"Wahrheiten" auf dem Prüfstand

Erziehung – was ist wirklich nötig?

Einige Vertreter einer neuen "Nicht-Erziehungs"-Richtung rütteln an gängigen Ansichten, z.B. dass man sein Kind häufig loben müsse und dass es Grenzen brauche. Doch was gehört nun wirklich zu einer guten Erziehung? urbia hat vermeintliche Erziehungswahrheiten auf den Prüfstand gestellt.

von Gabriele Möller
Meadchen vertraeumt Wiese
Foto: © iStockphoto.com, izanoza

Einige Fragezeichen hinter vermeintliche Erziehungswahrheiten

„Kinder brauchen Grenzen“, „Kinder brauchen viel Lob“, „Jedes Kind kommt in die Trotzphase“ - es gibt Ansichten über das Leben mit Kind, denen die meisten Eltern vorbehaltlos zustimmen. Trotz dieses „Wissens“ fühlen sich viele Mütter und Väter im Alltag stellenweise überfordert oder haben das Gefühl, ihr Kind in manchen Momenten nicht mehr zu verstehen. Widerspenstigkeit, ständige Verweigerung beim Essen und Anziehen oder aggressives Verhalten des Nachwuchses nagen an der Geduld. Und weil andere „Betroffene“ sofort verständnisvoll nicken, wenn man über die täglichen Machtkämpfe mit dem Kind seufzt, kommen Eltern kaum auf die Idee, diese seien vielleicht hausgemacht. Eine kleine Fraktion von Fachleuten wagt es, ein dickes Fragezeichen hinter fast alle „Wahrheiten“ in Sachen Erziehung zu setzen – sogar hinter die Notwendigkeit von Erziehung selbst. urbia stellt die Antworten der Erziehungskritiker zu den häufigsten Thesen über das Leben mit Kindern vor – und zur Diskussion.

Muss man ein Kind zu einem sozialen Wesen erziehen?

In der westlichen Welt ist man traditionell überzeugt, dass Kinder von Natur aus kleine Egozentriker sind, die man mühevoll zu sozialen Geschöpfen erziehen muss. Einige Wissenschaftler betonen aber, dass Kinder von Anfang an soziale Wesen sind, die gern mit den Erwachsenen kooperieren. Die amerikanische Psychotherapeutin Jean Liedloff hat den Verdacht, dass es unsere eigenen negativen Erwartungen sind, die unsoziales Verhalten beim Kind erst hervorbringen. „Einer der stärksten Impulse des Menschen ist der Antrieb zu tun, was man seiner Wahrnehmung nach von ihm erwartet“ betont sie in „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“. Dies gelte für positive und negative Erwartungen. Verhängnisvoll seien Ermahnungen wie „Pass auf, gleich fällst Du hin“, „Lauf’ nicht weg!“, „Nicht hauen!“. Sie enthalten die unausgesprochene Überzeugung, das Kind werde sich gleich „falsch“ verhalten. Das Kind erfüllt diese Erwartung - es fällt hin, läuft weg, benimmt sich unsozial. Bei den Yequana-Indianern in Venezuela beobachtete Liedloff, dass Kinder dort kaum aggressiv sind, sondern hilfsbereit, und schon die Kleinsten nie weglaufen. Grund sei eine positive Erwartung ans Kind: „Es wird selbstverständlich angenommen, dass das Kind in seinen Motiven in Übereinstimmung, und nicht im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Was immer es tut, wird als Handlung eines von Geburt an ‚richtigen’ Geschöpfes anerkannt“.

Auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul betont, dass Kinder immer kooperieren wollen. „Kooperation bedeutet, dass Kinder die Erwachsenen kopieren oder nachahmen“, erklärt er in „Das kompetente Kind“. Kinder müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich durch Nachahmung in die Kultur ein, glaubt er. Erziehung zu gutem Sozialverhalten sei ganz unnötig. „Kinder brauchen keine Erwachsenen, die sie lehren, wie man sich anpasst. Hingegen haben sie dringenden Bedarf an solchen Erwachsenen, die sie lehren, wie man in der Interaktion mit anderen für sich selber sorgt“. Viel Leid habe seine Ursache in einer überstarken Angepasstheit um den Preis seelischer Verbiegungen.