Eine brisante Erziehungsfrage
Strafen – darf man das noch?
Strafen als Erziehungsmittel sind in Verruf geraten, sicherlich aus gutem Grund. Dennoch kommen Eltern oft nicht ganz ohne aus, auch wenn sich Strafen heute manchmal mit anderen Namen tarnen. Ist das wirklich nötig oder sogar sinnvoll?
Strafen: Immer entwürdigend oder notwendiges Erziehungsmittel?
Allein das Wort Strafe löst bei den meisten Eltern schon beginnendes Bauchweh aus. Strafe, das klingt nach unterdrückten, verängstigten Kindern und lieblos-strengen Eltern, nach etwas total Gestrigem also. Bestrafungen, so finden viele Mütter und Väter, haben in der Erziehung heute rein gar nichts mehr zu suchen. Weil sie – so flüstert das Bauchgefühl – die Würde des Kindes doch gar nicht anders als verletzen können, ihm also seelischen Schaden zufügen müssen. Einige Rufer in der Wüste plädieren aber dafür, dass angemessene, möglichst gerechte, gewaltfreie Bestrafungen in der Erziehung nicht geächtet sein sollten. Ein unvoreingenommener Blick auf Pro und Contra dieses schwierigen Themas lohnt und deckt manch überraschenden Aspekt auf.
Was ist eigentlich ein Fehlverhalten des Kindes?
Früher war zwar nicht alles besser, aber Vieles einfacher. So auch das Erziehen. Es gab eine breite Übereinstimmung darüber, was Erziehung leisten sollte: Ihr erstes Ziel war die Vermittlung von Tugenden wie Ehrlichkeit, Fleiß, Anstand, Gerechtigkeit sowie von gesellschaftlichen Regeln. Heute ist längst nicht mehr definiert, was eine Tugend ist, und gesellschaftliche Regeln und Werte haben sich zum Teil gelockert, zum Teil überlebt. Es zeichnet sich ab: Bevor man über Konsequenzen aus kindlichem Fehlverhalten nachdenkt, muss man zuerst definieren, was eigentlich „Fehlverhalten“ für einen selbst bedeutet.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul schlägt hier vor, Kindern heute Dinge nicht mehr zu verbieten, nur weil „man“ sie nicht tue. Eltern sollten Grenzen nur für sich selbst zu definieren, nicht für das Kind: „Wenn du so laut bist, kann ich nicht lesen, sei leiser!“ Regeln dürfen nicht starr und sinnentleert sein, findet auch Dr. Rüdiger Posth: „Regeln haben nur dann Sinn und werden auch eingehalten, wenn das Kind die Regel sinnvoll finden kann“, so der Kinderarzt in seinem Online-Beratungsforum.
So weit, so gut. Was aber tun, wenn der Nachwuchs diese Grenzen oder Regeln verletzt hat? Bis vor wenigen Jahrzehnten war klar, was auf einen Regelverstoß folgte: Kinder wurden bestraft – mit Schlägen, mit Essensentzug oder „Stubenarrest“. Heute sind Eltern verunsichert, wie sie reagieren sollen, wenn ihr Kind etwas „ausgefressen“ hat. Wenn es gelogen, geklaut, etwas absichtlich kaputt gemacht oder eine Vereinbarung gebrochen hat, wenn übernommene Pflichten nicht ausgeführt, gezündelt, einem anderen Kind geschadet oder ein Tier misshandelt hat.
Strafen tarnen sich mit anderen Namen
Obwohl viele Eltern Bestrafungen entschieden ablehnen, hat sich die Strafe durchs Hintertürchen in unseren Erziehungsalltag längst wieder eingeschlichen, allerdings unter anderen Namen. Um unsere reflexartige Abwehr gegen den Begriff zu umgehen, tarnt sie sich als „Konsequenz“, „Folge“, „Auszeit“ oder „stiller Stuhl“. Am häufigsten wird sie dabei als Teil der alltäglichen Erpressung von Kindern angewandt: „Wenn du nicht aufräumst, gehen wir nachher nicht zum Jan“, „Wenn du nicht hörst, fällt unser Ausflug ins Wasser“.
Aber, so wird manch einer einwenden, eine Konsequenz ist ja keineswegs dasselbe, wie eine Strafe. Vor allem das bekannte Konzept der „logischen Folge“* sieht doch vor, dass ein Kind lernt, dass ungünstiges Verhalten ungünstige Folgen hat. Doch funktioniert das im Alltag wirklich? Jüngst war in der Zeitung zu lesen, dass eine Mutter in München von der Polizei angehalten wurde, weil ihr Kind bei Wintertemperaturen nackt im Fahrradsitz saß. Auf Nachfrage der Beamten erklärte sie, das Kind habe sich nicht anziehen lassen wollen und solle nun sehen, wie sich das bei der Kälte anfühle. Sinnvoller ist es da, die Konsequenz gleich vorwegzunehmen, findet Dr. Posth: „Wenn ich dich nicht anziehen kann, können wir nicht rausgehen, denn es ist kalt. Dann können wir Lina leider nicht besuchen gehen.“ Die Idee stößt dennoch auch hier an ihre Grenzen: Was ist, wenn man nun aus dem Hause gehen muss? In den Elternforen im Internet posten denn auch regelmäßig ratlose Mütter und Väter, denen für eine Situation keine „logische Folge“ einfällt.




