Gemeinsam über das Leben nachdenken

Mit Kindern philosophieren

Woher kommt eigentlich die Welt? Oder: Was ist Unendlichkeit? Gerade Kinder wagen es noch ganz unverkrampft, die großen Fragen unseres Lebens zu stellen. Aber Eltern, keine Angst! Was Kinder dann nicht brauchen, sind vorgestanzte Antworten.

Autor: Antje Szillat
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Was ist eigentlich Philosophie?

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Foto: © Colourbox

Als die Höhlenmenschen über das Leben nachdachten, wussten sie bestimmt nicht, dass sie sich mit philosophischen Fragen auseinander setzten. Auch wenn wir über die Welt, über das Leben oder über die Liebe nachdenken, ist das Philosophie. Das Wort kommt aus Griechenland, wo es seit ungefähr 600 v. Chr. angewandt wird, "philos" bedeutet Freund und " sofia" Wissen oder Weisheit. Ein Philosoph ist also nichts anderes als ein Freund der Weisheit.

Philosophen hinterfragen alles und können auch alles in Frage stellen, deshalb sind Kinder meist viel bessere Philosophen als Erwachsene. Und wenn man einmal angefangen hat, über das Leben nachzudenken, wird man kaum wieder damit aufhören können. Sokrates, einer der großen Väter der Philosophie, sagt dazu: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Woher kommen wir?

„Wo war Paul, bevor er bei dir war, Mama?“, fragt die sechsjährige Lotta ihre Mutter eines Tages beim Mittagessen. „Ja, also …“, beginnt Lottas Mama, während ihr Hirn angestrengt an einer kindgerechten Antwort feilt. Nur, was will die Sechsjährige eigentlich wissen? Geht es ihr bei dieser Frage um die Zeugung eines Menschen oder möchte sie etwas ganz anderes - etwas viel „Tieferes“ erfahren?

Lottas Mutter könnte ihr etwas über ihren eigenen Glauben daran, dass die Seele sich einen Ort, zwei Menschen auf der Erde aussucht, um ein weiteres Leben in Angriff zu nehmen, erzählen, doch auf die Schnelle lässt sich dieser Glaube einfach nicht in kindgerechte Worte fassen. Alles in Lottas Mama schreit: Hilfe – die allwissende Mama hat keine Antwort auf diese Frage.

Erwartungsvoll blickt Lotta ihre Mama an, und die entscheidet sich spontan für eine Gegenfrage. „Was denkst du denn, Lotta. Wo war Paul?“ Das folgende Gespräch wird Lottas Mama lange Zeit nicht mehr vergessen. Ihre Tochter erzählt und erzählt, bewegt sich durch Möglichkeiten, tastet sich an religiöse Vorstellungen heran, verwirft Thesen, stellt neue auf und sucht nach ihren eigenen Antworten. Zwischen Tochter und Mutter entwickelt sich eine unvergessliche Philosophiestunde bei Kakao und Schnittchen.

Eine ganz wichtige gemeinsame Zeit – ein ganz wichtiges Gespräch zwischen Kind und Erwachsenen, denn Kinder, die auf ihre Fragen immer und sofort Antworten bekommen, lernen vor allem eins: Die Großen wissen sowieso alles, da brauch ich doch gar nicht erst selbst nachdenken. Die bekannte Jugendforscherin Donata Elschenbroich sagt: „Es wird oft unterschätzt, was Kinder alles wissen wollen, welche Herausforderungen sie sich suchen.“

Selbst denken, forschen und entdecken

„Ich möchte meinem Sohn etwas über Ethik und Werte vermitteln“, begründet die Mutter eines siebenjährigen Jungen ihre gemeinsame Teilnahme an einem „Philosophieren mit Kindern-Kursus“, den sie regelmäßig in der örtlichen Volkshochschule besuchen. „Wir reden dann im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt und entdecken unsere Neugierde aufs Leben ganz neu. Mein Sohn, genauso wie ich. Es ist schon sehr erstaunlich, über was er sich bereits Gedanken macht und worauf er neugierig ist. Ich habe ihn von einer ganz anderen Seite kennengelernt.“

Und diese Neugierde beschränkt sich absolut nicht auf die materielle Welt, sondern schließt alles mit ein, was sich um das Kind herum präsentiert. Besonders kleine Kinder, mit ihrem noch unverbauten Zugang zu magischen Welten und Zauber, machen wenig Unterschied zwischen physischer und metaphysischer Welt. Die Frage, ob der Opa im Himmel noch immer seinen Lieblingspullover trägt, ist für die Kinder von genau solcher großen Bedeutung wie die Frage, warum das Flugzeug fliegt oder das Auto fährt.

Doch während wir in der Lage sind, den technischen Aufbau einen Motors klipp und klar und abschließend zu erklären, stellt uns die Frage nach der himmlischen Bekleidung des Opas vor Schwierigkeiten. Es mag uns zwar recht unwahrscheinlich erscheinen, dass im Himmel Kleidung getragen wird, doch mit Sicherheit können wir diese Frage nicht beantworten. Niemand von uns war schließlich schon dort und weiß über die Zustände Bescheid, noch wissen wir nicht, ob wir nach dem Tod dort hinkommen und ob es einem dort gut oder schlecht geht. Wenn es um die ganz großen Fragen des Lebens geht, dann kommt man mit Wissen allein nicht weiter.

Hier ist Fantasie gefragt und die Lust am Spekulieren und Fabulieren. Es gibt auf fast alle Fragen (vielleicht sogar mehrere mögliche) Antworten, man muss sie nur suchen und finden. Und gemeinsam mit den Kindern danach zu suchen, macht viel mehr Sinn, als ihnen fertige Antworten zu präsentieren. Genauso wie Kinder beim Kochen, Werken, im Kindergarten und in der Schule selbst ausprobieren und Hand anlegen wollen, so wollen sie auch selbst denken lernen und sich eine eigene Meinung bilden. Das Gespräch zwischen Lotta und ihrer Mutter endete übrigens mit der neu gebildeten Meinung Lottas, dass der kleine Bruder eine lange Reise durchs Weltall zurückgelegt hatte - vorbei an Sternen und Planeten - und sich von dort oben aus, schließlich seine zukünftige Familie ausgesucht hatte. „Die Sterne haben ihn zu uns geführt. Was für ein Glück“, stellt das sechsjährige Mädchen abschließend fest und das sieht Lottas Mama ganz genauso.

Zum Weiterlesen:

Interview mit Frau Dr. Kristina Calvert, Gründungsmitglied des Vereins „Philosophieren mit Kindern"


Philosophische Spielideen

Wieso, weshalb, warum? „Wer nicht fragt, bleibt dumm ...“

Ein Spiel für ganz schlaue Leute, denn hier geht es darum Fragen zu stellen und Antworten zu finden: Einer fragt: „Warum scheint heute die Sonne?“ Der oder die anderen sagt oder sagen: „Weil die Blumen zum Wachsen Sonnenschein brauchen.“ Oder: „Weil meine Mutter ihre Wäsche draußen zum Trocknen aufhängenmöchte.“ Oder: „Weil die Sonne heute so gute Laune hat und das den Menschen auf der Erde zeigen möchte.“ Möglich ist natürlich auch: „Weil wir heute einen wolkenlosen Himmel haben.“

Einen Wunsch

Eine gute Fee hat einem Spieler über Nacht einen Wunsch erfüllt. Am Morgen steht er auf und entdeckt, dass sich etwas verändert hat ... Jetzt erzählt er den anderen Mitspielern, was sich an ihm oder seiner Umgebung verändert hat. Die anderen denken sich einzeln oder in kleinen Gruppen Geschichten dazu aus und erzählen sie.

Fragen über Fragen

Einer beginnt, eine Geschichte über etwas zu erzählen, das er erlebt hat oder was er gelesen oder gesehen hat. Der andere (oder die anderen) stellen ihm nun Fragen über Fragen dazu: „Wie?“, „Wann?“, „Was?“, „Warum?“ Bevor er weitererzählen darf, muss er natürlich erst diese Fragen beantworten.

Das Leben ist wie ...

Für dieses Spiel benötigt man viele verschiedene Dinge, die man in Haus und Garten findet. Ohne lange zu überlegen, nimmt ein Spieler (es sollten mindestens zwei Spieler sein) einen Gegenstand, den er zuvor gesammelt hat und vergleicht diesen Gegenstand mit dem Leben.„Das Leben ist wie eine Fernbedienung. Man sollte gelegentlich die Batterie nachladen.“ Oder: „Das Leben ist wie diese Kirschen. Mal sind sie süß, mal sauer.“ Die Dinge, die schon erklärt worden sind, werden zur Seite gelegt.

Philosophische Gedichte und Gedanken

Eigens für urbia hat der bekannte Lyriker Andreas Noga die folgenden philosophischen Gedichte verfasst, die ganz wunderbar zum (gemeinsamen) Nachdenken und Darüber-Reden anregen können:

Kleinigkeiten

Mal kein Leben
aufs Spiel setzen
mit dem Zeitungspapier.

Um die Fliege
an der Wand
einen Bogen machen.

Auf die Ameise
vor den Füßen achten,
die den Krümel schleppt.

Die Schnecke
vom Gehsteig heben,
auf ein Kleeblatt setzen.

Vielleicht
ist es vierblättrig
und bringt Glück.

Reifen

Wenn die Zeit reif ist,
ist sie kein Apfel,
keine Birne oder Kirsche,
keine Pflaume oder Kastanie.

Wenn die Zeit reif ist,
fällt sie nicht vom Baum,
obwohl man Bäumen
Monate ansehen kann.

Wenn die Zeit reif ist,
geschehen Dinge, auf die man
lange gewartet hat, deren Eintreffen
keine Wetterfee prophezeite.

Wenn die Zeit reif ist,
folgt ein Hoch oder Tief --
dann wieder Wachstum
und Warten.

Beharrlich

Einen Plan haben
und dran bleiben.
Häng dir diesen Satz

an die Tür, über das Bett
oder den Schreibtisch,
am besten aber

in die Kopfgalerie
mit den schönen Bildern,
die du dir von der Zukunft malst,

damit du weißt, was zu tun ist:
die Zeit braucht Jahrzehnte,
um sie in dein Leben zu kopieren,

wenn es gut werden soll.

Fremdsprache

Zuhören wie der Regen erzählt,
wenn er mit den Bäumen spricht,

mit den Pfützen, den Büschen,
der Erde, dem Gras.

Heraushören an wen er sein Wort
mit einigen Tropfen richtet.

Von ihm angesprochen werden,
und selbst im Wortschwall stehen.

Hinhören und es mögen,
doch nicht verstehen,

was er sagt.

Die anderen

Unausweichlich stand der Baum
und schuldig –
auch, die die ihn hätten fällen müssen
vor einem Unglück.

Er wäre noch da,
hinausgeschossen zwar, unterlegen
den Naturgesetzen, aber nichts
hätte ihn aufhalten können.

Buchtipps zum Thema

Können Steine glücklich sein? Philosophieren mit Kindern.
Von Christina Calvert
Gebundene Ausgabe, 112 Seiten
Rowohlt Verlag
ISBN-10: 3499212668
ISBN-13: 978-3499212666
Preis: 12,90 Euro

Woher weiß der Frosch, dass er ein Frosch ist? Was heißt genau: Ich bin? Gibt es Zeitmaschinen? Und wodurch wird der Tisch zum Tisch? Diese und viele andere Fragen stellen Kinder ihren Eltern oder Lehrern jeden Tag. Zu lernen, wie Dinge zu handhaben sind, ist oft schnell geschehen, z. b. das eigenen Fahrrad reparieren. Aber die Frage zu beantworten, was das Fahrrad zum Fahrrad macht, ist gar nicht so einfach, genauso wenig wie die Frage nach dem Wesen von Glück oder Gott zu beantworten ist.

Warum?
Von Lila Prap
Gebundene Ausgabe, 40 Seiten
Bajazzo Verlag
ISBN-10: 3907588568
ISBN-13: 978-3907588567
Preis: 13,90 Euro

Die liebste und häufigste Frage von Kindern richtet sich in diesem Buch an vierzehn Tiere: Warum lachen die Hyänen? Warum haben die Zebras Streifen? Warum weinen die Krokodile? Ganz klar: Die Hyänen lachen, weil sie eine Schraube locker haben; die Zebras sind gestreift, weil sie aus dem Knast abgehauen sind; die Krokodile weinen, weil niemand mit ihnen spielen will, die Löwen haben Mähnen, weil... Zu jeder Frage gibt es witzige und fantasievolle Antworten. Leicht verständliche zoologische Erklärungen befriedigen aber auch den Wissensdurst der Kinder. Ein Spaß- und Sachbuch, das sich hervorragend zum Philosophieren mit Kindern eignet.

Der Zauberer von Oz
Von L. Frank Baum
Nacherzählt von Heidemarie Brosche
Gebundene Ausgabe: 55 Seiten
Verlag: Coppenrath, Münster
ISBN-10: 3815739896
ISBN-13: 978-3815739891
Preis: 14,95

Bei einem Sturm wird die kleine Dorothy mitsamt ihrem Haus davongewirbelt – und findet sich plötzlich in einem seltsam verzauberten, fremden Land wieder. Der Rückweg zu ihrer Tante und ihrem Onkel führt nur über den mächtigen Zauberer von Oz, der in der weit entfernten sagenhaften Smaragdstadt lebt ...

Wunderbar zum Vorlesen, Nachdenken und darüber gemeinsam Philosophieren. Die schönen Bilder ergänzen die wirklich gut gelungene Nacherzählung von Heidemarie Brosche.

Alice im Wunderland
Von Lewis Carroll
Nacherzählt von Sophie Schmid und Maria Seidemann
Gebundene Ausgabe: 56 Seiten
Verlag: Coppenrath, Münster
ISBN-10: 3815742854
ISBN-13: 978-3815742853
Preis: 14,95 Euro

Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer Schwester am Ufer und hatte nichts zu tun. Das Buch, das ihre Schwester las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin. "Und was nützen Bücher," dachte Alice, "ohne Bilder und Gespräche?"

Ja, genau so fängt das berühmte Buch von Lewis Carroll, "Alice's Abenteuer im Wunderland" an. Ein eigenartiges Kinderbuch aus dem Jahr 1864. Es ist ein Buch eines Dozenten an der Universität Oxford für Mathematik und Logik. Dieses Buch schätzen selbst Philosophen. Vielleicht wegen der "Bilder" da drin? Mehr aber noch, weil es ist ein Buch ist, in dem Tausende von Jahren Philosophie stecken.

Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie
Von Jostein Gaarder
Taschenbuch: 622 Seiten
Verlag: Dtv
ISBN-10: 3423620005
ISBN-13: 978-3423620000
Preis: 9,95 Euro

Jostein Gaarder erklärt hier die Geschichte der Philosophie dermaßen einfach und einleuchtend, erklärt aber gleichzeitig auch, wie wichtig Philosophie eigentlich immer war und sein wird, das man sich am liebsten mit gar nichts Anderem mehr beschäftigen möchten. Der Kern der Geschichte dreht sich um, wie sollte es anders sein, die 14jährige Sofie. Eines Tages bekommt diese plötzlich eine merkwürdige Karte zugestellt auf der steht "Wer bist Du?". Das soll die erste von ganz vielen Fragen sein, über die Sofie sich ab sofort Gedanken machen soll. Die Erklärungen werden allerdings kurz darauf ebenfalls zugestellt. So bekommt das Mädchen erst per Post, später dann sogar persönlich Philosophieunterricht.

Viele Leser werden den Schmöker erst dann aus der Hand legen, wenn sie Sofies Welt erkundet haben. Geht es doch dabei um nichts geringeres als die großen Fragen der Menschheit.


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