen mit seltenen Eisprüngen, Eibläschen und starker Behaarung äußert, fühlte sich eine Hormonbehandlung nicht nach dem idealen Weg zum Wunschkind an: „Ich wollte Clomifen nicht und glaubte an eine natürliche Alternative. Erst habe ich mich mit der Basaltemperaturmethode besser mit meinen Zyklen vertraut gemacht, außerdem mit dem Prinzip von Zyklustees und mich über Heilpflanzen belesen, und dann mit einer Heilpraktikerin besprochen, welche Möglichkeiten sie für mich sieht.“ Die empfahl Alchemilla-Urtinktur, Akupunktur und Fruchtbarkeitsmassage. Vier Wochen später, nach nur zwei Terminen, war Maja schwanger. Und freut sich nun auf ihr Baby.

Prof. Keck weist aber darauf hin, „dass es keine gesicherte Strategie durch komplementäre Behandlungsmöglichkeiten gibt, die nachhaltigen Erfolg dabei hätte, die langfristigen Schäden durch das Syndrom zu verhindern.“ Als ergänzende Therapien zur Symptommilderung – wie bei Depressionen oder zum Abnehmen – seien sie jedoch sinnvoll. 

Risiken und Hürden möglich: Schwangerschaft und Stillzeit mit PCOS

In der Schwangerschaft ist es zwar grundsätzlich möglich, dass das PCO Syndrome nicht zu Komplikationen führt, „doch garantieren lässt sich das nicht“, so Prof. Keck. „Bei Insulinresistenz neigen Frauen vermehrt zu einem Gestationsdiabetes, zu exzessiver Gewichtszunahme und Gestose. Auch Frühgeburtlichkeit und eine Mangelentwicklung des Kindes kommen vor. Wird das Syndrom nicht behandelt, ist die Säuglingssterblichkeit erhöht.“ Regelmäßige Kontrollen sind also notwendig. „Maßnahmen muss man individuell besprechen, aber die Hauptfaktoren sind meist eine sorgfältige Einstellung des Zuckerhaushalts und die Gewichtsregulierung. Deshalb kommt auch der PCO-Syndrom Ernährung eine wichtige Rolle zu. Die Androgene können wir erst nach der Schwangerschaft wieder beeinflussen. Häufig führen sie zu einer spät einsetzenden Milchbildung und Stillproblemen, auch zu einer verkürzten Stilldauer. Hier ist es wichtig, dass die Frauen gut beraten und unterstützt werden“, betont der Mediziner.  

PCOS Behandlung: Nicht die Hoffnung verlieren

Anastasja war inzwischen bei zig verschiedenen Gynäkologen, sogar im Ausland. Nach vier Jahren Pille hatte sich bei ihr nichts eingespielt, selbst nach 25 Kilo Gewichtsverlust bekam sie mit über 20 keine spontane Menstruation. „Ich hatte damit sehr zu kämpfen und mich eine Zeitlang völlig zurückgezogen. Von den Ärzten konnte oder wollte mir keiner helfen. Jetzt mit 22 habe ich meinen Traummann kennengelernt und wir wollen beide unbedingt ein Kind.“ In den letzten vier Monaten hat sie deshalb noch einmal versucht, mit der Pille einen Zyklus zu stimulieren, die Ernährung umgestellt, weiter Gewicht reduziert, ist ganz frisch mit Clomifen gestartet. „Leider kommen immer wieder Zweifel auf, obwohl mein Mann guter Zuversicht ist und mich immer wieder versucht aufzubauen. Ich drücke die Daumen, dass es klappt.“ Ansonsten geht es bald in Kinderwunschklinik.

* Name von der Redaktion geändert.

Service

Im Netz

  • Weitere Informationen, ausführliche Antworten auf die häufigsten Fragen und Unterstützung finden Betroffene beim „PCOS Selbsthilfe Deutschland e.V.“ unter www.pco-syndrom.de.
  • Tipps von betroffenen Frauen und Austausch untereinander über das PCOS gibt es auch im urbia-Forum Kinderwunsch

Zum Weiterlesen

Literatur zum PCO-Syndrom gibt es (Stand Mai 2013) nur als Fachbücher oder in englischer Sprache, z.B.:

  • Christoph Keck, Wilhelm Krone: Das Syndrom der polyzystischen Ovarien. Interdisziplinäre Konzepte zu Diagnostik und Therapie des PCOS. Thieme. 2011. ISBN-13: 978-3131456113. 39,99 Euro.
  • Gaynor Bussell et. al: PCOS for Dummies. Hungry Minds. 2011. ISBN-13: 978-1118098653. Ca. 13 Euro.
  • Colette Harris et. al.: The Ultimate PCOS Handbook. Lose Weight, Boost Fertility, Clear Skin and Restore Self-Esteem. Conari. 2008. ISBN-13: 978-1573243711. Ca. 16 Euro.


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