Die Magie der frühen Bilder und Gefühle

Kindheitserinnerungen: Als ich noch klein war...

Unsere frühesten Erinnerungen haben etwas Magisches: Es sind Bilder, die zugleich Gefühle sind. Eine lohnende Entdeckungsreise zu den Anfängen! Was ist das Erste, woran Ihr Euch in Eurem Leben erinnern können?

Autor: Gabriele Möller
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Das Geheimnis der Babys

Erinnerungen Kindheit
Foto: © fotolia/ Africa Studio

Ob wir als Baby besonders schöne oder auch tiefgründige Empfindungen hatten - dies wird für immer ein Geheimnis bleiben. Denn gerade einmal 24 Stunden kann sich ein sechs Monate alter Säugling an etwas erinnern. Ein neun Monate altes Baby schafft es zwar bereits, sich Dinge etwa vier Monate lang zu merken, doch dann versinken auch diese im Nebel des Vergessens, wie US-amerikanische Forscher durch Nachahmungstests herausfanden. Natürlich haben die Erlebnisse eines Babys trotzdem Einfluss auf seine Entwicklung, aber diese Wirkung bleibt unbewusst. Erst frühestens mit zwei Jahren schaffen es Situationen, eine lebenslange Wegspur im Gehirn zu hinterlassen: das Langzeitgedächtnis entwickelt sich.

Starke Gefühle machen Erinnerungen

Nicht immer wird Weltbewegendes zum ersten Keimling, der im Gedächtnis Wurzeln schlägt. "Ich sitze auf dem Küchenboden und singe ein selbsterfundenes Lied. Ich imitiere dabei die englischen Laute der Popsongs. Dabei stört mich auch nicht, dass ich mir gerade einen Olivenkern in die Nase gesteckt habe, der nicht mehr rausgeht", erzählt Annegret (34) aus Münster. Aber warum erinnert sie sich gerade an diese Situation? Oft sind starke Gefühle im Spiel: "Ich fühlte mich unheimlich groß, als ich so auf 'Englisch' trällerte. Und die Sache mit dem Olivenkern, den meine Mutter später mit einer Pinzette herausklaubte, war auch nicht alltäglich." Auch besonders schöne Emotionen verewigen sich leichter: "Meine erste Erinnerung: Ich gucke auf meinen Laufstall. Der wurde nur dazu benutzt, abends mein Spielzeug schnell aufzuräumen. Er war dann randvoll mit meinen Lieblingssachen, und diesen Anblick fand ich toll!", erinnert sich Lina Maria (15).

Unheimliches landet leicht im Langzeitspeicher

Umgekehrt hinterlassen auch negative Gefühle eindrückliche Spuren: "Ich war etwa zweieinhalb und wurde von lautem Gegröle und Trommelschlag wach. Ich hatte furchtbare Angst. Ich schaute aus dem Fenster und sah lachende, laute Menschen, die komisch gekleidet waren. Sie waren unheimlich! (Später erfuhr ich: Das war der Kölner Karneval)", erzählt eine Frau in einem Psychologie-Forum. Frustration aktivierte bei einer anderen Userin das Langzeitgedächtnis: "Ich saß im Sand, hatte meine Unterhose unterm Kleid ausgezogen und im Sand vergraben - dann bekam ich Ärger, weil mein ganzer Po voller Sand war!" Auch Wut schafft bleibende Eindrücke: "Meine älteste Erinnerungen: wie ein paar Kinder im Kindergarten meinem Bruder Tempos zu essen gegeben haben - ich weiß noch, wie extrem sauer ich da war." 

Selber machen schafft Kindheitserinnerungen

Wenn ein Kind selbst etwas schafft, ist die Chance ebenfalls hoch, dass dies abgespeichert wird: "Ich war zweieinhalb. Wir haben im Kindergarten mit einem Kurbelbohrer Kastanien durchbohrt und Draht durchgestochen, um Krönchen zu basteln", erinnert sich eine Userin. Umgekehrt kann sich auch das ohnmächtige Gefühl, nichts tun zu können, einbrennen: "Ich war den Maschendrahtzaun an unserem Garten hochgeklettert und blieb hängen. Auf der anderen Seite war eine Weide, eine Kuh kam immer näher und sah böse aus. Ich schrie wie am Spieß. Da kam meine Mama und zog mich aus dem Zaun", erzählt eine Forumsteilnehmerin. Körperliche Erfahrungen werden auch generell leichter abgespeichert. "Meine Schwester trug mich huckepack und hüpfte. Von oben sah ich auf meinen Vater, der gerade staubsaugte. Die Düse saugte sich ständig am Teppichläufer fest, und er riss sie andauernd genervt wieder hoch, das sah witzig aus", erinnert sich Lars (8).

Gerüche - Kindheitserinnerungen fürs Leben

Wohl jeder hatte schon mal ein Déja-Vu-Erlebnis bei einem bestimmten Geruch, oft aus der ganz frühen Kindheit. Kein Wunder, denn der Geruchssinn ist schon ab der Geburt voll entwickelt. Gerüche verbinden sich dabei mit Gefühlen, denn die Riechzellen in der Nase sind mit Hirnbereichen verknüpft, die für Emotionen zuständig sind. Gleichzeitig sind sie aber auch mit dem räumlichen Gedächtnis verbunden, Düfte sind also mit bestimmten Orten verquickt. "Ein bestimmter Geruch in der Kantine lässt sofort wieder die Mittagsmahlzeiten im Kindergarten vor meinem inneren Auge erstehen. Das Essen dort roch irgendwie anders als zu Hause. Und ich fühle bei diesem Geruch auch, dass ich ganz gern in den Kiga gegangen bin", erzählt Dorothea Pfeifer (34) aus Bonn.

Erinnerungen - oft aus zweiter Hand

Das Gehirn spielt uns aber manchmal Streiche. Lina Maria "weiß" zum Beispiel noch, wie eine riesige Schafherde im Familienurlaub das Ferienhaus umkreiste. Sie war damals aber erst anderthalb, und an dieses Alter, betonen Forscher, ist keine bewusste Erinnerung möglich. Doch woher kommt dann das detaillierte Bild? Ganz einfach: Linas Eltern haben ihr öfters von dieser Begebenheit erzählt, und so malte sich ihr Gehirn die Szenerie dazu. Auch Ereignisse, die man auf alten Fotos gesehen hat, können zur felsenfesten Überzeugung führen, dass man sich daran erinnert.

Aufmerksamkeit schubst das Gedächtnis an

Wie früh die Erinnerung wirklich einsetzt, hängt auch davon ab, wie viel Aufmerksamkeit ein Kind bekommen hat. Dies ist das Ergebnis mehrerer Untersuchungen der kanadischen Psychologin Carole Peterson von der Memorial University of Newfoundland. Sie konnte zeigen: Für das Abspeichern von Erlebtem ist es entscheidend, dass das Kind seine eigene Rolle in der Situation für wichtig und zentral hielt. Andere Forscher fanden heraus, dass auch viel elterliche Aufmerksamkeit,  frühes, intensives Sprechen mit dem Kind sowie viel Unterstützung die Erinnerungsfähigkeit nach vorn verlegen.

Das Gehirn hat Mut zur Lücke

Wenn das kindliche Gehirn auswählt, was es für erinnerungswürdig hält, setzt es gern andere Prioritäten als man es erwarten würde: "Ich erinnere mich an verschiedene Szenen, als ich etwa zwei Jahre alt war: Ich sitze auf einem steinernen Löwen; meine Tante benutzt duftende Erfrischungstücher; es gab bei uns einen Zimmerbrand; ich reite auf einem weißen Pony. Ich kann mich aber nicht an meine Einschulung erinnern", wundert sich eine Forumsuserin.

Neue Erlebnisse können frühere "überschreiben"

Auch wenn das Langzeitgedächtnis sich mit zwei entwickelt - viele Kinder und Erwachsene wissen kaum noch etwas aus dieser Zeit. Etwa ein Drittel der frühen Erinnerungen ist schon im Alter von sieben Jahren wieder verloren. Oft werden zarte, erste Erinnerungen auch von eindrücklicheren Erlebnissen verdrängt: "Ich weiß noch, als wir zu Hause einen Brand hatten - ich war drei und hatte solche Angst! Mein Papa hat damals alle Matratzen aus dem ersten Stock geworfen, für den Fall, dass wir springen müssten. Die Feuerwehr hat uns dann über die Leiter rausgeholt", beschreibt eine Userin ihre erste Erinnerung.

Harmonie hinterlässt weniger Spuren

Manche Menschen haben aber fast gar keine Erinnerungen an die Zeit, als sie klein waren: "Ich kann mich an praktisch nichts meiner frühen Kindheit erinnern - an den Schulanfang nicht, und an Kiga-Erlebnisse erst recht nicht. Ich weiß aber, dass meine Kindheit nicht unglücklich war", postet eine Frau. Und tatsächlich muss nicht immer Verdrängung hinter fehlenden Erinnerungen stecken (auch wenn dies möglich ist). Denn auch eine besonders behütete und harmonische Kindheit hinterlässt manchmal nur wenige Erinnerungsspuren. Der Blick auf viele Berichte zeigt: Tendenziell sind es oft negative oder emotional stark besetzte Situationen, die in bewusster Erinnerung blieben.

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