Das große Rätselraten

Warum schreit mein Baby?

Wird ein Baby geboren und macht sich immer wieder lautstark bemerkbar, beginnt bei seinen Eltern meist das große Rätselraten: Warum schreit mein Baby? Unser Artikel soll frisch gebackenen Eltern eine Orientierungshilfe bieten.

Autor: Petra Fleckenstein
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Babys Sprache ist das Schreien

Baby schreien
Foto: © colourbox

Babys haben die Eigenart, sich lautstark bemerkbar zu machen. Kaum ist der neue Erdenbürger geboren, setzt daher bei seinen Eltern oft großes Rätselraten ein. Was hat das Schreien zu bedeuten? Was will mein Baby mir damit sagen? Wie kann ich angemessen reagieren und es beruhigen?

Mit ihrer Unsicherheit sind die frisch gebackenen Eltern übrigens nicht allein: Auch ihr Baby hat keine Ahnung, was los ist und was es eigentlich will. Es empfindet nur ein unangenehmes Gefühl und ruft sozusagen um Hilfe, um dieses Gefühl wieder loszuwerden. Sein Schreien könnte man also in folgende Worte übersetzen: "Mensch Mami, ich fühle mich so was von bescheiden, bitte hilf mir, damit das aufhört." Ob dieses schlechte Gefühl durch Hunger, Müdigkeit, den Wunsch nach Nähe oder anderes hervorgerufen wird, weiß das kleine Wesen in der ersten Zeit ebenso wenig wie seine Eltern.

Daher sind die ersten Wochen eine ganz wichtige Zeit des Kennenlernens. Und so lange Mutter und Vater nicht gelernt haben, bereits am Schreien zu erkennen, was ihr Baby nun gerade braucht (das soll es geben, ist aber wohl eher nicht die Regel), bleibt ihnen nichts anderes übrig als alles Mögliche durchzuprobieren.

Checkliste: Die häufigsten Schreigründe

Baby schreit: Unbedingt darauf reagieren

Das Schreien eines Baby setzt Mutter und Vater instinktiv in Alarmbereitschaft, sie empfinden den starken Wunsch, das Baby zu trösten, meist zunächst, indem sie es – falls es gerade liegt – hochnehmen und Körperkontakt mit ihm aufnehmen. Diesem ihrem Instinkt sollten Eltern unbedingt vertrauen. In diesem Punkt ist man sich in der Forschung heute weitgehend einig. Auf das Schreien des Babys zu reagieren, es nicht zu ignorieren, ist die wichtigste Grundlage dafür, dass ein Baby sich gut entwickeln und Vertrauen aufbauen kann.

Hungrig, müde, nähebedürftig?

Die folgende Checkliste der häufigsten Schreigründe soll dabei helfen, die richtige Antwort auf die Signale des Babys zu finden.

  • Ist es hungrig?
    Wenn das Baby schreit, kann es zunächst helfen, es an die Brust anzulegen, denn Babys haben häufig Hunger! Wurde der Säugling jedoch gerade erst gestillt oder die Flasche gegeben, fällt Hunger möglicherweise als Ursache des Schreiens aus.
  • Braucht es einfach Nähe?
    Babys sind ja von ihrer Zeit im Mutterbauch her engsten Körperkontakt mit der Mutter gewohnt. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie auch nach der Geburt danach verlangen. Wenn das Baby weint, kann dies also bedeuten, dass es ganz nah bei Mama oder Papa sein will - am liebsten auf deren Arm - und dabei geschaukelt werden möchte wie im Mutterleib.
  • Ist es müde?
    Viele, vielleicht die meisten Babys schlafen nicht einfach, wenn sie müde sind, da sie ja gar nicht wissen, dass die Lösung ihres Unwohlsein darin bestünde einzuschlafen. Also schreien sie, was das Zeug hält. Wie hilft man einem Baby in den Schlaf? Dafür gibt es nun wirklich kein Patentrezept, sondern es gilt einmal mehr: Jedes Kind ist anders! So kann es also sein, dass ein Baby am liebsten an der Mutterbrust in den Schlaf sinkt, dass es gerne in einer Wiege geschaukelt wird oder dass ihm die Augen am besten bei einer Fahrt im Kinderwagen zufallen. Wenn die Eltern Glück haben, lässt es sich mit einem Liedchen oder sanftem Streicheln in den Schlaf begleiten. Manche Babys empfinden offenbar das Rauschen der Spülmaschine als besonders entspannend und es soll so unruhige Geister geben, deren lautstarkes Wäh sich zeitweise nur bei einer Autofahrt um den Block oder durch das laute Gebläse des Haarföns abstellen lässt.

Warum Babys sonst noch schreien: Koliken, wunder Po und Zähnchen

Drei-Monats-Koliken?

Babys in den ersten Monaten leiden häufig unter den so genannten Drei-Monats-Koliken. Allerdings steht eigentlich gar nicht fest, was das genau ist. Einerseits wird seit langem vermutet, dass Babys besonders nach den Mahlzeiten Bauchschmerzen haben, weil der Verdauungsapparat noch nicht ausgereift ist und sie sich zum Beispiel mit Blähungen herumplagen. Dann kam die Theorie auf, Säuglinge schrien nicht, weil sie Blähungen hätten, sondern die Blähungen entstünden erst durch das Schreien und zwar, weil die Kleinen dabei Luft schluckten. Und schließlich und endlich gibt es auch die Ansicht, der Begriff "Drei-Monats-Koliken" stünde schlicht und einfach für all die ungeklärten Zustände von Unwohlsein, die ein Baby während der ersten Monate durchlebt und für die Erwachsene einfach keine Erklärung finden.

Was auch immer, es ist tatsächlich häufig zu beobachten, dass Babys nach dem Stillen oder der Flaschennahrung nur für kurze Zeit zufrieden sind und bald darauf beginnen, sich zu winden und zu schreien. Geeignetes Gegenmittel: das Baby bewegen, am besten im so genannten Fliegergriff. Dabei wird es mit dem Bauch nach unten auf den Unterarm gelegt, die Hand des Erwachsenen hält das Baby zwischen den Beinen; Schulter und Kopf des kleinen Wurms liegen in der Ellbeuge bzw. auf dem Arm des Erwachsenen. Viele Babys lieben es auch, wenn man dabei mit der anderen Hand leicht auf seinen Popo klopft. Häufig kann es in dieser Position "Dampf ablassen".

Weitere Möglichkeiten: Sanft Babys Bauch massieren, vielleicht mit ein paar Tröpfchen Kümmelöl, dabei mit der Hand im Uhrzeigersinn über dessen Bauch streichen. Oder die Beinchen des Babys anwinkeln und damit kreisende Bewegungen machen. Manche Eltern schwören auch auf ein warmes Kirschkernkissen, das sie ihrem Neugeborenen an den Bauch legen.

Wunder Po oder anderes Unwohlsein?

Wenn ein Baby schreit, gilt es natürlich auch nachzuprüfen, ob vielleicht Kälte, zu viel Wärme oder zum Beispiel ein wunder Po die Ursache sein könnten. Babys lieben es zum Beispiel nicht besonders, wenn ihnen ihr Mützchen bei Spaziergang so ins Gesicht rutscht, dass sie nichts mehr sehen können. Manche schreien tatsächlich auch, wenn die Windel zu lange voll ist, was andere wiederum kein bisschen stört. Wieder andere fühlen sich überhaupt nicht wohl dabei, wenn sie im Kinderwagen und in voller Wintermontur ins überheizte Kaufhaus geschoben werden. Kein Wunder wenn da so manchem kleinen Spross der Geduldsfaden reißt. Manchmal rollen, verheddern und verklemmen sich Babys auch so ungünstig in ihrem Schlafsack oder beispielsweise auf der Decke unter ihrem Baby-Trainer liegend, dass sie keinen Bewegungsspielraum mehr haben und fangen ärgerlich an zu schreien. Auch hier gilt also: Wenn ein Baby schreit, unbedingt reagieren und nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Manchmal sind äußerlich sichtbare Gründe schuld.

Zahnungsschmerzen?

Wenn das Baby häufig schreit, kann dies auch daran liegen, dass das erste Zähnchen kommt - besonders nach dem vierten Lebensmonat oder später. Es kann zum Beispiel ein Hinweis auf Zahnungsschmerzen sein, wenn das Baby liegt, eigentlich müde genug zum Schlafen ist, manchmal sogar schon eingenickt war und dann plötzlich heftig aufschreit. Eltern berichten oft, dass Kinder um das Zahnen herum sehr quengelig und unausgeglichen sind. Häufig kommen Zähne auch in Verbindung oder unmittelbar nach einer Erkältung durch.

Zahnende Kinder haben ein besonders starkes Bedürfnis zu nuckeln und auf etwas herumzubeißen. Häufig stecken sie dazu alles in den Mund, was sie kriegen können, ihre Finger, die ganze Faust, ihre Holzrassel oder den Arm ihres Schmusetiers. Erleichternd kann es sein, auf etwas Kühlem herumzukauen, wie einer geschälten Möhre oder einem Beißring. Sind die Zahnleisten entzündet und wird das Kind sehr am Schlafen gehindert, kann man versuchen, ihm durch Massage der Zahnleiste mit einem sauberen Finger - eventuell getränkt in starken Kamillentee oder einem schmerzlindernden Zahnungs-Gel - zu helfen.

Erste Erkältung?

Wenn ein Baby viel schreit, kann auch ein erster Infekt – eine Erkältung oder Durchfall - die Ursache sein. Dazu kommt es häufig zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensmonat. Zu dieser Zeit ist der mütterliche Nestschutz verbraucht und das Baby steckt mit steigender Beweglichkeit immer mehr Dinge in den Mund und kommt so mit vielerlei Keimen in Berührung.

Wenn ein Baby viel schreit und Erkältungsanzeichen zeigt, also zum Beispiel eine laufende Nase, so ist vor allem zu prüfen, ob es auch Fieber hat. Bei Fieber sollte der Kinderarzt aufgesucht werden. Ist kein Fieber da, hilft es, auf ausreichend Luftfeuchtigkeit zu achten (feuchte Tücher über die Heizung), das Baby viel bei sich zu tragen, wenn es danach verlangt, und ihm bei verstopfter Nase gegebenenfalls mit einer Pipette ein bis zwei Tröpfchen abgekochtes, leicht gesalzenes Wasser in die Nase zu träufeln.

Auf eine Durchfallerkrankung des Babys weist übrigens grüner schleimiger Stuhl hin. Auch in diesem Fall am besten den Kinderarzt aufsuchen.


Weitere Schreigründe: Überreizung, Langeweile und Entwicklungsschübe

Überreizung?

Die meisten Eltern können davon ein Liedchen singen. Unruhig werden viele Babys vor allem in den frühen Abendstunden. Möglicherweise sind es die vielen Eindrücke des Tages, die dann zu einer Art Überreizung führen, die - wie es scheint - manchmal nur durch ausgiebiges Schreien abgebaut werden kann. Denn tatsächlich sind viele Babys in dieser Zeit durch nichts zu beruhigen und nicht selten ist das erste, was der berufstätige Partner am Abend bereits an der Eingangstür in die Hand gedrückt bekommt, ein schreiendes Bündel, während sich die oder der Zuhause-Gebliebene schnurstracks in ein Zimmer zurückzieht, die Tür hinter sich zuknallt und dort mühsam um Fassung ringt.

Gegen diese Schreistunden hilft in allererster Linie, das Baby am Körper zu tragen, vielleicht mit Hilfe eines Tragetuchs oder –sacks und es, bevor man die Nerven verliert, an eine andere Person abzugeben, um sich wieder ein wenig sammeln zu können. Ist niemand zur Stelle, ist es besser, das Baby mal kurz in einen anderen Raum an einen sicheren Ort (sein Bettchen) zu legen und nebenan ein paar Minuten tief durchzuatmen. Manchmal geschieht in diesen Augenblicken das Wunder, dass das völlig erschöpfte Baby plötzlich in tiefen Schlaf fällt und Mutter oder Vater endlich wieder entspannen kann.

Langeweile?

Niemand fände es spannend, immer an die Zimmerdecke oder auf den Stoffhimmel eines Stubenwagens zu starren. Daher ist es unschwer zu verstehen, dass es auch Babys an immer den gleichen Orten irgendwann langweilig wird und sie sich nach neuen Anregungen sehnen. Wie schnell und häufig dies geschieht, ist wieder ganz und gar vom Temperament des frischen Erdenbürgers abhängig. Manche Babys fangen erst an zu quengeln, wenn sie bereits eine Stunde auf der Baby-Decke liegen, andere finden es bereits empörend, überhaupt dorthin gelegt zu werden und nicht ständig auf Mutters Arm Neuigkeiten zu erkunden, die die Wohnung bietet. Auch das kann übrigens irgendwann ausgereizt sein und die meisten wissbegierigen Babys beruhigen sich wunderbar bei einem Spaziergang.

Entwicklungsschübe?

Alle Eltern werden mit der Zeit feststellen, dass es im Leben eines Babys ruhigere und unruhigere Phasen gibt. Wenn ein Baby häufiger schreit, aus unerfindlichen Gründen ständig unruhig ist, weniger lächelt als sonst und am liebsten wieder ständig bei Mami oder Papi sein möchte, dann bahnt sich oft gerade ein Entwicklungsschub an. Zunächst ist gar nicht zu erkennen, was los ist, das Baby ist nur unruhiger und anhänglicher als zuvor. Plötzlich aber, nach einigen anstrengenden Tagen oder vielleicht auch Wochen, merken die Eltern, dass ihr Baby sich weiterentwickelt und neue Fähigkeiten erworben hat. Dann beginnt wieder eine ruhigere, entspanntere Phase – bis der nächste Entwicklungsschub naht. Um Babys in dieser Phase zu beruhigen, ist es günstig, ihrem Bedürfnis nach mehr Nähe nachzugeben und sich nicht darüber aufzuregen, dass dies möglicherweise als Rückschritt erlebt wird. Wenn sich neue Fähigkeiten im Gehirn des Säuglings entwickeln, scheint dies verunsichernd auf das Kleine zu wirken, es sucht vermehrt Schutz bei Mami und hat diesen in dieser Zeit auch nötig.

Das Baby weint viel? Manche schreien einfach mehr!

Eins steht fest: Es gibt unruhige und ruhigere Babys, ganz unabhängig von den jeweiligen Fähigkeiten seiner Eltern. Mütter und Väter von Babys, die viel schreien, machen zunächst einmal nichts schlechter als andere, die das Glück haben, ein ruhigeres Baby bekommen zu haben. Denn schon das Neugeborene bringt ein ganz eigenes, unverwechselbares Temperament mit auf die Welt.

Unruhige Babys stellen eine große Herausforderung dar, ihre Eltern sind häufiger erschöpft und nervlich angespannt. Bei solchen Babys ist es ganz besonders wichtig, dass nicht eine Person - meist ist es die Mutter - rund um die Uhr alleine mit dem Baby ist. Eltern von anstrengenden Babys benötigen besonders häufig und besonders viel Unterstützung. Denn bei aller Liebe - ständig gestörter Schlaf und der laute Dauerton des Babys gehen einfach jedem Menschen an die Substanz. Hier sind vor allem die Verwandten und Freunde junger Eltern aufgerufen, diese nicht nur mit klugen Kommentaren belehren zu wollen, sondern stattdessen tatkräftig mitzuhelfen, dass die Eltern mit ihrer großen Aufgabe nicht ganz alleine stehen.

Bücher zum Thema

  • Christina und Christof Klenk: Besser einfach einfach besser. Das Baby-Survival-Buch, R.Brockhaus 2003
  • Michaela Braun und Katja Roth: Raus aus dem Baby-Chaos. Der Survival-Guide für die ersten sechs Monate, vgs 2003
  • Michelle Kennedy: SOS Kinderzimmer! Weinen. 99 Tipps, wenn Sie mit Ihrem Latein am Ende sind, vgs 2004
  • Katharina Kruppa und Astrid Holubowsky: Babys wissen, was sie brauchen, Herder 2004
  • Silke Zacharias: Was mach ich, wenn mein Baby schreit, Herder 2002
  • Aletha J. Solter: Warum Babys weinen, dtv, 2000
  • Hetty van de Rijt, Frans X. Plooji: Oje, ich wachse, Goldmann 1998
  • Barbara Sichtermann: Leben mit einem Neugeborenen, Fischer 1981
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