Experten-Interview zur Familienpolitik

"Betreuungsgeld nicht sinnvoll"

Was brauchen Familien? Wie sinnvoll ist das geplante Betreuungsgeld? Und haben die Vätermonate mehr Gleichberechtigung gebracht? urbia fragte einen der renommiertesten Familienforscher in Deutschland. Lesen Sie hier das Interview.

Autor: Petra Fleckenstein
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Vater Mutter zwei kleine Kinder
Foto: © panthermedia.net/ Robert K.

urbia: Die Geburtenrate in Deutschland und das Ringen um ihre Interpretation sorgen regelmäßig für Schlagzeilen. Zuletzt stiftete die These des Max-Planck-Instituts Verwirrung, nach der die Geburtenquote nicht bei  1,34, sondern tatsächlich bei  1,6 liege. Was halten Sie von solchen Zahlenspielen?

Prof. Hans Bertram*: Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die Geburtenhäufigkeit zu berechnen, zum Beispiel die Kohortenfertilität und die Periodenfertilität, das führt zu diesen unterschiedlichen Ergebnissen. Interessanter ist aber die Entwicklung, dass Frauen über 31 zunehmend mehr Kinder bekommen, während wir bei Frauen zwischen 20 und 29  eine deutliche Abnahme von Geburten haben. Aber im weiteren Verlauf ist es dann so, dass die Frauen das Defizit, das sich in diesen Jahren zwischen 20 und 30 aufgebaut hat, später nicht mehr aufholen können.

Bei der Vorstellung des Monitors Familienleben 2011 sagte Kristina Schröder, am Elterngeld werde nicht gerüttelt. Was halten Sie vom Elterngeld, das oft als „staatlich subventionierte Väterurlaubswochen“ verspottet wird?

Bertram: Die Hälfte der Frauen, die heute Kinder bekommt, ist zwischen 30 und 40, die sind in der Regel beruflich etabliert, und wenn Sie das einkommensabhängige Elterngeld wegnehmen würden, würden Sie diese Frauen bestrafen. Wenn eine junge Frau ein Kind bekommt, verändert sich das ganze Leben dramatisch und ich finde es ganz toll, dass es einen Teil der jungen Männer gibt, die sagt, in dieser wichtigen Phase unterstütze ich meine Frau.

Prof. Hans Bertram
Prof. Hans Bertram

Haben das Elterngeld und die „Vätermonate“ also einen Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung gebracht?

Bertram: Ja, weil plötzlich ganz klar ist, dass die Fürsorge für Kinder ebenso wichtig ist wie der Beruf und ich finde es schade, dass es Frau Schröder nicht gelungen ist, das, was für die Kinder erreicht worden ist, auch für die Pflege der eigenen Eltern hinzubekommen. Denn die Frage ist, wie kann eine Gesellschaft die Fürsorgeleistungen, die sie ja braucht, sichern.

In Deutschland gibt es nicht wenige Transferleistungen für Familien, allen voran das Kindergeld und das Elterngeld. Ist (mehr) Geld das, was Familien brauchen?

Bertram: Das Problem ist, dass Familienpolitik den gesellschaftlichen Entwicklungen immer 20 Jahre hinterherläuft. Wichtig wäre, dass das Geld im Lebensverlauf von Familien dann eingesetzt wird, wenn Familien es brauchen. Das ist noch nicht ausreichend der Fall, wie man am Ehegattensplitting sieht. Das entfaltet seine maximale Wirkung dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Ehefrau einen 400-Euro-Job nimmt und der Mann sein höchstes Einkommen erzielt. Insofern braucht man keine neuen Geldleistungen, wie beispielsweise Betreuungsgeld, sondern man sollte das Geld zielgenauer einsetzen und zweitens überlegen, wie kann ich die Zeitpolitik so organisieren, dass die Fürsorge für Kinder in den Lebensverlauf von jungen Frauen vernünftig hineinpasst, wie auch die Fürsorge für Ältere. Und wie kann ich die Infrastruktur so aufbauen, dass die Eltern die Gewissheit haben, wenn sie ihre Kinder in die Betreuung geben, dass dort wirklich was Gutes mit den Kindern gemacht wird.

Sie haben gerade das Betreuungsgeld angesprochen, in Ihren Augen keine sinnvolle Maßnahme?

Bertram: Das ist eine Gießkannenleistung. Aber wenn Sie sich die Einkommenssituation von Familien mit einem Kind ansehen, die ist nicht schlechter als die von Paaren ohne Kinder, weil Eltern offenbar leistungsfähiger sind als Kinderlose. Wo es finanziell wirklich knapp wird, das ist bei drei bis vier Kindern. Geldleistungen müssten also zielgenauer gemacht werden, für Familien ab drei Kindern und für die zweite große Gruppe der Alleinerziehenden. Aber eine Lebensform zu subventionieren halte ich nicht für sehr klug. Warum soll die Gattin eines Studiendirektors oder eines Managers jetzt ein Betreuungsgeld bekommen?

Nun gibt es den Vorschlag, das Betreuungsgeld für die Alterssicherung der Mütter einzusetzen, eine sinnvolle Alternative?

Bertram: Ja, wir haben im Familienbericht immer angemahnt, dass diejenigen, die jetzt Fürsorge leisten, sowohl für Kinder als auch für ihre Eltern eine kontinuierliche Rentensicherungsbiographie bekommen. Das fände ich toll, wie z.B. in Schweden, wenn jemand, der Fürsorge leistet und 30 Stunden arbeitet, beispielsweise keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen müsste, sondern das bis zum 8. Lebensjahr des Kindes der Staat übernehmen würde. Also Sie haben einen halben Job, verdienen ungefähr 1100 EUR, davon gehen 250 EUR ab für Sozialversicherung, stellen Sie sich mal vor, der Staat würde das übernehmen.

Woran lässt sich demnach gute Familienpolitik messen?

Bertram: Dass sie den Lebensverlauf von Eltern stärker in den Blick nimmt und in den Zeiten unterstützend tätig wird, in denen es besonders schwierig ist.

Im letzten Familienbericht war die Rede von der Rush-Hour des Lebens, also einer zeitlich relativ kurzen Phase, in die heute Familiengründung, Beruf, vielleicht sogar bereits Pflege der Eltern hineingepackt werden müssen. Hat es seither ermutigende Entwicklungen gegeben?

Bertram: Was noch nicht besser geworden ist, das ist die Zeitsouveränität der Arbeitnehmer, aber dies zu verbessern ist vielleicht mehr Aufgabe von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Die Initiative „familienbewusste Arbeitszeiten“ geht in diese Richtung.

Bertram: Richtig, aber Sie müssen das in die Tarifverträge einbauen, es muss darin geregelt werden, dass Sie, wenn Sie ein kleines Kind haben, beispielsweise nicht um 18 Uhr noch Schmuck verkaufen müssen.

Sind die Gewerkschaften da nicht aktiv genug für Familien?

Bertram: Die Gewerkschaften haben das lange Zeit nicht ausreichend ernst genommen. Die haben immer über Geld nachgedacht, hätten aber auch mehr über Zeit nachdenken sollen.

Wo sehen Sie derzeit die entscheidenden Einflussfaktoren für das Leben von Familien?

Bertram: Bei der Zeit. Also bei jungen Leuten die Frage, kann ich nicht auch schon mit 25 Jahren Zeit haben, um mich für Kinder zu entscheiden, da brauche ich aber eine kontinuierliche Job-Perspektive, die es möglicherweise nicht gibt. Kann die Politik hier etwas tun, oder können Arbeitszeiten so gestaltet werden, dass sie mit Kindern vereinbar sind? Also ich denke, entscheidend ist das Zeitproblem.

Stichwort Bildung: Wie steht es um die Chancengleichheit in unserem Land?

Bertram: Sie finden so gut wie keine Mütter mehr, die keinen Schulabschluss haben und kaum mehr Mütter, die keinen Ausbildungsabschluss haben. Sie finden unter den Müttern mehr Abiturientinnen als unter kinderlosen Frauen. Wir haben also relativ gebildete Elternhäuser. Nun besteht aber für Kinder, die nicht aus einem solchen Elternhaus stammen, die Herausforderung, mit Kindern zu konkurrieren, die ein unglaublich gebildetes Elternhaus haben. Konsequenz daraus ist, sie müssen in den „schlechtesten Quartieren“ die besten Schulen haben.

Also nicht Reformen unseres Schulsystems sind die Antwort, sondern ein Blick auf regionale Besonderheiten?

Bertram: Richtig, in den benachteiligten Quartieren müssen die allerbesten Angebote sein, und in den guten Quartieren können Sie sagen, na gut, zahle es selbst.

Stehen die Kinder selbst ausreichend im Fokus unserer Familienpolitik?

Bertram: In der Regel nicht, weil man sich über diese Frage der Vereinbarkeit von Familie und Politik so wunderbar ideologisch streiten kann. Wenn die Kinder im Fokus wären, würde man sagen, wir müssten schon längst eine Ganztagsschule haben, wir müssten längst durchgesetzt haben, dass Lehrer auch nachmittags in der Schule sind und die Übergänge zwischen Kindergarten und Schule müssten, wie in Dänemark, fließend sein.

Derzeit macht ein Buch mit dem Titel „Die Patchwork-Lüge“ von sich reden. Die Autorin sieht Kinder als die übersehenen Opfer von Trennungen. Muss  die Politik hier gegensteuern?

Bertram: Das ist ein heikles Thema, lange Zeit wurde gesagt, Aufwachsen bei einem Elternteil bzw. in einer neu zusammengesetzten Familie ist nicht so schlimm, inzwischen ist dies aber in der Literatur umstritten. Unsere amerikanischen Kollegen haben deshalb den Begriff der „fragilen Familie“, das finde ich viel besser als Patchwork. Das heißt, da sind offensichtlich besondere Herausforderungen zu meistern. Hier leisten wir viel zu wenig Unterstützung. Es gibt vom Arbeitsministerium jetzt Initiativen, dass alleinerziehende Mütter besser ins Arbeitsleben integriert werden können, dies ist auch für den Stolz einer Mutter enorm wichtig, sagen zu können, ich kann das selbst schaffen und bin nicht vom Staat abhängig. Insgesamt haben wir auch viel zu wenige Ganztagsbetreuungsplätze und ich könnte noch vieles anführen, an dem es hapert. Wenn ich die Lebenssituation der Mütter verbessere, verbessere ich auch die der Kinder.

Was möchten Sie heutigen Eltern oder den Verantwortlichen aus der Politk gerne noch sagen?

Bertram: Den Eltern möchte ich sagen, ein Kind braucht immer einen Menschen, der „crazy“ für dieses Kind ist. Diese Form des Crazy-Seins ist außerhalb jeder Konkurrenz, das können nur Eltern leisten und sie ist wichtiger als jeder Frühförderwahn. Und der Politik muss man sagen, schaut Euch  die geänderten Lebensverhältnisse an und schafft solche Infrastrukturverhältnisse, dass sich Eltern darin wiederfinden.

 

* Prof. Hans Bertram ist Inhaber des Lehrstuhls für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und einer der renommiertesten Familienforscher in Deutschland, der sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema Familie auseinandersetzt.

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